Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen

9. April 2013

bonhoeffer Kopie

Der evangelische Theologe Bonhoeffer gehört sicherlich zu den bekanntesten deutschen Widerstandskämpfern gegen Hitler und das NS-Regime, er wird – was ich auch nicht wusste, sondern gerade erst ergoogelt habe – sogar im ökomenischen Heiligenlexikon [1] aufgeführt, als Märtyrer [2] angesehen.

Ich hatte im Herbst letzten Jahres ein kleines „Literarisches Konzert“ zu Bonhoeffer bei uns in der Kirche organisiert, in dem von zwei Vorlesern der Lebenslauf Bonhoeffers sowie Passagen aus seinen Texten vorgetragen wurden, zwischen den Textstücken spielte das Shamrock-Duo aus dem Westerwald passende Musikstücke. Es war eine sehr ergreifende und anrührende Veranstaltung, die zudem noch gut besucht war. Natürlich wollte ich das noch einmal in Ruhe nachlesen, deswegen dieses kleine Büchlein, das keine wissenschaftliche Abhandlung ist, sondern eher eine erzählende Begleitung Bonhoeffers auf seinen Lebensstationen. Das ich diese Biographie im Anschluss an das schon vor ein paar Wochen vorgestellte Buch Wibke Bruhnss über ihren Vater, der als Widerstandskämpfer in 1944 in Plötzensee ermordert worden war, gelesen habe, passt gut, ich war in der entsprechenden Stimmung und in beiden Büchern, so unterschiedlich die beiden Männer auch waren, war neben ein paar Namen auch das Atmosphärische vergleichbar.

Ich will mir, was sonst nicht meine Art ist, eine Inhaltsangabe, was das Biographische angeht, weitestgehend ersparen. Der Lebenslauf Bonhoeffers ist oft wiedergegeben, nicht zuletzt hier [1, 3], daher beschränke ich mich auf die fundamentalen Daten seines Lebens.

Geboren wurde er 1906 in Breslau in einer bildungsbürgerlichen Familie als sechstes von acht Kindern. 1912 zog die Familie nach Berlin, 1923 legt Dietrich Bonhoeffer das Abitur ab und fängt mit dem Theologiestudium an. 1927 promoviert er über die „Gemeinschaft der Heiligen“, eine Vorstellung, die ihn zeit seines Lebens Antrieb ist. Drei Jahre später habilitiert er sich, danach geht er zu einem Studienaufenthalt nach New York. 1931 wird er Privatdozent und arbeitet als Hilfsprediger am Prenzlauer Berg, er wird Jugendsekretär des Weltbundes für Freundschaftsarbeit der Kirchen. 1933, mit der Machtübernahme opponiert er gegen die Gleichschaltungsversuche der Kirche, im Oktober geht er nach London und übernimmt ein Auslandspfarramt. 1935 kehr er zurück und leitet das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde, ein Jahr später wird ihm die Lehrerlaubnis entzogen. 1937 wird das Seminar geschlossen und arbeitet im Untergrund weiter. 1939 kann er zwar mit Hilfe von Freunden noch in die USA ausreisen, nach drei Wochen kehrt er jedoch zurück. Ab 1940 arbeitet er klandestin für die Widerstandsgruppe in der Abwehr unter Canaris. 1943 verlobt er sich und wird im April verhaftet. Das Attentat 1944 scheitert, nach Aktenfunden ist seine Beteiligung nicht länger zu leugnen, er wird in den Gestapo-Keller des Hauptquartiers verlegt. 1945 sah es kurzzeitig so aus, als würde er doch überleben, aber wenige Tage vor Kriegsende wird er in Flossenburg auf Befehl des Führers liquidiert.

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„Dem Rad in die Speichen fallen“ ist ein schmales Büchlein, der Titel geht auf einen Vortrag Bonhoeffers zurück, den er 1933 in Berlin hielt. Es ging darin um das Verhältnis „Kirche – Staat“. Zwar, so Bonhoeffer, hat die Kirche kein Recht, sich Macht über den Staat anzueignen, sie dürfe sich andererseits aber auch nicht aus der Politik heraushalten, wenn der Staat grundlegende Menschenrechte verletzt. Daraus ergäben sich drei Handlungsoptionen. Die Kirche könne zum einen den Staat für seine Handlungen verantwortlich machen, sie könne ferner sich der Opfer staatlicher Handlungen annehmen oder zum dritten nicht nur die unters Rad gekommenen verbinden, sondern eben „Dem Rad in die Speichen fallen“, i.e. Widerstand leisten.

Bonhoeffer predigt dies nicht nur, er setzt es auch um. Der Großteil der evangelischen (nur diese wird hier betrachtet!) Kirche biedert sich in geradezu beschämender Art und Weise an die Reichsführung an bis zu der Tatsache hin, daß ihre Pfarrer auf den Führer einen Treueeid zu leisten haben. (Reichs)kirchliche Jugendorganisationen werden unter die Führung nationalsozialistischer Organisationen gestellt, Argumente und Parolen, mit denen die Hatz auf Juden „begründet“ wird, werden übernommen. Dieser Reichskirche stellt Bonhoeffer eine andere Kirche entgegen, die Bekennende Kirche, die für kurze Zeit unter seiner Führung auch Pfarrer ausbildet, bevor sie dann verboten wird und im Untergrund weiter arbeitet.

Dies alles wird natürlich – dem Umfang des Büchleins geschuldet – im wesentlichen im Überblick erzählt, die theologischen Begründungen einzelner Gesichtspunkte sind in der Kürze ebenfalls nicht unbedingt nachvollziehbar. Dennoch ist es sehr interessant, diesen Spaltungsweg der Kirche im Dritten Reich nachzulesen, zwar ist bekannt, daß diese weiß Gott nicht im Widerstand zu Hitler standen, wie nahe sie ihm jedoch konkret waren, war zumindest mir nicht bekannt.

1939 können Freund ihn noch einmal mir Aufenthaltsgenehmigung und Visum in die USA holen. Dort jedoch leidet dieser unter dem seelischen Konflikt, seine Freunde zu Hause im Stich gelassen zu haben, während er in Sicherheit ist. Nach drei Wochen kehrt er zurück nach Deutschland. Dort geht er jetzt in den Untergrund, arbeitet als Kurier klandestin für eine Widerstandsgruppe in der Abwehr. Er kommt zu der theologischen Erkenntnis, daß es Situationen gibt, in denen jedmögliche Handlungsalternative bedeutet, Schuld auf sich zu laden und daß im Extremfall auch der Mord an einem Tyrannen zu rechtfertigen ist, ohne daß dadurch die Schuld gelöscht wird. Nach einem misslungenen Attentatsversuch auf Hitler wird er zusammen mit Freunden 1943 von der Gestapo verhaftet, aber erst 1944 kann man ihm nach Aktenfunden seine massgebliche Beteiligung an Umsturzversuchen nachweisen. Kurz vor der Festnahme hatte sich Bonhoeffer verlobt, war er auch im privaten im „richtigen“ Leben angekommen, hatte die frühe Idealisierung, der „Gemeinschaft der Heiligen“ anzugehören, aufgegeben.

Zum Jahresende 44 schreibt Bonhoeffer aus dem Gestapo-Keller in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße [4] ein letztes Gedicht für seine Mutter und seine Verlobte, aus dem die letzte Strophe das wohl weitesten verbreitete Zitat des Theologen ist:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Das Todesurteil wird am 2. Februar 1945 gefällt, die Evakuierung aus Buchenwald ist am 3. April 1945, man hört die die amerikanischen Geschütze. Am 9. April 1945 wird Bonhoeffer zusammen mit fünf anderen Angehörigen der Widerstandsgruppe im KZ Flossenburg erhängt.

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Die Autorin Renate Wind ist in ihrem Text schnell bei „Dietrich“, der Du-Form angelangt. Dies ist keine Wertung, aber man muss sich doch vor Augen halten, daß der Text wohl mit großer seelischer Nähe zu Bonhoeffer verfasst wurde, wie schon gesagt, er ist nicht wissenschaftlich-kritisch.  Wind führt die theologische Entwicklung Bonhoeffers vom „theoretischen“ Universitätstheologen zum Priester, für den Evangelium und Leben identisch wird, nicht nur auf die Auseinandersetzung mit der Offizialkirche zurück, sondern auch auf die lang währende Loslösung vom Vater, auch vom großbürgerlichen Milieu, in dem die Familie Bonhoeffer etabliert ist. Von diesem Elternhaus her war seine verkopfte Lebenssicht bedingt, die sich erst im Lauf der Jahre im Kontakt mit der Realität des Lebens langsam abbaute.

Bonhoeffer gehört ganz sicher zu den Menschen, die nach dem Krieg auch im Ausland dafür standen, daß es nicht nur und ausschließlich Ja-Sager im Hitler-Deutschland gab. Im Gegensatz zu denjenigen, die unbekannt im Geheimen wirkten (so wie es Deutschkron z.B. beschrieb), war er eine weithin strahlende Lichtgestalt. Wer genaueres über Bonhoeffer wissen möchte und auch in seine theologische Gedankenwelt eindringen, der ist zwar sicher auf andere Werke über den Theologen angewiesen, aber als erste Einführung in das Leben und die Arbeit dieses beeindruckenden und charismatischen Menschen ist das gut verständliche und mit viel Bewunderung geschriebene Buch Winds „Dem Rad in die Speichen fallen“ gut geeignet.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie und Lebenslauf Bonhoeffes aus dem Ökumenisches Heiligenlexikon
[2] Bonhoeffer als ökumenischen Märtyrer gewürdigt, evangelisch.de, 5. Mai 2010
[3] Wiki-Artikel zu Bonhoeffer
[4] diesen Ort sollte man sich vor Augen halten, wenn man das Gedicht mal wieder als Kalenderspruch vor einer idyllischen Hintergrund sieht..

Renate Wind
Dem Rad in die Speichen fallen
Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer
diese Ausgabe: Beltz & Gelsenberg, brosch., ca. 163 S., 1998

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet. Das hinterlegte Bild Bonhoeffers im Kreis seiner Schüler wurde dem Wiki-Artikel zu Bonhoeffer entnommen, es entstammt dem Deutschen Bundesarchiv

2 Responses to “Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen”


  1. Danke für diese interessante Besprechung, die für mich besonders spannend zu lesen gewesen ist, weil ich erst am Anfang des Jahres – in Sabine Friedrichs monumentalem Werk „Wer wir sind“ – über die Bonhoeffers gelesen habe. Ich möchte gerne weiter lesen über dieses Thema und notiere mir mit Interesse diesen Titel. Danke dir. :-)

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    • flattersatz Says:

      liebe mara, es freut mich, daß dieser titel für dich interessant scheint. aber, wie ich geschreibt habe, er ist mehr eine einführung, die einem aber ggf. die themen, die interessant sind, öffnet. für ein tieferes verständnis (soweit man auch an der theologie bonhoeffers interesse hat) müßte man dann aber auf andere werke (die es zuhauf gibt…) zurückgreifen. es ist ein beeindruckender lebenslauf, ein beispiel auch für die kraft, die im glauben steckt…

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