Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

Es ist der Traum von einem Ort, an dem man zu sich kommen kann,
wo man nicht primär leben, sondern überleben muss.
“ [4]

Nimmt man dieses Buch, ein Buch, das hochgelobt und ausgezeichnet ist [1, 2], in die Hand, will man es nicht mehr zur Seite legen, denn dieser „Atlas der abgelegenen Inseln“ ist ein Schmuckstück, ein kleines Od in der Bücherwand, in der man es nicht einfach einreihen sollte, sondern herausheben, in die Front stellen…. damit habe ich jetzt zwar schon die Zusammenfassung meiner Buchvorstellung an den Anfang gerückt, aber ich hoffe, jede/n dadurch so neugierig gemacht zu haben, daß er/sie trotzdem weiterliest..

insel

„Reif für die Insel“: wer würde diesen Spruch nicht kennen, ihn nicht selber schon gebraucht haben in den Momenten, in denen die Erschöpfung, die Müdigkeit nach einem greift, die Erwartungen und Ansprüche des Umfelds einen zu überrollen drohen und man einfach weg will… die Bilder erscheinen sofort vor Augen, das türkisblaue Meer, ein heller, fast weißer Sandstrand (man meint die leichte Brise, die die Palmenzweige kaum zu bewegen vermag, förmlich zu spüren), eine Liege, eine kleine Hütte, ein bestückter Sektkühler… in pragmatischeren Vorstellungen mag sich vllt sogar eine Kühlbox einschleichen und damit kommen wir dem Eigentümlichen einer Insel, einer so kleinen zumal, schon näher: sie nährt nicht, sie kann Leben nicht über ein gewisses Maß erhalten: Eine Insel kann ein Paradies sein und eine Hölle.

Im letzten GEO-Heft [3] war ein Luftbild der Insel Tromlin, über die auch Schalansky spricht. Dieses Eiland liegt vor Madagaskar (ja, da, wo die Pest an Bord war…), ein Fleckchen Öde im Meer, 2000 m lang, 800 m breit, auf dem Bild ist kein Baum zu sehen, kein Strauch, heutzutage ist mittig eine Landebahn (für wen nur?).. ein Fuss(?)pfad scheint am Ufer (wie begrenzt sich das Ufer gegen das Inland auf so einer schmalen Insel überhaupt?) entlang zu führen, kaum vorstellbar aber, daß hier Tier oder gar Menschen laufen würden. Vor über zweihundertfünfzig Jahren, 1760, havariert ein Schiff der Ostindischen Handelskompanie in einem Unwetter am Riff dieser Insel. Auf dem Schiff befanden sich (illegal) 60 Sklaven… nachdem die Überlebenden aus den Resten ihres Schiffes ein Notboot gebaut hatten, fuhren die französische Matrosen mit dem Versprechen, Hilfe zu holen, davon… zurückgeblieben waren die Sklaven. Hilfe kommt nicht. 15 Jahre später entdeckt eine französisches Korvette unter dem Kommando von Chevalier de Tromlin durch Zufall auf dieser Insel 15 Frauen und ein Baby und nimmt sie an Bord. Wie diese Menschen überlebt haben, ist nicht bekannt, sieht man das Bild der Insel, ist es auch kaum vorstellbar….

Derart können Inseln sein.

Auf Tikopia (ein zweites Beispiel), einem weniger als 5 km² großen Flecken halbwegs trockenem Lands irgendwo, ein paar tausend Kilometer nordöstlich Australiens leben 1200 Menschen. Kein einziger mehr, denn mehr kann die Insel nicht ernähren, in schlechten Jahren, nach Stürmen oder Dürren reicht es noch nicht einmal für dieser… bis zur bittersten, für uns kaum vorstellbaren Konsequenz gilt diese Zahl.. es ist besser, mit dem Boot hinaus aufs Meer zu fahren als zu verhungern….

Derart können Inseln sein.

Sie können Heimstatt werden für Menschen, die sich ihr eigenes utopisches Königreich errichten wollen, auch wenn es ihnen dort an Untertanen gebricht, sie können Zufluchtsort für Menschen sein, die ihr Leben dort mit dem Spaten verbringen auf der Suche nach den vergrabenen Schätzen, sie können auf Zeit Arbeitsstelle sein für Menschen, die das Leben dort beobachten, registrieren, festhalten. Sie können die letzte Rettung sein für Schiffbrüchige, die dort vom Meer abgelagert werden, sie können der Ort sein, an dem die Menschen das höllische Sonnenfeuer ausprobieren, mit dem sie sich selbst vernichten können…. Inseln können Orte sein, auf denen die Sonne alles zu Stein und Staub dörrt, Orte, die von Eis bedeckt und steilen Felsen gegen das Wasser abgegrenzt nur Vögeln eine Heimstatt bieten… Inseln können die einsamsten Orte sein auf Erden.

Derart können Inseln sein.

Und genau solche Inseln, im wahrsten Sinn des Wortes, solche Staubkörner im unendlich scheinenden Ozean stellt Schalansky vor, schildert ihre Geschichte oder ein herausragendes Ereignis, das sich auf ihnen abspielte. Oft sind die Eilande nur wenige Quadratkilometer groß, manche nur von einer Handvoll Menschen bislang betreten, für manche gibt sie Einwohnerzahlen an, einstellige zum Teil. Was machen diese Menschen auf so einem sturmumtosten, unwirtlichen Flecken Land, wovon leben sie, welcher Internetprovider bedient sie?

Schalansky Inseln sind über die ganze Erde verstreut [5], sie liegen in den eiskalten Meeren des hohen Nordens ebenso wie im südlichen Eismeer, im Indischen Ozean so wie im Pazifik oder Atlantik. Von manchen dieser Inseln hat man schon gehört, so wie von der Robinsons oder von Pitcairn, auf der die Meuterer der Bounty sich ansiedelten. Wer Ransmayr gelesen hat, kennt auch die Inseln des Franz-Josephs-Land, ebenso wie Guam sich als unsinkbarer amerikanischer Flugzeugträger ins Wissen gesetzt hat… die meisten Inseln jedoch kennt man nicht und man möchte sie wohl auch im Ernst nicht kennenlernen, fast möchte man meinen, ihre Existenzberechtigung (aus menschlicher Sicht) sei es, Objekt zu werden für so ein schönes Buch wie das von Schalansky…

Die Beiträge zu den jeweiligen Inseln sind nach einem einheitlichen Schema gestaltet, der Charakterisierung der Insel ist auf der gegenüberliegenden Seite eine Karte beigegeben, immer im gleichen Massstab (der sich wahrscheinlich nach der größten der vorgestellten Inseln richtete, die ja in toto auf die Seite gebracht werden sollte). Dies macht anschaulich, wie klein manche der Flecken sind: man findet sie kaum im Ozean….

Den Portraits setzt die Autorin einen Aufsatz vorweg, in dem sie sich über das Wesen eines Atlasses und dessen Wirkung auf den Betrachter ausläßt. Der Atlas als ein Ort des Träumens, der Fantasie… wer (zumindest aus der Generation der Menschen, die noch mit dem Diercke-Weltatlas groß geworden sind und nicht mit google-earth) hat nicht als Kind vor der Weltkugel gesessen oder deren Ausschnitten und ist mit dem Finger gereist? Hat den Amazonas erkundet, den Himalaya bestiegen, den Sand der Sahara gespürt und die Tiefe des Marianengrabens gefühlt? Der Atlas als Heimat der Sehnsüchte nach Ferne, nach Abenteuer, nach Entdeckung…

Im Atlas ist die Welt beherrschbar, heruntergebrochen aus ihrer Dreidimensionalität auf buntes, flaches Papier, eingefärbt, von Linien durchzogen, die Flüsse darstellen, Eisenbahnen, Grenzen oder auch Anstiege, Höhenmeter und Untiefen. Im Atlas sind dies alles keine Hindernisse, Länder, Regionen, mögen sie noch so ferne sein, sind erreichbar und mit geschlossenen Augen kann der Fingerreisende sich das Ziel der Träume sogar bildlich ausmalen. Wie sehr man sich täuschen kann damit, um wie vieles größer die Erde ist als der Mensch, wird einem erst bewusst, wenn man sie in realiter zu bewältigen versucht [6]…. und ebenso ein Kunstwerk ist ein Atlas, ein kartographisches Meisterstück in seiner Herstellung und Codierung, seinen Symbolen, seinen Linien, Abgrenzungen und Zeichen….

In Japan, so las ich einmal, wird in den Steingärten von Zen-Klöstern, nachdem diese im Herbst von gefallenem Laub befreit wurden, wieder das eine oder andere Blatt auf das Kiesbett geworfen und damit das Perfekte wieder auf das menschliche Maß gebracht. In Schalanskys Atlas sind diese Herbstlaubblätter für mich die Walfischkadaver, die am Strand der Bäreninsel Zeugnis vom Kreislauf des Lebens ablegen…

Vielleicht vermutet es der eine oder andere Leser, der meine Buchvorstellung bis hierin durchgehalten hat: ja, das Buch hat mir gefallen, es ist ein Schatz in meinem Schrank. Daher kann ich jedem, der Freude hat am Buch an sich (und dies ist auch noch ein interessantes dazu) den Kauf unbedingt empfehlen, aber wenn schon, dann denke ich, die Hardcover-Ausgabe, ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß die TB-Ausgabe die Schönheit der gebundenen Version auch zu bieten vermag.

Links und Anmerkungen:

[1] – Stiftung Buchkunst 2009: 1. Preis (p.s.: leider funktioniert der weiterführende Link auf dieser Seite der Stifung nicht….. p.s.s.: der Preis für 2012 ist übrigens wieder an einen Titel von Judith Schalansky verliehen worden: Der Hals der Giraffe)
[2] Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2011: Silber. Hier habe ich leider keinen wirklich erhellenden Link gefunden bis auf die reine Preisträgerliste
[3] GEO, S. 12,  07/2013
[4] Judith Schalansky in: Judith Schalansky über ihren Atlas der abgelegenen Inseln, ZEIT Magazin Nr. 42, 08.10.2009
[5] hier ist eine Liste zu finden: http://de.wikipedia.org/wiki/Atlas_der_abgelegenen_Inseln
[6] schon die Planung einer Wanderroute nach Karte kann ein böses Erwachen haben, schätzt man die Höhenmeter falsch ein….

Judith Schalansky:
Atlas der abgelegenen Inseln
Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
diese Ausgabe: Mare Verlag, HC, ca. 144 S., 2009 (12. Auflage 2012)

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5 Kommentare zu „Judith Schalansky: Atlas der abgelegenen Inseln

  1. Guten Morgen, lieber Flattersatz,
    auch ich kann dem nur zustimmen und habe mir sogar auch den kleinen Taschenatlas der abgelegenen Inseln zugelegt fürs Reisegepäck -:)))
    Hoffentlich verführt Ihre Besprechung viele Leser , sich das Buch zu kaufen.

    Der Mare-Verlag bringt kostbare Bücher zu diesem Thema heraus und da möchte ich an dieser Stelle von Lucien Deprijck „Die Inseln, auf denen ich strande“ als wunderbare Ergänzung empfehlen, auch wieder ein Buch, das bibliophil ausgestattet ist mit zauberhaften Zeichnungen zu den Geschichten..
    http://www.mare.de/files/mare_deprijck_lp_1.pdf

    ach wie schön wäre es, könnte man sagen: nix wie weg auf eine Insel, aber bitte eine nicht ganz so unwirtliche, aber auch keine überlaufene..halt ein Inselparadies -:)))

    mit lieben Grüßen
    Karin

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    1. Sie haben ganz sicher recht, liebe Karin, der mare-verlag hat eine große Auswahl wunderschöner Bücher… danke für den Hinweis, vllt kann ich mich in Bälde schon revanchieren, z.B. mit diesem Link: http://www.glanzundelend.de/Artikel/abc/m/john-muir-die-berge-kaliforniens.htm zu einem Buch, das ich nicht kenne, das mir aber heute abend aus vertrauenswürdiger Quelle empfohlen wurde….

      die griechischen Insen, der Dodekanes, das wäre schön, da würde ich jetzt sofort mal wieder hin… *soifz* ist so lange her, mit dem Schiff von Piräus, abends Sonnenuntergang auf dem Meer… *soifz-soifz*

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