Roberta S. Kremer (Hrsg): Zerrissene Fäden

„Zerrissene Fäden“ widmet sich dem Schicksal der jüdischen Mode- und Textilbranche im Dritten Reich. Nun ist Mode zwar nicht unbedingt mein Thema, aber ich wollte mir gerne wieder mal ein Bändchen aus der schönen, bibliophilen Edition L.S.D. kaufen, die von Lagerfeld, Karl gestaltet wird. Und da habe ich mir des Untertitels wegen eben diesen Band ausgeschaut….

Das Buch stellt eine Sammlung von Aufsätzen zum Thema dar, die mit viel zeitgenössischem Bildmaterial illustriert werden. Ausgangspunkt dieser Arbeit war eine diesbezügliche Ausstellung aus dem Jahr 1999, die vom Vancouver Holocaust Education Centre und der Original Costume Museum Society kuratiert worden war, die Herausgeberin, Robera S. Kremer, ist leitende Direktorin des Centres.

Die Sammlung umfasst folgende Aufsätze:

  • Zeittafel
  • Holocaust und kultureller Verlust – eine Einführung
  • Vom Lumpensammler zum Unternehmer – Mode in und aus jüdischer Hand
  • Die Architektur des deutschen Warenhauses
  • Jüdische Modeschaffende in Berlin
  • Die Zerstörung einer Kultur und einer Industrie
  • Die Mode verschwindet aus Deutschland. – Auswirkungen des Krieges auf die Bekleidungsindustrie
  • Vertreibung von Juden aus de Wiener Mode- und Textilindustrie während des Nationalsozialismus

In der Zeittafel wird die wechselvolle Geschichte der Juden in Deutschland/Österreich vor allem im Bezug auf das Thema „Textil, Mode“ betrachtet. Historisch bedingt, war die Bedeutung jüdischer Betriebe und Firmen in diesem Wirtschaftssektor groß. Über lange Zeit war den Juden der Handel mit Neuware verboten, viele zogen als Lumpensammler und Hausierer über die Orte und kauften und verkauften gebrauchte Ware. Als ihnen dann 1871 Freizügigkeit gewährt wurde, konnten viele dieser Juden endlich offiziell in dem Gewerbe tätig werden. Vor diesem Datum war ihnen auch verboten, Neuware herzustellen und an Christen zu verkaufen, die konnte allenfalls illegal geschehen, führte aber dazu, daß von jüdischen Schneidern der Sektor „Konfektionsware“ im Gegensatz zum persönlich angemessenen Textil geschaffen wurde.

Aus den kleinen Lädchen wurden schnell größere und schließlich entwickelten sich die bekannten Kaufhäuser, vor allem Berlins: Wertheim, Hermann Tietz, Nathan Israel, KaDeWe, Gerson u.a.m., Unternehmen, die Ende der Zwanziger Jahre zwischen 10 und 20.000 Mitarbeiter hatten. „Fast 80% der Kaufhäuser und Filialbetriebe im Vorkriegs-Deutschland befanden sich in jüdischem Besitz, ebenso 40% der Großhandels-Textilfirmen und 60% der Kleidergeschäfte des Groß- und Einzelhandelt. ..“ [S. 41]. Eine ähnlich beherrschende Stellung nahmen die Modeschöpfer ein, Berlin machte Paris seinerzeit große Konkurrenz. Den Nationalsozialisten war dies Dominanz jüdischer Geschäftigkeit natürlich ein großer Dorn im Auge: „.. Wir fordern die ….. sofortige Kommunalisierung der Großwarenhäuser und die Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende…“ hieß es schon 1920 im Parteiprogramm der NSDAP [S. 74].

Die großen Warenhäuser, genauer deren Planung und Bau, lieferten auch wichtige Impulse zur Architektur und prägten ganze Stadtviertel. Hervorgegangen aus „normalen“ Häusern entwickelte sich bald eine den speziellen Erfordernissen angepasste neue Architektur modernen Aussehens, die verwendete Skelettbauweise ließ ganz andere Möglichkeiten der Fassadengestaltung aufkommen, die Gestaltung verschiedener Kaufhäuser des Konzerns „Schocken“ mag dafür ein Beispiel sein. Da nach 1933 auch die jüdischen Architekten vertrieben wurden und ins Ausland gingen (soweit sie nicht eliminiert worden waren), pflanzten sich dort solche planerischen Impulse und Neuentwicklungen z.B. in den USA fort.

Berlin war Zentrum von Mode auch im großen Massstab, es gab bedeutende Messen und Modewochen. Viele Filmstars der damaligen Zeit bestanden auf Modelle ihre Lieblingscouturiers und machten so auch Werbung für Berliner Mode, man kennt die extravaganten und eleganten Kleidungen der berühmten „Zwanziger Jahre“, in denen auf Religion und Herkunft noch keine Gedanken verschwendet wurden.

Mit der Machtübernahme der Nazis änderte sich das grundlegend. Die oben zitierte Einstellung zum Thema „Warenhäuser“ galt unverändert weiter, ferner vermischten sich Antisemitismus und Franzosenfeindlichkeit zu einer unguten Melange: „… Nur deutsche Mode, von arischer Hand entworfen und hergestellt, sei der edlen, deutschen Frau angemessen. Voraussetzung für eine „rassisch korrekte deutsche Kleidung“ sei die Eliminierung jüdischer und französischer Einflüsse. ..“ [S.137] .. der Einfluss der „Pariser Dirne“ auf die deutsche Frau musste ausgemerzt werden… Propagandistisch etwas negativ war für die Nazis, daß mit Martha Goebbels und Emmy Göring die Frauen höchster NS-Funktionäre solange es irgend ging, also bis 1939, ihre Kleidung bei jüdischen Modeschöpfern kauften…

Im Zuge der Boykottierung jüdischer Betriebe ab 1933 bis zur Reichspogromnacht 1939 lösten die Nazis das Problem auf ihre Weise: Vertreibung und Eliminierung der Eigentümer, Auflösung oder Arisierung der Betriebe. Das Ergebnis war die Zugrunderichtung der gesamten Branche, denn die Neubesitzer hatten meist weder die geschäftlichen noch die kreativen Fähigkeiten, die Arbeit der vertriebenen jüdischen Vorbesitzer weiterzuführen. Noch bis in die Jetztzeit, Stichwort: Kaufhaus Wertheim, strahlt dieses Wüten der Nazis aus.

Mit Kriegsbeginn 1939 fing die Zeit der Rationierungen an, obwohl die selbstverstümmelte Textilbranche durch die neu „geschaffenen“ Absatzmärkte, sprich: die überfallenen und eroberten Länder, einen gewissen Aufschwung erlebte. Nichtsdestotrotz wurden viele Betriebe der Rüstungsindustrie zugeschlagen, um Uniformen etc zu fertigen. In Ghettos und Lagern mussten Internierte unter unmenschlichen Bedingungen Kleidung anfertigen. Rohstoffmangel und Ersatzwirtschaft machten sich im Kriegsverlauf immer stärker bemerkbar, Textilien kaufen konnte nur noch der Inhaber einer Reichskleiderkarte, die eine bestimmtes „Punktekonto“ aufwies, von dem, ja nach Art des Kleidungsstückes, sozusagen abgebucht wurde. Die Mengen waren kontingentiert, einer Frau stand z.B. ein Paar Strümpfe jährlich zu (4 von 100 Punkten), ein Unterhemd (10) oder ein Wollkleid (40). Ein Kostüm war mit 45 von 100 Punkten kaum höher angesetzt als ein BH (40)… Männern standen ein Anzug zu (60), ein Unterhemd (15) oder eine Hose (20)… Juden mussten zum Teil (Fürth, 1942, S. 166) ihre Kleidung nach vorheriger Entfernung des gelben Sterns abliefern, in den KZs wurden die Kleidung der ermordeten Juden gesammelt und an z.B. Ausgebombte verteilt.

Die Zerstörung der Textil-/Modeindustrie, dies das Thema des letzten Beitrags, wurde natürlich nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Reich auch dort mit großer Vehemenz und im Vergleich zu Deutschland noch schneller vorangetrieben. Auch hier kam es in der Folge natürlich auch zu einem Zusammenbruch der Produktion, die von den meist ungeeigneten Neubesitzern nicht in gewohnter Qualität aufrecht erhalten werden konnte, zumal durch die vertriebenen jüdischen Geschäftsleute, die im Ausland einen Neuanfang wagten, starke Konkurrenz entstand.

„Zerrissene Fäden“ ist als Buch ein kleines Schmuckstück mit einem sehr traurigen, deprimierenden Inhalt. Es ist, interessiert man sich für das Thema der Judenverfolgung im Dritten Reich, nicht wirklich neu, was man zu lesen bekommt, es beleuchtet den gesamten Komplex aber von einer Seite, an die man normalerweise nicht sofort denkt. Kleidung, Textilien sind so eng mit unserem Alltagsleben verbunden, daß wir nur selten an die dahinter stehende Industrie denken (in der Jetzt-Zeit trifft diese Gedankenlosigkeit auf die Produktionsbedingungen in den Ländern zu, in denen ein großer Teil unserer bei uns preiswerten Kleidung hergestellt wird), die vor 1933 ganz entscheidend und großartig durch Juden gestaltet worden war, mit einer großen Strahlkraft über Deutschland hinaus.

Roberta S. Kremer (Hrsg)
Zerrissene Fäden
Die Zerstörung der jüdischen Modeindustrie in Deutschland und Österreich
Übersetzt aus dem Amerikanischen von
diese Ausgabe: Edition L.S.D., Steidl-Verlage, HC, ca 198 S., 2013

Advertisements

6 Kommentare zu „Roberta S. Kremer (Hrsg): Zerrissene Fäden

  1. Hallo Flattersatz, da bist Du auf einen interessante Aufsatzsammlung gestossen, oder besser einen Ausstellungsbegleitband zu einem wichtigen Thema. Die Anfänge der Warenhausarchitektur verorte ich allerdings eher in Paris, dazu liest sich ganz formidabel „Das Paradies der Damen“ von Flaubert.

    Der eigentliche Grund zum Kommentar ist allerdings der Name der Edition und ihr Namenspatron. Also ich weiß nicht L.S.D., das schwebt so zwischen kalauernd und grenzwertig, aber okay, es ist dem Vielleser Karl Lagerfeld geschuldet.
    Wenn für den Buchpreis demnächst die Jurymitglieder ausgehen, wäre er also ein veritabler Kandidat.

    Gefällt mir

    1. mit L.S.D. hast du natürlich recht, ich möchte nicht wissen, wie lange die herumbaldowert haben, bis ihnen die D-gebende Druckerei eingefallen ist, die die vielbesungene Lucy im Himmel dann komplettieren durfte…

      was die Warenhausarchitektur angeht, so denke ich, daß der Akzent auf der deutschen Warenhausarchitektur liegt, nicht so sehr auf der globalen Entwicklung. btw: Zola schlägt Flaubert? Oder liege ich falsch? Was wiederum Lagerfeld angeht, so ist die Bibliothek zwar sehr fotogen, aber ich weiß nicht, wie der gute Mann bei dieser (sicher sehr materialschonenden Bücherhaltung) ein bestimmtes Buch findet und greifen kann….

      Gefällt mir

      1. Oh, pardon, Zola, natürlich hast Du Recht, lieber flattersatz. Allerdings würde ich das Verhältnis der zwei europäischen Metropolen zueinander und den daraus folgenden Einfluss nicht als global bezeichnen, den zwischen Berlin und den USA, was die Ausstellung ja versucht, hingegen schon.

        Ah, mit Lucy bringst Du ein sehr schönes Songzitat und in dem Zusammenhang fällt mir, zugegeben kalauernd wie der Steidel-Verlag die Zeile ein, „auch Boris hat sich schon bestellt den neuen Text von Lagerfeld“. Wenn’s so wäre, wär’s auch nicht schlecht. ;)

        Gefällt mir

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s