Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski

3. Juni 2013

 

Vorneweg: ich muss es bekennen. Erst mit und bei diesem Buch habe ich nach Jahrzehnten realisiert, daß es neben Isaac Bashevis Singer noch einen anderen Singer gab, der wunderbare Bücher schrieb. Und das, nachdem die „Brüder Ashkenasi“ friedlich im Regal neben den vielen Romanen des Bruders stehen. Peinlich… aber ich habe wenigstens den schwachen Trost, daß es nicht nur mir so ging, Liisa beschreibt dies ganz ähnlich…. und auch in Braunecks Autorenlexikan: Weltliteratur des 20. Jahrhunderts (in dem ich ab und an blättere) kommt dieser Singer nicht vor, was mir bei diesen Büchern, die ich jetzt von ihm kenne, unverständlich ist….

Die Familie Karnovski also… eine Familiengeschichte über drei Generationen, die Singer bei der letzten Generation ungefähr in dem Alter enden läßt, in dem er mit David Karnovski einsetzt. Jedem der drei (männlichen) Protagonisten widmet der Autor einen Buchabschnitt, wobei aber die Geschichte Georgs, des mittleren die weitaus umfangsreichste ist, da sein Leben als Sohn Davids und Vater Jegors natürlich auch in den beiden anderen Abschnitten geschildert wird.

Das Werk setzt irgendwann in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts im jüdischen Milieu Polens ein (Jahreszahlen kommen im Roman nicht vor, man muss sich die Daten anhand von Ereignissen oder genannten Zeiträumen ableiten). David Karnovski, hochintelligenter, hochbelesener, der streitbaren Diskussion zugeneigter Sproß einer im Holzgewerbe tätigen Familie, wird von „der Tochter des Leib Miller geschnappt, des größten Holzhändlers von Melnitz.“ Es dauert nicht lang, da liegt er im Streit mit dem örtlichen Rabbi, den er mühelos in Grund und Boden argumentiert. Doch er übertreibt es, er wird erwischt, daß er beim Synagogenbesuch den Pentateuch des von ihm verehrten Moses Mendelssohn [5] liest, dieses Ketzers mit seinen verdammenswerten Ansichten. Der Streit eskaliert derart, daß David Karnovski beschließt, die engstirnige, bornierte jüdische Gemeinde zu verlassen und mit seiner Frau Lea nach Berlin zu gehen.

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Er hat Erfolg in Berlin, baut sich ein florierendes Geschäft auf, er parliert in geschliffenem Deutsch und findet Zugang zu den Kreisen der dort seit Generationen lebenden, assimilierten Juden, die sich in nichts außer ihrem Glauben von den anderen Deutschen unterscheiden [6]. Sie leben nach dem Motto: „auf der Straße Deutscher, zu Hause Jude“ und schauen mit Geringschätzung, ja Verachtung hinab auf die Ostjuden, deren Platz in Berlin vor allem im Scheunenviertel, der „Jüdischen Schweiz“ liegt. Repräsentiert wird dieses jüdische Milieu im Roman durch Salomon Burak, der ein Warenhaus für Textilien betreibt und sein Jüdischsein ganz offen vertritt. Er ist der geborene Händler, ein Mensch, der sein Hab und Gut mit allen teilt, der helfen kann und will – und es auch tut. Aber er gehört zu denen, auf die die assimilierten Juden, die Bankdirektoren, die Ärzte, die Rechtsanwälte herunter schauen und so verneint auch David Karnovski hochmütig und in erniedrigender Weise die Frage Buraks, ob nicht Davids Sohn Georg und seine Tochter Ruth, die hoffnungslos in den jungen Mann verliebt ist, verheiratet werden sollten.

Dieser Georg ist lange Zeit das einzige Kind von David und Lea, die nie heimisch werden sollte in Berlin, nie sich in der anderen Sprache sicher fühlen und die immer ihre Melnitzer Heimat vermissen sollte. Hochmut ist ihr fremd und sie fühlt sich wohl im Hause Buraks, wo sie heimlich dessen Frau besucht und wo endlich wieder einmal jiddisch reden kann, wo sie Wärme und Geborgenheit empfindet. Erst viele Jahre nach Georg sollte Lea noch eine Tochter zur Welt bringen, Rebecca.

Georg also der Sohn (Georg auf der Straße, Moses (sein zweiter Vorname) in der Synagoge)…. er ist nicht unbedingt nur der Quell ungetrübter Freude für seine Eltern. Er ist aufsässig, renitent, spielt er gern mit den (christlichen) Schmuddelkindern aus dem Hinterhof, lernt nicht und lehnt sich besonders gegen den Vater auf. In der Pubertät wird dies nicht einfacher, erstaunlicher- (und für die Eltern nicht erklärlicher) weise ändert sich das Verhalten des Jungen aber, nachdem ihn sich die Hausangestellte Emma eines Abends (im nicht nur im metaphorischen Sinne) zur Brust genommen hat. Fiebrigkeit und Unruhe sind wie weggeblasen, sogar in der Schule arbeitet er jetzt mit und schließlich schafft er sein Abitur mit Auszeichnung.

Was nun folgt ist ein durchaus typisches Schicksal dieser Epoche (man denke an Kafka!): der in der Stadt geborenen Generation liegt nichts ferner als in das Geschäft, das der Vater mit viel Mühe und Arbeit aufgebaut hat, zu übernehmen. So weigert sich auch Georg, in das Handelsgeschäft einzusteigen und letztlich fängt er an, Medizin zu studieren, denn er verliebt sich heftig in Elsa Landau, der Tochter eines jüdischen Arztes, eines liebenswerten Kauzes, aus Neukölln. Diese rothaarige, ebenfalls Medizin studierende junge Frau hegt zwar ebenfalls Gefühle für den ansehnlichen Georg, hält ihn aber auf Abstand, ihr ist die Medizin und später dann vor allem ihre politische Tätigkeit bei den Genossen wichtiger und sie ordnet dieser alles unter.

Der Krieg bricht aus, mit Begeisterung zieht das Kaiserreich in den Kampf, auch Georg, mittlerweile Doktor, wird eingezogen und kommt an die Front…. zuhause in Berlin wird mittlerweile die Zweiklassengesellschaft unter den Juden wieder deutlich: die Ostjuden werden verhaftet, so auch David Karnovski. Und all die Freunde aus guten Tagen, die assimilierten Juden, die Deutschen, die zufällig auch hebräischen Glaubens sind, wenden sich ab, wollen nicht helfen, wollen nicht auffallen… erst der beherzte Auftritt des deutschen Leutnants und Frontarztes Georg Karnovski holt den Vater aus der Haft…..

Nach dem Krieg kommt Georg als Hauptmann und erfahrener Chirurg zurück nach Berlin. Der alte Landau, bei dem er Elsa zu finden verhofft, überzeugt ihn, daß jetzt, nach dem Krieg Frauenärzte gebraucht werden, Ärzte, die sich um das kommende Leben, um die vielen Geburten, die jetzt zu erwarten stehen, kümmern…. er vermittelt Georg an die renommierteste Klinik Berlins und Georg fühlt sich dort sehr wohl, bald schon ist er die rechte Hand des Chefs. Elsa hat ihm mittlerweile endgültig klargemacht, daß sie kein Privatleben hat, sondern sich voll und ganz ihrer politischen Arbeit widmen wird… und so entwickelt sich ganz langsam und auf Umwegen eine Beziehung zwischen Georg und Therese, einer schüchternen, unauffälligen, blonden Krankenschwester, die ihn vom ersten Moment an anhimmelt, während Georg sie oft in Verlegenheit bringt und auf den Arm nimmt…. Die Hochzeit der beiden bringt den endgültigen Bruch mit dem Vater David, eine Schickse zu heiraten, wo seinem Sohn doch die besten jüdischen Partien angeboten wurden….

Georg wird Nachfolger seines Chefs in der Klinik, wird zum „bekanntesten Frauenaufschneider“ der Stadt, während draußen, auf den Straßen die ersten Boten der Neuen Ordnung aus dem braunen Sumpf kriechen und sich immer stärker bemerkbar machen. Aber noch ist Georg gern gesehener Gast auf den Gesellschaften und auch die dort zu treffenden Weiblichkeit scheint er nicht verschmäht zu haben. Der Ehe mit der farblosen, duldsamen Therese fehlt die Leidenschaft, das Aufregende… ein Sohn, Joachim Georg, genannt Jegor, wird geboren, ein ängstliches, mageres Kind, das mit seiner charakteristischen Nase,der  dunklen Haut und den rabenschwarzen Haaren ganz auf den Vater kommt, nichts von der blonden Mutter hat.

Die Neue Ordnung greift langsam, aber sicher um sich, die Gestiefelten trampeln durch die Straßen. Noch nimmt man sie nicht ernst, in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, kann solch ein primitives Unterfangen nicht lange überleben… doch es überlebt, die Menschen sind die hohlen Worte und Versprechungen leid, haben in der Inflation alles verloren, sie wollen Taten sehen und sie bekommen Taten zu sehen, jetzt, nachdem die Neue Ordnung zur einzigen gewählt worden ist, die zählen soll.

Die (mittlerweile) Reichstagsabgeordnete Elsa Landau wird inhaftiert, der alte Landau muss die Praxis aufgeben, Arier haben dort Zugangsverbot… auch Georg muss seine Praxis ver“kaufen“, darf nicht mehr behandeln. Wieder zeigt sich die Klassengesellschaft unter den Juden Berlins, jeder glaubt, er sei eigentlich nicht gemeint… die assimilierten Juden, weil sie doch Deutsche sind, Juden wie David Karnovski gehen davon aus, daß sie ja fast Deutsche sind und die Schikanen nur die Ostjuden betreffen, die Ostjuden glauben, da sie einen Pass haben, seien nur die gemeint, ohne Pass und diese letztendlich denken, sie könnten sich ja (das 20. Jahrhundert!) jederzeit einen besorgen….

Jegor, der Sohn, macht den Eltern Sorgen. Als kleines Kind ist er ängstlich, fürchtet sich im Dunkeln, er hat keine Freunde, findet keinen Anschluss. In der Schule wird er zum Aussenseiter, versteht nicht, warum ab und an auf ihn gedeutet wird, man über ihn lacht. Manchmal wird er vor die Türe geschickt, weil seine Leute doch damals den Jesus ermordet haben…. alles Sachen, die er nicht versteht. Und endgültig gebrochen wird der Junge, als er dem ehrgeizigen Schuldirektor als lebendiges Anschauungsobjekt dient, mit dem die Minderwertigkeit der Rasse bewiesen werden soll. Die Aula ist voll mit Menschen, als ihm der Schädel vermessen wird und als der Pubertierende schließlich unbekleidet auf die Bühne gezerrt wird, bricht er nicht nur körperlich zusammen.

Die Lebensverhältnisse werden immer schwieriger, immer öfter klirren Fensterscheiben. Burak kommt zu der Erkenntnis, daß sämtliche (bislang erfolgreichen) Bestechungsversuche allenfalls hinauszögern, auch Karnovski entschließt sich, auszuwandern, seiner Familie wegen, die er schützen muss….

Amerika… hat das Land die ersten Flüchtlinge noch mit offenen Armen empfangen, kühlt sich die Stimmung jetzt ab. Das Land braucht die vielen Ärzte, die vielen Koryphäen nicht, die jetzt kommen und den einheimischen Medizinern die Patienten wegnehmen. Folgerichtig werden die Zulassungsprüfungen so ausgelegt, daß möglichst wenige sie bestehen… die Sprache zu lernen ist mühsam… die in Deutschland assimilierten Juden, die Direktoren, Juristen.. was sind sie hier wert? Sie haben ihren Dünkel nicht verloren, auch wenn er sie hier nur behindert. Amerika ist ein Land für Leute wir Burak… er fängt so an wie weiland in Berlin: zieht mit einem Koffer voller Textilien von Tür zu Tür… bald braucht er eine Schubkarre, dann ein altes Auto, das durch ein größeres, neueres ersetzt wird. Ein kleiner Laden zuerst, dann ein größeres Geschäft und bald sieht es bei ihm aus wie seinerzeit in Berlin: ein offenes Haus, in dem jeder Hilfe findet, zu essen bekommt und ein Dach über dem Kopf hat. Es ist seine stille Genugtuung, daß es hier nicht die Ostjuden sind, die die Hilfe brauchen, jetzt sitzen die ehemaligen Direktoren bei ihm, dem Vorsitzenden der Synagoge, der er auch ist, und halten still die Hand auf….. Lea blüht auf, hier findet sie ihr Schtetl wieder, die Herzlichkeit, die Wärme, das Geplapper, das Gekose, die Umarmung, die ihr in Berlin so gefehlt hat….

Nur Jegor wird nicht heimisch, verkriecht sich immer mehr. Wie so viele Opfer gibt er nicht den Tätern die Schuld, sondern sucht sie bei sich selbst: Wäre er kein Jude, wäre das nicht passiert. Und Jude ist er, weil sein Vater Jude ist… wie konnte seine zarte, blonde, arische Mutter diesen Mann nur heiraten! Jegor wird de facto zu einer Art Gesinnungsnazi, hat deren Ideologie verinnerlicht… in Yorkville, in das er durch Zufall eines Tages gerät, endlich fühlt er sich wohl, zu Hause [4], hier wehen die richtigen Fahnen, hier ist das Deutschland, wie er es sucht…

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Es ist für Jegor der Anfang eines langsamen, sich immer weiter beschleunigenden Abstiegs.. er, der von zu Hause weggelaufen ist, fühlt sich hier wohl, geniesst seine Freiheit, die neuen Freunde: er wird anerkannt, zum ersten Mal in seinem Leben, merkt aber nicht wie er ausgenutzt und instrumentalisiert wird… ein Wunsch wird in ihm immer stärker: er will nach Deutschland zurück, in völliger Ignorierung dessen, was ihn dort erwarten würde. Schließlich ist er ein Holbeck und er grüßt zackig wie ein SA-Mann… der Konsularbeamte, an den er sich wendet, requiriert ihn als Spitzel, er soll als Jude, als Insider Informationen über die jüdischen Exilanten sammeln… letztlich versagt er auch hier und es beginnt ein road-movie für ihn, das ihn weit durch die Staaten führt, bis er buchstäblich das letzte Hemd versetzt hat und am Ende ist – und wieder in New York. Hier kommt es dann zu einer Verzweifelungstat…

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Singer läßt seine Familiengeschichte ohne wirkliches Ende ausklingen. Zwar läßt sich so etwas wie die Heimkehr des verlorenen Sohns herauslesen, aber auch das ist nicht sicher. Wegen der fehlenden Jahresangaben ist mir auch nicht ganz klar, ob in Europa zu diesem Zeitpunkt schon der Krieg tobt, veröffentlicht wurde der Roman ein Jahr vor dem frühen Tod des Autoren, 1943. Vielleicht spiegelt sich in diesem unentschiedenen Romanende auch die zu dieser Zeit noch unsichere Kriegslage wieder [1a]…

Sehr deutlich wird in dem Roman, daß das deutsche Judentum keineswegs eine homogene Gesellschaftsschicht war. Es gab die vollständig assimilierten Juden, die Deutsche waren mit zufällig mosaischem Glauben, die durch ihre Intelligenz, ihren Fleiß und ihre Zielstrebigkeit wichtige Positionen in Staat und Gesellschaft einnahmen. Sie gingen ebenso selbstverständlich in den Krieg für Deutschland wie jeder andere Deutsche auch. Und sie schauten herab auf ihre schäbigen Verwandten aus dem Osten, die ärmlich als Hausierer, als Viehhändler oder in anderen niedrigen Berufen ihr Auskommen zu sichern versuchten. Selbst einen David Karnovski, hochintelligent, belesen, in geschliffenem Deutsch redend, beruflich erfolgreich – aber eben ein Pole, selbst so einen Mann duldeten sie nur unter sich, solange es ohne Gefahr für sie war. Draußen ein Deutscher – drinnen ein Jude: sie glaubten, mit dieser Mimikry würden sie ihre Haut retten können.

Es sind wunderhübsche Passagen in dem Buch, in dem die „Jüdische Schweiz“ beschrieben wird, die Gegend des Scheunenviertels [7], die in so vielen Aspekten dem osteuropäischen Shtetl ähnelt. Das obige Bildchen (anklicken!) ist von Zille. Die Menschen werden ebenso beschrieben wie die Auslagen der Geschäfte, die Gerücke, die Küchen, die Speisen… Singer, der ja selbst einem polnischen Schtetl entstammt [8] und die Verhältnisse dort kennt, war ja auch in Berlin, ich denke, daß er da auch das entsprechende Lokalkolorit aufgenommen hat.

Man täuscht sich, man will die auf sich zukommende Zukunft nicht sehen. Natürlich, niemand konnte sich vorstellen, mit welcher teilweise selbstzerstörerischer Konsequenz der aufkeimende Nationalsozialismus gegen alles Jüdische vorgehen würde und niemand konnte sich vorstellen, daß die Deutschen (Dichter und Denker!) dies lange dulden würden, eine kurzzeitige Verwirrung eines kultivierten Volkes wollte man aussitzen. Aber es gab nichts auszusitzen: Flucht oder Tod.. die Gerüchte um die Konzentrationslager mit der systematischen Ermordung müsste Singer noch erlebt haben vor Beendigung seines Romans.

Auch Amerika war nicht das gelobte Land – zumindest nicht für alle. Amerika war das Land der Buraks, derjenigen, die die Ärmel hochkrempelten und anpackten. Die Arroganz, die die assimilierten Juden mit über den Ozean brachten und auch hier gegenüber den einheimischen Juden zeigten, führte sie in die Isolierung, es war die späte Genugtuung Buraks, das jetzt alle von ihm abhängig waren, daß er es war, der Geld und Brot verteilte (was er ja auch freigiebig machte…). Es war auch das Land der Leas, die hier wieder aufblühten, ihren ureigenen Bedürfnissen nachgehen konnten – es kümmerte einfach keinen, ob sie jiddisch redeten oder Kinder herzen mussten und für sie selbst war es in Ordnung.

Das Leben – ein Zyklus. Die Ausgewanderten, Exilierten nahmen ihre Vorstellungen, ihr bisheriges Leben mit. Exemplarisch hat Therese ihren gesamten Hausstand aus Berlin mit nach Amerika genommen, die gewohnte Lebensumgebung, die natürlich in den viel kleineren Wohnungen nur Ballast waren. Die Schränke konnten gleich auf der Straße stehen bleiben, amerikanische Wohnungen haben Einbauschränke…. und doch: es wurde die gewohnte Lebensumgebung geschaffen, zum Teil, in dem man sich integrierte (so wie Lea und Burak), zum Teil, in dem man die Einheimischen vertrieb, so wie es in der Synagoge geschah, die schnell von den Neuankömmlingen ursurpiert wurde (was ihnen – zugegebenermassen – durch das Desinteresse der angestammten Juden leicht gemacht wurde).

Aber auch im Privaten sehen wir das Zyklische: Davids Probleme mit seinem Sohn Georg wiederholen sich eine Generation später zwischen Georg und Jegor, nur – den Zeitumständen geschuldet – in noch stärkerer Art und Weise..

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„Die Familie Karnovski“ ist ein Buch wie ein Fluss, der den Leser mitnimmt und ihn trägt. Man wird schnell mit den Personen vertraut, lebendig und farbig treten sie einem entgegen, der arrogante David, die warmherzige Lea, der renitente Georg ebenso wie der kauzige Arzt Landau mit seiner der Welt zugunsten der politischen Arbeit entsagenden Elsa… selbst die „kleineren“ Figuren wie Johanna, die Hilfe Landaus, sind mit viel Liebe gezeichnet.

Gegen Schluss des Buches, ich habe es schon angedeutet, könnte man meinen, Singer habe nach einem passenden Ende gesucht, aber die Zeitläufe haben ihm keins gegeben… die Handlung war dabei, die Realität einzuholen, vllt läßt er Jegor aus diesem Grund seine etwas langatmige, zum Teil quälend deprimierende Tour durch Amerika absolvieren: Zeit gewinnen, um der Realität einen Vorsprung zu geben… letztlich haben die Karnovskis Amerika erreicht, bleiben aber seltsam unangekommen, ihr Schicksal dort läßt Singer offen…. aber dies macht dem Vergnügen, die Geschichte der Familie Karnovski zu lesen, keinen Abbruch, das Leben ist eine Veranstaltung, die offen ist, deren Ende und Entwicklung nicht abgesehen werden kann  – bis auf das eine, endgültige Ende, das Singer seinen Protagonisten nicht angedeihen ließ, das ihn aber leider ein Jahr nach Veröffentlichung der Geschichte selbst ereilte.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Autor Israel Joshua Singer. [1a] Sehr viel ausführlicher und substantieller ist die Darstellung von Anita Norich: Singer, Israel Joshua, in: The YIvO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe
[2] Zum alten Scheunenviertel bzw. der Dragonerstraße in Berlin: Erwin Leiser: The saddest streets in the world: Shimon Attie projects a Jewish past on to present-day Berlin.
Erwin Leiser, himself a child of the Thirties ghetto, explains, The Independent, Sunday 08 May 1994
siehe auch Wiki-Artikel zum Scheunenviertel
[3] Bildquelle „Scheunenviertel“: Hof im Scheunenviertel, Heinrich Zille, wikimedia
[4] Yorkville als „Zentrum“ der Nazis in New York: When the Bund marched in Manhattan, in: Ephemeral New York
[5] vgl hier: Britta L. Behm: Moses Mendelssohn und die Transformation der jüdischen Erziehung in Berlin , insbesonder S. 163
[6] Gordon A. Craig beschreibt es in seiner Geschichte der Deutschen so: „Wie Golo Mann einmal schrieb, war der gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Tugenden, deutsch in seinen Lastern, deutsch in Kleidung, Sprache udn Manieren, patiotisch und konservativ. Es gab nichts Deutscheres als jene jüdischen Geschäftsleute, Ärzte, Anwälte und Gelehrte, die sich 1914 ganz selbstverständlich freiwillig zum Kriegsdienst meldeten.“ (zitiert nach der dtv-ausgabe vom April 1985, S. 159/60)
[7] Ekkehard Schwerk gibt hier eine kritische Darstellung der Bezeichnung „Scheunenviertel“: Der Unfug mit dem „Scheunenviertel”, in: augustrasse-berlin-mitte.de
[8] sein Bruder hat darüber ein wunderschönes Büchlein geschrieben: Isaac Bashevis Singer: Eine Kindheit in Warschau, erhältich z.B. bei dtv

Israel Joshua Singer
Die Familie Karnovski
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Dora Winkler
Originalausgabe (auf jiddisch): New York, 1943, auf Amerikanisch: 1969
diese Ausgabe: Berliner Taschenbuch Verlag, ca. 500 S., 2005

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One Response to “Israel Joshua Singer: Die Familie Karnovski”


  1. Das Buch wartet hier schon auf mich.

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