Susanna Tamaro: Mein Herz ruft deinen Namen

Matteo, einst Kardiologe an einem Krankenhaus, hat sich zurückgezogen aus dem Leben der Menschen. Allein haust er einem Eremiten gleich in einer einsamen Schäferhütte am Berg, er lebt von dem, was er selbst anbaut, herstellt und bereitet. Seit ungefähr 15 Jahren lebt er dort in der Hütte, die er damals verfallen kaufte und mit eigenen Händen wieder herrichtete. Ein Schicksalsschlag hat ihn in die Stille getrieben, nur hier fand er die Möglichkeit, wieder zu sich selbst zu finden und zu leben.

Wanderern, die zufällig oder auch mit Absicht zu ihm kommen, bietet er gerne von dem, was er hat, an. Und für jeden von ihnen hat er ein Wort, eine Weisheit, die ihm in den Jahren der Stille und Zurückgezogenheit zugewachsen ist: „Der Weg ist das Leben.“ dieser Art sind die Weisheiten und man ist sich beim Lesen jetzt nicht sicher, ob dies wirklich weise ist oder einfach nur unsäglich platt….

Vor vielen Jahren hatte seine Frau Nora einen tödlichen Unfall, in Zwiegesprächen mit ihr breitet der Witwer sein bisherigen Leben vor uns aus. So war sein aus Kroatien stammender Vater schon als Junge unter tragischen Umständen erblindet, die Mutter litt unter einem Sauberkeitswahn, nachdem sie ihrerseits dem Bauernhof ihrer Eltern entkommen war. Bei diesen Großeltern hielt sich dagegen der junge Matteo gerne auf, dort hatte er Freiheiten und das Landleben gefiel ihm.

Matteo studiert Medizin. Als er Nora trifft, weiß er, daß dies der Mensch ist, der den freien, leeren Raum in ihm ausfüllen kann: es ist Liebe auf den ersten Blick. Nora empfindet ähnlich, sie ist die stärkere von beiden, sie ist leicht esoterisch orientiert und weiß ihren Matteo, der eher pragmatischer Natur ist, zu lenken. Das Glück ist vollkommen, als ihnen mit Davide ein Sohn geboren wird.

Der Unfall wirft Matteo aus der Bahn, er ist die völlige Zerstörung seiner Existenz, die er einzig und allein durch die Liebe zu Nora und seines Kindes definiert hat. So ist mit dem Tod der beiden die Basis seines Lebens verschwunden und da er nicht lernt, diesen Verlust in sein eigenes (welches ist das?) Leben zu integrieren, beginnt für ihn ein sich immer weiter beschleunigender Abstieg. Über die Jahre hinweg isoliert er sich, Frauenbekanntschaften bleiben für ihn reine Bettgeschichten, er lügt, wird zum Alkoholiker bis hin zum Rauswurf aus der Klinik. In Larissa tritt eine Frau in sein Leben, die ihn liebt ohne daß er diese Liebe erwidern kann. Zwar entwickelt sich ein (von seiner Seite her sehr brüchiges) „Liebes“verhältnis, aber die Freude Larissas über das in ihr heranwachsende neue Leben kann er nicht teilen. Nur zu gerne erliegt er den Einflüsterungen falscher Freunde, die ihm einreden, Larissa wolle ihn nur ausnutzen, ihn an sich binden. Und so nutzt er seine Stellung als Arzt aus, um Larissa zur Abtreibung zu überreden. Es ist eine absolut widerliche Lüge, die Tamaro ihrem Protagonisten da in den Mund legt, sie stellt den Tiefpunkt einer zerbrochenen menschlichen Existenz dar.

Die Eltern Matteos sterben [1], nach dem Tod des Vaters findet der Sohn einen Brief, in dem der Vater sehr liebevoll, aber deutlich die Leviten liest. Daraufhin ändert Matteo sein Leben, geht in die Berge und findet tatsächlich nach einigen Jahren in der Stille seine Ruhe. Und ganz zum Schluß des Romans gönnt die Autorin ihrem Matteo, dem Tränenlosen, auch noch die erleichternden Tränen, mit denen zwar nicht seine Schuld weg gewaschen werden kann, die aber seine Seele erleichtern.

***************************

Tamaro präsentiert mit „Mein Herz ruft deinen Namen“ ein etwas rührseliges Stück, Claudio Campagna benutzt in seiner Buchvorstellung [2] den Begriff der Weinerlichkeit, die den Roman durchzieht. In der Tat ist das dem Protagonisten auferlegte Selbstmitleid manchmal nur schwer zu ertragen, die Romanhandlung durchzieht stetig ein Hauch von Schmerz und Leid, den der Held erst dann lichten kann, nachdem er „ganz unten“ angekommen und dort zur Besinnung gelangt ist. In der Stille des einsamen Bergwaldes findet er seine Erkenntnisse, die Menschen im Tal dagegen, die ihn besuchen oder aufsuchen, betäuben sich und ihre Lebenszweifel mit allerlei Ablenkungen und Müßiggang, ja, der weise gewordene Matteo ist manchem von ihnen sogar ein Dorn im Auge und wird beschimpft.

Lese ich solche Geschichten großer Lieben, die nach dem Tod des/r Partners/in (fast) mit einer Katastrophe für den Zurückbleibenden enden (oder auch Biographien wie neulich die tragischen Lebenskatastrophen von Connie Palmen), denke ich oft an Erich Fromm, der in seiner „Kunst des Liebens“ [3] auch diese Ausbildung der Liebe zu ausschließlich einem Menschen analysierte. Fehlt diesen Menschen die fundamentale Liebe zu allen Menschen und damit vor allem auch die Liebe zu sich selbst, handelt es sich bei dieser ausschließlichen Liebe zu einem anderen nicht um die wahre Liebe, sondern um die Flucht aus einer Einsamkeit in eine Einsamkeit zu zweit. Wird diese Zweiereinsamkeit zerstört, bedeutet das für den Zurückgebliebenen die Katastrophe seines Lebens, so wie Tamaro es hier erzählt.

Grundlegende Weisheiten sind oft einfach, trotzdem wirken sie hier im Buch in der geballten Häufigkeit, in der die Autorin sie uns auftischt, ein wenig flach bzw. trivial und – da wir ja alle nicht in der Stille des Berges leben – auch aufdringlich, da sich beim Lesen immer das Gefühl einstellt, man sei als Leser selbst angesprochen.

An einer Stelle jedoch des Buches ist Tamaro etwas tiefergehendes gelungen: sie hat ihren Helden erkennen lassen, daß sich im Laufe der Jahre der Schmerz verselbstständigt hat und zum Selbstzweck geworden ist. Matteo hat sich in der Opferrolle eingerichtet, Opfer sein war ihm zum Lebensinhalt geworden. Die Erkenntnis dieser Entwicklung ist vllt der entscheidende Schritt, um den inneren Teufelskreis aus Schmerz und Selbstmitleid zu durchbrechen, weil sie den Blick wieder nach außen, in die Welt hinein, wendet.

So läßt sich als Facit des Romans festhalten, daß die Autorin mit „Mein Herz ruft deinen Namen“ ein leicht lesbares, leidlich unterhaltsames, aber leider nicht tiefer gehendes Büchlein geschrieben hat, das an der Oberfläches eines seichten Sees aus Lebensweisheiten dahin dümpelt. Und wieder einmal drängt sich die Frage auf: wie nur kommen die ganzen, zum Teil fast euphorisch klingenden Pressestimmen zustande, die auf dem Portal eines großen online-Versandhamazons aufgelistet sind. Und dem Lesern, den anderen als mir, scheint´s ja auch zu gefallen… nehmen wir´s zur Kenntnis und lassen es dabei bewenden.

Links und Anmerkungen:

[1] Tamaro läßt die Mutter an Knochenkrebs sterben, sie bricht einfach zusammen, danach wird der Krebs diagnostiziert und sie stirbt ein paar Wochen später. Da Knochenkrebs sehr schmerzhaft ist, erscheint mir dieses Szenario, daß er sich unbemerkt entwickelt hat, nicht sehr glaubhaft. Mir sind noch ein paar andere Stellen aufgefallen, an denen ich gestutzt habe, aber ich will hier auch nicht in die Beckmesserei abrutschen…
[2] Claudio Campagna: Lernen in der Einsamkeit, ndr kultur, 18.03.2013
[3] Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, Besprechung hier bei aus.gelesen

Susanna Tamaro
Mein Herz ruft deinen Namen
Aus dem Italienischen übersetzt von Maja Pflug
diese Ausgabe: Piper, HC, ca. 224 S., 2013

Advertisements

2 Kommentare zu „Susanna Tamaro: Mein Herz ruft deinen Namen

  1. Ich habe das Buch vor ein paar Tagen gelesen und finde deine Argumentation schlüssig, gerade da diese Sentimentalitäten in der geballten Form sehr erdrückend sind. Vielleicht lag es bei mir daran, dass ich das Buch im Urlaub bei viel Sonnenschein und heiterem Ausgleich gelesen habe, dass mich das so nicht ganz gestört hat. Wer weiß, wie meine Meinung wird, wenn ich es irgendwann einmal wieder zur Hand nehmen sollte.
    Die Besprechung von dir gefällt mir übrigens außerordentlich gut.

    Gefällt mir

    1. liebe macg82, lieben dank für deinen besuch und den kommentar! ich kann mich schon garnicht mit in allen einzelheiten an den roman erinnern, aber du hast sicher recht, als urlaubslektüre ist er bestimmt gut geeignet. im übrigen muss, kann und soll eh jeder für sich entscheiden, was ihm gefällt und was nicht…. gottseidank!

      Gefällt mir

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s