Lillian Crott Berthung, Randi Crott: Erzähl es niemandem!

Eine Buchvorstellung im Rahmen der Aktion: Blogger schenken Lesefreude

Am 9. April 1940 erklärte das Deutsche Reich in gleichlautenden Noten an die dänische und die norwegische Regierung, daß sie in die beiden Länder einmarschieren wollten, dies aber nicht in „feindseliger Gesinnung“ täten. Angeblich wollte man einem mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwartenden Einmarsch von Truppen der Westmächte zuvorzukommen, ein Argument, was mittlerweile wohl als vorgeschoben angesehen werden kann. Der Aufforderung, dieser Maßnahme keinen Widerstand entgegenzusetzen, kam die dänische Regierung nach, was Dänemark bis 1943 die relative ungestörte Funktion der staatlichen Strukturen sicherte [5], in Norwegen jedoch marschierte die Wehrmacht nach vergeblichen Widerstand ein und besetzte das Land.

Der Zweite Weltkrieg in Europa, das ist der Feldzug gegen Russland, die Besetzung der Benelux-Staaten im Zuge des Angriffs auf Frankreich, der Aggression gegen England und dank Rommel auch Kämpfe in Nordafrika. Daß der Krieg auch in skandinavischen Staaten stattfand und dort durchaus auch mit enormer Brutalität, ist uns weniger im Gedächtnis. Zwar weiß man von der Besetzung Norwegens durch die Deutschen, doch Einzelheiten sind uns weniger präsent – den Norwegern dagegen schon….

Krieg ist ein unmenschliches Geschäft, das unendliches Leid unter den Betroffenen hervorruft. Aber so unmenschlich Krieg auch ist, er wird von Menschen gemacht, angezettelt und geführt. Und nicht jeder Mensch (vllt sogar die wenigsten), der – oft auch gezwungenermaßen und gegen seine Überzeugung – im Krieg kämpft ist ein Unmensch, der von Hass getrieben handelt. Und so kommt es vor, vllt garnicht mal so selten, daß sich zwischen Soldaten und Frauen, auf die diese in den fremden „feindlichen“ Ländern treffen, auch andere Gefühle entwickeln, gegen die nicht anzukommen ist, gegen alles Vernunft, Sympathie stellt sich ein, manchmal sogar Liebe… [6]

So eine Geschichte erzählt Randi Crott in diesem Buch: „Erzähl es niemandem!“ Es handelt von ihrer norwegischen Mutter Lillian Berthung, die Ostern 1942 als 19jähriges Mädchen in ihrer Heimatstadt Harstadt nördlich des Polarkreises den deutschen Besatzungssoldaten Herman Crott kennen- und lieben gelernt hat. Um diese Zeit verlief die Besatzung Norwegens noch relativ milde, zwar gab es eine Menge Verbote und Einschränkungen, Radios mussten abgeliefert werden, ebenso wurden die Lebensmittel knapp, aber im Vergleich zu dem, was nur wenige Monate später ertragen werden musste, war dies unerheblich. Jedenfalls lud Lillians Vater aus Mitleid einen deutschen Soldaten, dessen Mutter gestorben war, zu sich nach Hause ein. Der Soldat wurde von einem Kameraden, Helmut Crott, bei diesem Besuch begleitet, dieser verliebte sich sofort in das junge Mädchen, das er in der Familie traf… zögernd und sehr vorsichtig näherten sich die beiden aneinander an, wer kann es ihnen in dieser Situation verdenken: es entwickelte sich eine heimliche Liebe gegen jegliche Vernunft, eine Liebe, die nur mit Widerständen zu kämpfen hatte.

Es gab Krisen in dieser Liebe, bedingt durch die Besatzung, schließlich gehörte Helmut zu den Soldaten, zu den Deutschen, die die Nachbarn der Berthungs weggebracht haben – weil sie jüdisch waren. In dieser Situation entschließt sich Helmut Crott, seiner Lillian im wahrsten Sinn des Wortes sein Leben anzuvertrauen, gegen das Versprechen, es niemandem zu erzählen: Helmut Crott hat eine jüdische Mutter, hat als Student selbst unter den Verfolgungen gelitten und konnte sich in der Wehrmacht nur halten, weil er konvertierte und als Soldat auf der Schreibstube Dokumente verschwinden lassen konnte.

Dieses Geheimnis der jüdischen Herkunft erfuhr auch die Autorin erst, als sie 18 Jahre alt war. Ihre Mutter weihte sie gegen den Willen des Vaters ein und gegen dasselbe Versprechen, an das sie sich bis nach dem Tod des Vaters hielt: Erzähl es niemandem!

Crotts Buch gewordene Familiengeschichte umfasst grob gegliedert drei Handlungsstränge:

… zum einen ist es eine Geschichte der Familie Crott: Helmuts Tante wurde in Theresienstadt ermordet, die Mutter zwar ebenfalls dorthin deportiert, aber sie gehörte zu den Überlebenden. Der Vater weigerte sich, sich scheiden zu lassen und wurde als Eisenbahner entlassen. Helmut selbst wurde als Jude auf der Universität diskriminiert und fand nur mit großer Mühe und viel Glück einen streitbaren Doktorvater, der entgegen der offiziellen Leitlinie noch einen jüdischen Studenten promovierte (bei Karl Engisch, Heidelberg, der zwar Parteigenosse war, aber trotzdem Zivilcourage bewiesen hat).

Zum zweiten handelt sie natürlich davon, wie die beiden jungen Menschen versuchen, ihre Liebe, ihre Beziehung durch diese Zeiten zu retten. Helmut Crott befand sich als Soldat immer in der Gefahr, getötet zu werden, lange Trennungen von Lillian waren normal, überhaupt wurde es immer schwieriger für die beiden, sich zu sehen, auch der Briefverkehr musste klandestin erfolgen. Und als das Geheimnis dann doch „aufflog“, fand Lillian kaum Verständnis, besonders schwer war es für sie, daß die Eltern zwar nicht mit ihr brachen, sie aber doch sehr deutlich spüren ließen, was sie von ihr erwarteten: die Trennung nämlich. So musste Lillian fast ohne Unterstützung und Zuspruch zurecht kommen, lebte sogar in stetig wachsender Gefahr, als Verräterin gebrandmarkt zu werden [10]. Die Existenz des Buches und der Tochter macht kein Geheimnis daraus: sie schaffen es, Helmut Crott überlebt den Krieg und die nachfolgende Kriegsgefangenschaft, aber auch Lillian gelingt es, den Strafaktionen der befreiten Norweger gegen Frauen, die sich mit den Feinden eingelassen hatten, zu entkommen, ja, nach einigen Versuchen gelingt es den beiden, die illegale „Einreise“ nach Deutschland zu organisieren. Am 5. April 1948 findet die Hochzeit in Wuppertal statt.

Diese zwei Geschichten, die in einem Happyend münden, bettet Randi Crott in die größere politische und militärische Geschichte Norwegens ein. Nachdem in der ersten Zeit noch eine gewisse Rücksichtnahme von Seiten der Okkupanten ausgeübt wurde, wurde kurz vor Kriegsende beim Rückzug der Hitlerarmee verbrannte Erde hinterlassen: mit der „Operation Nordlicht“ [7] wurde Nordnorwegen verwüstet: „… die gesamte norwegische Bevölkerung ostwärts des Lyngenfjords in ihrem eigenen Interesse zwangsweise zu evakuieren und alle Wohnstätten niederzubrennen bzw. zu zerstören sind…“ lautete der Befehl Alfred Jodls an die sich aus Finnland zurückziehende 20. Gebirgsarmee, mit dem die Anweisung Hitlers vom 28. Oktober ´44 umgesetzt wurde. Unter anderem 50.000 Menschen wurden vertrieben, 11.000 Wohnhäuser und 4.700 Ställe wurden verbrannt, wochenlang lag der Gestank verbrannten Viehs in der Luft…. Menschen, die sich dem Räumungsbefehl widersetzten, wurden von faschistischen Norwegern an die Deutschen überstellt, die sie exekutierten.

Randi Crott ist Journalistin [8], man merkt es ihrem Buch an. Es ist mit großem inneren Engagement geschrieben und erinnert mich damit an die Art und Weise, wie z.B. Wibke Bruhns die Geschichte ihrer Familie erforscht und beschrieben hat [9]. In weiten Teilen ist die Geschichte dialogartig aufgebaut, die kurzen Abschnitte wechseln schnell zwischen den einzelnen Erzählsträngen, zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, teilweise hat man das Gefühl, Crott hätte ihre Schnitte mit Cliffhangern versehen, die die Spannung hochhalten. Dadurch wird das Lesen der Geschichte kurzweilig, man kommt schnell weiter, was ein wenig auf der Strecke bleibt, ist die Reflexion des Gelesenen. „Erzähl es niemanden!“ ist ein für mein Gefühl ein eher journalistisch als literarisch geprägter Text, ein Eindruck, der durch die eingefügten Fotos zusätzlich verstärkt wird [11]. Vielleicht hätte etwas mehr Ruhe dem Text gut getan, die erwähnten Sprünge in Zeit und Ort sind hin und wieder sehr abrupt….

Beklemmend und intensiv sind die Passagen, in denen Crott aus den alten Briefen zitiert. Mit diesem Kunstgriff schildert sie uns nicht nur die Korrespondenz von Lillian und Helmut, sondern vor allem das Schicksal der Familie Crotts, die in Wuppertal ausgebombt wird, die Deportation von Tante und Mutter (Helmuts) erdulden muss und die trotzdem den Mut nicht aufgibt, daß vor allem die (liebevoll „halbe Portion“ genannte) Mutter Helmut Crotts den Krieg überlebt und nicht das Schicksal ihrer Schwester erleidet. Zusätzlich integriert Crott einiges an Zitaten aus Zeitdokumenten im Text.

„Erzähl es niemanden!“ ist die Geschichte einer großen Liebe, die nie aufgibt und die den widrigen Zeitumständen trotzt. Daneben vermittelt sie auch viel Unbekanntes aus einer Kriegsregion, die uns hier in Deutschland weitgehend aus dem Blickfeld geraten ist und die den Menschen, denen dort Leid und Not (wenn nicht Schlimmeres) zugefügt worden ist, damit sehr Unrecht tut.

Randi Crott macht in ihrem Buch Geschichte fassbar, indem sie sie herunterbricht auf Einzelschicksale und zwar auf sehr persönliche, nämlich das ihrer Eltern und somit auch ihr eigenes. Es zeigt auch, wie stark der Wunsch eines Menschen ist, seine Wurzeln zu kennen, authentisch zu werden und sich dadurch seiner selbst bewusst zu sein. Die Autorin beendet ihr Buch mit einem imaginären Brief an ihren Vater, in dem sie andeutet, daß und wie sie sein Verhalten ihr gegenüber empfand: streng und mit Distanz. Helmut Crott schien nach dem Krieg einen auch inneren Neuanfang begonnen zu haben, er wollte keine Anerkennung, kein Mitleid – er wollte einfach nur dazugehören. Und dabei wäre ihm – in seinem Verständnis – die Vergangengeit und die Fragen danach hinderlich gewesen. Es tut beim Lesen ein wenig weh, zu spüren, daß die Distanz zwischen Tochter und Vater (von der Randi Crott spricht) erst posthum, durch die Recherche und die Suche der Tochter nach der „Wahrheit“ verringert, vllt aufgehoben wurde, zumindest bei der Tochter Verständnis entstanden ist.

So kann ich die Familiengeschichte der Crotts zusammenfassend mit gutem Gewissen als Lektüre empfehlen: ein bewegendes Einzelschicksal im Umfeld eines Kriegsschauplatzes, der einem normalerweise nicht präsent ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Buchvorstellung mit Interview (Videoclip) von Lillian Crott Berthung bei arte.tv, 22.03.2012
[2] Wiki-Artikel zu Randi Crott
[3] Wiki-Artikel „Norwegen unter deutscher Besatzung
[4] Wiki-Artikel „Unternehmen Weserübung“ (Angriff und Besetzung auf/von Dänemark und Norwegen)
[5] in diesem Zusammenhang möchte ich auch an Pundiks Büchlein erinnern: Herbert Pundik: Die Flucht der dänischen Juden 1943 nach Schweden
[6] was solche Lieben in Frankreich angeht, habe ich hier im Blog schon Beispiele vorgestellt:
– Erich Schaake: Bordeaux, mon amour
– Odile Kennel: Was Ida sagt
[7] Unter diesem Begriff findet sich (zumindest in den ersten Treffern) kein deutschsprachiger Hinweis auf diese systematische Zerstörung Nordnorwegens durch die Hitler-Armee.
[8] Autorenportraits des WDR
[9] Wibke Bruhns: Meines Vaters Land, Besprechung hier im blog aus.gelesen
[10] nach dem Krieg gehen die Norweger mit diesen Frauen kaum anders um als zum Beispiel in Frankreich geschieht und man es bei z.B. Kennel [6] nachlesen kann…
[11] ein Bild sagt mehr als tausen worte… besonders das Bild des torpedierten und sinkenden Truppentranspoertschiffs „Wigbert“ ist aufwühlend, da irgendwo in der Wasserfläche um das Schiff herum auch Randi Crotts Vater um sein Leben schwimmt, auch wenn er auf der kleinen Aufnahme natürlich nicht zu sehen ist….

Lillian Crott Berthung, Randi Crott
Erzähl es niemandem!
Die Liebesgeschichte meiner Eltern
diese Ausgabe: Dumont Buchverlag, HC, ca. 290 S., 2012

blog den welttagIch danke dem Verlag, der mir dieses Buch für die Aktion „Blogger schenken Lesefreude“ zur Verfügung gestellt hat. Muss ich sagen, daß jeder Kommentator bitte seien Mail-Addy hinterläßt? Und daß der Rechtsweg bei der Verlosung des Buches ausgeschlossen ist? Nö, muss ich glaube ich nicht, daß weiß ja jeder…. ;-)

33 Kommentare zu „Lillian Crott Berthung, Randi Crott: Erzähl es niemandem!

  1. so, ihr lieben, die ihr hier alle kommentiert habt und in die lostrommel hüpftet, es ist vorbei, es gibt eine glückliche, der ich das büchlein zusenden werde…

    herzlichen glückwunsch und viel spaß mit diesem interessanten buch!
    .. und euch anderen alle ein herzliches dankeschön für euer mitmachen und vllt habt ihr ja in einer anderen lostrommel mehr glück gehabt… ;-)

    lg
    fs

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  2. Von dem Buch habe ich bisher noch nichts gehört, würde mich aber freuen im Falle eines Gewinnes das Buch zu bekommen, denn ich würde es mit Freude lesen :-D
    Deshalb versuche ich mein Glück und hüpfe in den Lostopf ;-)

    LG Fitore

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  3. Hallo

    Ich würde gerne an deiner Verlosung teilnehmen.
    Der erste Abriss der Handlung klingt ziemlich vielversprechend und spannend. Ich glaube es handelt sich hierbei um ein Buch, welches man schlecht weglegen kann :-)

    LG ♥
    Ivonne

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  4. Ich finde die Thematik äußerst interessant. Das Buch weckt die Neugier und ich kann mir vorstellen, dass es auch lehrt. Sehr gern würde ich es bei mir aufnehmen.

    Liebe Grüße,
    Jenny

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  5. Hallo.
    Das Cover sieht ja richtig interessant aus, u. der Inhalt klingt sehr vielversprechend.
    Würde mich wirklich riiiiiiesig über dieses tolle Exemplar freuen :-)
    Schön, dass ihr uns die Gelegenheit gebt, so viele fantastische Bücher zu entdecken.
    Ganz tolle Aktion von euch-großes Lob uns Danke :-D
    Liebe Grüße,
    Julia

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  6. Ich bin mit meinem Freund regelmäßig in Dänemark im Urlaub – sehr weit im Norden. Dort sieht man auch noch die Bunker des „Atlantikwalls“ und es gibt dort auch ein „Bunkermuseum“, in dem die Zeit der Besatzung thematisiert wird. Als Geschichtsstudentin würde ich mich sehr für dies Buch interessieren.
    Liebe Grüße
    Fiona

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  7. Eine sehr schöne Rezension, die mir wieder einmal bewusst macht, wie wenig wir doch über die Situation während des Zweiten Weltkrieges wissen. Gerade die skandinavischen Länder werden selten behandelt, weder im Schulunterricht noch in den Medien.

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  8. Das hört sich wirklich sehr spannend an, mit dem Aspekt der Geschichte habe ich mich noch nicht beschäftigt. Vielen Dank für die Rezi! (Meine E-Mail solltest Du bei den Kommentaren sehen können).
    Liebe Grüße,
    June

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