Carlos Ruiz Zafón: Marina

Marina ist ein früher Roman dieses herausragenden Erzählers aus Katalonien. Zafón stellt ihm als Einleitung eine Art Brief an die „Lieben Leser“ voran, in dem er sein Werk in einen biographischen Zusammenhang stellt, der zum Verständnis des Ganzen in der Tat beiträgt. Nachdem der Autor zuvor drei Romane für Jugendliche publiziert hat, ist „Marina“ demnach der erste Versuch einer persönlichen Auseinandersetzung Zafons mit der Stätte der eigenen Jugend, seinem geliebten Barcelona nämlich. Einem Barcelona, das es mittlerweile (der Roman ist in den Jahren 96/97 des letzten Jahrhunderts entstanden und die Handlung selbst endet auch in diesen Jahren) nicht mehr gibt, das abgerissen und saniert wurde. Das „Labyrinth der Geister“ ist jetzt selbst eins, das nur noch durch die Erinnerung am Leben gehalten wird – und durch Künstler, die es in ihrem Medium konservieren….

„Marina“, geschrieben vor den anderen großen Romanen Zafóns [1], hat einen fünfzehnjährigen Jungen zum Helden, Òscar Drai, der nach vielen Jahren der Abwesenheit von Barcelona wieder an die Stätte seiner Jugend zurückgekehrt ist und sich seinen Erinnerungen stellt. Oder in den Worten des Autoren:

Wir alle haben im Dachgeschoss der Seele ein Geheimnis unter Verschluss.
Das hier ist das meine.

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Was also hat der mittlerweile Dreißigjährige so viele Jahre unter der Hornhaut seiner Seele vergraben….?

Es beginnt recht harmlos. Óscar Diar besucht ein Internat im Stadteil Sarria, in den wenigen freien Stunden des Tages, am Spätnachmittag, streift er durch die Stadt, die Ende der siebziger Jahre, in denen der Roman spielt, „eine Fata Morgana von Boulevards und engen Gässchen, wo man allein beim Betreten eines Hausflurs oder eines Cafés dreißig oder vierzig in die Vergangenheit zurückreisen konnte.„. In dieser magischen Stadt entdeckt der Junge in einer der verborgenen Gässchen, die so verlassen sie vn den Menschen sind, bewohnt werden von den von verwilderten Gärten zugewucherten verlassenen Villen, gelbe Augen, die ihn beobachten: eine Katze mit einem Sperling im Maul….. Er geht ihm nach durch den Garten, er lauscht einer himmlischen Stimme, die durch die Luft schwebt und schließlich schleicht er sich in die Villa am Ende des Weges…. er betritt die Räume, es gleicht einer Zeitreise, die er unternimmt, alles ist Vergangenheit hier und er spürt die Atmosphäre einer Wehmut, des großen Verlustes einer nicht mehr existenten Zeit. Óscar sieht eine Taschenuhr, die er betrachtet, in die Hand nimmt, als er wahrnimmt, daß sich ihm eine unheimliche Gestalt nähert, nach ihm greift und er in wilder Flucht das Haus verläßt. Die Uhr, so merkt er zurückgekommen im Internat, hat er noch in der Hand….

Kurz und gut.. ein paar Tage später fasst er sich ein Herz und will die Uhr zurückbringen. Jetzt aber trifft er auf ein Mädchen, ein feengleiches Mädchen in seinem Alter, das offensichtlich in dieses Haus gehört. Marina, so ihr Name, stellt ihm auch den Kater vor, den er schon kennt: Kafka sein Name. Und sie nimmt ihn mit ins Haus, sagt ihm, er solle die Uhr selbst ihrem Vater zurückgeben.

Es entwickelt sich – wenig überraschend – im Lauf der nächsten Zeit eine Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Mädchen, die aber eine gewisse Grenze nicht überschreitet. Auch mit German, dem Vater Marinas, einem Mann, der von seinem Habitus in einer Zeit zu verweilen scheint, die Jahrzehnte vorbei ist, versteht er sich gut, er wird zum häufigen Gast in dieser alten Villa, die nur von Kerzen erhellt wird, und an deren Wänden Gemälde einer feengleichen Frau hängen, die zu leben scheinen….

Eines Tages nimmt Marina Óscar mit auf einen Friedhof, einen der verborgenen Orte in Sarría, einen der Orte, die fast keiner kennt und kaum einer findet.. Lange warten sie bis das geschieht, was Marina ihrem Freund zeigen will: eine in Schwarz gekleidete Frau erscheint vor einem Grab ohne Namen und legt eine Rose auf das Grab. Die beiden gehen der Frau nach….

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Was jetzt beginnt, mit diesem Friedhofsbesuch seinen Anfang und seinen Verlauf nimmt, ist eine (so habe ich mir während des Lesens auf meinem Notizblock notiert) wüste Geschichte, eine ziemlich wüste… ich will auch erst garnicht versuchen, sie hier in Gänze wiederzugeben.. ihren allerersten Ursprung, so erfährt man im Lauf des Buches, hat sie in der Kanalisation Prags, sie schwappt dann über nach Barcelona, wo ein genialer Prothesenkonstrukteur Karriere macht, reich wird und sich unsterblich in eine begnadete Sängerin verliebt. Er freit um diese junge Frau und um den Preis einer Todfeindschaft reißt er sie aus den Klauen ihrer Feinde… Mit dem Tag der Hochzeit der beiden aber beginnt der Niedergang.. ein ungeheuerliches Attentat zerstört alles…

Mit dieser Geschichte wird Barcelona endgültig zum „Labyrinth der Geister“, Zafón bemüht einen Großteil der Untoten, die die Literatur kennt. Wir begegnen dem Frankensteinmotiv bis hin zu der Figur des Dr. Shelley, Krallenklauen á la Nosferatu, Zombies und Untote, dunkle Pferdekutschen rumpeln durch die Straßen, selbst „Schweigen der Lämmer“ wird zitiert…. es wird düster in Barcelona, Regen, Sturm und Dunkelheit bestimmen die morbide Atmosphäre dieser Vorweihnachtszeit und gleich wie einem Vampir kann nur eine bestimmte Kugel den Oberzombie selbst den Garaus machen. Es gibt Essenzen, die zum Leben erwecken, aber bevölkert wird die Handlung von Sterbenden und Toten. Und mittendrin der 15jährige Knabe, unkaputtbar, denn im letzten Moment naht immer die Rettung….

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Pausen gönnt Zafón dem Leser, wenn er die zarte Geschichte zwischen Óscar und Marina weiterspinnt, deren Tragik man zu ahnen beginnt, wenn man im Lauf des Buches immer tiefer in die Familiengeschichte der Blaus eingeführt wird. Auch hier bestimmen Krankheit und Tod das Leben der Protagonisten, wenngleich auf eine dem Menschen gewohntere Art und Weise… zum Ende der Geschichte gibt es nur einen Überlebenden, zurück bleibt die Erinnerung und man erinnert sich nur an das, so einer der rätselhaften Sätze im Buch, was nie geschehen ist…. aber mussten nicht auch alles sterben, um weiterleben zu können in dem Labyrinth der Geister, in dem Barcelona, das selbst untergegangen ist? Óscar hat überlebt, hat Barcelona den Rücken gekehrt für viele Jahre, nach seiner Rückkehr findet er diese alte Stadt mit ihren dunklen Gassen, den Häusern, die Tore sind in die Vergangenheit nicht mehr wieder: sie ist ausgelöscht, abgerissen und durch seelenlose Neubauten ersetzt…

„Marina“ ist eine Liebeserklärung an Barcelona, eine atmosphärisch dichte Hommage an die Heimatstadt des Autoren, eine Erinnerung an seine Jugend mit ihren Träumen und Fantasien. Das große Theater, das Barcelona war, ein Theater für Träume und für Ängste auch, ist verschwunden so wie Zafón auch das Teatro Real in Flammen aufgehen läßt, nachdem er es noch einmal zur Bühne des letzten, ultimativen Aufeinandertreffens gemacht hat – auch dieser Brand ein Denkmal für einen bzw. zwei reale, von denen der letzte kurze Zeit vor dem Schreiben des Romans tobte [2].

Zafón ist ein großartiger Erzähler, auch wenn ich manchmal den Eindruck hatte, daß er seine Worte um der Worte willen schuf.. sei es drum, auch wenn manchmal ebenso die Grenze zum Kitsch haarscharf gestriffen, vielleicht sogar übertreten wurde, seine Geschichte, ein Mix aus Jugendbuch, Mysterie und Horror, entwickelt einen Bann, der zum Lesen verführt, der fesselt und hineinzieht. Was nimmt man mit aus diesem Buch, was bleibt einem nach dem Lesen? Dieses „Hach“-Gefühl, dieses Aufseufzen der Seele ob der Schicksale, die so tragisch verliefen, diese leichte Gefühl der Trauer ob des Untergangs der Bühne, auf der die Schicksale spielten – und so konnten nur auf dieser Bühne so spielen. Nicht die Logik spricht „Marina“ an, sondern die Sehnsüchte, die Nostalgie, nicht den Verstand berührt das Buch, sondern das Gefühl, das hinter dem Verstand sitzt und oft von uns versteckt wird.

So ist mein „Urteil“ über dieses Buch gespalten: es ist mit ihren Untoten keine Geschichte, die ich mochte, zudem eine Geschichte, deren innere Logik man direkt erkennbar ist (so sie eine hat…), aber es war eine, die mich in Bann gezogen hat, das Büchlein nicht mehr aus der Hand legen ließ, nicht zuletzt durch die bildreiche Sprache des Erzählers, die eine Verlockung ist – läßt man diese Verlockung zu.

Links und Anmerkungen:

[1] Weitere Werke von Zafón im Blog: Das Spiel des Engels und Der Schatten des Windes
[2] im  „Gran Teatre del Liceu“ Barcelona haben dieser Wiki-Aufstellung nach insgesamt zwei Brände getobt

Offene Fragen:

„Quim Sanat“, einer der Nebenfiguren des Romans, der Malerlehrer Germans, mit einem ungewöhnlichen Namen. Sanat: er, sie, es heilt, von sanare: heilen aus dem Lateinischen. So weit, so gut. „Quim“: wer mag, kann ja die deutsche Entsprechung des englischen Wortes nachschlagen, z.B. bei LEO… Kann man sich bei einem Autoren wie Zafón, der so viel mit Symbolen arbeitet, vorstellen, daß dieser Name mit dieser Bedeutung zufällig entstanden ist? Ist der Name also eine Charakterisier für einen Künstler, der die Damenwelt hofierte, mit Erfolg hofierte, eine Beschreibung der Figur, die mit zwei Worten sagt, wozu der Autor sonst unter Umständen viele Worte benötigt hätte? Fragen über Fragen….

Überhaupt die Namen… Florián, der alte Kommissar, auch eine Nebenfigur: aber auch namensgleicher Schutzpatron der Feuerwehr. Im Roman stirbt Florián, nach seinem Tod erst brennt das Theater. Zufall? Vielleicht…. ich vermute aber nein und es ist sicher noch viel mehr Symbolisches im Roman versteckt…

Carlos Ruiz Zafón
Marina
Übersetzt aus dem Spanischen von Peter Schwaar
Originalausgabe: Barcelona, 1999
diese Ausgabe: Fischer Taschen Bibliothek, HC, ca. 340 S., 2013

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4 Kommentare zu „Carlos Ruiz Zafón: Marina

  1. Ich mochte das Buch auch gern, Deine „offenen Fragen“ finde ich sehr spannend, mir ist das nicht aufgefallen. Müsste man jetzt glatt noch mal unter dieser Fragestellung lesen. Schade, eigentlich. Wir hatten das Buch vor kurzem im Lesekreis gelesen, das wäre sicher interessant geworden.

    LG,
    die Tintenelfe

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    1. … und wie ist das buch allgmein in eurem lesekreis aufgenommen worden? ich bin nämlich auch immer auf der suche nach titeln, die ich in meimem lesekreis vorschlagen/lesen könnte…..
      ich wünsch dir einen schönen tag und danke für deinen kommentar!
      lg
      fs

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      1. Insgesamt ganz gut, einigen war es zu düster und eine war auch etwas enttäuscht, da sie sich mehr versprochen davon hatte. Es gibt etwas zum Diskutieren her, aber nicht endlos lange.
        Bei meinem „Buchclub“ löste zuletzt „Weitlings Sommerfrische“ Begeisterung aus und bei den Buchschätzern „Chuzpe“ von Lily Brett. Letzteres kanna ber auch an den leckeren nachgekochten Klopsen liegen. ;-)
        Wir tun uns auch immer schwer mit der Auswahl von Büchern, deshalb gibt es bei den Buchschätzern auch gerade nur ein vorgegebenes Thema („Wasser“) – gar nicht so einfach, alle unter einen Hut zu bringen.

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        1. im grunde finde ich es immer gut, wenn die meinungen unterschiedlich sind. wir, i.e. „mein“ lesekreis, ist ja noch neu und zweimal waren wir einer meinung über das jeweilige buch, einmal im positiven, einmal im negativen sinn… da stockte die diskussion schnell und verlief sich im sande und im alltagsgeschehen… ;-)
          jetzt im august lesen wir von wells, becks letztes bier.. ähhh .. letzten sommer… mal schauen, wie das sich so macht…

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