Driss ben Hamed Charhadi: Ein Leben voller Fallgruben

4. April 2013

Paul Bowles [3] (der dem eifrigen Leser meines Blogs neulich schon untergekommen sein mag bei der Buchvorstellung von Mohamed Choukris: Das nackte Brot) erzählt in der Einführung die Entstehungsgeschichte dieses Buches. Es ist in gewisser Weise „nach Diktat“ entstanden, Charhadi [1], des Schreibens unkundig, erzählt Bowles die Geschichten, dieser nimmt sie auf Tonband auf und überträgt sie dann ins Englische. Charhadi scheint ein meisterhafter Erzähler gewesen zu sein, mit einem untrüglichen Gespür das Tempo, die Spannung und die Intensität seiner Geschichten, Bowles ist des Lobes voll über ihn. Nur selten wurde nach der Bandaufnahme noch einmal etwas geändert, im allgemeinen wurde „..das Material, wenn es einmal auf Band war, für endgültig und unveränderlich befunden.“ Es ist zwar nirgends ausdrücklich so gesagt, aber ich gehe im Zusammenhang mit der kurzen biographischen Notiz [1] davon aus, daß es sich um die Lebensgeschichte von Charhadi handelt, eine weitere Analogie zu dem erwähnten Roman Choukris. Überhaupt sind Analogien zwischen den beiden Autoren zu finden, Herkunft, Alter und auch Schicksal sind erstaunlich ähnlich, es ist wohl nicht zu kühn, daraus zu schließen, wie eine komplette Gesellschaftsschicht in dieser Zeit (und wie ist es heute?) in Marokko lebte…. für uns, aus heutiger Warte und aus Europa gesehen, ist es eine Schicht am Rande der Gesellschaft, aber in den Erzählungen, in den Episoden beider Autoren selbst sieht dies nicht so aus. Da zu anderen, besser gestellten Gesellschaftsschichten kaum Kontakt besteht, sie im Leben der Protagonisten kaum eine Rolle spielen, ist dieser eine Lebenskreis das einzige Leben, das sie haben, es ist ein in sich geschlossener Zirkel von Menschen, denen die Umstände kaum eine Chance geben, sich zu entwickeln.

A-200nsprüche und Wünsche an das Leben sind bescheiden, regelmäßig essen und trinken, eine Frau, eine Arbeit, mit der etwas Geld zu verdienen ist, damit man im Café einen Tee oder einen Kaffee trinken kann, vllt mal ins Kino gehen, kiffen … weiter reicht der Ehrgeiz (und vllt auch die Kenntnis dessen, was möglich wäre) nicht, wobei man natürlich nicht vergessen darf, daß beide Autoren hier ihre Kindheit und Jugend schildern, also die ersten beiden Lebensphasen. Bei Choukri ist das Gedicht, das er in seiner Gefängniszelle sah, der Auslöser, sein Leben zu ändern, bei Charhadi.. vllt die Bekanntschaft mit Bowles, der für ihn einen Spalt öffnet in eine andere Welt….

.. in eine andere Welt. Aber wie sah die Welt des jungen Ahmed ben Said Haddari aus? Zwar war der Mann seiner Mutter keine solche Bestie wie Choukri sie beschrieb, aber der Soldat war auch nicht gerade ein liebevoller Stiefvater. Er mochte seinen Sohn nicht, schimpfte ihn einen Faulpelz, jagte ihn oft aus dem Haus, machte ihm Vorwürfe, nahm ihm, wenn er mal Arbeit hatte, das Geld, das er dafür bekam, weg. Es ist nicht so, daß der junge Ahmed nicht arbeiten wollte, es ist nur so, es gab kaum Arbeit für ihn, der nie etwas gelernt hatte und wenn doch, dann oft nicht für lange. Als Hirte konnte er eine Zeit lang etwas Geld verdienen, das ihm der Vater dann aber wieder nahm, oft blieben die, die ihn arbeiten ließen, ihm den Lohn schuldig, ja, beschuldigten ihn kleinerer Vergehen, um ihn wegjagen zu können. Was bleibt jemandem, der kein richtiges zuhause hat, dem die Arbeit keinen Lohn bringt, übrig, um zu überleben? Im Café, bei Mustafa, kann er wenigsten schlafen, auf einer Matte, wenn er des Nachts dann die Tische und Stühle weggeräumt, das Geschirr gespült hat…

Er besucht einen Freund auf dem Land, kommt dort billig an einen Beutel mit Kif, will ihn in der Stadt mit Gewinn verkaufen. Verpfiffen wird der Junge, kommt ins Gefängnis, leugnet hartnäckig alles, wird verprügelt, mit nassen Stricken werden ihm die Fußsohlen blutig und matschig geschlagen… Gefängnis ist in Marokko keine Vollpension, Verwandte bringen Essen und Kleidung, müssen es tun. Von dem, was es im Knast gibt, kann man nicht überleben…

Er klaut zusammen mit einem Freund aus einem abgelegenen Lager Draht, Kupferdraht, verkauft ihn. Es gibt gutes Geld dafür, aber wieder wird er erwischt, wieder Gefängnis, zwei Jahre für etwas Draht… harte, sehr harte Haftbedingungen, drakonische Strafen, Schläge … die Häftlinge wollen die günstige Gelegenheit nutzen, auszubrechen.. der Ausbruch gelingt, aber in Lauf der Zeit werden sie wieder aufgegriffen…

Seine Mutter hilft ihm, wo sie kann, aber sei hat nicht allzu viele Möglichkeiten, ein wenig Geld hin und wieder, ein bischen Brot, saubere Kleider…  diese Hilfe führt zu viel Streit mit ihrem Mann, Ahmed zieht sich dann wieder zurück, schläft in Mustafas Café auf dem Boden…

Erst gegen Ende der Geschichte kommt etwas Ruhe in das Leben des jetzt jungen Mannes, er wird von Mustafa als Wächter eines Strandcafés beschäftigt. Dort lernt er zwei Nasranis aus Frankreich kennen, die sich ein Haus gekauft haben und zusammenleben. Er arbeitet bei ihnen, aber auch hier bricht ihm Leben, ihn dem er endlich etwas Ruhe und Konstanz für sich entdeckt, letztlich zusammen…

„Was habe ich alles gearbeitet, für diesen Nasrani. Und als es zu Ende war, verfluchte er mich und warf mich hinaus. Aber es ist schon gut. Der Storch muss lange warten, bis die Heuschrecken kommen. Dann frißt er.“

**************

Ich habe meinen kurzen Überblick über das Buch bewusst mit diesem Zitat, das auch das Ende des Buches bildet, abgeschlossen. Sein Tenor ist charakteristisch für diese Lebensgeschichte und wohl auch für die Lebensgeschichten unendlich vieler anderer Menschen in dieser Region: es ist der sich durch alle Episoden hindurch ziehende Fatalismus, der das Schicksal als etwas Hinzunehmendes auffasst, an dem man nur wenig ändern kann und das durch Allahs Wille vorgegeben ist. Allahs Wille, der, so das Urvertrauen der Menschen, letztlich zum Guten für jeden führt. Dieser Fatalismus hat für den Leser etwas Verstörendes, trotz der vielen Fallgruben, die das Leben für Ahmed bereit hält, halten sich Emotionen, Gefühlsausbrüche in Grenzen. Es gibt keine Wut, keinen Zorn, man spürt keinen Ärger. Exemplarisch möchte ich dafür diese Stelle zitieren, sie spielt sich im Gefängnis ab, nach dem Raub des Drahtes. Ahmed wird vom Aufseher „erwischt“, wie er mit einem Stückchen Brot in der Krankenstube steht:

„Wo soll das Brot hin?“ fragte er. „Ich habe es aus der Küche geholt.“ – „Wer hat es dir gegeben?“ – „Irgendeiner. Ich weiß nicht, wie er heißt.“ Er schlug mich ins Gesicht und begann mich zu treten. „Sag die Wahrheit!“ Dann kam ein anderer Aufseher, der hieß El-Kebir, und sie schlugen mich beide. Ich sagte: „Das ist ein Stück Brot, das habe ich bei mir und möchte es essen. Sonst nichts.“ – „Kein Wort!“ sagte die >Schildkröte<. „Ich werde dich in den Silo stecken.“ – „Du hast hier die Macht. Du kannst tun, was du willst.“

Es gibt kein Aufbegehren, man fügt sich in sein Schicksal. Es ist auch, betrachtet man die Geschichten in ihrer Gesamtheit, auffällig, daß kaum Diskussionen zwischen Menschen wieder gegeben werden. Dinge werden so gemacht, wie es gesagt wird oder so, wie der Gegenvorschlag lautet. Darüber geredet oder diskutiert, wie es besser wäre, wo Vor- und Nachteile lägen… das findet sich nicht.

Das Leben des Protagonisten findet daher zwangsläufig in der Gegenwart statt. Die Vergangenheit existiert zwar für ihn, natürlich erinnert er sich an Vergangenes, aber sie scheint keine Rolle für ihn zu spielen. Auch die Zukunft hat keine wirkliche Bedeutung, da Allah schon alles bestimmt hat. Was soll er da planen oder sich für eine Zukunft stark machen, die schon von höherer Sicht festgelegt ist. Das Leben im Hier und Jetzt, das Akzeptieren des Schicksals, wie es im Moment das Leben gestaltet, ohne wirklichen Antrieb, es selber in die Hand zu nehmen. Das macht auch die Handlungen und Entscheidungen willkürlich. Hat Ahmed zum Beispiel eine kleine Arbeit gefunden, der er nachgeht und bekommt aber die Chance, woanders zu arbeiten, wo es ihm womöglich besser gefällt, so geht er von einem Tag auf den anderen dorthin. Es gibt keine Rücksprachen, keine Verhandlungen á la: wenn dies und das, dann bleibe ich hier… „wachcha“ ist eins der am häufigsten gebrauchten Wörter, „wachcha“ bedeutet: gut, einverstanden…

Ich lernte lesen. Von einem Tag auf den anderen fing ich an, etwas zu wissen.

.. kann man es kürzer, einfacher und prägnanter ausdrücken als Charhadi in und mit diesem Satz? Gleich in der ersten Episode des Buches – und vllt ist dies die einzige Auflehnung, das einzige Hadern mit dem eigenen Schicksal, das im Buch überhaupt zu spüren ist – werden die Weichen für das Leben Ahmeds gestellt. Seine Familie muss, da der Mann seiner Mutter in eine andere Kaserne verlegt wird, von Tetuan nach Tanger umziehen. In Tanger verläuft sich der achtjährige Knabe, wird von der Polizei aufgegriffen und gefragt, wo er wohne. Er sagt, in Tetuan, wird wieder dorthin gebracht, man findet seine Familie natürlich nicht und bringt ihn in eine Waisenheim. Dort lebt er eine Zeit lang, bekommt gut zu essen, wird eingekleidet, wird unterrichtet: es war die Chance seines Lebens. Doch seine Mutter und ihr Mann erfahren, wo er ist und sie holen ihn nach Hause: „Wenn ich dort geblieben wäre, hätte ich lesen gelernt. Ich hätte ein Handwerk gelernt oder wenigstens, wie ich mich in der Welt durchbringen kann. Jetzt kann ich überhaupt nichts. Allah wird dich richten, dich und deinen Mann.“ wirft er der Mutter vor, die die Schuld abstreitet, „.. Jetzt kann ich nicht lesen, und ich kann kein Handwerk. Und ich habe niemanden, dem ich folgen kann.“

Abgesehen von den individuellen Erlebnissen des Protagonisten zeichnen die Geschichten auch ein Bild des damaligen Marokko, des Lebens (zumindest dieser Gesellschaftsschicht) in diesem Land. Die alltäglichen Nöte, etwas Geld zu verdienen, ein bischen Brot, Oliven und Käse zu besorgen, daß der Hunger gemäßigt werden kann… viele laufen barfuss, können sich noch nicht einmal Sandalen leisten, viele Männer schlagen ihre Zeit im Café tot, trinken Tee, rauchen Kif … es ist ein Leben geprägt von Armut, Hunger und Ausbeutung, ein Leben, in dem es keine Kindheit gibt und kaum Rechte. Zwei Gefängnisaufenthalte schildert Charhadi, die Gefangenen sind der Willkür der Wärter ausgeliefert, unsägliche Verhältnisse, auch in hygienischer Hinsicht. Manche der Arbeiten, die die Gefangenen verrichten müssen, sind (z.B. wie die im Steinbruch) offensichlich nur dazu da, die Menschen zu brechen. Ihr Tod wird in Kauf genommen.

Was sich schob bei Choukri gesagt habe, gilt auch hier: „Ein Leben voller Fallgruben“ ist ein in seiner Einfachheit, seiner Ursprünglichkeit sehr starkes, kraftvolles Buch voll mit bewegenden Momenten. Es ist intensiv, ehrlich und ungeschönt, es ist ein Schatz, den es zu lesen gilt.

Links und Anmerkungen:

[1] an verschiedenen Stellen findet sich im Internet dieser Eintrag:
„Am Strand von Merkala lernt Paul Bowles 1960 den damals 21- oder 22-jährigen Café-Wächter und „geborenen Erzähler“ Larbi Layachi kennen. Dessen Erzählungen und Erinnerungen, die Bowles auf Tonband aufnimmt, erscheinen erstmals 1964 unter dem Pseudonym Driss ben Hamed Charhadi. Larbi wandert später in die Vereinigten Staaten aus. Ein Detroiter Literaturlexikon vermerkt 1975, daß er sich in Kalifornien aufhalte, um Lesen und Schreiben zu lernen. In den USA verlieren sich seine Lebensspuren.“
[2] Richard Marcus: A Life Full Of Holes By Driss Ben Hamed Charhadi – Recorded And Translated By Paul Bowles (Book Review), blogcritics.org, Mar 05, 2009
[3] mehr zu Paul Bowles im Spiegel und in der Wiki

Driss ben Hamed Charhadi:
Ein Leben voller Fallgruben
Aufgezeichnet und ins Englische übertragen von Paul Bowles
Deutsch von Anne Ruth Strauss
diese Ausgabe: Mit zwölf Photographien von Herbert List
Verlegt bei Greno, Nördlinen, HC, ca. 350 S., 1985
Band 2 in „Die Andere Bibliothek“

 

Advertisements

One Response to “Driss ben Hamed Charhadi: Ein Leben voller Fallgruben”


  1. Eben von Schätzesätze/Paul Bowles hierhergekommen, dieses Buch und „Das nackte Brot“ vor Jahren gelesen, in den letzten Monaten wieder gelesen und selbst viel Zeit in Marokko verbracht. Beides ausgesprochen brutale Bücher, sie beschreiben ein Mindset, das mir vollkommen fremd ist, so viel Tod, unkontrollierte Sexualität, Gewalt, Leid… Ich habe auch bei Schätzesätze kommentiert, dass mich diese Tatsache in einen inneren Konflikt stürzt und mich gedanklich in die Nähe eines Menschen bringt, in der ich mich alles andere als wohl fühle.

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: