Bernardo Kucinski: K.

28. August 2013

Bernardo Kucinski wurde 1937 als ältester Sohn des zwei Jahre zuvor aus Polen nach Brasilien emigrierten jüdischen Schriftstellers Majer Kucinski in São Paulo geboren. Majer Kucinski war im polnischen Widerstand aktiv, in Brasilien widmete er sich der jiddischen Sprache, der jiddischen Kultur, er war Inhaber eines Bekleidungsgeschäfts. Außer seinem Sohn Bernardo hatte er noch eine Tochter Ana Rosa und einen weiteren Sohn. Nach dem Tod seiner Frau Esther heiratete er noch einmal, eine deutsche Jüdin. Das Verhältnis zwischen dieser und der Tochter war schlecht. Auch die Söhne sind frühzeitig aus dem Haus gegangen, so konzentrierte sich alle Vaterliebe auf die Tochter.

Ana Rosa Kucinski war Assistenzprofessorin im Fach Chemie an der Universität von São Paulo. Eines Tages, es ist 1974 [3], bekam K. die Nachricht, daß seine Tochter schon seit einigen Tagen nicht mehr auf der Arbeit erschienen sei, niemand wüßte etwas über ihren Verbleib.

Im Zeitraum (grob) zwischen 1965 und 1985 waren in den verschiedensten Staaten Südamerikas Militärdiktaturen an der Macht [4], so auch in Brasilien: „Die von den USA und den anderen Mächten der westlichen Hemisphäre unterstützten Militärdiktaturen entwickelten sich in manchen Ländern zu offen staatsterroristischen Regimen. Erschießungen, Entführungen, das Verschwinden-Lassen von Personen und Folter – die Repressionen richteten sich gegen alle organisierten Gegenkräfte, ganz gleich ob sie sich einer revolutionären Veränderung verschrieben hatten oder reformorientiert waren. Guerilla-Gruppen, Gewerkschaften, ländliche Vereinigungen, linke Parteien, kirchliche Kritiker, Studenten u. a. wurden Opfer der Repressionswelle. Allein in Argentinien fielen an die 30.000 Menschen der Diktatur (1976–1983) zum Opfer. In den 1970er Jahren wurden die sozialen Bewegungen Lateinamerikas ihrer erfahrenen, theoretisch versierten und organisatorisch führenden AktivistInnen beraubt.“ [4]. Kucinski selbst nennt in einem Interview [1b] niedrigere Zahlen, die Zahl der Getöteten in Brasilien liegt mit ca. 475 sogar deutlich unter diesen Angaben. Aber die absolute Anzahl der Ermordeten ist nur ein Kriterium, für die Betroffenen zählt  jeder Einzelfall, außerdem zeigt die Tatsache, daß politische Gegner überhaupt verfolgt wurden, den repressiven Charakter des Regimes, wie sie verfolgt wurden, den terroristischen. Die Jagd auf die kommunistische Widerstandsgruppe Guerilla von Araguaia ist ein brasilianisches Beispiel [5].

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Alles in diesem Buch ist erfunden,
doch fast alles ist geschehen.

Diese etwas kryptisch anmutende Aussage stellt der Autor seinem als „Roman“ klassifiziertem Buch voran. Es ist jedoch deutlich, daß er sich nahe an seine persönliche Geschichte vom Verschwinden seiner Schwester gehalten hat, seine Hauptperson K. zum Beispiel ist spiegelt die Biographie des Vaters wieder. Kucinsky erzählt seine Geschichte in vielen kleinen Abschnitten, die jeweils bestimmte Situationen, Erfahrungen oder Ereignisse beleuchten und die aus der Sicht unterschiedlicher Figuren geschildert werden. Diese Abschnitte sind in sich geschlossen, sie wirken wie Mosaikteile, die – ggf. auf verschiedene Art und Weise – zu einem Ganzen zusammengelegt werden können [1b].

Der Autor verfolgt, dies ist der Rahmen, der den Roman zusammenhält, den Vater, nachdem dieser die Nachricht vom Verschwinden der Tochter erhalten hat. Natürlich fängt der Vater an, seine Tochter zu suchen, er fragt Verwandte, Bekannte, sucht das Labor auf, in dem sie arbeitet.. erfolglos, niemand weiß etwas genaues, zumindest sagt niemand etwas. Der eine oder andere kennt jemanden, der jemanden kennt, bei der Polizei vllt, der unter Umständen etwas in Erfahrung bringen kann… ist sie verhaftet worden? Und wenn, warum? Mit Fotos von ihr besucht K. die Gerichtsmedizin, doch dort ist das Gesicht nicht bekannt.

Langsam merkt K., daß seine Tochter ein Doppelleben geführt hat. Sogar verheiratet war sie, ohne daß er dies wusste. Wie konnte ihm, der selbst im Untergrund gekämpft hatte, passieren, daß er dies übersah, denn: ja, er erinnert sich, es gab Anzeichen, jetzt, im Nachhinein, kann er sie deuten. Daß sie beispielsweise in seine sakrosankte Runde mit den jiddischen Schriftstellerkollegen hineinplatzte: er war verärgert und schickte sie weg, anstatt nach dem Grund für ihr aussergewöhnliches Verhalten zu fragen..

K. geht auf Versammlungen und Treffen von Familien mit ähnlichen Schicksalen, er versucht Hilfe zu bekommen vom Rabbiner und vom Bischof. Von letzterem erhält er sie, eine Liste mit Namen wird veröffentlicht, auf dem auch der der Tochter steht. Auf Grund seiner Kontakte gelingt es ihm offenbar sogar, über die CIA Nachforschungen anzustellen.

Diese gibt entsprechende Weisung, wie wir aus einem fiktiven Gespräch zweier brasilianischer Militärs erfahren. Doch die lachen darüber, ist doch schon längst alles geschehen…. im Gegenteil werden Pläne ausgeheckt, wie man K., der langsam lästig wird, einschüchtern, entmutigen, mundtot machen könnte. Ihn selbst eliminieren, so die krude Logik, geht nicht, es wäre ein indirektes Schuldeingeständnis….

Am zermürbendsten erweist sich für K. (wie für alle anderen Betroffenen) die Unsicherheit, die ihn auch die unwahrscheinlichsten Behauptungen wider besseren Wissens nachgehen läßt, einfach, um ihnen nachgegangen zu sein. Tief im Inneren weiß er, daß seine Tochter nicht mehr zu retten ist, daß sie tot ist… in einem der deprimierendsten Abschnitte schildert der Autor das Treffen zwischen K. und dem Rabbiner, den K. bittet, einen Grabstein für seine Tochter aufstellen zu dürfen, auch wenn er ihre Leiche nicht bestatten kann. Der Rabbiner lehnt es ab, die jüdischen Gesetze verbieten solches, denn der Stein markiert die Stelle, an der der Leib wieder zu Staub wird und da kein Leib vorhanden ist…..

Nach einigen Wochen wird Ana Rosa Kucinski-Silva von der Universität entlassen mit der Begründung, daß sie ihrem Arbeitsplatz unentschuldigt ferngeblieben ist. Die Darstellung der Sitzung des entsprechenden Universitätsgremiums ist ein Gipfel der Heuchelei, jeder weiß, daß sie verschwunden ist [3] und was dies bedeutet, jeder weiß, daß sie nicht mehr zurückkommen kann…

… Verschwunden [2]… in einem der erschütterndsten Kapitel des Buches läßt Kucinski eine junge Frau in einer psychologischen Arztpraxis auftreten. Der Ärztin kommt seltsam vor, daß der Arbeitgeber dieser jungen Frau schon in diesem Alter die Verrentung in Aussicht stellt, und so insistiert sie. Erschrocken hört sie, daß Fleury [6], der Chef der Todesschwadrone der Arbeitgeber, ihr Arbeitsplatz ein geheimes Gefängnis und ihre Aufgabe die Ausspionierung der Gefangenen ist, die oft nur ein, zwei Tage dort sind, bevor sie in einen bestimmten Raum gebracht werden, von dem aus die nicht mehr zurückkommen… eines Tages war die junge Frau allein im Haus und schlich sich zu diesem Raum… Haken, Sägen, Beile.. wie in einer Metzgerei…

Genau das meint der Begriff „Verschwunden“: von dem Moment an, an dem das Opfer aufgegriffen wird, existiert es nicht mehr. Alles wird geleugnet, der Körper, der Leichnam, vernichtet, es gibt kein Grab, kein Nachweis mehr, daß der Mensch nach dieser Sekunde noch auf der Welt war. Die Auslöschungsmethoden waren unterschiedlich, in Argentinien und Chile wurden die Gefangenen aus Flugzeugen ins Meer geschmissen [8]… in Brasilien wohl in Industriebetrieben verheizt: „According to his statement to journalists Marcelo Netto and Rogerio Medeiros in the book “Memorias de uma guerra suja” (Memories of a dirty war), Davi Capistrano, the couple Ana Rosa Kucinski Silva and Wilson Silva, João Batista Rita, Joaquim Pires Cerveira, João Massena Melo, José Roman, Luiz Ignácio Maranhão Filho, Eduardo Collier Filho and Fernando Augusto Santa Cruz Oliveira, were incinerated in the oven of the Cambahyba sugar cane factory owned by Heli Ribeiro Gomes (deceased), former vice governor of Rio de Janeiro, between 1967 and 1971.“ [7]

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Für K. ist es ein einsames Geschehen, ein Geschehen auf mehreren Ebenen. Zum einen ist auffällig, daß K. Familie im Buch kaum eine Rolle spielt. Es wird erwähnt, daß die zweite Frau und Ana Rosa ein schlechtes Verhältnis hätten, auch die beiden Brüder sind offensichtlich nicht mehr im Haus, auch mit ihnen gab es offensichtlich Spannungen. Ob und inwieweit sie in die Suche des Vaters mit eingebunden waren, wird nicht klar. Bezeichnend auch, daß die Tochter der eigenen Familie gegenüber die Hochzeit geheim gehalten hatte, nicht jedoch so der angeheirateten Familie gegenüber. In dieser war sie als neues Familienmitglied willkommen gewesen.

Für K. waren diese Entdeckungen ein Schock, nach deren Ursachen er in sich forscht. Er reist zurück in die eigene Vergangenheit als Widerstandskämpfer in Polen, auch er inhaftiert, aber als Gefangener immerhin noch existent. Selbst in KL wurde man zwar ermordert, aber nicht spurlos ausgelöscht, im Gegenteil, die „Existenz“ zumindest in einer Liste, wurde durch eine tätowierte Nummer manifestiert. Dann, in Südamerika, hat er sich auf die tote Sprache gestürzt, die Sprache, die in den Öfen der Nazis mit verbrannt worden war, hat das Jiddische, diesen „Frankenstein“ unter den Sprachen (nach D. Ben-Gurion weil: hebräische Buchstaben, deutsche Grammatik) zusammen mit seinen Kollegen gehegt und gepflegt.. die Lebenden hat er nicht umsorgt, er hat noch nicht einmal, fällt ihm auf, ein Album mit Bildern der Tochter. Was war er für ein Vater?

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„K. oder die verschwundene Tochter“ ist ein sehr reflektierendes, nachdenkliches, erschütterndes und auch spannendes Buch. Mit seiner Erzähltechnik mit wechselnden Personen und aus unterschiedlichen Perspektiven gelingt es Kucinksi das Geschehen und die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven auszuleuchten. Fiktiv natürlich, aber plausibel erzählt er mögliche Gedankenspiele der für die Entführungen verantwortlichen Polizisten, er gibt der Geliebten des Polzeichefs, die von allen geächtet wird eine Stimme ebenso wie die Hartherzigkeit der Logik des Rabbis zu Gehör bringt.

So schnell das relativ schmale Bändchen gelesen ist, so tief brennt sich der Inhalt ein.

Es ist schön, daß Ana Rosa Kucinski-Vilas durch das Bild auf dem Schutzumschlag auch für uns ein Gesicht bekommen hat.

Links und Anmerkungen:

[1] Video-Interview mit dem Autor bei youtube: http://www.youtube.com/watch?v=Wag0APMLyWg,
weitere Interviews mit dem Autor:
[1b] http://www.theprisma.co.uk/2013/03/10/bernado-kucinski-k-and-the-disappearances-in-brazil/
[1c] http://www.timesofisrael.com/brazilian-bestseller-probes-fate-of-jewish-disappeared/
[2] Hintergrundbericht über die südamerikanischen „Desaparecidos“ („Verschwundenen“) in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Desaparecidos
[3] Das Datenblatt von Ana Rosa Kucinski Silva: http://www.desaparecidospoliticos.org.br/pessoa.php?id=51&m=3
[4] eine Übersicht ist hier zu finden: http://www.lateinamerika-studien.at/content/geschichtepolitik/geschichte/geschichte-181.html (Hinweis: Seite markieren, dann ist auch die Tabelle zu lesen…)
[5] Wiki-Artikel: Guerilla von Araguaia, vgl auch die Buchbesprechung zu: Klester Cavalcanti: Der PISTOLERO
[6] die Suche ergibt kaum englischsprachige Quellen zu Sergio Fleury, hier der recht kurze Beitrag in der Wiki: http://en.wikipedia.org/wiki/Sérgio_Paranhos_Fleury
[7] THE NAZI FACE OF THE BRAZILIAN DICTATORSHIP: http://www.hart-brasilientexte.de/2012/05/12/das-nazi-gesicht-der-brasilianischen-diktatur-brasiliens-wichtigster-befreiungstheologe-frei-betto/
[8] Gustavo Germano und andere: Verschwunden

mit ähnlichen Thema hier im Blog:
– Elsa Osorio: „Mein Name ist Luz“ und
– Gustavo Germano und andere: Verschwunden

Bernardo Kucinski:
K.
oder Die verschwundene Tochter
Übersetzt aus dem brasilianischen Portugiesisch von Sarita Brandt
Originalausgabe: Editora Expressao Popular, 2012
diese Ausgabe: TRANSIT-Buchverlag, HC, ca. 144 S., 2013

Ich danke dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplares.

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4 Responses to “Bernardo Kucinski: K.”


  1. Interessant. Wir haben seit vielen Jahren eine Freundin, Alicia Kozameh, die Jahre in den Polizeikellern der Argentinischen Militärdiktatur verbrachte. Alicia war im Widerstand, natürlich, und darüber schrieb und schreibt sie. Mag für manchen Leser eine willkommene Bereicherung des Themas sein. Einige ihrer Bücher, so „Straußenbeine“ und „Schritte Unter Wasser“ sind im Milena Verlag auf deutsch erschienen.

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    • flattersatz Says:

      herzlichen dank für deinen kommentar, lieber peter! und natürlich für die hinweise, so was nehm ich ja immer dankbar auf und der buchhandel freut sich.. habe mir gerade die „schritte…“ bestellt…. schaumermal. ;-). in kürze lade ich übrigens noch eine buchbesprechung zum thema „argeninien: militärdiktatur“ hoch, das aus einer ganz ungewöhnlichen perspektive erzählt, nämlich aus der sicht von menschen, die nichts wissen wollen bzw. können…

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  2. lieber flattersatz,

    schön auch bei dir besprechung zu „k.“ zu finden. ich war am anfang etwas skeptisch bzgl. der unterschiedlichen perspektiven aber am ende war es meiner meinung genau die richtige entscheidung für das thema.
    kennst du erich hackl? die art und weise von kucinski erinnert mich sehr an ihn. kann dir von ihm „als ob ein engel“ sehr empfehlen.

    liebe grüße von der bücherliebhaberin

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    • flattersatz Says:

      herzlichen dank für deinen besuch, liebe bücherliebhaberin!

      nein, erich hackl kenn ich nicht, ich schau mir deinen tip aber gleich mal an. ich habe aber diese wochen noch „schritte unter wasser“ und das „kaninchenhaus“ in meinen sub integriert… nur weiß ich leider noch nicht, wann ich zum lesen kommen werde.. ;-)

      ich wünsch dir einen guten tag!

      liebe grüße
      gerd

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