Richard Béliveau, Denis Gingras: Der Tod

Um das Leben zu verstehen, muss man den Tod begreifen.

I-180-blau.
ch habe neulich zu diesem Sachbuch eine Rezension [1] gelesen, die garnicht mal so schlecht klang. Da der Tod in gewisser Weise ja eins meiner Themen [2] ist, habe ich mir das Buch dann auch sofort gekauft. Und den Kauf nach dem Öffnen des Buches genauso spontan bereut, was dazu führte, daß ich dieses Buch mehr oder weniger oberflächlich durchblätterte. In diesem Sinn stellt meine Besprechung auch keine in die Tiefe gehende Vorstellung des Buches dar, es ist vielmehr eine Sammlung von Eindrücken, die mir bei diesem Blättern auffiel.

„Auch wenn jeder, der das Leben liebt, unweigerlich Angst vor dem Tode hat, …“

So einen „All-Satz“ („jeder“), wie hier im vorliegenden Buch auf S. 19 geschehen, zu formulieren, ist immer ein Risiko, logisch gesehen reicht ja ein Gegenbeispiel, um ihn zu widerlegen. So auch hier. Am selben Tag, als ich auf dem Rückweg von „meiner“ Palliativstation in der Buchhandlung das Buch kaufte, hatte ich eine bemerkenswerte Dame im Krankenhaus kennengelernt. In großer innerer Ruhe und ebensolchem Frieden mit sich und der Umwelt wartet sie ohne Furcht auf den Tod, der einzige Wunsch, den sie hat, lautet, daß sie nicht so lange warten muss. Meine eigene Mutter wartet auf den Tod… warum sollte ein gläubiger Christ, für den nach dem Tod die Auferstehung im Ewigen Leben an der Seite Gottes wartet, den Tod fürchten? Nein, es sind bei weitem nicht alle Menschen, die den Tod fürchten! Pikanterweise stellen die Autoren ihrem Kapitel „Ein schleichender Tod“ das Bonmot Oscar Wildes, welcher es dem Dorian Gray in den Mund legte, voran: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, das Sterben ist´s wovor ich mich ängstige„… eine nette Selbstwiderlegung der Autoren

Abgesehen von diesen eher rationalen Argumenten habe ich mich persönlich über diese Verallgemeinerung sehr geärgert und empfinde diesen Satz als nahezu schon diskriminierend, denn im Umkehrschluss würde er aussagen, daß Menschen, die vor dem Tod keine Angst haben, das Leben nicht lieben. Und zu dieser Absurdität braucht man wohl nichts weiter zu sagen.

Die Spanische Grippe

Diese wird im Kapitel über den „Tod durch Infektionen“ erwähnt als Seuchenzug, der in seiner Heftigkeit und Stärke wohl als einziger mit dem der Pest vergleichbar ist. Auf S. 158 wird sie in das Jahr 1918 gelegt, eine Seite später dann in das Jahr 1919. Zudem wird auch noch der Zeitraum von 1918-1920 (wie dies auch sonst in der Literatur gemacht wird) für den Ausbruch dieser Epidemie, die in drei „Wellen“ um die Erde zog, angegeben. Diese vielen unterschiedlichen Jahreszahlen sind verwirrend und es ist zumindest erklärungsbedürftig, warum die Autoren dies so different gehandhabt haben.

tja, und dann erkläre mir mal jemand diesen Satz [S. 43]….

Es geht um die Befruchtung der weiblichen Eizelle durch ein männliches Spermium und die dadurch erfolgende „Mischung“ der Erbanlagen:

Bei der Entstehung der Keimzellen werden die 23 Chromosomen, auf denen unsere Gene liegen, zufällig verteilt. Von jedem Chromosomenpaar wird eines an eine Eizelle bei der Frau und an ein Spermium beim Mann übertragen. Statistisch gesehen gedeutet diese Verteilung, dass 2 hoch 23 (8 388 608) verschiedene Keimzellen produziert werden können. Denn bei der Befruchtung verschmilzt eines der 8 388 608 möglichen Spermien (??) des Vaters mit einer der 8 388 608 möglichen Eizellen (??) der Mutter zu einem Embryo, das heißt, ein einziges Paar kann 70 000 Milliarden unterschiedliche Kinder zeugen.“ Respekt, das nenn ich eine Großfamilie…. dem Satz hätte sicherlich eine Überarbeitung und Umformulierung gut getan, ist das denn keinem aufgefallen?

… und an dieser Stelle habe ich dann das Buch dann zugeschlagen…:

Im Abschnitt „Post-mortem Prozesse“ werden u.a. biochemische Vorgänge nach dem Eintritt des Todes erläutert. Auf S. 230 wird gesagt, einer der Bestandteile der im Verwesungsprozess auftretenden extrem übel riechenden Gase sei Schwefelwasserstoff (H2N). Also wirklich, Leute.. ist jetzt Ammoniak gemeint, dann wäre die Formel NH3 richtig gewesen oder doch Schwefelwasserstoff, dann müsste es aber H2S heißen…… hier ist einfach schlampig und oberflächlich gearbeitet worden, anders kann ich das nicht nennen.

*****************

„Der Tod“, dieses Buch der beiden französischen Autoren ist kein Buch über den Tod. Es ist ein Buch über die „technische“ Seite des Sterbens, über die vielfältigen Möglichkeiten oder Arten, zu Tode zu kommen. Man kann aber nicht allen Ernstes behaupten, dem Thema „Tod“ auch nur annähernd gerecht zu werden, wenn man so wie hier die spirituelle, die philosophische und auch die ganz pragmatische Komponente konsequent ausspart. Die Angst vor dem Tod, den eigenen gar, läßt sich nicht überwinden, nur weil ich weiß, daß es Fugu-Köche gibt, den den Giftfisch so zubereiten können, daß geringe verbleibende Giftdosen im Fleisch ein angenehmes Bizzeln beim Verzehr hervorrufen….

Begriffe wie „ars moriendi“ oder „ars vivendi“ habe ich im Buch beim Durchblätter nicht gefunden, ein Sachwortverzeichnis gibt es nicht. Dafür erfährt man sehr praxisnah etwas über Zombies und Voodoo-Praktiken… Namen wie Kübler-Ross tauchen nicht auf, selbst wenn man von solchen Phasenmodellen im Sterbeprozeß mittlerweile abkommt, sind sie in der Praxis für den Begleitenden immer noch hilfreich, weil sie Erklärungen bieten, an die er sich halten kann. Wo sind die Abschnitte, die sich mit Verlusterfahrungen, mit Trauer und Trauerprozessen befassen, wo wird dem Begleitendem Hilfe an die Hand gegeben, geschweige denn dem selbst Betroffenen oder auch „nur“ einem Wissensdurstigen, der so zumindest erfahren könnte, wo er sich intensiver umschauen könnte? In diesem Buch jedenfalls nicht…

So hat man letztlich ein Druckwerk in der Hand, das (etwas polemisch gesagt) zwischen dem Guiness Buch der Rekorde und Trivial Pursuit zum Thema „Sterben und Gestorben werden“ angesiedelt ist. Nach der Lektüre kann man problemlos die drei Foltermethoden angeben, deren Tod am greuslichsten ist (welch eine makabres Ranking, abgesehen davon, daß ich die angeführten Methoden nicht als Folter- sondern als Hinrichtungsmethoden ansehen würde, unabhängig davon, daß das an der Grausamkeit nichts ändern würde); die Frage zu beantworten, von welchem Schlangengift 20000 Mäuse stürben, fiele leicht ebenso wie die Aufzählung von Persönlichkeiten, die der Gabe von Arsenik oder Zyankali zum Opfer fielen. Haben Projektilwaffen wirklich die im Film oft so dramatisch dargestellte „man stopping power“ und sind vier Pferde tatsächlich in der Lage, einem Mann beim Vierteilen die Extremitäten abzureißen? Bunt bebildert bis hin zum Stealth-Bomber und dem Blick in einen Revolverlauf, viele Tierfotos von giftigen Schlangen und Fröschen, alles was das Herz, das nach Spektakel lechzt, verlangt… weder sexuell motivierter Kannibalismus noch der „Tanz der Erhängten“ wird ausgelassen…. Daß es neben diesen Abschnitten auch solche gibt, die sich mit Physiologischen Fakten befassen, den evolutionären Sinn des Todes erläutern oder die auf den allgemeinen Lebensprozess eingehen, der mit dem Tod dann endet, sei erwähnt.

So kann ich für meinen Teil zusammenfassen, daß dieses Buch allenfalls für solche Leser geeignet ist, die sich überhaupt mal getrauen wollen, das Thema Tod anzuschauen oder für Leser, die ihre Allgemeinbildung zum Thema „Todesursachen“ auffrischen wollen.

Wer Rat und Begleitung braucht, weil er entweder selbst durch z.B. eine entsprechende Diagnose mit dem eigenen Tod konfrontiert wird, oder weil er nahestehende Menschen begleiten will (oder muss) oder wer sich ernsthaft mit dem Gesamtkomplex „Sterben und Tod“ auseinandersetzen will im Sinne einer „Ars moriendi“, der sollte sich ein anderes Buch kaufen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wolfgang Schlott, Nüchterner Blick auf das Ende des Lebens, Spektrum der Wissenschaft April 2013, S. 102, vgl auch hier in der online-Ausgabe
[2] andere Bücher zum Themenkomplex: Sterben/Tod/Trauer hier im blog aus.gelesen

Richard Béliveau, Denis Gingras
Der Tod
Aus dem Französischen übersetzt von Hanna van Laak
Erstausgabe: Montreal, 2010
diese Ausgabe: Kösel-Verlag, 264 S., 2012

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9 Kommentare zu „Richard Béliveau, Denis Gingras: Der Tod

  1. Lieber Flattersatz,

    diesen Verriß kann ich gut nachvollziehen und stelle hier mal einen Abschnitt aus Philip Roth Great American Novel ein:

    Word Smith fürchtet sich vor dem Buchstaben T:

    “Tücke, Täuschung, Trug und Tränen, alles schon schlimm genug – aber T wie Tod? O welche Tragik, diese Sache mit dem Sterben. Ich sage euch, auf alles würde ich verzichten, auf Tabak,
    Tafelfreuden, Tagewerke, Talent, Tändeleien, Tangas, Tanzpartnerinnen, Tapferkeitsmedaillen, Taschenuhren,
    Taubenbrüstchen, tausend Tavernen, T-bone-Steaks, Teakmöbel, Techtelmechtel, Teegebäck, Teigwaren, Telefon,
    Temperament, Teppiche, Tequila, Terrinen voll Tomatensuppe, Tête-à-têtes, Tingeltangel, Tippfräuleins, Titel,
    Tokaier, Träume – ja, sogar auf das Tageslicht könnte ich verzichten, wenn ich nur nicht sterben müßte. Ach, es ist
    entsetzlich, wenn man so tattrig ist wie ich, stellt euch vor, Fans, tagein tagaus TOD.”

    Die Übersetzung ist übrigens genial, denn im Amerikanischen fängt Tod ja mit D an: leider kenne ich diese Passage nicht im Originaltext, aber ich finde, sie ist sehr gelungen…
    Roth ist auch einer, der sich dieses Themas immer wieder annimmt….für mich am Beeindruckendsten bisher in Jedermann.

    Einen lieben von der sich heute sich weder vor Tod noch Teufel fürchtenden Karin -:)))

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    1. ja, eine schöne passage, nein, vielmehr eine tolle, wir wollen doch den stil wahren… wenn ich die vielen roths in meinem regal sehe (ungelesen), dann bekomm ich ein richtig schlechtes gewissen. er ist jetzt 80 jahre alt geworden, neulich war ein kleiner beitrag in unserer zeitung….

      der jedermann, meine meinung dazu können sie bei interesse übrigens hier lesen: jedermann – everyman

      ich hoffe, sie hatten einen traumhaften tag ohne trauma… ;-)

      liebe grüße
      fs

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  2. Was ein kraftvoller und engagierter Verriss! Du schreibst ja über ein alles andere als leichtes Thema, aber Du formulierst Deinen Ärger so überzeugend, dass ich doch schmunzeln musste über Dein Aufdecken der Tücken und Fehler des Textes. Und Dein Plädoyer für einen anderen Blick auf den Tod tut einfach gut.
    Da ich gerade Connie Palmens „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“ lese, treibt mich auch das Thema des Sterbens, des Todes und der Trauer um. Und dabei ist mir wieder ganz deutlich geworden, dass ein religiöses oder auch philosophisches Fundament wichtig ist.
    Viele Grüße, Claudia

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    1. liebe claudia,

      siehst du, so hat das verrissene buch doch was gutes: ich habe mir gerade die leseprobe vom palmens buch angeschaut und werde mir das natürlich sofort besorgen. ein herzliches danke für den hinweis!
      ja, das obige buch hat mich einfach geärgert, abgesehen von der schlampigen edition des textes. für mich ist das ein beispiel für etikettenschwindel: das ist ein buch über todesarten und über sterben und auch übers töten, aber nicht über den tod. na ja, habe ich ja versucht, klar zu machen.. ;-)
      es freut mich, daß du schmunzeln musstest, das sind die schönsten momente, wenn man in einer begleitung, mit einem sterbenden zusammen herzhaft lachen kann, über eine ungeschicklichkeit, über einen witz oder einfach auch mal so. sterben ist ja nur ein besonderes wort für den letzten abschnitt des Lebens. man lebt ja und zum leben gehört so vieles, auch das lachen.
      du hast recht, die sterbestunde, die zeit vor dem tod ist die große zeit, in der der glaube unheimliche kraft geben kann er ist unbedingt, nicht an logik oder gesetzmäßigkeiten gebunden, deswegen kann er im grunde jedes hindernis überwinden. manchmal wird der fehlgeleitet, dann wird an wundermedizinen o.ä. geglaubt, oft aber gibt er die kraft zum guten, fried- und hoffnungsvollen sterben.
      liebe grüße
      fs

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      1. Lieber flattersatz,
        Ich habe aus Deinen Beiträgen gelesen, dass für Dich der Glaube eine große Rolle spielt und eine Hilfe ist auch für den Umgang mit Tod und Trauer. Nun hoffe ich, dass die Hinweise auf die beiden Bücher von Connie Palmen nicht eine falsche Erwartungshaltung ausgelöst haben, denn die Religion spielt in beiden Büchern keine Rolle. Connie Palmen ist Philosophin und Schriftstellerin und so lese ich aus ihren Büchern eher eine ethisch-philosophische Sicht auf die Themen Leben (und Lieben), Tod und Trauer . Gerade bei dem „Logbuch“ spielen die Begriffe, die Du ja auch in Deiner Buchbesprechung erwähnt hast, von „Ars vivendi“ und „Ars moriendi“, ohne dass Palmen diese Begriffe oder Lebensentwürfe explizit benennt, eine große Rolle. Wobei ich finde, dass sowohl der religiöse als auch der philosophische Blick ja ähnlich sind, wenn sie beide dem Gedanken des Humanitären folgen und Verantwortung für den Menschen übernehmen. So hoffe ich, dass Dir beide Bücher gefallen werden.
        Liebe Grüße, Claudia

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        1. liebe claudia, erst mal sry für die späte antwort, ich war jetzt ein paar tage ohne internet. providerwechsel ist wie unter die räuber geraten… ;-)
          mach dir keine sorgen, daß ich da etwas „vermisse“. glaube spielt für mich insofern eine große rolle, da ich anerkenne, daß er menschen, die ihn haben, viel, sehr viel kraft und trost geben kann. für mich persönlich ist dies nicht unbedingt gültig und auch die künste der „ars moriendi“ und „ars vivendi“ sind für mich nicht an den etwas „kindlichen“ glauben (kindlich in dem sinne, daß über uns ein (gott)vater als entität wacht und uns behütet) gebunden. mir haben schon früher und auch jetzt kürzlich beim wiederlesen fromms gedanken über religion „gefallen“ (sein wohl populärstes buch „die kunst des liebens“ habe ich ja mal hier vorgestellt) und ich denke, daß wir menschen die stärke haben, wenn wir sie in uns suchen, auch auf dieser basis den letzten lebensabschnitt in würde und ohne angst zu gehen.

          ich danke dir sehr für deine schönen, ausführlichen und klugen kommentare, über die ich mich sehr freue!

          lg
          fs

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