Assia Djerba: Fern von Medina

Wie so oft spielt im Leben spielt in großen wie in kleinen Dingen der Zufall eine Rolle: ich habe dieses Büchlein auf einem Büchertauschtisch gesehen, der freundliche Einband hat mich angelacht und so habe ich es mitgenommen… also fern von systematischer Titelauswahl, von Interesse an der Autorin (Djeba: wer ist das [1, 2]?), schon eher dann eine Neugier auf das Thema: Frauengestalten in der Frühzeit des Islam und Frühzeit ist wirklich Frühzeit, die Zeit, in der der Islam nur von wenigen Menschen, einer Handvoll, der Familie des Propheten als Glauben angenommen und gelebt wurde… Der Islam ist nicht die Religion, in der die Frau eine herausragende Rolle spielt, ihr Wichtigkeit und Bedeutung zugebilligt wird (zugebilligt: schon dieses Wort, das voraussetzt, daß jemand da ist, der diese Billigung aussprechen könnte, der also höhere Befugnis hat…), also: „… zukommt“. Wie hat dies in den Anfangstagen des Islam ausgesehen, der sich erst auch im Reiben an der Realität entwickelnden Religion entwickelnden Religion?

Assia Djerba, hoch- und vielprämierte maghrebinische Schriftstellerin [1, 2, 3] gräbt tief, sie benutzt frühe Quellen. Ähnlich wie im setzen auch im Islam die Anfänge der schriftlichen Übelieferungen erst deutlich später ein, lange Zeit sorgt die mündliche Überlieferung für das Überleben der Geschichten und Episoden. Orwa, Enkel der Witwe des Propheten, etwa legt seine Erinnerungen an die Aussprüche seiner Tante mütterlicherseits als älterer Mann nieder – immerhin noch nach persönlicher Erinnerung. Hourani [4] merkt an, die erste schriftlich fixierten Berichte über das Leben des Propheten wären ein Jahrhundert nach seinem Tod angefertigt worden. Auf die Texte solcher Chronisten [5] greift Djerba zurück, auf die Frauengestalten, die dort erwähnt werden, oftmals nur in wenigen Zeilen, in Anmerkungen, bevor der Schreiber sie wieder versinken läßt in Sprachlosigkeit. Djerba nun nimmt dieses kurze Auftauchen ihrer Gestalten als Kristallisationskeim, um den herum sie die mögliche Konstellation, Situation erdichtet, sie stellt sich die Frage, wie könnte es gewesen sein, um zu dieser Aussage des Übermittlers geführt zu haben…. Damit erweckt sie ihre historischen Frauenfiguren zu neuem Leben, gibt ihnen Gestalt und Stimme, gibt ihnen Bedeutung.

Djerba taucht mit ihrem Geschichten ein in das Leben und das Umfeld der ersten Jahre nach der Hedschra [6]. Noch ist die Offenbarung, die Mohammed empfängt, nicht abgeschlossen, der Kreis der Gläubigen überschaubar klein. Die Familienverhältnisse sind kompliziert durch die erlaubte Polygamie, Vetternheiraten sind üblich, ebenso die Hochzeiten von Witwen mit Mitgliedern der Familie, die vielen Kämpfe und Feldzüge führen zu Toten, deren Angehörige versorgt werden müssen…. Der Übertritt zum Islam ist einfach, in kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen treten viele von ihnen zum neuem Glauben über. Aber die Bindungen sind schwach, es treten andere Menschen auf, die auch von sich behaupten, sie seien Propheten. Sadschah, eine Frau aus Mossul, ist so eine, mit einem Heer zieht sie in durch das Land und stellt sich gegen Khalid, den erfolgreichsten der Heerführer Mohammeds… die jeminitische Königin steht im Jahr 11 n.H. im Zentrum eines Komplotts in Sanaa, es ist das Jahr, in dem der Prophet stirbt, andere Frauen begleiten ihre Männer auf Feldzüge, werfen sich in die Schlacht, als die eigenen Reihen zu wanken beginnen und retten so den Sieg… List und Entschlossenheit, Mut und Kraft ist ihnen gegeben…. sie sind Seherinnen und Rebellinnen, sie werden verstoßen und überziehen den Propheten als Sängerinnen mit Spott und Hohn. Bitter büßt diese eine dies, die Sängerin, mit großer Grausamkeit wird sie nach der Niederlage ihres Stammes vom Feldherrn bestraft, die Zähne werden ihr ausgebrochen, die Hände abgehackt… aber sie bleibt ungebrochen…

Im Zentrum des Buches stehen aber zwei Frauen, Fatima und Aischa. Fatima ist das einzige Kind Mohammeds, das bei seinem Tod noch lebt. Vier Söhne und drei andere Töchter sind schon gestorben… wie hätte sich der Islam, wie hätte sich die Welt entwickelt, wenn es ein Sohn gewesen wäre, der am Totenbett des Propheten gestanden hätte? Mohammed starb, ohne einen Nachfolger bestimmt zu haben, wortlos drehte er sich von den Schreibern weg, die an sein Bett gerufen wurden.. man einigte darauf, Abu Bekr, den Schwiegervater Mohammeds zum Nachfolger, Kalifen“ (der Kalif war aber kein Prophet wie Mohammed) zu bestimmen. Die Chronisten sind sich nicht einig, wie genau es in diesen Tagen ablief….  aber Eile tat not, damit der neue Glauben nach dem Tod des Propheten nicht unterging, viele Stämme fühlten sich nicht mehr gebunden und kehrten zurück zum alten Glauben… Abu Bekr gab Fatima nicht das, was ihr zustand.. zwar hatte der Prophet den Frauen ein Erbrecht gegeben, doch hat er auch gesagt, ihm sei auf Erden alles nur von Gott geliehen und kein Besitz…. so verweigerte Abu Bekr ihr das Erbe an dem, was ihr Vater auf Erden zurückließ. Die Tochter hatte keine Macht, ihren Anspruch durchzusetzen, aber sie schleuderte den Männern ein „Nein“ entgegen, sie blieb standhaft bis zu ihrem eigenen Tod, wenige Monate später… sie verfügte, daß Aischa, die Tochter Abu Bekrs und „Mutter aller Gläubigen“ nicht an ihr Sterbebett kommen dürfe…

Deutet sich hier schon die Spaltung des Islam ab? Ali, Fatimas Mann/Witwer sollte Jahre später Kalif werden und wurde ermordet, ihr Sohn wurde Märtyrer, es kam zur Schia, der Abspaltung der Schiiten…

Mohammed lernte Aischa noch in Mekka kennen, vor der Flucht. Er heiratete das Mädchen, das kam 10 oder 11 Jahre alt war. Da seine zweite Frau auf den Anspruch ihrer Nächte mit dem Mann verzichtete (als Buße für eine Unbotmäßigkeit, nach der sie verstoßen worden war und um wieder aufgenommen zu werden), kam Aischa für Jahre zu dem Privileg, einzige zu sein, zu der Mohammed kam. Eine frühe Schwangerschaft verlief fehl, eine Verleumdung des jungen Mädchens noch, sie hätte Ehebruch begangen, führte zu einer erneuten Offenbarung beim Propheten, die Aischa von aller Schuld befreite…

So erzählt Djerba von insgesamt 17 historischen Frauenfiguren und zeichnet damit ein ungewöhnliches Bild der aufkommenden Weltreligion. Es ist ein sehr familiäres Bild, die Keimzelle des Islam war die Familie Mohammeds, Khadidscha, seine erste Frau, lange Zeit seine einzige, die früh verstarb. Dann enge Freunde, Verbündete, mit denen er aus Mekka in das spätere Medina flüchtete… Natürlich spielten die Frauen eine Rolle in der Familie (Djerba betont, daß die Wertschätzung für die Mütter seinerzeit noch bei weitem nicht so hoch war wie sie heutzutage ist), es gibt Beispiele tiefer Liebe zwischen Mann und Frau, aber auch Hochzeiten, die aus anderen, weltlicheren Gründen geschlossen wurden. Im normalen Geschichtsbild tauchen sie nicht auf, diese Frauen, Aischa und Fatima sind die Ausnahmen, Djerbas Buch, ihre Geschichten, Vermutungen – Visionen nennt sie es auch –  führen zweierlei vor Augen: zum einen, daß die Frau üblicherweise in der Geschichtsschreibung eben nicht beachtet und erwähnt wurde und andererseits, daß sie, wenngleich sie auch nie wirklich Macht hatten, sie so doch zur Geschichte, so sie ein zutreffendes Bild liefern, gehören. Das heißt nicht, daß sie jemals wirklich großen Einfluss im öffentlichen Leben gehabt hätten, dazu überließ ihnen die Männer zu keiner Zeit genügend Macht, aber im Hintergrund Einfluss auf das öffentliche Leben, die Politik, dieser Einfluss kam ihnen zu.

So ist Djerbas Buch ein sehr interessentes Gemälde bzw. Puzzle aus einer historisch sehr wichtigen Zeit. Da sie für ihre Frauenschicksale auf die Ursprungstexte zurückgreift, vermeidet sie, späteren Glättungen der Texte aufzusitzen. Sie schildert Einzelschicksale und verwebt sie zu einem Ganzen, dies in einer Sprache, die zum Teil sogar poetisch ist, die fragend ist und auch zweifelnd, die Raum läßt, um die eigenen Gedanken schweifen zu lassen.

Ich habe dieses Buch, wie gesagt, durch Zufall gefunden. Und das war gut so und so kann ich es jedem, der ihm zufällig begegnet, auf wärmste empfehlen!

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zur über Assia Djebar
[2] Iris Radisch: Die Welt besteht doch nur aus Geschichten, die sich aus Geschichten ergeben, DIE ZEIT, 26.11.2009 Nr. 49
[3] Assia Djerba als Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels 2000
[4] Albert Hourani: Die Geschichte der arabischen Völker, S. Fischer Verlag, 1992
[5] at-Tabari, ein Gelehrter persischer Abstammung ist einer dieser alten Chronisten: http://de.wikipedia.org/wiki/At-Tabarī
[6] der/Die Auszug/Flucht Mohammeds mit wenigen Getreuen von Mekka nach Yathrib (Medina). Dieses Ereignis setzt den Anfang der islamischen Zeitrechung, im abendländischen Kalender geschieht dies im Jahr 622 n.Ch.

Assia Djebar
Fern von Medina
Übersetzt aus dem Französischen von Hans Till
Originalausgabe: Paris, 1991
diese Ausgabe: Unionsverlag, TB, ca. 380 S., 1997

 

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