Der Spiegel (Hrsg): Abschied nehmen

26. Mai 2013

abschied-nehmenMan liest es so häufig, daß „Sterben“ und „Tod“ ein Tabuthema unserer Zeit seien, daß man schon fast der Meinung sein möchte, daß diese Aussage eher zur Eingangsfloskel geworden ist, mit dem man sich eine Art Rechtfertigung schaffen will, daß man sich gerade genau mit diesem Thema auseinandersetzen möchte. Sollte es aber tatsächlich so sein, daß diese Themen (noch) ein Tabu darstellen, ist dieses Heft aus der Spiegel-Reihe „Wissen“ sicher geeignet, sich dieser Frage zu nähern.

Es gibt kein Lebensalter, in dem man nicht auf einmal (oder auch absehbar) mit Sterben und Tod konfrontiert werden kann, in vielerlei Rollen, in die man auf einmal gestellt ist. Eine ärztliche Diagnose oder ein schwerer Unfall und man ist vllt gezwungen, sich mit dem eigenen Sterben auseinanderzusetzen – unabhängig vom Alter. Nahe Verwandte, geliebte Menschen, gute Bekannte können betroffen sein und wir, die wir ihnen nahe stehen, mit ihnen. Mag sein, daß wir gezwungen sind, Verantwortung zu übernehmen, weil wir Entscheidungen, schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben… vllt sind wir „nur“ als Begleiter von Sterbenden oder Trauernden gefragt, eine zutiefst mitmenschliche Aufgabe, die aber oft nicht angenommen wird.

Sterben ist ein Teil des Lebens ist, wenn auch der letzte (folgerichtig geht man zum Beispiel nicht in ein Hospiz, um zu sterben, sondern um bis zum Tod dort zu leben). Um ihn herum gibt es eine Reihe von Themen, Fragen, Problemen, mit denen man sich einmal frühzeitig befassen sollte, bevor sie dann in einer Stresssituation, womöglich in Eile und dringlich, entschieden werden müssen. Patienentverfügung und Betreuungsvollmachten gehören dazu, natürlich auch Testamente oder Festlegungen (möglicht unter allen Beteiligten), was die äußere Form des Begräbnisses angeht.

„Abschied nehmen“ widmet sich vielen einzelnen Fragen (vgl. das Inhaltsverzeichnis), es sind jeweils kurze, zwei- bis dreiseitge Aufsätze, die das Thema natürlich nicht in Gänze oder in der Tiefe behandeln können. Aber sie bieten einen guten Einstieg, mit dem man sich, da auch weiterführendes angegeben wird, bei Interesse tiefer in ein Thema einarbeiten kann.

Folgende Kapitel enthält das Heft:

  1. Am Ende des Lebens: Ausätze über das Sterben, das Begleiten Sterbender und auch über Trauer
  2. Tod als Beruf: hier wird z.B. die Arbeit des Bestatters beschrieben, aber auch von Notare (Testamente) und Sterbebegleitern. Da ich dies ehrenamtlich selbst mache, ist natürlich die Frage wichtig: wie sage ich einem Menschen, daß jemand, der ihm sehr nahe stand, gestorben ist….
  3. Krankheit und Sterblichkeit: hier sind Stichworte: Hospize, Palliativmedizin, Kinder und Tod, wann ist man überhaupt tot?
  4. Suizid und Sterbehilfe: man muss sich vor Augen halten, daß durch („erfolgreiche“) Suizide in Deutschland mehr Menschen sterben als durch AIDS, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen und Drogenmissbrauch zusammen, ungeachtet der versuchten Suizide oder nicht als Suizide erkannten Todesfälle…
  5. Kultur und Rituale: Beiträge rund ums den Komplex „Umgang mit dem Verstorbenen und eigene Trauerarbeit“

Für besonders interessant halte ich die Interviews z.B. mit dem bekannten Palliativmediziner Gian Borasio über Sinn (und auch Unsinn) medizinischer und pflegerischer Massnahmen am Lebensende, einen schwierigen Punkt, über den mit einer etwas anderen Perspektive, nämlich der Durchsetzung von in Patientenverfügungen festgelegten Willensbekundungen, der Medizinrechtler Wolfgang Putz befragt wird: „Sterben lassen ist kein Töten“.

Insgesamt denke ich, daß das Heft den gesamten Themenkomplex rund um „Sterben und Tod“ gut abdeckt und auch – oder gerade? – wenn man sich momentan ganz weit weg davon sieht, eine gute Gelegenheit ist, sich ihm unbefangen zu nähern.

Links und Anmerkungen:

– das Bild ist nicht dem Heft entnommen, sondern stammt aus dem eigenen Bestand
– mehr zum Thema „Krankheit, Sterben und Tod“ im themenblog: Sterben, Tod und Trauer

Der Spiegel (Hrsg)
Abschied nehmen
Vom Umgang mit dem Sterben
aus der Reihe: Wissen, Heft 4/12

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