Erich Kästner: Fabian

10. Mai 2013

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Kästners Großstadtroman „Fabian“, der eine kurze Lebensspanne des Werbetexters und Propagandisten [2] Dr. Jakob Fabian in Berlin zum Thema hat, erschien 1931 im Druck. Werfen wir, bevor wir zum Buch kommen, einen Blick auf diese Zeit, in der der Roman entstanden ist.

1929 zum Beispiel erschien der „Völkische Beobachter“, der in München verlegt wurde, erstmalig in Berlin, Remarques brachte sein „Im Westen nichts Neues“ in die Läden, Thomas Mann bekam den Literatur-Nobelpreis verliehen, das Opium-Gesetz, das auch den Genuss von Haschisch verbot, wurde verabschiedet, im Oktober crashte die US-Börse, was zu einer weltweiten Wirtschaftskrise führte und zwischen der aufkeimenden Nazi-Brut und den Kommunisten gab es immer wieder, auch blutige, Zusammenstöße. Reichskanzler war übrigens ein gewisser Hermann Müller.

Im folgenden Jahr 1930 zerbrach die Koalition zwischen der SPS und der DVP, die Weimarer Republik ging ihrem Ende zu, die „rechten“ Kräfte wurden immer stärker: bei den Reichstagswahlen wurde die NSDAP zweitstärkste Partei. Fricke von der NSDAP wird Innenminister. Im Januar wird Horst Wessel, Komponist des SA-Kampfliedes, von Kommunisten niedergeschossen und stirbt an den Folgen. In der Haager Schlussakte werden die Reparationszahlungen der Deutschen endgültig geregelt und Ende des Jahres wird die Verfilmung von „Im Westen nichts Neues“ uraufgeführt. [1]

Die Entstehungszeit des „Fabian“ fällt also in die Endperiode der Weimarer Republik, natürlich hat ein Journalist wie Kästner dies realisiert. Auch wer die vergehende Republik ablöst dürfte sich am Horizont abgezeichnet haben, mit welcher Brutalität dieses neue Regime jedoch zu Werke gehen sollte, war wohl noch nicht absehbar. Andererseits: „Rathenau musste weg, er war ein Jude… “ legt Kästner einer seiner Figuren in den Mund, die Tendenz war deutlich… die wirtschaftlichen Probleme, die Zuspitzung der politischen Lage, die Reparationszahlungen als Folge des verlorenen Krieges 14/18.. dies alles führte zu einer brodelnden Atmosphäre unter den Menschen, Sicherheiten schmolzen dahin, Regeln wurden ausser Kraft gesetzt, die Moral ging vor die Hunde….

Wie konsequent sich die Nazis über die geltenen Regeln zivilisierten Lebens hinwegsetzen wollten, konnte die Welt spätestens 1933 erkennen. Dem 1931 erschienen hatte „Fabian“ in Deutschland eine recht kurze Lebensspanne, denn schon diese zwei Jahre später konnte Kästner, der sich dies – als Chronist der Zeiten – persönlich anschaute, das Büchlein, gerade das, brennen sehen, eins unter vielen….

2. Rufer:
Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall!
Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!

Ich übergebe der Flamme die Schriften von
Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.

****************

Dr. Jakob Fabian, die Hauptperson des Romans, ist ein junger, lediger Mann, der bei einer Zeitung in der Werbeabteilung arbeitet, Slogans und Sprüche fabriziert und im Moment ein Preisausschreiben für die Zigarettenbranche entwickelt. Er ist nicht wirklich mit dem Herzen bei seiner Arbeit, er begegnet ihr so wie seiner gesamten Umwelt mit einem gehörig massiv ausgebildeten Panzer aus Ironie und Sarkasmus, der sich aber im verbalen erschöpft. Er hat ein Zimmer mit Frühstück zur Untermiete (auch bei dieser Vermieterin sind die Zustände keineswegs sittenstreng), sein einziger Freund ist Labunde, ein Idealist, der mit einer literaturhistorischen Arbeit über Lessing habilitieren will und der im Gegensatz zu Fabian politisch aktiv ist.

„Besucht die Exotikbar, Nollendorfplatz 3, Schöne Frauen, Nacktplastiken, Pension Condor im gleichen Haus“  [6] regnen (Werbe)Sterntaler gleich im ersten Kapitel auf ihn herab, die ihm aber nicht wie im Märchen eine sorglose Zukunft in dieser unruhigen, sich immer in Bewegung befindlichen Stadt garantieren. Im Gegenteil, die Vorstellung von oben, von dort, wo die Taler herkommen, auf die Menschenmenge zu schauen, macht ihm deutlich, wie klein er ist und unbedeutend und wie er allen anderen gleicht ohne die Möglichkeit, etwas zu ändern.

Fabian ignoriert das Angebot des Nollendorfplatzes, er hat in dieser Stadt mit dem weltberühmten Nachtleben [5] andere Adressen zur Verfügung und er zögert keineswegs, sich der Dienste der dortigen Damenwelt zu bedienen. Die Bekanntschaften, die er hat (und bei denen jeweils die Frauen die Initiative ergriffen haben), der Sex, erfüllen ihn nicht mit Befriedigung, eher sind sie wie eine Droge für ihn, die ihn kurzzeitig betäubt, mit der er sich abreagieren kann („Aber nicht wieder beissen“ wird er gebeten, als „sie“ ihm am Morgen danach noch einmal ihre Brüste anbietet…). Fabian hat Adressen, folgt Empfehlungen, sitzt in Cafes und Bars, durchstreift Berlin zu Fuss und mobil… und mit ihm lernen wie sie kennen [3], die Etablissments, in denen sich einsame Ehefrauen etwas suchen (mit und ohne Genehmigung des Ehemannes), die Bordelle der Stadt, in der es lesbischen Sex gibt ebenso wie Häuser, in denen sich die alten, unansehnlich gewordenen Frauen der Stadt (soweit sie es sich finanziell erlauben können) von jungen Männern „beschlummern“ lassen können….

In dem Etablissement, in das Fabian (statt in das am Nollendorfplatz) auf Empfehlung eines Freundes besucht, trifft er auf Irene Moll – oder besser gesagt, wird diese auf ihn aufmerksam. Immer wieder wird Fabian im Verlauf des Geschehens dieser Frau begegnen…. der Nymphomanin, die ihn ganz am Anfang des Romans zu sich nach Hause abschleppt und ihn vor dem geplanten Regen- und Wolkenspiel von ihrem Ehemann begutachten lassen muss, wie es zwischen den beiden Eheleuten für solche Fälle von benötigtem außerehelichen Geschlechtsverkehr vertraglich festgehalten ist. Sie ist für den Protagonisten die Verführung, sie ist sein persönlicher „Satan“, der ihn immer wieder seine Grundsätze vergessen machen will, die ihn mit ihrem Geld (anstatt einem Apfel, der in „Wirklichkeit“ ja wohl eher eine Feige gewesen ist und das würde dann schon eher hier ins Bild passen…. ) lockt, mit ihren Möglichkeiten, ihrem warmen und feuchten Schoß. Aber Fabian bleibt standhaft, er, der ein Moralist ist, läßt sie, die keine Moral hat, sondern alles für käuflich hält, einfach stehen.

Fabian ist wie Treibgut in einer Stadt, deren Winkel und schummrigen Ecken er zwar kennt, die ihm aber trotzdem fremd ist. Er ankert nirgends, ein kleiner Stoß und es treibt ihn weiter, ohne daß er einen Plan hat und weiß, wohin. Er ist ein Moralist, Kästner betont dies des öfteren, nicht im oberflächlichen Sinne von „Moral und Anstand“, sondern weil er der Ansicht ist, es müsse möglich sein, ein Leben nicht nach den Prinzipien der Ökonomie, der Gewinnmaximierung zu führen, sondern nach ethischen Grundsätzen. Und weil er ein Moralist ist, muss er zwangsläufig scheitern, denn die Welt, in die er geworfen wurde, ist amoralisch – in jedem Sinne.

Doch zuvor sieht es für Fabian ganz anders aus. Er lernt auf einer seiner Touren Cornelia Battenberg kennen, eine Juristin, die aber Ambitionen fürs Filmgeschäft hat. Man kommt ins Gespräch, findet sich sympathisch, begleitet sich nach Hause und die Frau bittet den Mann noch auf eine Tasse Kaffee mit ins Zimmer… es bleibt natürlich nicht bei dieser Tasse und zum ersten Mal hat Fabian das Gefühl, er könne etwas erreichen, es gäbe etwas, was der Anstrengung lohnt, ein Ziel, einen Wunsch… Aber schon kurz darauf entscheidet sich Cornelia dazu, ihre Filmkarriere durch horizontale Dienstleistungen am Produzenten zu beschleunigen und da ein Unglück selten allein kommt, bekommt Fabian von seinem Chef die Kündigung zugestellt, dem unfähigen Ex-Kollegen wird wegen seiner Preisausschreibenidee dagegen eine Gehaltserhöhung bewilligt und sein bester, sein einziger Freund Labunde erliegt einem dummen Scherz….

Fabian hält es im menschenverzehrenden Moloch Berlin nicht mehr aus und er fährt daher nach Hause, in seine Heimatstadt. Dort fluten ihn beim Anblick der Straßen, Plätze und Häuser Erinnerungen.. mit einem ehemaligen Schulkameraden geht´s auch hier erst mal ins Bordell, selbst in der Provinz hat der allgemeine Verfall eingesetzt, wenngleich er nicht so schrill wirkt, sondern eher kleinkariert und kleinbürgerlich eng. Zum Schluss gibt das Schicksal ihm wieder, so wie in Berlin, als er den Bettler, der aus dem Cafe vertrieben wurde, einlädt und er dem Mädel, das einen Aschenbecher aus dem Kaufhaus mopste, um ihm dem Vater zu schenken, diesen kaufte, eine Gelegenheit zur „guten Tat“: er, der Nichtschwimmer, versucht, einen Jungen, der in den Fluss gestürzt war, zu retten….

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In Fabian versucht Kästner mit den Mitteln der Ironie und der Übertreibung auf die Auflösungserscheinungen einer Gesellschaft aufmerksam zu machen, in deren Schatten sich eine Gegenbewegung aufmacht, die Macht zu übernehmen, zur Not mit Gewalt. In seinem Vorwort, das Kästner nach dem Krieg der Neuauflage voranschickt, schreibt er, daß das Bild, das er von der Großstadt zeichnet, ein Zerrspiegel ist, den der Moralist ihr vorhält, die Überspitzung als legitimes Mittel der Karikatur, der Satire gebrauchend. Aber damit relativiert er die Zustände nicht („na ja, dann war es ja wohl doch nicht so schlimm…“), sondern er leuchtet sie aus und richtet den Fokus auf sie. Kein Wunder, daß der „Fabian“ bald brennen sollte…

Der Roman ist, um noch etwas zum Stil zu sagen, sehr kurzweilig geschrieben, da Kästner, der Journalist, viel mit schnellen, kurzen Dialogen arbeitet; die einzelnen Kapitel, die wie Perlen auf einer Handlungskette sitzen, sind kurz gehalten und in sich weitgehend abgeschlossen, sie erzählen jeweils Episoden, einzelne Szenen. Diese Schnelligkeit, teilweise vllt sogar ein Hauch von Hektik – damit entspricht der Roman der Atmosphäre der Stadt, in der er spielt, eine Stadt, die nie ruht, die nie nachdenkt, die das Hier und Jetzt lebt ohne es zu reflektieren. Fabian ist, wenigstens in der ersten Buchhälfte, nicht unbedingt eine sympathische Figur, seine Schnoddrigkeit, seine Schlagfertigkeit, mit der er andere abfertigt, weisen einen Hauch von Arroganz auf, eigentlich ist es nicht verwunderlich, daß er einsam ist: er will es wohl sein, schützt sich mit diesem Wortpanzer für Gefühlen. Erst als diese mit Cornelia ins Spiel kommen, wird er zugänglicher, auch für den Leser.

Natürlich erkennt man auch einiges von Kästner in der Figur des Fabian wieder. Journalist der eine, Texter der andere, sind beide Beobachter und Akteure. Auch von Kästner ist ja bekannt, daß er sich den weiblichen Reizen, auch den käuflichen, nicht verschlossen hat, die Herzschwäche, unter der er seinen Jakob zeitweise leiden läßt, ist auch ihm eigen, als Erbe des harten Militärdrills, dem er als 17 jähriger unterlag. Die Mutter Ida, zeit seines Lebens seine große Liebe, vllt die einzige wirklich Liebe, findet sich in der fürsorglichen Mutter Jakobs wieder…

So ist „Fabian“ zwar ein Zerrspiegel, aber eben doch auch ein Spiegel einer Stadt der Gegensätze: Not und Armut, Arbeitslosigkeit und Verzweifelung, die man tagsüber in den Straßen treffen kann, verkriechen sich mit Einbruch der Dunkelheit und die „Goldenen Zwanziger“ kommen hervor mit ihren Vergnügungen und Ausschweifungen…. und, wenn man wollte, konnte man sie schon sehen, die braune Brut am Horizont….

Links und Anmerkungen:

[1] stichwortartige Auszüge nach: Was-war-wann.de
[2] In der Vor-Goebbels-Zeit ist der Begriff „Propaganda“ offensichtlich noch nicht so schlecht beleumundet wie nachher…
[3] mit diesem Führer, der im 3. Reich konsequenterweise auch verboten wurde, wäre das wohl retrospektiv heute noch möglich: Weka [d. i. Willi Pröger], Stätten der Berliner Prostitution, Eine Reportage,  Berlin, Auffenberg Verlagsgesellschaft, 1930.
Aus dem Inhalt: Prostitution und Geschlechtskrankheiten – Die Absteige-Quartiere – Am Schlesischen Bahnhof – Mutter und Tochter – Die „Schnelle“ – Geschlechtsverkehr im Freien – Prostituierten-Herberge – Das Kind als „Schlepper“ – Am Büschingplatz – Die „Freuden-Greisin“ – In der Schnelle des Alexanderplatzes – Massenbetrieb in der Dragonerstraße – Das Bordell im Laden – Steinstraße und Mulackstraße – Die Schwangere – Und die Behörden? – Die Gefahr der Ansteckung – Die Freiluft-Prostitution – Stettiner Bahnhof – In dunklen Höfen – Wo die Friedrichstraße beginnt – Passage „Unter den Linden“ – Für ein Mittagessen – „Massage“ und „Körperkultur“ – „Junge Assistentin gesucht“ – Eintritt gegen Referenz – Ein Tagbuch – „Pariser Salon“ – Maskierung – Das weiße Gift – Am Halleschen Tor – Tiergarten, das Zentrum der homosexuellen Prostitution – „Hotel zur Eisenbahn“ – Immer näher zum Westen – Am Bülowbogen – Händler für alles – Kaschemme für „Vornehme“ – Wo der Westen beginnt – Rauschgiftzentrale Wittenbergplatz – Hexenkessel Tauentzienstraße – Schlepper – Geheime Salons – Die Minderjährigen – Rund um die Gedächtniskirche – Die Transvestiten – Am Gipfel: Kurfürstendamm – Abwärts.
Von den Elends-Absteigequartieren am Schlesischen Bahnhof und Alexanderplatz zur Luxus-Prostitution der Friedrichstraße und des Kurfürstendamms.“ Der Text basiert auf einer Artikelserie, die im „Berlin am Morgen“ veröffentlicht wurde und auf große Resonanz stieß. Die Beiträge geben einen umfassenden Einblick in die Orte und Zustände im Prostitutions- und Zuhältermilieu Berlins Ende der 1920er Jahre und sollten auf die herrschenden sozialen und gesundheitlichen Missstände aufmerksam machen. Die Nationalsozialisten setzten das Buch 1938 auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“.
[4] Bilder aus dem zeitgenössischen Berlin mit Erläuterungen bei pinterest
[5] eine Ansicht, die der Schriftsteller Joseph Roth im übrigen garnicht teilt und wortgewaltig zu widerlegen sucht, vgl: Mira Miladinovic Zalaznik,Johann Georg Lughofer (Hrsg): Joseph Roth: Europäisch-jüdischer Schriftsteller und österreichischer Universalist, Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2011. Zitiert nach: google.books, S. 134
[6] heute übrigens ein Ärztezentrum… ;-)
[7] Georg Diez: Nach dem Feuer die Dummheit, Spiegel 16/2013, S. 124. Ein zeitgeschichtlicher Beitrag über Kästner und seinen Roman „Fabian“
[8] auch sehr interessant: europe voice, 18. April 2013: Book Burnings: How the Nazis Ruined Erich Kästner’s Career

mehr von Kästner hier im blog:
Als ich ein kleiner Junge war
Lyrische Hausapotheke

Erich Kästner
Fabian
Erstveröffentlichung: dva, Stuttgart/Berlin 1931
diese Ausgabe: dtv – Jubiläums-Edition 50 Jahre, flexibler Einband, ca. 260 S., 2011

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2 Responses to “Erich Kästner: Fabian”


  1. Ein gutes, sehr beklemmendes Buch. Liebe Grüße
    Petra

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  2. […] Hintergrund & Analyse […]

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