Edwin Geist: „Stündlich zähle ich die Tage…“

Die Reinigung unseres Kultur- und damit auch unseres Musiklebens von allen jüdischen Elementen ist erfolgt. Klare gesetzliche Regelungen gewährleisten in Großdeutschland, daß der Jude auf den künstlerischen Gebieten weder als Ausübender noch als Erzeuger von Werken, weder als Schriftsteller noch als Verleger oder Unternehmer öffentlich tätig sein darf. Die Namen der »Größen« aus der Zeit vom Weltkriegsende bis zur Neuordnung des Reiches sind versunken. Sie sind sogar so gründlich vergessen, daß beim zufälligen Wiederauftauchen eines solchen Namens mancher sich kaum entsinnen wird, daß es sich um einen berüchtigten früher viel genannten Juden handelt. [1]

Die Vernichtung der Juden sollte total sein, es gab keine Schonung, allenfalls Aufschub – aus technischen Gründen. Das oben zitierte Nazi-Lexikon sollte „..dem Musiker, dem Musikerzieher, dem Politiker und auch dem Musikfreund jene unbedingte Sicherheit (zu) geben, die hinsichtlich der Judenfrage gefordert werden muß..„. In ihm findet sich auch der Musiker Edwin Geist, der nicht nur in personam der Vernichtung anheim fiel, sondern dessen Werk nur durch eine Reihe von Zufällen gerettet und zugänglich gemacht werden konnte und auf den das Diktum der Einleitung (auch wenn er sicher nicht zu den viel Genannten gehörte) fast zugetroffen wäre, daß man sich an ihn „kaum entsinnen wird“ – wenn, ja wenn nicht z.B. dieses Buch hier wäre.

geist edwin p

Geist, Edwin Ernst Moritz (H),
* Berlin 31.7.1902, Komp, MSchr, KM – Berlin. [1]
ermordet in Kaunas, Litauen, Dezember 1942

Sechs Millionen ermordete Juden im Holocaust, das ist die Zahl, die man gemeinhin im Gedächtnis hat. Niemand kann sich diese Zahl vorstellen, niemand könnte sich auch fünf oder vier oder auch nur drei Millionen vorstellen, obwohl der Unterschied zur wohl gültigen Zahl ebenfalls riesig und unvorstellbar ist. Was rechtfertigt also ein Buch über die Geschichte dieses Musikers, eines einzelnen Menschen und seiner Frau, wenn doch über so viele andere nichts geschrieben wird? Nun, meine feste Überzeugung ist, daß die Geschichte des Holocaust, der Vernichtung der europäischen Juden, erst dann vollständig niedergeschrieben ist, wenn die Geschichte jedes/r Einzelnen niedergeschrieben worden ist, genauso wie zu einer vollständigen Geschichte der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine das Schicksal jedes/r einzelne/ Roma, Sinti, Homosexueller/n, Oppositioneller/n … gehörte – ein Konjunktiv, natürlich nicht realisierbar, aber eine Rechtfertigung (soweit es einer solchen bedarf) für das Betrachten eines jeden Einzelschicksals. Dieses „Herunterbrechen“ des Schicksals von Millionen auf das Einzelner macht es für uns Nachgeborenen fassbarer, nachvollziehbarer, begreifbarer – obwohl, begreifen kann man das nicht, nie wird man das können….

geist lydia Lyda Bagriansky Geist [6],
* Prienai (Litauen) 1910, Pianistin, – Kaunas (Litauen)
Suizid, Kaunas, Litauen, Dezember 1942

Edwin Geist wurde 1902 in Berlin geboren, sein Vater, der schon vor dem Ersten Weltkriegs gestorben war, war der jüdischer Kaufmann Sigismund Geist, seine Mutter Gertrud war nicht jüdisch. Über Geists Leben in Deutschland ist wenig bekannt, mit dem 1937 durch die Reichsmusikkammer ausgesprochenen Berufsverbot [7] verlor er die Möglichkeit, in Deutschland zu arbeiten. Er verließ das Land in Richtung Litauen, dort verliebte er sich heftigst in die jüdische Pianisten Lyda Bagriansky, die Hochzeit fand im Juni `39 statt. Im Zweiten Weltkrieg waren in Litauen (gemäß den geheimen Verträgen zwischen der Sowjetunion und dem Dritten Reich) Russen stationiert, 1940 übernahm Russland die Macht im Land. In dieser Periode wurde Geist´sche Kompositionen offensichtlich sogar im Radio gespielt.

Am 24. Juni 1941 wurde Kaunas von der Wehrmacht eingenommen, erste Progrome mit Hunderten von Opfern fanden statt. Bald wird das Tragen des gelben Sterns Pflicht: „Bei einem Gang durch die Stadt vergisst Lydias betagte Mutter ihre Sterne einmal, wird verhaftet und taucht nicht wieder auf.“ Für die ca. 30.000 Juden Kaunas wird eins von insgesamt drei Ghetto in Litauen eingerichtet, „.. In allen anderen Orten werden die Juden zusammen mit Kommunisten, Geisteskranken, Zigeunern und Kriminellen während der nächsten Monate … systematisch ermordet.“ Verantwortlich für den Tod von 137346 Menschen (die Liste liegt vor)  zeichnet SS-Standartenführer Karl Jäger [8].

Lydia und Edwin Geist ziehen zusammen mit Lydias Tante drei Tage vor Ablauf der Frist ins Ghetto. Diesen Satz zu lesen, reicht nicht, um seine Bedeutung zu erfassen. Man sollte bei ihm verweilen, sich vorstellen, wie man sich selber fühlen würde, würde man vor einem solchen Zwang stehen und man auch das weitere, drohende Schicksal vor Augen hätte… Kaiser beschreibt, so gut es möglich ist, einen Überblick über das Geschehen im Ghetto, dem Edwin Geist mit Hilfe einer bemerkenswerten Frau, Dora Kaplan, entkommen sollte. Diese hatte ihren jüdischen Mann schon sehr früh bei den ersten Progromen verloren, war, in der Hoffung, ihn dort zu finden, mit den Juden ins Ghetto gezogen, verliess dieses aber (den „Ariernachweis“ konnte sie als Nicht-Jüdin leicht vorlegen), weil sie die Hoffnung aufgeben musste, nach ein paar Monaten wieder. Jedenfalls machte sie den Gestapo-Beauftragten für jüdische Angelegenheiten für jüdische Angelegenheiten, Helmut Rauca [9] auf den „bedeutenden“ Musiker, einen Halbarier, Geist aufmerksam und Rauca begann sich in der Tat für diesen „Sonderfall“ zu interessieren.

Tatsächlich gelang es, Geist unter Auflagen aus dem Ghetto herauszubekommen. Diese Auflagen waren drastisch, er musste sich verpflichten, sich von Lydia scheiden zu lassen, ebenso wie zu seiner Sterilisation. Natürlich ging er darauf ein, auch wenn er nie die Absicht hatte, dies umzusetzen.

In „Freiheit“ setzte Geist alle ihm möglichen Hebel in Bewegung, seine (voll)jüdische Frau ebenfalls aus dem Ghetto herauszubekommen. So wurde zum Beispiel die Tatsache erfunden (und Geist fand Menschen, die bereit waren, das zu bezeugen), daß die Mutter (die Ehe der Eltern war bekanntermaßen nicht gut) auf dem Sterbebett bekannt habe, daß sie ihren Mann mit einem Polen betrogen habe und Lydia sei das Kind dieser Affäre, mithin nur „halbjüdisch“…. Es dauert lange Wochen, Monate, immer wieder gibt es Verzögerungen, müssen neue Dokumente, Unterlagen besorgt und herbeigeschafft werden, müssen noch andere Leute gehört werden, mit anderen gesprochen werden, sind Rauca (mit dem Geist oft persönlichen Kontakt hat und den er einen „wohlwollenden Freund“ nennt) oder andere Zuständige verreist, nicht erreichbar und vieles an Gründen mehr….. aber letztlich gelingt es: nachdem Edwin Geist vom 28. März 1942 (dem Datum seiner eigenen Entlassung aus dem Ghetto) bis zum 31. August gekämpft hat, Rückschläge zu verdauen hatte, immer wieder neue Hoffnung aufbauen musste, kommt Lydia Geist frei: abgezehrt, heruntergekommen, ärmlich ist sie – aber voller Glück.

Die folgenden Monate geniessen Geists bei aller den Umständen entsprechenden Bescheidenheit ihr Zusammenleben. Natürlich lassen die beiden sich nicht scheiden, von der Sterilisierung nicht zu sprechen: und ebenso natürlich registrieren dies die Behörden. Und ebenfalls nicht abwegig ist die Mutmaßung, die Nazi-Behörden hätten sich vllt nur ein makabres Katz-und-Maus-Spiel mit dem lästigen Quäl“Geist“ erlaubt… Lydia und Edwin Geist jedenfalls leben zusammen in ihrer Liebe, suchen sich keinen versteckten Unterschlupf, fliehen nicht der Bestie aus dem Maul gesprungen bleiben sie im Futternapf sitzen ….. sie hätten, so vermuten Freunde, durchaus die Chance gehabt, den Krieg zu überleben. .. Edwin Geist wird am 3. Dezember 1942 verhaftet, ins Ghetto gebracht und wenige Tage später ermordet. Lydia Geist entgeht ihren Mördern, sie nimmt 3 Wochen später lieber Gift und tötet sich selbst, bevor sie diesen in die Hände fällt.

Befreundete Musiker können aus der verwüsteten Wohnung der Geists einige Dokumente retten: die Tagebücher, in denen Edwin für seine Lydia das Geschehen, seine Gedanken, Hoffnungen, Wünsche aus der Zeit des Wartens niederschrieb und auch Noten und Partituren, die die folgenden Jahrzehnte ebenfalls überstanden und jetzt wieder entdeckt worden sind [5], unter anderen durch dieses Buch.

***************

Dieser vorliegende, wunderschöne Band der „Die Andere Bibliothek“ befasst sich in drei Teilen mit dem Schicksal Geists in Litauen, das nach 1941 eng mit der dortigen Judenvernichtung verknüpft ist. Im Mittelteil wird der Inhalt der fünf Tagebuchhefte Geists wiedergegeben. Es sind private Eintragungen Edwin Geists für seine Frau, voll von Hoffnungen, von Enttäuschungen, sie geben das Bemühen Edwins wieder, seine Verzweiflung nach Rückschlägen, seinen Mut bei Versprechungen. Er schildert seine Begegnungen mit Rauca, seine Enttäuschung über den engagierten Anwalt, die Ungeduld, aber auch Reflektionen über seine eigene Arbeit, seine Rolle als Musiker und Komponist… Im letzten Teil schließlich schildert Kaiser, was nach 1942 mit den Dokumenten geschah, wie sie die Jahrzehnte überstanden, es ist im Grunde die Entstehungsgeschichte des Buches, die Spurensuche einer beinahe vernichteten Erinnerung ein zwei Menschen von Millionen….

„Stündlich zähle ich die Tage…“ ist ein Stück Zeitgeschichte, ein Andenken, eine Wiederbelebung, eine Huldigung auch einer großen Liebe zweier Menschen, deren Schicksal es war, zusammen mit -zig Tausenden anderen ermordet zu werden. Dieser beiden wenigstens kann man sich jetzt erinnern.

Links und Anmerkungen:

[1] Herbert Gerigk: Lexikon der Juden in der Musik, Berlin 1940 (4. Aufl. 1943), zitiert nach [2], siehe auch den Abdruck des Vorworts in: Aly G, Gruner W: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 – 1945 . Zu diesem „Werk“ siehe auch: Eva Weissweiler: Ausgemerzt – Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen, Dittrich, Berlin, 1999
[2] Reinhard Kaiser: Unerhörte Rettung – Die Suche nach Edwin Geist, http://www.reinhardkaiser.com/LesesaalNeu/VersammelteWerke/unerhoerterettung.htm
[3] Internetpräsenz der Internationalen Edwin Geist Gesellschaft (mit Hörproben)
[4] Wiki-Artikel zu Edwin Geist
[5] Bekanntmachung für das erste US-Konzert mit Werken Geists: http://www.brandeis.edu/cges/news/upcomingevents1/edwin.html
[6] Beitrag über Lyda Bagriansky Geist im United States Holocaust Memorial Museum
[7] Wiki-Artikel zur Reichsmusikkammer. In der Wiki-Liste der vom „NS-Regime verfolgten … Komponisten“ fehlt der Name Edwin Geists noch…
[8] Wolfram Wette: Nur seine Pflicht getan, DIE ZEIT, 26.1.2012 Nr. 05
[9] Wiki-Artikel zu Helmut Rauca
[10] Wiki-Artikel zur Geschichte der Juden in Litauen

Edwin Geist
Stündlich zähle ich die Tage…“
Tagebuch für Lydia. März bis August 1942
incl. einer CD mit zwei Musikstücken Geists
Herausgegeben von Reinhard Kaiser
AB – Die Andere Bibliothek 2012, AB 325, HC, 282 S.

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