Siegfried Lenz: Schweigeminute

2. August 2013

Die Altgroßmeister der deutschen Nachkriegsliteratur sind bei mir im Blog recht rar gesät. Kein Grass, den ich noch nie leiden konnte („Katz und Maus“ war Schullektüre und blieb das einzige Werk von ihm, das ich las, obwohl mein Regal einiges von ihm aufweist) und der jetzt im Alter sowieso wunderlich wird, für Böll gilt ähnliches, was meine Erfahrungen mit seinem Werk betrifft. Walser ist mit seinem „Fliehenden Pferd“ hier im Blog vertreten, Lenz aber schon wieder nicht mehr…. diese Lücke wird nun also ausgefüllt mit der „Schweigeminute“, die aus dem Jahr 2008 stammt.

Schon nach den ersten Absätzen sind wir in die Situation eingeführt, sind uns die wesentlichen Fakten bekannt. Stella Petersen, die Englischlehrerin der Schule, hatte einen tödlichen Unfall. In der Aula ihrer Schule findet einen Trauerfeier statt, der auch der 18jährige Christian beiwohnt. Christian war ihr Schüler, mehr noch, zwischen ihm und Stella gab es ein Liebesverhältnis. Der Rektor bittet die Anwesenden um eine Minute der Einkehr, eine Schweigeminute, zum Andenken an die Verstorbene. In diese Schweigeminute hinein verlegt Lenz nun die folgende Handlung seiner Novelle, da seinem Protagonisten Christian in dieser andächtigen Stille seine Beziehung zu Stella durch den Kopf geht. An einer Stelle nur durchbricht Lenz diesen strengen Rahmen: als er nämlich Christian nach der Feier das Bild Stellas von der Trauerfeier an sich nehmen läßt, dieser dabei beobachtet und zum Direktor zitiert wird.

Christian hilft seinem Vater beim „Steinfischen“, dem Bergen von Steinen vom Meeresgrund, die zum Ausbessern und Verbreitern der alten Mole im Hafen verwendet werden. Stella interessiert sich dafür und kommt auf das Schiff.. die Beziehung der beiden Menschen, die an ein Tabu rührt, entwickelt sich sehr langsam und zögerlich, das „Ach, Christian!“ von Stelle ist fast ein Charakteristikum dieser behutsam wachsenden, klandestinen Liebe.

Es ist nichts Spektakuläres, was Lenz die beiden Menschen erleben läßt, es sind die normalen Vergnügungen und Tätigkeiten des Lebens, die auch zwischen ihnen sich abspielen. Eine zufällige Berührung, bei der der anderen die Hand nicht wegzieht, den leichten Druck sogar erwidert, gemeinsame Ausflüge und Fahrten, Bilder werden gemacht…. Lenz deutet an, ist zart und behutsam, so vorsichtig mit seiner Sprache, als habe er Angst, mit deutlicheren Worten alles zu zerstören. Auch das sie sich schließlich umarmen und die Vorstellung davon, wie sie das Kopfkissen miteinander teilen, kann uns nur die Phantasie mit Leben füllen.

Ist es für Christian die erste Liebe? Ganz sicher die erste Liebe, die einer Frau gilt und nicht einem Mädchen… Er ist glücklich, dürfen wir annehmen, er leidet unter denselben Dingen, unter denen jeder leidet, der liebt: unter der Abwesenheit der/s Geliebten, unter dem Bild mit der Widmung eines/r anderen, die Nichtbeachtung in der Schule … das Leben, ja, das Leben will er mit Stella teilen, er plant für die Zukunft…

Es liegt im Konstrukt der Geschichte, daß Stellas Gefühle, Stellas Sicht nur indirekt und spärlich zu Tage treten. „Ach, Christian…“, die Metapher für das Problematische der Beziehung zwischen einer Lehrerin und ihrem Schüler. Die Liebe muss geheim bleiben, darf nicht offen ausgelebt werden, es ist schwer, einmal bei einem Strandausflug kann Stella die Situation geistesgegenwärtig retten.. In der Schule fühlt sich Christian enttäuscht, kein Wink, kein Blick geheimen Einvernehmens von seiner Stella…. Erst in der letzten Karte, die sie ihm von ihrem Törn schreibt, taucht offen das Wort „Love“ auf, macht Christian glücklich…

Ein plötzlich aufkommendes Gewitter, der Zweimaster mit Stella und ihren Freunden, die sie vor kurzem für einen Törn abgeholt hatten, will noch vor dem Sturm in den Hafen. Es unterläuft ihnen aber ein Fehler, das Boot prallt an die Mole, die Christian und sein Vater vor wenigen Tagen noch reparierten… Stella lebt noch, als sie von Christian aus dem Wasser geborgen wird, sie stirbt aber im Krankenhaus an ihrer schweren Kopfverletzung. An der Seebestattung der Geliebten kann er nicht teilnehmen, auf dem Boot ist kein Platz mehr, aber er fährt mit dem eigenen Schiff hinterher und sieht die Asche ins Meer rieseln, die Blumen der Trauergäste, die an die Vogelinsel treiben werden, auf der er und Stella…

Dem anschließenden Beerdigungskaffee entflieht er schnell, auch der Bitte einiger Lehrer, als Schülervertreter auf der Trauerfeier in der Schule ein paar Worte zu sprechen, kann er nicht nachkommen…..

************************

„Die Schweigeminute“ ist eine sehr einfühlsam erzählte Geschichte über das Wachsen einer Liebe, über die Träume, die sie weckt… über die Probleme auch, denn dieses Gefühl kümmert sich nicht darum, daß es gesellschaftlich nicht akzeptabel ist. Diese Liebe, die uns Lenz andeutet, ist daher vom ersten Moment an vom Scheitern bedroht, selbst wenn dieser schreckliche Unfall nicht geschehen wäre, wie hätte sich diese Liebe zwischen einem Schüler und seiner Lehrerin entwickeln können? Die Lenz´sche Sprache selbst ist so behutsam, so nur andeutend anstatt beschreibend, daß man das Gefühl hat, sie wolle die beiden Menschen so lange wie möglich selbst schonen, als würde deutlicheres als das, was wir uns beim Lesen denken, die so empfindliche Haut, die sich als Schutzschirm über Stella und Christian wölbt, zum Platzen bringen und die beiden endgültig der rauen Realität ausliefern.

Ein paar wenige Stellen nur wirken possierlich… wenn z.B. einem 18jährigen 2008 unterstellt wird, noch mit einer Kamera mit Film zu photographieren. Natürlich kann das sein, aber ist es auch wahrscheinlich? … eine Tagung findet im Ort statt, mit Beteiligung zweier Minister und ein Unbekannter, der Protagonist der Novelle, kommt ohne Sicherheitsüberprüfung in den Tagungssaal…. Marginalien, die den Genuss dieser leisen, melancholischen Annäherung an ein tragisch endendes, großes Gefühl nicht schmälern können.

Links und Anmerkungen:

diesmal nur eine, den Hinweis auf das Interview der ZEIT mit dem Autoren:

Ulrich Greiner: Erzähl es, damit du es besser verstehst!, DIE ZEIT, 08.05.2008 Nr. 20

Siegfried Lenz
Schweigeminute
diese Ausgabe: dtv, ca. 128 S., 2009

Advertisements

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: