Siegfried Guggenbichler: Durch und geschafft

Mit dem Büchlein hier hat es für mich seine besondere Bewandtnis. Bei meinen regelmäßigen Besuchen im hiesigen Krankenhaus habe ich einen Herrn kennengelernt, der mir aufgrund seines unverkennbar alpenländischen Dialekts hier in der Region, in der eher Anklänge an das Hessische oder auch hin und wieder Rheinländische zu hören sind, natürlich sofort auffiel. Im Gespräch, das sich ergab, erzählte er mir, daß er nach seiner Pensionierung, angeregt durch Äußerungen von Freunden, angefangen hätte, Jugenderinnerungen aufzuschreiben und das tatsächlich ein Buch daraus geworden sei, nämlich jeniges, das ich hier vorstelle… es war klar, daß ich mir ein Exemplar von ihm geben ließ, so wie er sagte, das letzte, das er selbst habe…

Guggenbichler wurde 1936 in einer einfachen Familie im bayrischen Oberland geboren. In diesen Erinnerungen schildert der Autor keine fortlaufende Geschichte, vielmehr reiht er episoden- und anekdotenhaft einzelne Begebnisse der Zeit chronologisch aneinander. Aber dies ist kein Nachteil, auch so ergibt sich das Gesamtbild einer Jugend, die in dieser Art, mit diesen Fährnissen wohl im Normbereich dessen lag, was damals üblich war.

„Damals“ meint die Zeit kurz vor Kriegsende und die ersten Nachkriegsjahre bis in den Anfang der 60er Jahre hinein, in denen Guggenbichler seine biographischen Erinnerungen enden läßt. Es ist das die Zeit, in der das Wirtschaftswunder zu greifen beginnt und die allgemeine Tendenz (für fast alle in Deutschland) nur eine Richtung kannte: nach oben, und zwar soweit, daß es sogar zu so etwas utopischem wie einem Julius-Turm reichte….

Aber am Beginn seines Büchleins stehen die frühen Erinnerungen an die Zeit um das Kriegsende, geprägt von Hunger und Angst. Noch immer werden abfällige oder kritische Äußerungen denunziert, auch „Mutsch“, Guggenbichlers Mutter, steht auf einer „schwarzen Liste“, wie die beiden nach Kriegsende dann durch Zufall erfahren. Der Vater ist in Russland, und so schlagen sich Mutter und Sohn durch. Ein großer Teil des Tages und der Energie muss aufgewendet werden, Essen herbei zu schaffen…. der Hunger ist und bleibt ein steter Begleiter, nur selten, ganz selten, gibt es Festtage, an denen Hasenbraten serviert werden kann (und viele Jahre später erfährt der Autor dann, daß das aber Nachbars Dachhase war…). Wo man Essen abgreifen kann (und sei es noch lebend) wird die Chance genutzt.. kann man es den Menschen verdenken? Die, die noch haben, verschließen alles und sind knausrig im Geben, deren, die hungern, sind viele… und dann diese Missgeschicke… der junge Siegfried, angehalten, die kümmerlichen drei Kartoffeln zu kochen, während die Mutter nach Milch fährt, vergisst Wasser in den Topf zu geben.. überhaupt scheinen vor allem immer noch, nach so vielen Jahren, die Unfälle in der Erinnerung haften geblieben zu sein, die Stürze mit dem Rad, bei denen das Essen in den Dreck fiel und ungenießbar wurde (was schlimmer schien als die gottseidank folgenlos bleibende Knieverletzung des Knaben)…

Was ich mich fragte beim Lesen war folgendes: immmer wieder wurde von Hunger die Rede, vom mühsamen Beschaffen der Nahrungsmittel. Aber im Garten wurde kein Kohl angebaut, keine Kartoffeln, kein Gemüse, sondern: Tabak! Wie Guggenbichler mir erklärte, war das einfach deswegen, weil Tabak gab es schlicht und einfach nicht, zu essen bekam man immer irgendwie, vor allem im Tausch zum Beispiel gegen Kohle, die die Menschen in Hundertschaften von den Halden klaubten…

Es sind gebrochene Familienverhältnisse zu dieser Zeit. „Mutsch“ lernt Peter kennen und sie ziehen zusammen. Peter ist noch verheiratet, läßt sich dann scheiden. „Mutsch“ ist am Verzweifeln, sie ist schwanger… sich um das Mädchen kümmern wird dem Jungen überlassen.. irgendwann steht der Vater vor der Tür, zurück aus Russland. Auch er läßt sich, angesichts der Verhältnisse und des unbekannten kleinen Mädels, scheiden…. dafür heiraten Mutsch und Peter…

Erziehung und ein wohlbehütetes Elternhaus, wie wir es heute verstehen, gab es nicht. Oder anders herum gesagt: Erziehung, das waren zumeist die deftigen Ohrfeigen, die es gab, wenn Anlaß dazu bestand – nach Meinung der Erwachsenen jedenfalls. Denn auch in der Schule waren Schläge das Mittel der Wahl. Aber auch die Jungens waren nicht zimperlich in ihren Streichen und sie waren hart im Nehmen. Wenn man so liest, was dort alles angestellt wurde z.B. mit dem Schrottpanzer, den die Jungs im Wald fanden und der noch voller scharfer Munition war….. Guggenbichler schildert einige Situationen, bei denen es auch Tote hätte geben können…

Azubis gab es damals noch nicht, auch keinen Personalrat. Damals gab es Stifte, die hatten zu fegen, Frühstück zu holen und das Maul zu halten. Und wenn mal was nicht klappte (und das war häufig, denn erklärt wurde ihnen nichts) gab es eins auf selbiges…. Trotzdem: Guggenbichler machte seinen Weg, wechselte die Firmen, bildete sich weiter und bekam immer bessere Arbeitsangebote.

Aber vorher lag noch die Periode, in denen er zur Aufbesserung seines schmalen Salärs als Musiker mit eigener Band durch die Tanzsäle tingelte, durchaus erfolgreich, auch bei den Damen. Ich denke, das meint er, wenn er von seiner Sturm- und Drangzeit redet…. und daß sich das Autofahren damals grundlegend von dem heute unterscheidet, auch das lernt man von Guggenbichler. Ein Wunder, daß er überlebt hat, so ohne Airbag und Sicherheitsgurt und EPS und ABS und …. ;-)

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„Durch und geschafft“ ist keine reflektierende Literatur, weder wird Vergangenheit analysiert noch Zukunft antizipiert. Vielmehr sind es unterhaltsam und sehr lebendig geschilderte Erinnerungen an eine Zeit, die langsam aus dem Gedächtnis verschwindet, da die Menschen, die sie erlebt haben, ins hohe Alter kommen und sterben. Guggenbichler versieht seine Episoden mit viel Humor, die einzelnen Geschichten sind kurz und man möchte das Buch eigentlich garnicht beiseite legen, lockt doch schon die nächste Anekdote. Die Zeiten haben sich geändert, wie sehr, wird deutlich, vergleicht man das Geschilderte mit heutigen Verhältnissen. Wo wir heute abgesichert sind durch tausenderlei Normen und Vorschriften, uns auch mental auf diese Absicherung eingestellt haben, herrschten seinerzeit „fröhliche“ Urstände – wie gesagt, manche der Ereignisse hätten auch böse ausgehen können bzw. noch schlimmer…

Der Wert des Buches liegt darin, daß hier ein „normaler“ Mensch, also kein Prominenter, seine Erinnerungen niedergeschrieben hat und damit ein Bild malt von den Lebensverhältnissen, die damals  „ganz unten“ herrschten. Guggenbichler war jemand, der aus ärmlichen Verhältnissen kommend seine Chancen gesehen, aber auch gesucht hat und im rechten Moment zugriff: Aufbruchstimung und Optimismus im Kleinen wie im Großen.

Wer also Gelegenheit hat, dieses Büchleins mit Guggenbichlers lebendigen und kurzweiligen Jugenderinnerungen habhaft zu werden und wer sich zudem noch für die Nachkriegszeit interessiert, sollte mit Vorfreude zugreifen.

Siegfried Guggenbichler
Durch und geschafft
diese Ausgabe: novum Verlag, Softcover, 148 S., 2005

Siegfried Guggenbichler verstarb vor 5 Tagen, am 22. Juni 2013. Gestern morgen habe ich seine Todesanzeige in der Zeitung gefunden. Ruhe er in Frieden!

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10 Kommentare zu „Siegfried Guggenbichler: Durch und geschafft

  1. Guten Morgen, lieber Flattersatz,

    dieses Büchlein werde ich auf jeden Fall erstehen, schon weil es authentisch und nicht literarisch „verschönt“ geschrieben scheint und ein echtes Zeitzeugnis ist.
    Leider ist es im normalen Buchhandel nicht mehr zu finden.

    Karin

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    1. … es freut mich, daß ich sie neugierig gemacht habe. ja, der guggenbichler siegfried hatte ein erzähltalent, das muss man sagen. ich habe das ja auch persönlich feststellen könnnen…

      antiquarisch wird auch der normale verkaufspreis verlangt, habe ich gesehen… z.t. noch plus versand…

      lg
      fs

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    1. ich denke, liebe wächterin, beides ist notwendig. diese subjektiven berichte und erinnerungen sind eben – einzelschicksale. sie verknüpfen nichts, schaffen keine zusammenhänge und übersichten, können nicht einordnen. aber sie füllen trockene daten mit leben. der hungerwinter 46/47 wird in erinnerungen „fühlbar“, nachvollziehbar, weil man sich durch die beschreibungen vorstellen kann, was es wirklich heißt, z.b. nur xy Kalorien zur Verfügung zu haben, wenn diese nämlich an der anzahl der kartoffeln abgezählt werden können…..
      danke für deinen besuch und deinen kommentar!
      lg
      fs

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  2. Guten Morgen, lieber Flattersatz,

    dieses Büchlein hat mich sehr betroffen gemacht, nicht über das geschilderte Schicksal, das ist vielen Kriegskindern wahrscheinlich ähnlich gegangen (allerdings sind meine eigenen Erfahrungen ganz anders, weil ich wohlbehütet durch diese Kriegskinderjahre gekommen bin), nein, diese Rohheit der Menschen untereinander, diese Grausamkeit der Erwachsenen, die auch wieder Grausamkeit der Kinder im Miteinander zur Folge hatte, es fehlte in fast allen Schilderungen Wärme….Herzenswärme….auch was sein Verhältnis zu Frauen betrifft. Es ist ein gegenseitiges Benutzen, Ausnutzen…immer ist Berechnung im Spiel und das Unrechtsbewusstsein ist ganz eigenartig.
    Ob es ein typisch bayrisches Phänomen/Milieu ist, weiß ich nicht, aber ich konnte mir sehr gut vorstellen, wie die braune Saat unter diesen Menschen gedieh und wie viel davon heute noch in den Köpfen schlummert, zwar heute rabenschwarz…das Grunddenken ist immer noch da. Mia san mia …

    Herr Guggenbichler hat seinen Frieden gefunden, ich weiß nicht, ob er mir als Mensch sympathisch gewesen wäre.

    seien Sie herzlich gegrüßt
    Karin

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    1. liebe karin, herzlichen dank für ihren kommentar. sie haben deutlich auf den punkt gebracht, was ich nur angedeutet habe (stichwort: erziehungsmethoden). es stimmt, von einem liebe- oder zumindest respektvollem miteinander ist wenig zu lesen in diesen erinnerungen.. ob dies jedoch landsmannschaftlich so festzumachen ist, wie sie schreiben, das wage ich zu bezweifeln, braune brut gedieh/gedeiht schließlich auch im norden europas und im westen und im osten… und den „Duce“ dürfen wir auch nicht vergessen.
      ich wünsche auch ihnen einen schönen tag, trotz regen… :-(
      fs

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  3. nein, natürlich ist das nicht nur auf die bayrischen Landsmannschaften bezogen, es ist ein bestimmtes Milieu, das sich leichter indoktrinieren lässt, egal in welche oft fatale politische Richtung und es passiert immer wieder, die Menschen lernen nichts aus der Geschichte, sie werden immer wieder benutzt und für dumm verkauft (bestes Beispiel dieses Datenabfischen und manchmal kommt bei mir inzwischen auch Zweifel auf, ob 11/9 nicht doch ein böses gewolltes Spiel war, um alle politischen Schlechtigkeiten heute unter dem Motto Bekämpfung von „Terrorismus“ ausüben zu können….. wem, was ist noch zu glauben???? Wir sind doch mehr oder weniger nur noch Marionetten bei wirtschaftlichen oder politischen Machtspielen…und wir sind „machtlos“, da müsste bei den jungen Menschen ein großes Umdenken stattfinden, denn nur sie können rebellieren was ihre Zukunft betrifft.
    Manchmal bin ich froh, dass ich schon so alt bin…

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    1. .. welch ein pessimismus, liebe karin, schimmert da in ihren zeilen durch…. aber sie haben recht, gerade gestern unterhielt ich mich angeregt mit einem älteren, sehr liebenswürdigen, hochintelligentem mann, einem ehemaligen banker, der sagte, er würde seinen ehemaligen beruf nicht mehr verstehen, das hätte nichts mehr (auch an der basis, der kundenbetreuung) mit dem zu tun, was er mal gelernt hätte… und es sei schlimm, da waren wir uns einig, daß misstrauen zum vorherrschenden gefühl geworden sei… tja, die jugend…. ich sehe keinen impetus von der ausgehend. schaut man sich an, was die zu erwarten hat (familienpolitik, rentenpolitik u.ä.), müssten die auf die barrikaden gehen und das oberste zu unterst kehren!

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