Leon de Winter: Recht auf Rückkehr

22. Mai 2013

Dieser Roman de Winters spielt in der nahen Zukunft, im Jahr 2024. Er erzählt die Geschichte des Bram Mannheim, eines Juden aus den Niederlanden, der als 17jähriger nach dem Abitur Ende der 80er Jahre nach Israel ging, wo sein Vater forschte, um dort zu studieren. Dieser Vater, Hartog Mannheim, der selbst nach dem Tod seiner Frau erst nach Israel gegangen war, war ein brillanter Naturwissenschaftler, der sogar den Nobelpreis für seine Erkenntnisse gewann; sein Sohn Bram verlegte sich dagegen auf weniger exakte Wissenschaften. Als Historiker brachte er in seiner Promotion ein paar dunkle Flecken aus der Gründungszeit Israels ans Licht, was ihn ins Rampenlicht rückte und eine steile Karriere versprach.

Die politischen Ansichten von Vater und Sohn gingen weit auseinander. Der Vater, völlig desillusioniert, befürwortet gegenüber den Palästinensern und Arabern eine extrem harte Linie, sein Sohn dagegen setzt auf Verhandlungen und Friedensgespräche. Nach der Abiturfeier des Sohnes führen die beiden seinerzeit eine heftige Diskussion um dieses Thema, bei der Hartog seinem Sohn erzählt, was bei ihm den Paradigmenwechsel ausgelöst hat, denn früher sei er ähnlich ihm in der Einstellung gewesen.

Verheiratet ist Bram mit Rachel, einer Jüdin indischer Abstammung, eine schöne, rassige Frau. Sie haben einen Sohn, Bennie. Alles läuft nach Plan.

Bram – wir schreiben das Jahr 2004 -, inzwischen Professor in Tel Aviv, hat das Angebot, nach Princeton zu gehen, aber er will Israel nicht im Stich lassen und lehnt ab. Es ist einer dieser Abende mit einer langen Sitzung und auf dem nächtlichen Heimweg wird er von drei jungen Männern überfallen. Er kann sich retten, da er eine Waffe bei sich trägt, die die Männer in die Flucht schlägt. Im letzten Moment sieht er die Tätowierung am Arm des Anführers: ein Davidstern. Es sind Juden, die ihn, einen Juden, überfallen haben. Daraufhin überdenkt er seinen Entschluss und geht doch mit seiner Familie in die USA.

Er hat Erfolg in den Staaten, steht aber auch unter Leistungsdruck. Rachel und er haben ein riesiges, altes Haus gekauft, das sie jetzt renovieren und umbauen wollen. Zum Geburtstag ihres Vaters fliegt seine Frau nach Hause, Bram ist allein mit Bennie im Haus. Das Telefon läutet, er nimmt ab, ein alter Bekannter aus Israel, der sich momentan in den Staaten aufhält, ist am Apparat, Bram geht vor das Haus, um sich mit ihm zu unterhalten. Während des Anrufs verschwindet Bennie spurlos.

Brams Welt bricht zusammen, er erliegt Wahnvorstellungen und läuft weg, seine Ehe zerbricht, weil nicht nur er sich, sondern vor allem auch Rachel ihm die Schuld an dem Unglück gibt. Mystische Zahlenspielereien treiben ihn durch die USA. Da die Entführung am 22.08.2008 stattfand, sucht er Erlösung durch die Zahlen „zwei“ und „acht“… so beobachtet er zum Beispiel in allen Städten, in die er (auf komplizierten Wegen, da die Straßen natürlich auch 2en und 8en in der Nummerierung haben müssen) Häuser mit entsprechenden Hausnummern 22, 28, 82, 282 etc pp…. er wird zum Obdachlosen, zum Penner… durch einen Zufall wird Bram eines Tages erkannt von einem Mann, der es sich finanziell leisten kann, dem Widerspenstigen mit viel Geduld zu helfen.

Zurück in Israel fokussiert Bram seinen Wahn auf die Recherche nach allem, was bei dem Verschwinden des Sohnes eine Rolle gespielt haben könnte und was bei den offiziellen Untersuchungen unter Umständen nicht genau genug beachtet worden ist. Und in der Tat gelingt es ihm, eine plausible Indizienkette gegen einen Mann aufzubauen, der aufgrund dieser Indizien ein eindeutiges Motiv haben könnte… Bram geht das Problem alttestamentarisch an…

Die von de Winter beschriebene Welt der (Roman)Jetztzeit, i.e. 2024, beschreibt eine andere Welt, als wir sie gemeinhin extrapolieren würden. Polen zum Beispiel ist ein wirtschaftlich sehr starkes Land geworden, das auch fussballerisch in Europa die Führung innehat, in Russland hat Putin einen starken, prosperierenden Staat installiert, den periodischen Wechsel zwischen Präsidenten- und Ministerpräsidentenamt hat er perfektioniert. Im Nahen Osten sind die Palästinenser dabei, Israel zu besiegen, nicht durch Waffen, sondern durch Spermien und Gebärmütter: die demoskopische Entwicklung gefährdet die Existenz Israels von zwei Seiten: zum einen durch die hohe Geburtenrate der Palästinenser und Araber und zum zweiten durch die Tatsache, daß viele der jungen Israelis wenig Kinder haben und vor allen Dingen „die Kurve kratzen“, also ins Ausland gehen. So stehen die Geburtskliniken leer, in der Geriatrik dagegen nimmt Israel einen Spitzenplatz in der Welt ein.

Es ist ein hartogscher, unbarmherziger, illusionsloser Blick, den de Winter auf die Zukunft Israels legt. Dies beschreibt er als zum Ghetto geschrumpft, zu ausgedehnten Stadtzone Tel Aviv, Jerusalem ist Hauptstadt der Palästinenser und in den Checkpoints werden Juden und Araber mittels Gentests unterschieden, da es für Juden charakteristische, über den Vater weitergegebene Geneigenschaften gibt. Das ehemals pulsierende Leben in Israel ist Vergangenheit, die Strände sind leer, die Hotels auch.. eine im Grunde endzeitliche, dystopische Stimmung, die im Land herrscht, immer in Angst vor dem, was passieren könnte.

In diesem Rest-Israel arbeitet Bram mittlerweile beim Magen David Adom, mit seinem Kollegen führen sie Krankentransporte durch, rasen mit Attentatsopfern durch die Straßen, um zu retten, wer noch zu retten ist. Außerdem betreibt er mit einem Freund eine Agentur, die sich auf die Suche nach vermissten Kindern spezialisiert hat.

Eines Tages passiert ein großer Anschlag auf einen Übergang, es gibt viele Tote und Verletzte. Offiziell hat eine Rakete, die sehr spät erkannt worden ist, den Checkpoint zerstört, einer der schwerverletzt Überlebenden hat jedoch etwas anderes gesehen, etwas, was einfach nicht sein darf…. und was Bram, der gelernt hat, mit dem Tod seines Sohnes und seiner „Schuld“ daran zu leben, in große Verwirrung bringt….

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Es ist eine erbarmungslos pessimistische Weltsicht, die de Winter seinem Roman zugrunde legt. Es extrapoliert erkannbare Tendenzen der heutigen Gesellschaft und Politik und schreibt sie in eine gar nicht mal allzu ferne Zukunft fort. In manchen Bereichen ist dies sicherlich gut möglich, demoskopische Entwicklungen [1] sind gut in die Zukunft zu extrapolieren – etwas, was Politiker gemeinhin ungern machen, da sie die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen und Handlungszwänge nicht mögen.

Vielleicht ist noch nicht einmal die Vision der genetischen Überprüfung, wie sie de Winter für seine Checkpoints beschreibt, so weit hergeholt. Schließlich ist die Anwendung modernster Techniken für die Israelis eine der wenigen Möglichkeiten, dem äußeren Druck entgegenzuhalten. Aber natürlich ist es eine erschreckende Vision, diese genetische Prüfung auf Jüdischsein… [2]. Wie immer man dazu stehen mag, ist dieser Punkt der Angelpunkt der Geschichte de Winters, ohne ihn würde sie nicht funktionieren.

Auch an der proklamierten nicht änderbaren Feindschaft zwischen Juden und Palästinensern ist schwer zu schlucken. Andererseits geben die Erfahrungen der letzten vielen Jahre kaum Hoffnung, daß sich tatsächlich Friedensgedanken auf beiden Seiten durchsetzen, de Winter läßt im Lauf seiner Geschichte diejenigen Akteure, die für Frieden stehen, ebenfalls auf die „andere“ Seite wechseln und läßt sie ihre Hoffnung als Illusion verlieren.

Die israelische Gesellschaft, bzw. das, was von ihr übrig geblieben ist, ist alt, gebrechlich und grau, sie scheint wie in einem letzten Abwehrkampf auf ihr Ende zu warten, behütet und überwacht von Chicken Wings ….

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Mit Bram Mannheim hat de Winter einen tragischen Helden geschaffen. Wenn man sein (und auch das eigene natürlich) Leben betrachtet, kann man ausgehend vom „Jetzt“ jeden Zustand als vorläufiges Ende einer Kausalkette betrachten, die man an einem beliebigen Punkt betrachten kann und diesen kann man dann mit Fug und Recht als Punkt/Ereignis oder Ort bezeichnen, an dem die Weichen für das gesamte Leben gestellt werden. Wenn damals das oder das nicht, dann wäre… aber dies funktioniert nur in der Rückschau, wie widersinnig es ist, so zu denken, zeigt die Überlegung, daß eine retrograde Kausalkette im Grunde niemals endet, weil jedes Ereignis als Wirkung eines Grundes gesehen werden kann. Auch die eigene Geburt ist kein Ende der Kette, ist sie doch eindeutig mindestens abhängig von einem (hoffentlich) lustvollen Ereignis, das einige Monate zuvor stattfand.

Für Bram Mannheim fädelt de Winter so eine Kausalkette auf. Wo ist der entscheidende Punkt  in seinem Leben, an dem es aus vorgezeichneten Bahnen geworfen wurde? War es die Entscheidung, zum Studium nach Israel zu gehen oder war es die, den Ruf nach Princeton anzunehmen? Wie wäre sein Leben verlaufen, wenn er Rachel nicht geheiratet hätte? Was wäre passiert, wenn er damals zum Telefonieren nicht aus dem Haus gegangen, sondern im Haus geblieben wäre? Nicht beantwortbare Fragen…. das Leben Mannheims wird zum Spielball äußerer Einflüsse, es wird ausweglos in der (irrigen) Annahme der Schuld, die er auf sich geladen habe und dem daraus folgenden Zwang, es wieder gutzumachen, den Sohn zu finden. Bram verliert sein Leben darüber und schafft sich im Lauf der Jahre allenfalls ein Ersatzleben ohne Liebe, ohne Geborgenheit, Gefühle, denen er erst sehr spät wieder begegnet. de Winter gönnt seinem Protagonisten ein hoffnungsvolles Ende der Geschichte, es ist kein Happy-End, aber es hat das Potential, eins zu werden…

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„Recht auf Rückkehr“, einen Titel, den ich ehrlich gesagt auch nach dem Lesen des Buches nicht richtig verstehe, ist ein sehr, sehr gut geschriebener Roman. Er ist phasenweise unheimlich spannend, er läßt Mitgefühl mit den Protagonisten aufkommen, ohne daß er in Sentimentalitäten verfällt, er malt, ohne auf political correctness Rücksicht zu nehmen, ein durchaus pessimistisches Bild der Zukunft (speziell des Staates Israel), aber leider keins, das man von vornherein als völlig utopisch klassifizieren könnte. Auch wenn de Winter manch seiner Situationen und Ereignisse einfach „setzt“, ohne ihre Entwicklung oder innere Logik zu zeigen, ist das Buch fesselnd bis zum Schluss. Ich habe es mit seinen weit über 500 Seiten jedenfalls schneller gelesen als manch anderes mit schmalerem Umfang…

Links und Anmerkungen:

[1] siehe z.B. http://www.israelnetz.com/gesellschaft/detailansicht/aktuell/statistik-2016-mehr-palaestinenser-als-juden-im-heiligen-land/#.UZxMOD5qDsM
[2] sieh z.B. http://www.igenea.com/de/juden

Leon de Winter:
Recht auf Rückkehr
Aus dem Niederländischen übersetzt von Hanni Ehlers
Originalausgabe: Amsterdam, 2008
diese Ausgabe: Diogenes, TB, 549 S., 2010

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One Response to “Leon de Winter: Recht auf Rückkehr”


  1. Eine wunderbare Rezension zu einem aussergewöhnlichen Buch. Hätte ich es noch nicht gelesen, müsste ich das spätestens jetzt nachholen.

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