Klester Cavalcanti: Der PISTOLEIRO

13. Juli 2013

„Der PISTOLEIRO“ gibt die Geschichte eines brasilianischen Mannes wieder, der in seiner Jahrzehnte langen Tätigkeit als Auftragsmörder fast 500 Menschen tötete. Der Autor des Buches, Klester Cavalcanti, ist ein bekannter Journalist in Brasilien, der im Rahmen einer Reportage einem Polizisten gegenüber, der ihm gesagt hatte, er würde jemanden kennen, sein Interesse bekundete, einen solchen „Pistoleiro“ zu treffen. Gegen seine Erwartung wurde Cavalcanti tatsächlich angerufen, es entwickelte sich ein mehrjähriger Telefonkontakt zwischen ihm und Júlio Santana. Ein persönliches Kennenlernen mit dem liebevollen und zärtlichen Ehemann und Familienvater fand erst sehr spät statt, auch zögerte Julio sehr lange mit der Erlaubnis, seinen echten Namen zu nennen.

Der junge, 17jährige Júlio lebte mit seiner Familie im mittleren Norden Brasiliens und wuchs dort an einem der Nebenflüsse des Amazonas auf. Es war ein unbeschwertes Leben, Júlio durchstreifte die Wälder, erlegte auch Wild, mit dem sich die Familie ernähren konnte. In der Nähe gab es kleine Ansiedlungen und Städte. Hin und wieder kam sein Onkel Cicero, ein Polizist, mit einem Motorboot zu der Familie und besuchte sie. Júlio verehrte seinen Onkel, ihm als einzigen konnte er zum Beispiel von seiner Liebe zu einem Mädchen aus einer benachbarten Siedlung erzählen….

Bei einem dieser Besuche wird der Onkel krank, ein Malariaanfall. Dies sollte zu dem Moment werden, der das Leben Júlios bestimmen wird. Cicero nämlich vertraut ihm an, daß er gegen Geld Menschen tötet und unter anderen auch wegen eines Auftrags hier sei, den er aber wegen seiner Krankheit jetzt nicht ausführen könne. Da er aber das Geld schon bekommen habe, müsse der Mann, ein Fischer, getötet werden, sonst würde er selbst große Probleme bekommen. Und da er, Júlio, so gut schiessen könne, müsse er dies für ihn erledigen.

Natürlich kann Júlio kaum fassen, was er da hört, ist entsetzt… aber falsch verstandene Loyalität, Angst um den Onkel, mangelndes Selbstvertrauen und Leichtgläubigkeit (er solle, so sein Onkel, hinterher ein paar Gebete sprechen, dann würde Gott ihm vergeben. Gott vergäbe alles Sünden, hat dies nicht der Priester gesagt?), vielleicht auch Stolz darauf, daß der Onkel ihm dies zutraut, lassen ihn versprechen, den Auftrag, aber nur diesen!, für den Onkel auszuführen….

Es dauert lange, bis der Junge wieder schlafen kann, wieder essen kann, bis er seine Tat halbwegs verdrängen kann… Monate später nimmt Cicero ihn mit in die Stadt, in der in dieser Zeit, Anfang der 70er Jahre, viel Militär zusammen gezogen wird, um Jagd auf Kommunisten zu machen [2]. Júlio als junger Mann, der sich gut im Urwald auskennt und gut schießen kann, ist dort willkommen, der Onkel hat ihn empfohlen. Zwar sollen gefasste Rebellen nicht getötet werden [1], dies beruhigt den Jungen, aber gefoltert werden sie – und sterben auch unter der Folter. Auch Júlio tötet wieder – durch Versehen, die junge Frau, auf deren Schulter er zielte, stolpert in seine Kugel, die ihr den Kopf zerschmettert….

Der Weg ist bereitet, Júlio hat das Gefühl kennen gelernt, der Macht über Leben und Tod. Nicht, daß er gerne töten würde, aber er spürt diesen Kitzel, den Reiz, über Leben und Tod zu entscheiden, wohl. Und so willigt er schließlich in den Vorschlag Ciceros ein, ein Auftragsmörder, ein Pistolero, zu werden. Lange Zeit arbeitet er mit Cicero zusammen, bis er dahinter kommt, daß dieser ihn betrügt und ausnutzt…. nach außen hin baut sich Santana eine ähnliche Legende als Polizist auf wie sein Onkel, er führt ein „normales“ Leben, heiratet, wird Vater…. Nach 35 Berufsjahren wird er fast 500 Menschen getötet haben, das Versprechen, dadurch ein reicher Mann zu werden, wird sich nicht eingelöst haben.

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„Der PISTOLEIRO“ ist ein verstörendes Buch und das gleich in mehrfacher Hinsicht. Ich habe das Auftragsmorden im letzten Absatz als „Berufs-“ bezeichnet, genau diesen Eindruck hat man nach der Lektüre: es ist die Alltäglichkeit des Mordens, die Banalität der Gründe, die verstört: ein Gewerkschafter soll getötet werden, der Bürgermeister fürchtet bei der nächsten Wahl dessen Popularität.. ein Vater kehrt öfter betrunken nach Hause zurück und schlägt seine Familie: der Sohn engagiert Júlio… ein Mann läßt seine Frau ertränken, aus Rache dafür, daß sie das Kind tötete… ein Geldverleiher will, daß sein säumiger Kunde stirbt.. in den großen Goldminen Brasiliens wird die Unterschlagung gefundenen Golds durch die Arbeiter durch Júlio geahndet… dieser muss für einen Auftrag in eine fremde Stadt fahren, dort verfolgt er sein Opfer, das in eine Bar einkehrt. Júlio ist von dem Barmädchen fasziniert, geht, als sein Opfer die Bar verläßt, hinter ihm her, tötet ihn, kehrt in die Bar zurück und bändelt mit dem Mädchen an – das er dann auch heiratet….

Knapp ein Jahr nach der Hochzeit beichtet er seiner Frau, womit er sein Geld verdient, es ist, so seine Rechtfertigung, das einzige, was er kann. Natürlich ist die Frau geschockt, auch die Ehe macht eine große Krise durch und die Frau nimmt ihm das Versprechen ab, aufzuhören… einlösen wird er es aber erst Jahrzehnte später und die Frau verläßt ihn nicht.. und jede Nacht, die er nicht zu Hause ist, weiß sie, was er macht….

Ganz offensichtlich braucht die Familie Santana keine Strafverfolgung zu fürchten, obwohl Júlio seine Taten spätestens mit der Veröffentlichung des Buches und seines Namens zugegeben hat. Auch das verstörend….

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Júlio Santana vereint in sich zwei Gesichter: das des liebevollen und zärtlichen Ehemanns und Vaters und das des Mörders. Dabei läßt er sich nie von Gefühlen leiten, nie hasst er seine Opfer, er versucht im Gegenteil, möglichst wenig von ihnen zu erfahren. Lernt er duch einen Zufall z.B. ihre Kinder kennen (wenn beispielsweise eins der Kinder anstatt dem Opfer die Tür öffnet…) stört ihn dies: es schafft einen menschlichen Bezug zum Opfer, den er nicht will. Verdrängung ist der Mechanismus, mit dem er seine Seele beruhigt. Primitiv sind die „Rechtfertigungen“: Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderem, aber wenn ich es mache, habe ich wenigstens einen Nutzen davon. Diese „Rechtfertigung“ stellt Santana in die Reihe vieler anderer (wenngleich auch als vllt herausragendes Beispiel), die unmenschliches an Menschen verüben: Folterer, Kerkermeister, Denunzianten… die Motive mögen unterschiedlich sein, handelt der eine für Geld, mag für den anderen Ideologisches Beweggrund sein: meist läuft es auf dasselbe hinaus, Menschen werden willentlich weggesperrt, gefoltert, getötet. Und soweit weg ist dieses Verhaltensmuster nicht: ist ein „vernünftiger“ Grund gegeben, wären viele bereit, zu foltern, eventuell sogar zu töten. „Folter, das Quälen von Menschen.. das Potential dazu, und das ist das Erschreckende, ist nicht so weit entfernt, wie man glauben mag. Ein „vernünftiger“ Grund, und viele wären bereit dazu, so wie der ehemalige stellvertretende Frankfurter Polizeipräsidenten Wolfgang Daschner zu handeln …. vllt kennt auch der eine oder andere „Das Experiment“ und die dem Film zugrunde liegenden Untersuchungsergebnisse entsprechender Versuche von Milgram.“ habe ich an anderer Stelle [3] geschrieben, es gilt hier genauso…

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Cavalcantis Buch ist eine Reportage, die beschreibt. Sie bewertet nicht, sie analysiert auch wenig. Sie widmet sich relativ ausführlich dem Beginn der „Karriere“ Santanas, um dann an einigen wenigen Beispielen die Vorgehensweise Júlios bei seinen Morden zu beschreiben und auch die Motivation der Auftraggeber zu schildern. Denn ohne diese Mentalität (die, so der Verfasser, auch heute noch nicht ausgestorben ist), der Problemlösung durch Beseitigung des Kontrahenten gäbe es Pistoleros wie Santana ja nicht. Er ist „nur“ ein markantes (und öffentlich gewordenes) Beispiel für die Exzesse einer gewaltbereiten Gesellschaft, einer korrupten Gesellschaft auch, in der ein Menschenleben unter Umständen nur wenig Wert hat. Mord war (und ist?) in Brasilien auch ein Mittel der politischen „Auseinandersetzung“, zu der Santana – ob im Großen wie bei der Jagd der Militärdiktatur auf die Kommunisten in den 70ern oder im Kleinen wie bei der Ermordung politischer Gegner seiner jeweiligen Auftragsgeber – Berührungspunkte hatte, ohne daß dieser wohl – so der Autor – die größeren Zusammenhänge erkannte.

Es ist sehr hilfreich, daß der Autor, z.T. auch der Übersetzer in Anmerkungen und Fußnoten Erläuterungen geben, die für uns Leser, denen die Geschichte Brasiliens natürlich nicht sonderlich präsent sein dürfte, Zusammenhänge herstellen. So gewinnt das persönliche Schicksal Santanas eine politische, eine größere Dimension, denn der Santanas wird es mehrere, viele gegeben haben und so kann man vllt sogar behaupten, daß die Pistoleros einigen Einfluss auf das politische Schicksal Brasiliens gehabt haben. Letztlich ist die Figur Santana auch ein Bild der brasilianischen Gesellschaft, die eher auf Gewalt als Mittel der Problemlösung setzt als auf friedlichere Methoden.

Als Facit bleibt, daß „Der PISTOLEIRO“ eine nüchterne, gut geschriebene, aber verstörende Darstellung einer scheinbaren Normalität gibt, das Bild einer Gesellschaft (zumindest partiell) , in der das Ermorden von Menschen geschäftsmäßig als Broterwerb ausgeübt werden kann. Es klingt alles so alltäglich, daß man muss sich beim Lesen sogar davor hüten muss, Verständnis für Júlio zu entwickeln, denn selbstverständlich hätte Júlio sich seinerzeit auch anders entscheiden können, als ihn sein Onkel damals in sein Geheimnis einweihte. Selbst eine gewisse Schlichtheit und Naivität, die man ihm wohl zubilligen muss, kann ihn nicht entschuldigen. Das Gebot „Du sollst nicht töten!“ ist eindeutig – und Júlio Santana kannte es.

Links und Anmerkungen:

[1] bezüglich der Tötungsabsicht gibt es aber auch gegenteilige Aussagen: „Der Oberleutnant selbst, José Vargas Jiménez, berichtete im Interview als erster ehemaliger Militär über die Aktion und den „Verbleib“ der Guerrilha. Er selbst war verantwortlich – so die Agentur – für die Exekution von 32 Guerrilheiros der Araguaia und sagt: „Der Befehl war, erst zu schießen und dann zu fragen. Wir gingen da rein, um zu töten, zu zerstören. Es ging nicht darum, Gefangene zu machen.“ Quelle: Forschungs- und Dokumentationszentrum Chile-Lateinamerika e.V., Berlin: Seit 26 Jahren prozessieren die Angehörigen der Verschwundenen der Guerrilha do Araguaia gegen den brasilianischen Staat, http://www.fdcl-berlin.de/1399/. Diese Aussage bezieht sich auf genau die Region, in der auch Júlio mit dem Militär unterwegs war…
[2] Wiki-Artikel: Guerilla von Araguaia
[3] Buchvorstellung von Periklis Korovessis: Die Menschenwärter

Klester Cavalcanti
Der PISTOLEIRO
Die wahre Geschichte eines Auftragsmörders
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Wanda Jakob und Michael Kegler
Originalausgabe: Sao Paulo 2006
diese Ausgabe: Transit-Verlag, HC, 168 S., 201

Ich danke dem Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplares

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6 Responses to “Klester Cavalcanti: Der PISTOLEIRO”

  1. macg82 Says:

    Hallo,

    ich habe vor ein paar Wochen in der FAZ eine Besprechung zu diesem Buch gesehen und war sofort angetan. Es ist schon in der Warteschleife und nach dieser Besprechung bin ich nun noch mehr gespannt, wie es ist. Ich stelle es mir als eine Mischung aus Faszination und Bauchschmerzen vor, wenn man es liest.

    P.S.: Schöner Blog und klasse Beiträge. Wäre schön, wenn du auch mal bei mir vorbeischaust.

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  2. Andy Says:

    Danke für die Beschreibung! Ein Buch das sich zu lesen lohnt!
    Vielen Dank auch für all die guten Beiträge!

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  3. […] weniger geworden, es zu lesen. Als erstes habe ich in der faz davon gelesen und kurz darauf bei ausgelesen und nun bei danares. Dieses Buch von Kleser Cavalcanti zeichnet die Geschichte von Julio nach, der […]

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  4. […] meiner Seite eine absolute Leseempfehlung, die auch flattersatz von aus.gelesen und danares.mag mit ihren jeweiligen Beiträgen zu diesem Buch […]

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