Gilles Rozier: Im Palast der Erinnerung

1. September 2013

Der Franzose Gilles Rozier ist ausgewiesener Kenner und Fachmann jüdischer und jiddischer Kultur und Literatur, sowie Schriftsteller und Übersetzer. Mit diesem Tatsachenroman „Im Palast der Erinnerung“ schildert er das eruptive Auftauchen des jiddischen als bedeutende Literatursprache im frühen 20. Jahrhundert und – wenige Jahrzehnte später – das Abmähen der besten Köpfe durch die großen Schlächter aus Deutschland und Russland. So ist der Sprachkontinent des Jiddischen, das imaginäre „Jiddischland“, zu einem Atlantis geworden, bevor er sich überhaupt festigen konnte, untergegangen und vernichtet die meisten Werke, gesammelt von einigen wenigen, die sich für sie begeistern und die das Andenken an den Aufbruch der frühen jiddischen Autoren lebendig halten – so wie es Roznier hier meisterhaft vorführt.

Welche jiddischen Autoren fallen uns spontan ein, wenn wir danach gefragt würden? Die Brüder Singer vielleicht (wage ich zu behaupten), Isaac Bashevis, den ich hier im Blog mit einem kurzen Roman, „Schoscha„, vorgestellt habe und Israel Joshua, dessen „Die Familie Karnovski ich vor kurzem besprach. Und wer sonst noch? Eine Auflistung jiddischer Autoren bietet die Wiki [1], seltsamerweise ist eine der Hauptfiguren des vorliegenden Romans nicht aufgeführt, nämlich Melech Radicz

Schreibt Jiddisch, dann werdet ihr der Welt nützlich sein. [4]

Was ist überhaupt so besonderes an dieser Entwicklung? Jiddisch, diese vor einem Jahrtausend am Rhein entstandene Sprache, die sich dann über Europa verteilte und besonders dessen jüdischen Osten prägte und im osteuropäischen Judentum wiederum vor allem Polen, das mit Warschau eine Art „geistiger Hauptstadt“ des Judentums – von Jiddischland – beherbergte, war in den engen, dunklen, stickigen Shtetls die Sprache der kleinen Leute („Jargon„). Die Entwicklung zu einer anerkannten Literatursprache, mit der jüdische Identität neu zu finden ist [4], den anderen Sprachen Europas gleichwertig, sollte erst um die Jahrhundertwende eintreten, sie ist Thema des Buches und wird von Roznier an drei prägenden Gestalten exemplarisch dargestellt und nachempfunden.

Der Wechsel vom 19. in das 20. Jahrhundert und dessen erste Jahrzehnte, ja, erste Hälfte ist unruhig, brodelnd. Politische und kulturelle Verwerfungen zeigen sich und haben einen ersten katastrophalen Höhepunkt im Ersten Weltkrieg. Aber schon vorher beginnen die Unruhen im riesigen Zarenreich, Aufstände, Revolutionen, Machtkämpfe führen zu Hassausbrüchen gegen die jüdische Bevölkerung, Jabotinksy hat dies in seinem Odessa-Roman geschildert [3]. Viele Juden fliehen nach Westen, tragen die Schreckenskunde mit sich. Noch ist die Stellung der Juden im Habsburger Reich durch gewährte Rechte und Freiheiten des Kaisers ungefährdet, doch die k.u.k. Monarchie sollte den bald ausbrechenden Weltkrieg nicht überleben… Die Grenzen… Keineswegs sehen die Staaten wie Polen oder die Ukraine geographisch so aus wie heute, die Grenzen verschieben sich, die Namen der Städte wandeln sich so wie das Kriegs“glück“ mal die eine, mal die andere Partei an die Macht bringt.

In dieser unruhigen, brodelnden Atmosphäre gründet sich in Warschau ein „Literaten- und Journalistenverein“, dem die intellektuelle Schriftstellerelite angehört und der in hitzigen Diskussionen die Weltläufte analysiert und kommentiert. Zu den Besuchern dieses Vereins gehören auch die drei im Roman betrachteten Autoren Uri-Zwi Grinberg (1896–1981), Perez Markisch (1895–1952) und Melech Rawicz (1893–1976), die auf diesem Gruppenfoto mit abgebildet sind [5].

palast gruppenfoto

In der Mitte, mit dem beeindruckenden Haarschopf liegt halb über den Tisch gebeugt Markisch, der bärtige, ihn intensiv, ja beinahe versunken betrachtende Mann ist Melech Rawicz und der über seinen Haarschopf hinweg in die Kamera schauende Jüngling endlich ist Uri-Zwi Grinberg. Aufgenommen wurde das Foto von dem ebenfalls Literaten und Fotografen Alter Kacyzne und damit bin ich endlich beim Buch angekommen, denn dessen die Wirren und das Morden der Zeit überlebende Tochter Sulamita ist die Protagonistin der Rahmenhandlung, in die Rozier sein Geschichtspanorama jiddischer Literatur bettet.

Männlicher Gegenpart dieser Rahmenhandlung ist der junge Franzose Pierre, ein hochintelligenter Mann mit exzellenter Ausbildung, dem die (französische) Welt offensteht. Durch familiäres Unglück bedingt – er ist Waise und hat praktisch keine Verwandten mehr – ist er bindungslos und nach „rückwärts“, in die Vergangenheit hin orientiert. Der Beruf, der er gewählt hat, Banker, erscheint ihm immer sinnloser. Sehnsuchtsvoll erinnert er sich an Kindertage, in denen dort, wo er wohnt noch alles anders war, wo es kleine Läden gab mit jüdischen Handwerkern, wo jüdisches Leben im Hinterhof stattfand und er jüdische Sprache hörte. Und dann ist da noch, für ihn völlig überraschend, eine polnische Großmutter mütterlicherseits, Anna Janowska, von deren Existenz er nichts wusste und erst recht nichts von ihr selbst.

Er fängt an, jiddisch zu lernen und stößt auf das Foto dieser sechs Autoren, aufgenommen im Sächsischen Park in Warschau, 1922. Und er erfährt von der Existenz Sulamitas, die abgeschlossen von der übrigen Welt in ihrem römischen Palast praktisch alles Material, dessen sie habhaft werden konnte, gesammelt hat, was mit diesen Männern aus Warschau, auf deren Schoß sie als Kind noch gesessen hat, zu tun hat.

Es entwickelt sich ein Kontakt zwischen diesem beiden ungleichen Menschen, dem jungen, suchenden Mann und der fast Hundertjähigen, die alles weiß und bewahrt, die noch (oder wieder) in dieser Vergangenheit zu leben scheint. Zögerlich reagiert Sulamita anfangs, bevor sie dem Neugierigen ausführlicher erzählt, schließlich reist Piere nach Rom und besucht Sulamita, zu der er eine immer stärkere Bindung in sich spürt.

In den Briefen Sulamitas, in ihre Erzählungen und Ausführungen, in Zitaten, in Auszügen von Gedichten entfaltet sich langsam diese Welt jiddischer Literatur, die sich Anfang des Jahrhunderts zu entwickeln beginnt. Es sind kraftvolle Gedichte, alles hinweg fegend, was es bis dato gab:

Weg da! An mir haftet der Gestank und auf mir kriechen Frösche!
Suchst du den Vater und die Mutter hier? Suchst du den Freund?
Sie sind ja hier! Sie sind ja hier! Doch sie verströmen einen scheußlichen Gestank!
Weg da! Sie lausen sich, die Vogelscheuchen, mit krummen Messinghänden …..

ist die Antwort Markeschs auf die Pogrome… (Die Pogromgedicht „Die Kupe“)

Ich will nicht im Einzelnen auf die Lebensläufe der drei Schriftsteller eingehen, diese sind leicht, zumindest in der Übersicht, aus der Wiki zu erfahren [6], bzw. auch in der Besprechung des Buches in der Jüdischen Allgemeinen [7]. Grinberg, Markisch und Rawicz sind im Grunde nur kurze Zeit zusammen, wenngleich sich in dieser Zeit eine enge Freundschaft entwickelt – die die Zeit so nicht überdauern wird. Der Erste Weltkrieg reißt die drei, die aus ganz unterschiedlichem Milieus kommen, auseinander, jeder der drei macht seine Erfahrungen, hat seine eigenen bitteren Erlebnisse. Aber sie überleben und nach dem Krieg beginnt ein oft unstetes, unruhiges Wanderleben. Paris, Berlin, London, Palästina sind Stationen ihres Lebens, dessen politische Grundüberzeugungen divergieren. Perez zieht es nach Osten, nach Russland, Warnungen von Grinberg überhört er. Tatsächlich wird er eine herausragende Figur unter den jüdischen Schriftstellern der Sowjetunion, erhält den Stalinorden und dann, 1952, nach drei Jahren Haft und Folter, die Kugel in den Hinterkopf.

Grinberg gelingt es, nach Palästina zu gehen, er wird dort zu einer Gallionsfigur der Orthodoxen und Rechten, zieht in die Knesset ein. Von ihm sagt Sulamita: Er hasst aus Liebe…  Melech schließlich, einst Sekretär beim Jüdischen Literatenverband, fand seine letzte Station in Montreal. So ist der Kontinent des Jiddischen wieder versunken, bevor er sich überhaupt entfalten konnte. Auch in Israel wird jddisch nur von einigen wenige gesprochen, zur Landessprache wurde das Hebräische gewählt.

*****************

Ich möchte Ihnen erzählen, wie drei junge Leute in ihrer Dichtung ein Lebenszeichen hinterlassen haben,
und nicht, wie Millionen durchs Abflussrohr verschwunden sind, denn das berichten andere unaufhörlich. 

[Sulamita zu Pierre]

„Im Palast der Erinnerung“ ist ein sehr lesenswertes Buch mit einer behutsames Sprache. Das Schreckliche, durch das alles bedingt ist, wird erwähnt, weil es nicht verschwiegen werden kann, es spielt aber nicht die Hauptrolle in diesem Buch. Der Roman ist sehr faktenreich, von vielen Einzelheiten muss man sich lösen, wenn man die Gesamtschau aufrecht halten will, aber das ist kein Negativum, im Gegenteil, mit jeder Nennung eines Namens, der sonst ungenannt und unbekannt bliebe, wird ein Mensch, ein Künstler, ein Autor dem Vergessen entrissen. Das Jiddsche, das hier die Hauptrolle spielt, tritt uns heutzutage entgegen mit dem Wissen, daß viele Begriffe aus dieser Sprache in unsere Alltagssprachen eingeflossen sind, daß es eine Literatursprache ist war, lernen wir durch Sulamita.

Zum Schluss des Buches scheint Sulamita ihre Mission erfüllt zu haben, sie hat in Pierre einen Nachfolger, einen Bewohrer ihres Palastes der Erinnerung gefunden. Ihm vertraut sie nach ihrem Tod all das Gesammelte, die letzten Erinnerungen an eine untergegangene Welt an…

Ein wenig rätselhaft erscheint mir die männliche Hauptfigur des Buches, Pierre. Er „verfällt“ im Lauf der (Rahmen)Handlung der fast Hundertjährigen immer mehr, von „Liebe“ gar ist die Rede, natürlich von platonischer…. Rozier hat diese Figur sehr konsequent rückwärts gerichtet beschrieben, fast ein Verlorener in unserer Zeit… einen einzigen Freund gönnt ihm der Autor – und raubt ihm diesen gleich wieder, die moderne Seuche, AIDS,rafft ihn dahin… noch ankerloser treibt Pierre danach durch Zeit und Raum, halt gibt ihm nur die Vergangenheit… vllt hat der Autor diese Figur aber auch nur so geschaffen, damit sie ohne Bruch an Sulamitas Stelle treten kann….

Wie auch immer: Kauft dieses Buch, borgt es euch, zur Not: klaut es ;-), aber lest es…. es ist ein wunderbares Buch, es ist sehr interessant, es ist faktenreich, es ist voller Gefühle und dazu noch gut geschrieben. Was will man mehr?

Links und Anmerkungen

[1] Wiki-Artikel: Liste jiddischer Schriftsteller
[2] zur jiddischen Literatur: Kleine jiddische Literaturgeschichte, in: www.judentum-projekt.de
auch: Jiddische Literatur in der Wiki, interessant auch der kleine Beitrag in Hagalil.com über „Jiddisch“
gruppenbild: The „Chalastre“ – „The Gang“ (from the Russian) – a group of Yiddish authors in Warsaw. Photographed in 1922.
[3] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf, Besprechung hier bei aus.gelesen
[4] Y.L. Peretz, nach: Angelika Glau: Jüdisches Selbstverständnis im Wandel: jiddische Literatur Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts , S. 130, zu finden hier: google.books
[5] In the photo: Mendel Elkin (on the left), Peretz Fiszbajn (second from the left), Uri – Zvi Greenberg (third from the left), Peretz Markish (third from the right), Melech Rawicz (second from the right) and Israel – Joshua Singer (on the right). quelle: Ghetto Fighters House Archives
[6] Wiki-Artikel zu
– Perez Markisch
 Melech Rawicz (auf polnisch….)
– Uri Zvi Greenberg
– Alter Kacyzne
– Sulamita Kacyzne: sie hat in der Tat, wie im Buch beschrieben, ihre Spuren verschwinden lassen…. was ich von ihr gefunden habe, geht kaum über dies hier hinaus: „Kacyzne’s daughter, Sulamita Kacyzne-Reale, survived the war in hiding. She later married an Italian diplomat. “ Quelle: http://www2.mcdaniel.edu/Psychology/HBO/Launderers.html
[7] http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/15062

Gilles Rozier
Im Palast der Erinnerung.
Übersetzt aus dem Französischen von Claudia Steinitz und Barbara Heber-Schärer;
Übersetzt aus dem Jiddischen von Nici Graça und Esther Alexander-Ihme;
Übersetzt aus dem Hebräischen von Ruth Melcer.
Originalausgabe: Paris, 2011
diese Ausgabe: Die Andere Bibliothek, Berlin 2012, 450 S., 38 €

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5 Responses to “Gilles Rozier: Im Palast der Erinnerung”

  1. danares Says:

    Vielen Dank für diese tolle Empfehlung! Die deutschen Verlagen tun sich mit der Übersetzung jiddischer Literatur etwas schwer, daher freue ich mich immer über Empfehlungen, die zumindest mit diesem Themenkreis etwas zu tun haben.

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    • flattersatz Says:

      ja, ich denke, da hast du recht. ich sehe es ja an mir selbst, das jiddische ist normalerweise wohl nur in dem maße präsent, in dem man davon weiß, wie seine begriffe in unsere alltagssprache eingeflossen sind. als literatursprache … ich wüsste da nichts, selbst google verweigert das „jiddisch“ und setzt es gleich in „jüdisch“ um….

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  2. Eine Frage zu dieser wunderbaren Besprechung. Du weist auf die Lebensläufe der drei Schriftsteller in Wiki hin, sind sie denn nicht dem Buch zu entnehmen?

    Ich war viel zu lange nicht auf deinem Blog, jetzt mache ich wieder eine Tour und entdecke neue Perlen.

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    • flattersatz Says:

      liebe madame, ich freut mich, daß du mal wieder bei mir im blog gestöbert hast.. zu deiner frage – ich musste mich tatsächlich erst noch einmal im buch vergewissern, es ist doch schon fast drei jahre her – ja, sicher wird das leben der drei geschildert, aber in epischer breite. bei dem einen oder anderen mag ja ein wiki-eintrag vllt neugier wecken auf das buch? einen anderen wichtigen teil des romans bildet ferner den leben sulamitas, das doch sehr geheimnisvoll ist…. ich werde mir gleich ein bändchen aus der insel-bücherei bestellen (Bd. 1394), das über else lasker-schüler geht und das romanische café … wer weiß, vllt treffe ich ja (war es grinberg, der zu dieser zeit mit Lasker-schüler befreundet war? mein gedächtnis läßt mich im stich…) einen bekannten dort… ;-9

      herzliche grüße
      gerd

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      • Lieber Gerd,
        es sind die Querverbindungen, und man entdeckt immer neue, die den Lesehunger und Wissensdurst stetig anwachsen lassen, so daß man nie satt wird, im Gegenteil, je mehr Lücken man zu schließen meint, umso mehr tun sich auf, die Bücherwunschlisten werden immer länger und werden im Leben nie zu schaffen sein.
        Ich schreibe bewusst „man“, hier lesen sicher nur Menschen, denen es genauso geht.
        Herzliche Grüße zurück!

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