Isaak Babel: Erste Hilfe

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„Die Klarheit und Kraft der Sprache“, so pflegt er zu sagen, „besteht nicht darin, daß man zu einem Satz nichts mehr hinzufügen kann, sondern darin, daß man aus ihm nichts wegstreichen kann.“

uf dieses Buch von Isaak Babel bin ich über den Odessa-Roman von Jabotinsky: „Die Fünf“ aufmerksam geworden. Ebenso wie dessen Familiengeschichte aus dem Odessa der ersten Jahre im zwanzigsten Jahrhundert, sind auch bei Babel viele der Erzählungen dieses Bandes im jüdischen Milieu Odessas angesiedelt. Die Zeit, in der die Geschichten spielen, ist nicht ganz klar. An wenigen Stellen tauchen Jahreszahlen auf, so zum Beispiel das Jahr 1919. Der von Jabotinsky erwähnte „Frühling“szustand der Stadt ist längst schon vorbei und einer stürmischen Jahreszeit gewichen, keineswegs jedoch hat er einem „Sommer“gefühl. Durch die Februarrevolution 1917 ist die Zarenherrschaft beendet, der erste Weltkrieg dauerte von 1914 bis 1918, er spiegelt sich in Geschichten, in denen ausländische Soldaten eine Rolle spielen.

Babel wurde 1894 als Sohn einer jüdischen Händlerfamilie im Diebesviertel Odessas, der Moldowanka, geboren. Viele der Erzählungen haben daher auch hier ihren Schauplatz. Er wurde früh gestorben, 1940 oder 1941 fiel er einer Säuberungsaktion Stalins zum Opfer, 1954 wurde er rehabilitiert [1].

Ich habe dieses Buch in meiner letzten Vorleseveranstaltung vorgestellt, durchaus ein kleines Experiment, denn Mainstream-Unterhaltung bietet es nicht. Das schriftstellerische Credo Babels habe ich ja zum Motto dieser Buchvorstellung gemacht und man merkt es den Geschichten Babels an: sie sind knapp formuliert, enthalten wenig Ausschmückungen, wirken dadurch häufig lakonisch und trocken, sind aber (gerade dadurch?) (fast) immer auch voller Humor und einem Augenzwinkern. „Erste Hilfe“ ist, das habe ich deutlich zu machen versucht, ein wunderbares Beispiel dafür, was Literatur zu leisten vermag: sie hält längst ausradierte, verschwundene Lebenswelten lebendig. Zwar fehlen natürlich die Gerüche, Geräusche, die optischen Eindrücke, die ein Buch nicht direkt wiedergeben kann, aber es ist die Kunst des Erzählers, und Babel beherrscht sie, die Phantasie des Lesers derart anzuregen, daß er sich diese Eindrücke vorstellen kann….

„Erste Hilfe“ ist ein umfangreiches Werk, es sind knapp 500 engbedruckte Seiten mit Erzählungen. Ich habe mich jetzt auf die aus Odessa stammenden konzentriert, wenn man sie aber in ihrer Gesamtheit sieht, stellt man fest, daß die Erzählungen das Leben des Autoren wiederspiegeln, besonders auch seine militärischen Erlebnisse.

Es gibt sehr traurige Geschichten wie die das Buch eröffnende „Vom alten Schloime“, der sich mit seinen sechsundachtig Jahren lieber an den Baum hängt, als sich vertreiben zu lassen oder den Gott zu wechseln, den er sein Leben lang zwar nicht beachtet hatte, der aber sein Gott war und der ihn jetzt aufnehmen würde, ganz sicher… daneben gibt es Schelmengeschichten wie die vom „Schabbes Nachamu“, die einen fast an Till Eulenspiegel oder die Geschichten mit Nasreddin Hoca erinnern. Es sind Geschichten voller Lebensklugheit und Melancholie, wie die des jüdischen Händlers, der sich eine sichere Unterkunft sucht bei einer Prostituierten, mit der er keineswegs schlafen will, er will seine Ruhe haben, besorgt am anderen Morgen Frühstück für beide, führt seine Bücher bei ihr, kauft auch zum Abendessen und beide schlafen dann in einem Bett wie ein altes Ehepaar. Am nächsten Tag, er hat alles erledigt und fährt wieder zurück nach Odessas, wird er von ihr mit einem Geschenk am Bahnhof verabschiedet…

Seine Darstellungen des Krieges, des Soldatenlebens sind ehrlich und ungeschönt, sie haben ihm, so steht geschrieben, Ärger eingebracht bei den Mächtigen…. man kann also davon ausgehen, daß sie stimmen….

Da der Titel der Sammlung etwas Rätsel aufgibt, will ich hier kurz den Anfang der gleichnamigen Geschichte zitieren:

„Jeden Tag stoßen sich Menschen gegenseitig ein Messer in den Leib, stoßen einander von den Brücken in die Newa oder verbluten an unglücklichen oder Fehlgeburten. So war es. So ist es. Um die kleinen Leute, die das Pflaster der großen Stadt abtreten, zu retten, gibt es die Stationen der Schnellen Hilfe. Ja, so wird sie genannt – Schnelle oder Erste Hilfe…“

… und dann folgt eine deprimierend realistische Schilderung der Zustände in der Erste-Hilfe-Station von Petrograd, in der es keine Pferde gibt, kein Benzin, keine Arbeit, keine Ärzte, keine Pfleger und keine Pflegebedürftigen….. in solchen Abschnitten wird aus dem Erzähler fast ein Chronist, ja, manches liest sich wie ein journalistischer Beitrag, in dem die Unfähigkeit des Beamtenapparates angeklagt wird, die Korruption, die Bestechlichkeit….

Ich schrieb, daß hier eine ausradierte Welt überlebt, in Buchstaben und Worten, und so ist es. Es werden Hochzeiten beschrieben und Beerdigungen, es wird beschrieben, wie der König der Moldowanka sein Reich regiert, die alten Sitten und Gebräuche werden lebendig und menschliches, allzu menschliches wird erzählt. Vom kleinen Spanner zum Beispiel, der sich für ein paar Rubel das Vorrecht einkauft, ein Leiterchen ans Badezimmerfenster von Marussja zu stellen, der dünnen, netten, sanften Prostitutierten im Haus von Fanny Ossipowna und der es liebt, dem Treiben im Zimmer zuzuschauen… bis eines Tages die Leiter bricht… („Das Fensterchen“). Oder von den Mühen des Dichters, zu dichten und damit Gefallen zu erregen… („Die Inspiration“).

Ich freue mich, daß ich diesen Erzählband gut erhalten als Ausgabe der „Anderen Bibliothek“ bekommen konnte. Es ist eine wunderbare Lektüre für lange, dunkle, schneereiche Abende, so wie sie uns dieser Winter heuer bietet… und ich bin mir sicher, daß ich das Buch nächstes Jahr mir wieder vor hervorhole, um nochmals in diese versunkene Welt einzutauchen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Isaak Babel
[2] Vladimir Jabotinsky: Die Fünf ein weiterer Roman, der in Odessa spielt

Isaak Babel
Erste Hilfe
Sämtliche Erzählungen
diese Ausgabe: „Die Andere Bibliothek“, Bd. 32, verlegt bei Franz Greno, Nördlingen, 1987, HC, ca. 520 S.

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