Cord Riechelmann: Krähen

5. Juli 2013

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Ich mag keine Krähen,
ich mag nicht wie sie gehen, fliegen
und sich anschreien,
ich höre auch ihr Krächzen nicht gern.

Cord Riechelmann wird mir verzeihen, wenn ich sein Bekenntnis derart für mich abgewandelt habe. Ich mag Krähen wirklich nicht. Sie wohnen mit ihrem Nest vllt drei, na ja, seien wir großzügig, fünf Meter von meinem Haus weg, in einer lichten Birke. Das Nest ist in einer Höhe, daß ich nicht ohne weiteres drankomme, zugegeben, ich setze trotz meines Ärgers auch keinen allzu großen Ehrgeiz daran, es zu zerstören. So fliegen sie um mein Haus, sitzen in den Bäumen (wir haben eine alten Baumbestand direkt am Haus) mit ihrem Genossen, streiten sich mit ihnen, Kreischen und Krächzen. Sie fliegen Attacken auf die Fenster, suchen sie dort Getier an den Scheiben oder lockt sie eine Spiegelung? Es ist ein dumpfes Pochen, das einem Schlag folgt, der durch das ganze Haus schallt, es sind zum Teil alte Fenster, waren sie es, die den Fensterkitt herausgepickt haben?

Ich mag Greife, ich ärgere mich, wenn ich sehe, wie der Bussard (der mir die Mäuse aus der Weide fangen soll, weil diese jene zerstören mit ihrem Nagewerk…) von Krähen attackiert wird, sich kaum zu wehren weiß. Es sind ihrer immer mehrere, sie wechseln sich ab, stoßen auf ihn nieder, stören ihn, kreischen ihn an. Er kommt nicht zu Ruhe. Sie gehen auch den Milan an, obwohl dies seltener zu beobachten ist. Ich weiß mich (und Cord Riechelmann weiß es auch) mit meiner Meinung über Krähen nicht allein…

Wird im Herbst geackert, sind sie schwarmweise auf der braunen Krume versammelt und holen sich die durch den Pflug ihrer Bauten beraubten Mäuse. Gute Krähe! sag ich dann…. auch im Garten stolzieren sie durchs Gras (Elstern übrigens nicht minder), nicht um zu flanieren, sondern um sich der Walnüsse zu bedienen, die der Wind des nachts vom Baum schüttelte (und die ich selbst gerne geerntet hätte)…. die Feldwege rund um umser Haus sind im Herbst voll mit Nussschalen….

Das Bild, mit dem ich meine Buchvorstellung eröffnete, ist auf dem Gipfel der Caldera Blanca auf Lanzarote aufgenommen. Dort – welch ein fantastischer Rundblick ist dort oben! – haben Krähen (oder sind es Raben?) ihr Revier, sie besuchen die Wanderer, beäugen sie, haben keine Schue. Wir, die wir mittlerweile davon wussten, waren eingerichtet, Krähen scheinen Müsliriegel zu mögen, jedenfalls wurden wir sie schnell an die Befiederten los. Offensichtlich herrscht also doch keine Todfeindschaft zwischen ihnen und mir, wenn ich zu geben bereit bin und sie zu nehmen…. ;-)

Cord Riechelmann ist selbst in zwei verschiedenen Welten zu Hause, so wie die Krähen, denen er dieses wunderschöne Büchlein widmet. Er ist studierte Biologe und Philosoph, ist also in einer „realen“ und einer „geistigen“ Welt beheimatet – so wie sein Objekt. Denn die Krähe, das lernen wir, ist nicht nur intelligentes (was Riechelmann mit einigen Beispielen belegt, wobei die Kenntnis darüber eigentlich schon zum Allgemeinwissen gehört) und ganz reales Mitgeschöpf, sie ist auch ein Tier der Mythen, der Sagen, der Götter. Angefangen aus den nordischen Götterwelten mit Wotans Raben bis hin zu den Krähen, die als Totemtiere der indigenen Völker Amerikas hohen Ansehen genossen. In Indien gar gibt es Pflegestationen, Altersheime für kranke, siech gewordene Krähen…

Ihr Status ist unterschiedlich. Raben begleiteten die Raubzüge der Wikinger, sie erfreuten sich am Aas (wie überhaupt im Mittelalter die Krähen zusammen mit Geiern für die hygienische Entsorgung von Aas sorgten, wobei ihnen die Tatsache, daß sie auch die Gehenkten und Gepfählten, die achtlos auf dem Anger dahinrottenden verzehrten, nicht zum Vorteil gereichte), an den Toten der Schlachten (etwas unglücklich die Wortwahl im Text: der „Schlachtvogel“ sollte vllt besser der „Schlachtenvogel“ heißen…) und wurden bald auch ohne Wikinger dadurch zum Boten der Toten – unterstützt sicherlich durch ihre schwarze Farbe. Im Amerika färbte das enge Verhältnis der Krähen zu Kojoten auf das Ansehen der Vögel ab: waren Kojoten für die Indianer heilige Tiere, verachteten die Weißen sie und daher auch den Raben. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus, Krähenfüße für die Fältchen unter den Augen, der eingebildete Rabe aus den Äsopschen Fabel – Beispiele für die negative Konnotation, die mit diesem Vogel im westlichen Kulturkreis im Gegensatz zu vielen Naturvölkern besonders in Asien und Amerika einhergeht.

Aber nicht nur diese philosophischen und auch soziologischen Ausflüge unternimmt Riechelmann, natürlich beschreibt er auch die Krähe, den Raben an sich, sein Aussehen, sein praktisch ubiquitäres Vorkommen, sein Verhalten, seine Eigenschaften. So seltsam es scheint, sieht man die großen Schwärme, offensichtlich macht die intensive Landwirtschaft ihnen Probleme und so wird die Krähe oftmals zum Naturflüchter und siedelt sich in der Stadt an, wobei sie ihr Sozialverhalten an die geänderten Bedingungen anpassen kann – ihre natürliche Intelligenz, ihr Spieltrieb macht ihr dies leicht. Werkzeuggebrauch und -herstellung ist nachgewiesen, auch ein Ich-Bewusstsein scheint vorhanden, das (im Vergleich zum Säugerhirn völlig unterschiedlich strukturierte) Gehirn ist zu außergewöhlichen Gedächtnisleistungen fähig. 30.000 versteckte Samen in 6000 verschiedenen Verstecken. Hochachtung, auch vor dem, der das zählte (und zu einem belastbaren Ergebnis kam)…

Riechelmann ist herumgereist in der Welt, auf der Spur der Krähen. Diese haben 1979 vllt ihren größten Coup geleistet: in der EU trat die Europäische Vogelschutzrichtlinie in Kraft, die ausnahmslos alle Singvögel unter Schutz stellte. Und Krähen sind Singvögel, die größten sogar, aber kaum vorstellbar, daß ihr Schutz in diesem Ausmass beabsichtigt war… seitdem sind zumindest die Auswüchse jagdlicher Nachstellungen abgestellt.. auf der Spur der Krähen: Riechelmann beschreibt diejenigen Arten, die er selbst beobachten konnte auf allen Kontinenten, zwanzig an der Zahl.

„Krähen“ ist ein Buch pro Krähe, Riechelmann, der in Berlin wohnt und Krähenbeobachtung vor der Haustür durchführen kann, beschreibt die Vögel mit viel Sympathie. Er versucht, viele Vorurteile, die gegen sie herrschen, auszuräumen oder zumindest zu relativieren, er versucht, Wohlwollen den Tieren gegenüber zu wecken und wartet mit vielen imponierenden Beispielen über ihre Fähigkeiten, ihr Verhalten und ihr Können auf. Und es gelingt ihm – vielleicht nicht gerade überschäumende Sympathie, aber doch vermehrtes Verständnis für die Vögel zu wecken, die uns seit altersher begleiten – im Guten wie im Schlechten.

Das Büchlein selbst (es ist in einer neuen Serie „Naturkunden„, die von Judith Schalansky bei Matthes&Seitz, Berlin, herausgegeben wird, erschienen) ist ein besonderes unter den Büchern, natürlich in Rabenfarbe gehalten, natürlich in schönem Druck auf schönem Papier, mit alten Abbildungen und mit Karten über die Verbreitungsgebiete. Leider ist es als Geschenk nur bedingt geeignet, wenn man das Buch nämlich noch nicht selbst besitzt, wird man es kaum wieder aus der Hand geben wollen….

Mein Facit: Nevermore  Evermore
kraehe2
Cord Riechelmann
Krähen
Ein Portrait
diese Ausgabe:
Matthes&Seitz, Naturkunden, HC, 155 S., 2013

p.s.: und falls es der Zufall will und Herr Riechelmann diese Buchvorstellung liest, kann er ja vllt meine alte Frage beantworten (und ich wäre ihm sehr dankbar dafür): zu welcher Art gehört mein Freund auf diesem Bild:

(c) Bilder: F. Satz

Auch sehr hübsch sind diese im Schnee spielenden Krähen:  http://ausgelesen.tumblr.com/post/76971603242/das-reblogge-ich-mal-weil-es-so-schoen-zum-buch

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5 Responses to “Cord Riechelmann: Krähen”

  1. Karin Says:

    -:))) ich würde sagen, das ist ein ausgewachsener bildschöner Kolkrabe Corvus corax…oder? ein tolles Foto!

    Die lieben ungeliebten Krähen und Rabenvögel….ich habe sie lieben gelernt nach der Lektüre von Bernd Heinrich’s Die Seele der Raben und dieses neue wirklich wunderschön ausgestattete Büchlein vom Herrn Riechelmann, das ich mir sofort gekauft habe, ergänzt das erste wunderbar.
    Und natürlich muß man auch vom Marcel Beyer „Kaltenburg“ lesen…. 150 Seiten ziehen hunderte nach……seuffzzz

    Natürlich ziehe ich auch die Stirn kraus, wenn sie hier laut krächzend auf den Dächern, in den Bäumen sitzen und der Vogelbrut auflauern, allerdings wenn ich laut in die Hände klatsche, fliegen sie sofort weg…sie scheinen Respekt vor mir zu haben -:)))
    Auf den Mainwiesen gibt es richtige Krähenbäume mit großen Kolonien und dort staksen sie auch im Winter und Sommer herum und dezimieren die Mäuse.
    Wir Menschen zwingen sie ja in die Stadt, weil wir ihren Lebensraum beschneiden……und dann schimpfen wir.

    Allerdings habe ich erlebt, dass drei Amselpärchen einen Raben in die Flucht geschlagen haben…gemeinsam haben sie ihn in der Luft angegriffen….. ja…Einigkeit macht stark…..

    In meiner Kindheit waren Spatzen die Plage schlechthin und heute stehen sie unter Naturschutz….wird es mit den Raben auch so sein?

    Und für Ihre kostbaren Fenster, lieber Flattersatz, empfehle ich diese Aufkleber mit den Vogelattrappen ….vielleicht hilft das etwas.
    Söhnen Sie sich aus mit diesem Krächzsingvogel und probieren Sie es mal mit dem Händeklatschen…..
    Diese neue Reihe Naturkunden ist eine Wonne…alle Bücher wunderbar ausgestattet, zwar preislich im oberen Segment, aber sie sind es wert….

    mit liebem Gruß zum Wochenende

    Karin

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    • flattersatz Says:

      ich habe schon ganz wunde hände, liebe karin… manchmal klappt es gut. da kommt das krähenpärchen angeflogen und will sich auf die balkonbrüstung setzen und ich warte wie ein kistenteufelchen ab bis ganz kurz vor´m landen und dann spring ich lachend und mich freuend, leichten herzens voller schadenfreude vor das fenster und winke ihnen zu und sie müssen den landeanflug abbrechen und abdrehen.. ja, manchmal erfreuen auch die kleinen siege… *lol*

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  2. […] ähnelt das Buch in seinem Aufbau dem in der gleichen Reihe schon erschienen Portraits über die Krähen. Dies alles ist mit zum Teil wunderhüschen Abbildungen, sprich alten Stichen, Fotos, Gemäldern […]

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  3. Bernd Says:

    Mich wundert schon, dass Du nach Riechelmanns Lektüre Krähen nicht magst. Ich mag sie.
    Nein einfach nur wegen ihrer Intelligenz, sondern weil
    – ihre Intelligenz uns Menschen in vielerlei Beziehung ähnlich, aber moralisch besser macht (wir Menschen zerstören unsere Umwelt – nicht die Krähen!)
    – ihr Verhalten einfach witzig-komisch ist und mich schon öfters zum Lachen gebracht hat
    – ich manchmal so den Eindruck habe, Krähen (und Raben) halten uns Menschen mit ihrem Verhalten einen Spiegel vors Gesicht

    Das Schlimme ist, dass heute immer noch massenhaft Greuelgeschichten über mordende Raben und Krähen in Umlauf gebracht werden, die nicht als Ausdruck einer maßlosen Dummheit und Arroganz sind.

    An Karin: Rabenvögel sind in der gesamten Europäischen Union wie alle anderen Singvögel auch, streng geschützt.

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    • flattersatz Says:

      lieber bernd, herzlichen dank für deinen kommentar… aber:

      Was den schutz angeht: „Nach der EU-Vogelschutzrichtlinie sind sämtliche in der Europäischen Union vorkommenden Vogelarten geschützt. Rabenvögel werden seit 1994 im Anhang II (jagdbare Arten) der EU-Vogelschutzrichtline geführt. Nach dieser Regelung werden u. a. in Bayern bis heute jährlich durchschnittlich 25.000 Elstern, 30.000 Eichelhäher und 45.000 Rabenkrähen geschossen (Zahlen aus dem Bayerischen Agrarbericht für die Jahre 2000/2001 bis 2008/2009). Bei einem Gesamtbestand der Elster in Bayern von 80.000 – 250.000 Vögeln sind das 10% – 30% des Bestands und damit eine enorme Menge.“ (zitiert nach hier)

      was das mögen angeht: ich wohne etwas ausserhalb, das haus umgeben von bäumen und hecken. parallel zur zunahme an rabenvögeln sind in den letzten 20 jahren die kleinen singvogelarten verschwunden. wir haben – egal, was riechelmann sagt – keine meisen mehr ums haus, keine finken, keine spatzen… aber krähen. die auf den fensterbänken sitzen und die silikonisolierung herausziehen, die einen höllenlärm machen, der mich schlicht und einfach nervt, die bei der hundeausbildung sämtliche mit viel mühe platzierten leckerlis finden und fressen, sie attackieren die greife bei der beutesuche… sie mögen intelligent sein, sympathisch sind sie mir nicht.

      … und das sie mir einen spiegel vor´s gesicht halten, glaube ich auch nicht…. ;-)

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