Barbara Bronnen: Friedhöfe

18. August 2013

Friedhof der Benediktiner Abtei in Münsterschwarzach

Friedhof der Benediktiner Abtei in Münsterschwarzach

Barbara Bronnens Reflexionen über Friedhöfe ist in der kleinen, aber feinen Reihe „Kleine Philosophie der Passionen“ erschienen, die bei dtv verlegt wird [2]. Es ist ein Bändchen von knapp 120 Seiten, in denen die Schriftstellerin, die in der Tat eine passionierte Besucherin von Friedhöfen zu sein scheint [siehe unten die Liste der besuchten und im Buch erwähnten Totenäcker [1]] ihre Gedanken und Erlebnisse beschreibt, die sie beim Besuch verschiedener Friedhöfe hatte.

Der Friedhof, als Institution, öffentliche Einrichtung noch gar nicht so alt [3], ist, auch wenn er sich in einer lauten Stadt befindet, ein Ort der Ruhe, der Einkehr. Tritt man als Besucher durch das Eingangstor, betritt man in der Tat eine andere Welt, in der andere Regeln gelten. Als ob wir von den dort Ruhenden angehalten würden zur Stille, zum Nachdenken, zum Sinnieren auch und gerade über uns selbst.

Die Begegnung mit einem Leichnam, mit einem Grab ist eine Erinnerung. Sie zeigt das Offensichtliche: unsere eigene Endlichkeit, unser Eingebundensein in einen Kreislauf. Wir kommen aus dem Staub und wir werden wieder zu Staub, die einzige wirkliche Sicherheit, die es gibt. Der Tod ist die Ur-Sicherheit des Lebens, die, an der nichts und niemand etwas ändern kann. Alle anderen Sicherheiten, die man zu haben glaubt, bergen immer noch die Möglichkeit, daß sie ausgehebelt werden – vom Tod nämlich. Er hat das letzte Wort.

Die Beschäftigung mit dem eigenen Tod durch die Begegnung mit dem Tod der Anderen ist ein Weg, sich auszusöhnen mit dem Unvermeidlichen. Der Tod ist die große Unbekannte im Leben, niemand weiß, wie es ist, ihm zu begegnen, es gibt keine Berichte aus der Welt jenseits. Sich vorher damit auseinanderzusetzen kann die Angst nehmen, die Sorge, die Furcht, ja, der Tod kann auch ein Freund sein, eine Erlösung, ein Helfer in die Welt, an deren Existenz möglicherweise geglaubt wird.

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Die ersten Erinnerungen Bronnens gehen zurück auf den Alten Nördlichen Friedhof in München. Hier ist sie als Kind schon von ihrer Oma mitgenommen worden, zur Grabpflege mit Brotzeit, den Toten zu besuchen, für ihn zu sorgen indem sie für sein Grab sorgt. Stumme Zwiesprache konnte das Kind beobachten zwischen der Oma und Bekannten, die sie ihn ihrem Grab besuchte, Gespräche, die der Oma gut taten, sie lächeln und befreit sein ließen… die ersten Todesfälle, die die kleine Barbara erlebte, kamen ihr vor wie eine neue Art des Versteckspielens, eine seltsame Zeremonie für das Kind, so eine Beerdigung…. Die Oma selbst wurde 94 Jahre alt, ehe sie auf den Gottesacker gebracht wurde. Sie war mit ihrem Tod ausgesöhnt, im Sterben war ihr, der Zusammengeschrumpften, die körperliche Nähe wichtig, das Berühren, das In-den-Arm-nehmen, das Streicheln…. der Dank, den sie bekam von ihren Menschen für das, was sie im Leben geleistet hat und auch der Dank, den sie selber noch aussprechen konnte, diese zwei gaben ihr Frieden und Ruhe.

Friedhöfe sind auch ein Ort der Begegnung. Gleiche Schicksale der Zurückgebliebenen und doch ist jedes anders. Gleich sind sie in der Einsamkeit, in der eigenen Verlassenheit. In der Erinnerung an den Toten und die Möglichkeit, ihm hier, auf dem Friedhof, wieder zu begegnen. Und doch verschieden, weil jeder Tod verschieden ist und jeder Hinterbliebene ihn anders erlebt und spürt. Gesprächsstoff gibt er, der zum Leben gehört, allemal….

Die Grabsteine sind nicht stumm, sie erzählen dem, der hören mag, viele Geschichten. Auf einem nicht näher bezeichneten Friedhof in der Toskana sieht Bronnen ein Grab eines Paares, die Figuren sich zugewandt, dessen Hochzeitstag mit dem gemeinsamen Todestag übereinstimmt…. Welch tragisches Schicksal die beiden in der Stunde, da sie ihr schönstes Glück, ihr lang ersehntes verwirklichen wollten, nur ereilte…

… eine andere Liebesgeschichte, der in Paris, auf dem Pére Lachaise zu begegnen ist, nämlich die von Abelaerd und Heloise, die beide ihr Leben Gott geweiht hatten und sich trotzdem ihrer Liebe zueinander hingaben. Abelaerd büsste dies durch seine Entmannung, Heloise zog sich in Gott zurück. Erst im Tod wieder wurden sie vereint, nebeneinander die Gräber…

Geschmückt und bestückt mit Figuren und Monumenten, mit Allegorien und Symbolen… die erotischen sind Bronnens Sache wohl nicht, sie sieht nicht dieses melancholisches Zusammenspiel zwischen Eros und Thanatos, wie es z.B. Ohlbaum [4] so schön dokumentiert hat. Ihr ist es zu schwülstig, betont zu sehr die Männerphantasien… „… Aufreizend Unberührte, wie die Nackte in Ohlsdorf, die Rechte am Kitzler, aus einer aufgeklappten Muschel steigend, mit sahnigen Brüsten und Schenkeln aus Fondant, …“

Die formaleren und strengen Friedhöfe der Juden sagen ihr mehr zu, in ihrer weitestgehenden Schmucklosigkeit und ihrem Ewigkeitsanspruch erinnern sie an aufgelassene Friedhöfe [5]. Ein jüdischer Friedhof ist immer auch die Erinnerung an die Millionen Ermorderter, an die, die nie ein Grab bekommen haben, sondern nur Mahnmale, die nach Tausenden Zählen…. Jedes Symbol auf einem Grabstein hat seine Bedeutung, der Schmetterling zum Beispiel steht für die Flüchtigkeit des Lebens. Bronnen beschreibt ihre Impressionen der Friedhöfe in Berlin-Weißensee und in Ohlsdorf.

Außer den allgemeinen Friedhöfen gibt es die besonderen, die Anlagen für Kinder zum Beispiel oder die Soldatenfriedhöfe, die Abteile für die Armen, die sich kein Grab aus eigenen Mitteln leisten können. Mit den Kindern ist immer auch ein zwiefacher Traum gestorben, der Traum von Mutter und Vater, ihr Kind wachsen zu sehen und in die Welt zu entlassen. Er ist mit den Kindern beerdigt worden, in diesem Akt gegen die natürliche Ordnung, den der Tod der Kinder vor den Eltern darstellt…

Soldaten: gestorben für das Vaterland oder von ihm verheizt? Letzteres ist wahrscheinlicher… Noch im Tod in Reih´ und Glied auf den Soldatenfriedhöfen angeordnet zum letzten Appell….

Die letzten Abschnitte des Büchleins sind sehr persönlich, sie reflektieren die eigene Familiengeschichte. Den Abschied von der geliebten Oma, die ihren Tod sauber vorbereitete und im Einklang mit ihrer Familie gehen durfte….

Grabstelle von Arnolt Bronnen auf dem Dorotheen-städtischen Friedhof in Berlin

Grabstelle von ArnoltBronnen auf dem Dorotheen-städtischen Friedhof in Berlin

…der Vater, der heute wohl kaum noch bekannte Schriftsteller Arnolt Bronnen [6], der ein bewegtes, nie zur Ruhe kommendes Leben geführt hatte, ein getriebener war in seinem Leben. Er ruht nicht sanft. Ihm widmet Barbara Bronnen ein längeres Kapitel, in dem sie ein wenig von seiner Lebensgeschichte erzählt, die auch Teil einer Geschichte Deutschlands ist.

Friedhöfe ist ein Büchlein für die stilleren Stunden, für die Stunden, in denen man sich zurückziehen will, um auch in sich zu schauen, was es da noch gibt. Es ist ein Büchlein, das man im Lesen auf einmal beiseite legt oder sinken läßt, weil die eigenen Gedanken zu sprechen anfangen. Es ist ein Buch, das eine Hilfe ist zum Nachdenken. Ein schlichtes, ein einfaches, ein wertvolles Buch.

Links und Anmerkungen:

[1] Liste der besuchten Friedhöfe:

Alte Nördliche Friedhof, München
Friedhof Ohlsdorf, Hamburg
Zentralfriedhof, Wien
Friedhof Staglieno, Genua; Wiki-Seite
San Miniato al Monte, Florenz (Cimitero delle Porte Sante), Wiki-Beitrag
Waldfriedhof, München
Jüdischer Friedhof Ilandkoppel, Hamburg (Ohlsdorf)
Jüdischer Friedhof, Berlin-Weißensee
Dorotheenstädtischer Friedhof, Berlin
Père Lachaise, Paris

[2] es gibt über den „Zweitbuchhandel“ noch eine ganze Reihe mehr von Themen, die in dieser Buchreihe ihren Niederschlag gefunden haben. Bei dtv: http://www.dtv.de/kleine_philosophie_der_passionen_46.html selbst sind wohl nur die aktuell lieferbaren Titel aufgeführt.
[3] Wiki-Artikel über Friedhöfe: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedhof
[4] Isolde Ohlbaum: Denn alles Lust will Ewigkeit, https://radiergummi.wordpress.com/2008/12/11/isolde-ohlbaum-denn-alle-lust-will-ewigkeit/
[5] hier ein paar Bilder eines kleinen, nicht mehr benutzten jüdischen Friedhofs in meiner Nähe: http://fotografiert.wordpress.com/2011/04/28/an-gesehen-der-judische-friedhof-in-nassau/
[6] Das Eingangsbild ist auf dem sonnendurchfluteten Friedhof der Benediktinerabtei Münsterschwarzach aufgenommen, einem Ort in der Stille, aber voller Licht und Leben ( (c) F. Satz). Die Aufnahme ist nicht Bestandteil des besprochenen Buches.
Die Abbildung mit der Grabstelle des Vaters der Autorin ist dem Wiki-Beitrag über Arnolt Bronnen entnommen.

Diese Sammlung schöner Bilder eines Friedhofs stammt von Zoë Beck (online auf facebook), die Aufnahmen gefallen mir so gut, daß ich sie hier verlinkt habe: https://www.facebook.com/zoebeck75/posts/10153649809200371

Mehr Bücher im Umfeld von „Krankheit, Sterben, Tod“ in meinem Themenblog.

Barbara Bronnen
Friedhöfe
diese Ausgabe: „Kleine Philosophie der Passionen“, dtv, ca. 140 S., 1997

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One Response to “Barbara Bronnen: Friedhöfe”


  1. […] ich vor einigen Wochen selbst ein kleines Büchlein über Friedhöfe vorgestellt habe, hier auch den Link zu einem schönen Beitrag über Friedhöfe in Paris, den ich […]

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