Amy Sackville: Ruhepol

15. Juni 2013

„Ruhepol“ ist ein von der Kritik hochgelobter, mehrfach ausgezeichneter Roman einer jungen britischen Schriftstellerin, Amy Sackville [1]. Diese schildert einen Tag im Leben eines jungen englischen Ehepaares, Julia und Simon, in deren Ehe es aber – dies wird am Anfang des Buches schon deutlich, es fallen Begriffe wie „Gestank“ und „hassen“ – Klippen gibt, auf die ihre Beziehung zuläuft und an denen sie kentern könnte. Im Mittelpunkt der Erzählung steht die Frau, Julia, die sich an diesem heißen, stickigen Augusttag darin gibt, das Erbe ihres in der retrograden Verklärung zum Helden aufgestiegenen Ahnen Edward Mackley zu sichten, zu ordnen und auszuwerten.

Dieser Edward Mackley, dessen Urgroßnichte Julia ist und in dessen Haus sie und Simon seit kurzem wohnen, war ein berühmter (fiktiver) Polarforscher, der an der Wende des vorletzten Jahrhunderts sein großes Ziel zu erreichen suchte: den Punkt als erster zu erobern, an dem sich die Welt unter den Füßen dreht, den Nordpol. Kurz vor dem Aufbruch zu dieser Expedition heiratete er Emily, eine junge Frau, die – das sah er bei der ersten Begegnung – seine Begeisterung teilen, seinen Ehrgeiz verstehen könnte.. die beiden unternahmen ihre Hochzeitsreise in den hohen Norden, dort, in Vardø verbrachten sie die letzte Nacht zusammen, bevor Emily wieder zurück nach England reiste und Edward sich anschickte, seinem großen Ziel immer näher zu kommen und als erster Mensch den Pol zu erreichen, diesen imaginären Punkt im Eis, der sich durch nichts aus der Landschaft hervorhebt…

Julia also, die Mittdreißigerin, in einer leicht kriselnden kinderlosen Ehe lebend, wird uns als leicht weltfremde, Tagträumen verhaftete junge Frau beschrieben, die ein wenig vergesslich, unaufmerksam – da in abschweifenden eigenen Gedankenwelten versunken – und unkonzentriert ist. Ganz der Gegensatz dazu ist der korrekte (bis hin zum pedantischen) Simon, ein Schmetterlingssammler und -präparator (sicherlich sind die aufgespiessten Schmetterlinge auch viel ordentlicher als die lebenden, erratisch herumflatternden). Symptomatisch für ihn ist, daß er nicht, so wie sein Vater, von dem er diese Leidenschaft übernahm, die bunten, schillernden Tagfalter vorzieht, sondern eher die unscheinbaren Nachtfalter, die nicht mit ihrer Farbfülle, ihren Mustern prahlen, sondern die Nuancen aufweisen, die „etwas“ unterschiedliche Färbung, das „etwas“ unterschiedliche Muster… Über diese aufgespießten Schmetterlinge haben sie sich seinerzeit übrigens kennen gelernt, eine Begegnung, die den jungen Simon sofort in Liebe entflammen ließ.

Heute jedoch sitzt Simon in seinem Architekturbüro über den exakten Plänen für seine Projekte. Am Abend steht ihm noch ein besonderes Ereignis bevor. Es kam vor ein paar Tagen zu einer unbedachten, spontanen Gefühlsäußerung, lud sich dort die Frustrierung, das aufgestaute, in sich hinein Gefressene der eigenen Ehe ab? Jedenfalls gab es einen Kuss, einen leichten, nicht einen der intimen Art mit der Nachbarin und anstatt das sich vllt jetzt Anbahnende im Keim zu ersticken, ist er heute mir ihr nach Dienstschluss verabredet… ein ihm immer unangenehmer werdender Termin, erkennt er doch beim Grübeln, wie sehr er seine Julia liebt…

.. auch Julia läßt ihre Gedanken schweifen.. sie treiben zurück in die lang vergangene Zeit, in der Emily und Edward ein Paar waren, dem nur wenige Wochen der Zweisamkeit vergönnt waren. Oben, im hohen Norden, gaben sie sich ein Versprechen: „Ich komme zurück.“ und „Ich werde warten!“ Und Emily wartete… sie wartete sechzig Jahre lang im Haus ihres Schwagers und seiner Ehefrau (dasselbige, in dem jetzt Julia und Simon leben) auf ihren Edward, so lange, bis die Nachricht kam, sein Grab sei gefunden mit einigen Habseligkeiten, die die Zeit überdauert hätten. Einer dieser Gegenstände war das Notizbuch Edwards, die Aufzeichnungen, in denen Emily die Zuversicht und die Verzweiflung, die Sehnsucht und die Ängste ihres Mannes nacherleben konnte, die Aufzeichnungen, die an dem heutigen Tag Julia liest, inmitten der museumsartigen Ansammlung von Exponaten aus der damaligen Zeit, inmitten einer Atmosphäre, auf die sich die Erinnerungen legen wie in anderen Häusern der Staub….

Für Julia sind die beiden Helden, sind Projektionen eigener Sehnsüchte. Emily, die unerschütterlich wartende, die nicht abließ von ihrer Hoffnung, Edward käme zurück und Edward, der männliche Held, unbefleckt von der schnöden Alltagsrealität, der er entschwand, bevor sie ihn auf ein menschliches Mass beschränkte. Und so verschwimmen für die tagträumende Julia die Grenzen, liegt sie auf dem weißen Laken mutiert dieses zum Schnee, durch den Edward stapft auf seinem Weg zur Unsterblichkeit, wird es zum Eis, durch das sein Schiff treibt, über das er mit seinen Hundeschlitten gleitet…

Jäh wird sie aus diesen Vorstellungen, diesen Bilder gerissen, als sie von ihrem zufällig in der Stadt weilenden Cousin Jonathan besucht wird, der im Gespräch mit ihr ein Geheimnis lüftet (ein Geheimnis nur für Julia, sonst hätte Jonathan, der das nicht ahnte, nicht so unbedacht davon gesprochen), das ihr gesamtes Bild von Emily erschüttert und sie unsanft wieder in ihre eigene Realitität, ihre eigene Ehe (denn Emily war mit einem Schlag kein Hafen mehr, an dem sie anlegen konnte) zurück holte….

******************

Sackville erzählt uns also mehrere, natürlich miteinander verknüpfte Geschichten. Zum einen ist dies die Geschichte dieses einen, besonderen Tages in der Ehe von Julia und Simon, zum anderen nutzt sie das Tagebuch ihres Ahnen, um dessen Fahrt und Expedition zum Nordpol zu schildern. Das sind starke Passagen, die in ihren besten Momenten durchaus an Ransmayr erinnern, die tödliche Schönheit der Eislandschaft, das Licht, die Dunkelheit, der Nebel, die gleissende Sonne, die beissende Kälte, der alles übertreffende Hunger, die Schilderung von Eis und Schnee, von den Löchern angefüllt mit schwappendem, fast sieht es so aus: nach den Männern schnappendem, schwarzem Meerwasser… das anfängliche Hurra und gute Leben, das sie die Expedition auf ihrem Schiff, der Persephone (ein seltsamer Name im Rahmen einer solche Unternehmung, ist Persephone doch eine griechische Göttin der Toten- und Unterwelt), mit ins Eis gebracht hat, verliert sich langsam und der Hunger betritt die Bühne und wird immer mächtiger, der Schmerz, der so stark wird, daß man ihn nicht mehr wahrnimmt, weil man selbst zum Schmerz geworden ist… die Anstrengungen, die unmenschlichen Anstrengungen der vor Dreck und Entbehrung schwarz gewordenen Männern, aus deren hautüberzogenen Totenköpfen milchig gewordene Reste der Augen blinzeln soweit es das verzehrende Licht der gleißenden Sonne zuläßt.. orientierungslos im Nebel, geblendet von der Sonne, mit einem Totentuch bedeckt in der Dunkelheit… nur vier Leute der Mannschaft noch werden viele Monate später aufgelesen und können berichten was geschah und was nur vermutet werden kann…. und Jahrzehnte später dann auf einem umtosten Eiland im eisigen Ozean die zufällige Entdeckung einer behelfsmäßigen Unterkunft mit einer Mumie und vier Gräbern, eins davon das von Edward…

Ist diese Schilderung der Expedition durchweg spannend und packend, hält uns Sackville, konzentriert sie sich auf Julia und Simon, auf Distanz. Es passt durchaus zum Stil des alten viktorianischen Hauses, daß es wie ein Museum wirkt und man wie durch ein Museum geführt wird, trotzdem hat mich diese direkte Ansprache im Stile eines Museumsführers: „Stellen Sie sich vor, daß…“, „Wir folgen ihr…“ oder „Denken Sie daran..“ irritiert und auf Abstand gehalten. Manchmal sogar gewann ich das Gefühl, wie mit einer Kamerafahrt über der Szenerie zu schweben, die ein allwissendes Off mir en Detail erklärte. So wirkten diese Stellen auf mich etwas gekünstelt und in der Formulierung bemüht. Sehr ausführlich bis hin zu einer gewissen Zähigkeit der Sprache legt die Autorin auch die Gedankengänge ihrer Protagonisten dar…  speziell bei Julia schafft sie immer wieder diese Querverbindungen, mit denen diese quasi in die Rollen Emilys und Edwards schlüpft. Dies wirkt betulich, ist ein wenig ermüdend, soll aber wohl die innere Entwicklung Julias (und Simons) plausibel machen. Wohlmeinender ausgedrückt könnte man sagen, sie bemüht sich, ihre Charktere psychologisch genau zu zeichnen.

Natürlich kommt man um den Versuch nicht umhin, die beiden Geschichten, die beiden Paare Emily und Edward einerseits, Julia und Simon andererseits, zueinander in Beziehung zu setzen.

Zum einen sind Emily und Edwads für Julia zu einer Art idealisiertem Paar geworden, der Sphäre des Alltags mit ihren tödlichen Routinen und Klippen enthoben. Diese dagegen stellen sich dem Paarglück in der Gegenwart entgegen, aber das realisiert Julia erst, nachdem das Bild Emilys zu ihrer großen Enttäuschung zersplittert.

Das gemeinsame Leben beider Paare ist in gewisser Weise an einem Ruhepol angelangt, zwischen den Partnern herrscht eine große Entfernung, geographisch oder im übertragenen Sinn. Es bedarf eines oder mehrerer aufrüttelnder Ereignisse, Julias Selbstfesselung an Emily zu beenden und auch Simon muss erkennen, daß Liebe aktiv am Leben erhalten werden muss. Das aufgelöste Familiengeheimnis und das schlechte Gewissen ob des verbotenen Kusses vermögen dies….

Emilys Schicksal ist tragisch. Es passt im Grunde nicht – für mein Verständnis – zu der Frau, als die sie uns Sackville anfangs vorstellte: eine intelligente, lebhafte, starke Frau voller Gefühl und Begeisterungsfähigkeit. Hatte sie wirklich – wie Sackville eine ihrer Figuren sagen läßt – keine andere Wahl als zu warten? Und auf was hat sie gewartet? Auf Edward sicher nicht…. oder wollte sie nur diesen einen Menschen nicht verlassen? Oder ist der viele Gin die Jahre über die Erklärung für ihr stummes Verharren in der Vergangenheit? Ich weiß es nicht…

Die ganz große Begeisterung über den Roman teile ich nicht, dazu waren mir einige Passagen zu betulich und konstruiert. Da mir aber die Schilderung der Expedition Edwards und deren Schicksal gut gefallen hat, so spannend und anschaulich, wie die Autorin es beschrieb, habe ich das Buch dann doch gerne gelesen und kann es – mit dem obigen Vorbehalt – auch ruhigen Gewissens weiter empfehlen.

weiterführendes:

website der Autorin: http://www.amysackville.co.uk/

Amy Sackville
Ruhepol
Übersetzt aus dem Englischen von Eva Bonné
Originalausgabe bei
diese Ausgabe: Luchterhand Literaturverlag, HC, ca. 350 S., 2012

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2 Responses to “Amy Sackville: Ruhepol”

  1. madameflamusse Says:

    der Luchterhandverlag wieder.. :-) klingt gut

    Gefällt mir


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