Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel

6. August 2013

Sechs Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombombe durch die Amerikaner auf Hiroshima sammelte der japanische Pädagogikprofessor Arata Osada Tausende von Berichten von Kindern über dieses Ereignis. Das Buch, in dem er ausgewählte Aufzeichnungen veröffentlichte („Die Kinder von Hiroshima“) konnte nur unter Schwierigkeiten erscheinen, da Veröffentlichungen bis zum Ende der amerikanischen Besatzungszeit Anfang 1952 streng zensiert wurden. Aus den 105 veröffentlichten Schilderungen wiederum wählte H. Vinke für diese deutsche Ausgabe 20 Berichte aus, die er durch Informationen ergänzt und in einen größeren Zusammenhang einbaut. „Die Kinder von Hiroshima“ wurde auch verfilmt [1], der Film ist – zumindest in Ausschnitten – auch auf youtube zugänglich [2].

Das Verfassen der Berichte bedeutete für die Kinder einerseits eine große Belastung, denn die meisten von ihnen hatten an diesem Tag alles verloren: Eltern, Geschwister, Verwandte. Das Elternhaus so zerstört wie die Schule, die ganze Stadt. Sie selbst verletzt, verstrahlt, ihrer Zukunft beraubt, manche Kinder starben noch nach Jahren an den Folgen der Bombe. Das Niederschreiben war aber auch eine Gelegenheit der Aufarbeitung dieser persönlichen Hölle und der Hoffnung, durch die Dokumentation auch ein Signal zu setzen gegen Krieg im Allgmeinen und den Einsatz von Atombomben im besonderen. Nicht vergessen werden darf, daß 1950 der Koreakrieg begann und die große Angst bestand, daß dort wieder Atomwaffen eingesetzt würden.

Die Berichte der Kinder sind inhaltlich sehr ähnlich, wie könnte es auch anders sein: die Zündung der Atombombe richtete ein derartiges Inferno an, das alles andere einfach überdeckte. Kurz vor 08:15 Uhr Ortszeit war Entwarnung gegeben worden für ein kurz vorher aufgetauchtes feindliches Flugzeug (das Beobachtungsflugzeug der Amerikaner für diesen Einsatz), so daß die Menschen wieder aus ihren Häusern und den Luftschutzeinrichtungen auf die Straße gingen. Es war der Zeitpunkt, an dem man zur Arbeit ging, zu den Arbeitseinsätzen, Kinder gingen zur Schule, es wurde eingekauft, vllt hockte man auch noch beim morgendlichen Frühstück….

Übereinstimmend wird von einem Lichtblitz berichtet, der alles überstrahlte, danach wurden die Menschen wie Puppen herumgeschleudert, viele wurden ohnmächtig und wachten Minuten später wieder auf, sie fanden sich unter Trümmern wieder, Glassplitter steckten in ihrem Körper, sie lagen blutig und verletzt unter Balken, unter Wänden, das Hausdach eingestürzt, das Mobiliar durcheinandergewirbelt. Hilferufe waren zu hören: „Mama, Mama.. Vater!“, ebenso suchten Eltern ihre Kinder. Man versuchte, sich zu befreien, sich aus den Haustrümmern heraus zu graben (nicht immer gelang dies, die Zeit war knapp, denn es tobten viele Brände, die sich ausbreiteten) und dann die anderen zu finden, man lief auf die Straße und sah, daß alle Häuser zerstört waren. Draußen liefen Menschen umher und schrien, sie hatten kaum noch Haut auf dem Fleisch, sie waren schwarz verbrannt, schmerzverzerrte Gesichter. Von oben fing es an, schwarze Tropfen zu regnen wie Pech [3]… Planlos liefen die meisten auf der Straße umher.. wohin sollten sie? Wer fehlte noch von der Familie… suchen, man musste sie suchen, lebten sie noch? Es war kein Durchkommen durch die Trümmer, entkräftet sanken viele zu Boden, der Fluß war schwarz von Leichen geworden: viele der Verbrannten sprangen ins Wasser, aus lauter Verzweiflung und in der Hoffnung, Kühlung zu finden…

Die gesamte Infrastruktur war zusammen gebrochen, die ärztliche Versorgung aus zwei Gründen absolut unzureichend: zum einen waren Ärzte und Krankenhäuser natürlich selber Opfer des Angriffs und zum anderen waren ein großer Teil der Verletzungen und die in den nachfolgenden Tagen auftretenden Krankheiten unbekannt und neu, der Begriff „Strahlenkrankheit“ wurde erst in den Jahren danach geprägt…

Die Berichte sind von Schulkindern verfasst, deren jüngstes war 1945 erst vier Jahre alt, die ältesten gingen schon in die 6. Klasse, dürften als zwölf, dreizehn Jahre alt gewesen sein. Es gibt Schilderungen, die mitten im Text abbrechen, zu stark sind die Erinnerungen, es sind ja erst ein paar wenige Jahre vergangen und die Unterstützung für die Opfer eher gering. Es war möglich, sich als Opfer von Hiroshima registrieren zu lassen, man wurde je nach Schwere der Betroffenheit verschiedene Klassen zugeordnet. Ein Spezielkrankenhaus für Strahlenkrankheiten wurde erst elf Jahre später eröffnet…. Die vielen Koreaner, die sich damals ärmlich als Zwangsarbeiter in der Stadt befanden, hatten z.B. große Probleme, als Opfer anerkannt zu werden. Für die amerikanischen Militärtechniker und auch Ärzte dagegen war Hiroshima (und drei Tage später Nagasaki) ein riesiges Freiluftexperiment unter realistischen Einsatzbedingungen: sie konnten die Wirkung der Bombe studieren, ihre Zerstörungskraft dokumentieren, die, was Sachen betrifft, momentan und fast absolut war, was Menschen angeht, wies sie dagegen eine ungeahnte Langzeitwirkung auf.

Außer diesen Erfahrungsberichten enthält das Buch kleinere Abschnitte, in denen auf bestimmte Themen eingegangen wird. Vorangestellt ist eine kurze Darstellung des technischen Ablaufs des Einsatzes, gegen Ende des Buches wird ein Interview mit dem Bomberpiloten Tibbets [4]wiedergegeben. Dieser stand Zeit seines Lebens zu dem Einsatz, als Soldat hat er einem Befehl gehorcht, der von allerhöchster Stelle kam. Zubilligen muss man ihm natürlich, daß er genau so wenig wie die anderen Besatzungsmitglieder wirklich wussten, was sie da an Bord hatten…

Gegen Ende des Buches wird Horst Eberhard Richter zitiert, daß man gegen Verdrängung und Verleugnung vorgehen muss und daß die Anschaulichkeit ein gutes Mittel ist, dagegen vorzugehen. In diesem Sinn ist diese kleine Büchlein gut geeignet, den Schrecken, der auch heute noch vieltausenfach in Bunkern gehortet ist (und nicht nur bei den USA oder Russland und und…, sondern auch bei erratischer handelnden Staaten…) wieder einmal vor Augen zu führen, vor allen denen, die noch nie davon gehört haben. Da die Texte zum großen Teil von Kinder geschrieben sind, sind sie auch für Kinder gut verständlich….

Links und Anmerkungen:

[1] Filmbeschreibung auf japankino.de
[2] Suchergebnis für diesen Film auf youtube
[3] Masuji Ibuse hat seinen Roman über die ersten neun Tage nach dem 6. August danach benannt: Schwarzer Regen
[4] einestages: Zeitgeschichte auf SpiegelOnline: Der Pilot der „Enola Gay“ ist tot

weitere Buchvorstellungen zum Thema: Hiroshima / Atombombenabwurf sind hier zu finden.

Hermann Vinke (Hrsg):
Als die erste Atombombe fiel
Originalausgabe: Tokio, 1980
diese Ausgabe: Ravensburger Buchverlag, TB, ca. 180 S., 1998

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3 Responses to “Hermann Vinke (Hrsg): Als die erste Atombombe fiel”

  1. dasgrauesofa Says:

    Nur einen „Gefällt-mir-Button“ zu hinterlassen, geht bei diesem Buch, dass Du hier so anschaulich vorgestellt hast, dass es mit kalt den Rücken herunterläuft, natürlich nicht. Vielen Dank, dass Du zum „Jahrestag der Bombenabwürfe“ aus der Sicht der Betroffenen daran erinnerst.
    Vielen Grüße, Claudia

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    • flattersatz Says:

      liebe claudia, dir vielen dank für deinen kommentar. ja, es ist unvorstellbar, was damals ein grauen geherrscht haben muss, die beschreibungen können nur ein ganz schwaches abbild davon sein. deswegen finde ich es wichtig, jedes jahr wenigstens einmal einen „augenzeugen“ zu fragen und ihm zuzuhören….

      liebe grüße
      flattersatz

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  2. Andy Says:

    Es ist für mich unvorstellbar wie es gewesen sein muss.
    Es ist gut wenn man sich dann auch klarmacht wie gut es uns heute geht. Danke für die Beschreibung.

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