Mohamed Choukri: Das nackte Brot

15. März 2013

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houkris Buch über seine Kindheit und Jugend im Marokko [3] der 40er und anfänglichen 50er Jahre kennt keine Einleitung, der Autor schont seinen Leser nicht, bereitet ihn nicht vor. Mit der ganzen Wucht des nackten, des erbärmlichen Lebens springt uns der Text an und gibt den Tenor dessen vor, was uns auf den gut 200 Seiten des autobiographischen Werks erwartet.

„Mein Bruder weint. Von Schmerzen gepeinigt, weint er um Brot. Er ist kleiner als ich. Ich sehe IHN auf ihn zugehen. Die Bestie geht auf ihn zu. Wahnsinn in den Augen. Die Arme eines Kraken. Keiner kann ihn aufhalten. Ich will um Hilfe schreien: „Eine Bestie! Ein Verrückter! Haltet ihn!“ Das Scheusal dreht ihm mit aller Kraft den Hals um. Mein Bruder krümmt sich zusammen. Blut spritzt aus seinem Mund. Ich stürze aus dem Haus, an ihm vorbei, während er meine Mutter mit Schlägen und Tritten zum Schweigen bringt. …“

Mohamed Choukri wurde im Rif, dem Küstengebirge Marokkos als Kind armer Leute geboren. Es herrscht Hunger im Land und die Familie flieht aus den Bergen in die Stadt, in der Hoffnung dort, auf welchem Weg auch immer, zu essen zu bekommen. Es gelingt nicht, die Hungerflüchtlinge aus den Bergen mit ihrer anderen Sprache, ihren anderen Gewohnheiten werden als Eindringlinge empfunden und behandelt. Kaum gelingt es der Mutter mit ihrem Gemüsestand ein armseliges Auskommen für die Familie zu sichern, aber was heißt schon sichern. Der Vater, nachdem die Spanier ihn aufgegriffen und für zwei Jahre wegen Desertierens ins Gefängnis geschmissen hatten, kehrt zurück zur Familie, beschränkt sich aber darauf, mit Kumpels im Cafe Fliegen zu jagen…

Mohamed lernt das Überleben, das Leben lernt er nicht. Er, den der Vater an den Füßen aufhängt, um ihm mit dem schweren Koppelschloss seines Gürtels zu prügeln, den die Nachbarn, weil sie die verschlossene Tür des Hauses gerade noch rechtzeitig aufbrechen können, zusammen mit seiner Mutter vor der Brutalität des Vaters noch retten können, lernt zu stehlen, zu betteln, mit der Rasierklinge zu kämpfen. Der Kampf ist das Mittel für ihn (und auch für die anderen, zu Tausenden sind sie aus dem Rif in die Stadt gekommen und aus anderen Hungerecken des Landes), mit den anderen zu kommunizieren, wie er ausgeht, der Kampf, ob er verliert oder gewinnt, ist es egal, an seinem Leben wird sich nichts ändern.

Wie sollte er das Leben lernen bei der Bestie, die sein Vater ist und die ihm nur den Hass beibringt? Wie sollte er zu lieben lernen am Beispiel dieses Mannes, der seine Frau tagsüber zusammenschlägt und als Hure beschimpft, während Mohamed des Nachts das feuchte Klatschen verschwitzten Leiber hört, unterbrochen vom Stöhnen und von Kichern… so will auch er es einmal haben, so stellt er sich die Zukunft vor: am Tag eine Frau zum Schlagen und des Nachts sich zwischen ihren warmen, weichen Schenkeln liegen….

Er hasst den Vater mit der ganzen Inbrunst einer Seele, aber größer noch ist seine Angst vor ihm, so daß er ihn nur in seinen Gedanken, seinen Phantasien tötet.. er reißt aus, versucht sich durchzuschlagen mit Betteleien und kleinen Diebstählen, lebt auch eine Zeit bei einer Tante, aber das kann nicht gut gehen bei einem mit seiner Kindheit, er macht Probleme und wird wieder zurückgeschickt.

Zu Hause sieht er den Bauch der Mutter anschwellen, immer wieder. Die Geschwister nimmt er kaum zur Kenntnis, sie sterben oft wieder weg, kaum daß sie da sind. Und dann schwillt er wieder, wirft ein neues Mädchen, ein neues Leben in die Armseligkeit dieser Welt…. er stromert durch die Straßen, die Viertel, die Märkte, arbeitet auch einmal in einem Café, wo sein Lohn direkt in die Tasche des Vaters wandert. Geschlafen wird auf den Straßen, in Ecken, auf dem Friedhof. Erwischt ihn sein Vater in der Stadt so merkt er dies meist erst daran, daß ihm sein Arm nach hinten gerissen, auf den Rücken gebogen, er auf die Straße geschmissen und getreten, geprügelt wird. Nur mit Gewalt können Passanten den rasenden Mann wegreissen vom Jungen…

Sein Geschlecht macht sich bemerkbar, der Pubertierende fragt sich, was das ist mit den Frauen.. er beobachtet sie heimlich beim Bad, beim Waschen, beim Pinkeln… es zieht ihn hin und manche Mädchen scheinen durchaus freundlich zu ihm zu sein, aber mit Freundlichkeit, mit Zuneigung kann er nichts anfangen. Eher schon mit den Mädchen, die sich im Bordell verkaufen, diese Schicksale gleichen seinem eher, dort bekommt er Wein und Kif und kauft sich Wärme und den Geruch der Frauen und er findet eine Art Zärtlichkeit bei ihnen, eine Art Geborgenheit, so seltsam es klingt, er findet es hier, für Stunden vllt nur, für Moment, hier, im Hurenhaus.

Der Hunger (oder um es mit Müller zu sagen: der Hungerengel) ist sein ständiger Begleiter. Es gibt eine Szene in dem Buch, die einem den Boden unter den Füßen wegreisst. Choukri beschreibt dort, wie er halb ohnmächtig vor Hunger durch die Straßen der Hafengegend torkelt, des Gehens kaum noch mächtig, wie er verwesenden Fischkadaver vom Straßenrand klaubt, ihn zu essen versucht, zu kauen, den Gestank zu ertragen, den widerlichen Geschmack, das Revoltieren der Eingeweide gehen das Gift, das ihm der Hunger einflößen will… er erbricht sich, er kotzt sich die Seele aus dem Leib, kriecht im Staub herum und sieht im Wasser einen Fischer im Boot sitzen, ein Brot essend. Er will es sich erträumen, mit den Gedanken erzwingen, daß dieser sein Brot wegwirft.. tatsächlich, er wirft den Rest ins Wasser, neue Kraft durchströmt den Jungen, er zögert nicht, springt ins Wasser und schwimmt zu dem Brotrest. Schwimmt durch eine Lorche aus Wasser, aus Öl, in der der Kot vieler um ihn herum schwimmt, in der das Wasser, das ihm in den Mund schwappt, das er schluckt, ihn schüttelt und elendet… kaum, daß er stinkend und klatschnass wieder ans Ufer gelangt….

Die gefährlichste Zeit ist die Nacht, wenn man schlafen muss. Dann ist man vor Räubern nicht sicher, auch nicht vor Vergewaltigern. Aber es gibt auch eine Solidarität, manches Mal wird Mohamed gewarnt, an fremden Orten, an denen er sich nicht auskennt, wird er mitgenommen, werden ihm sichere Plätze gezeigt. Aber da Freundschaft, Vertrauen, Bindung in dem Leben dieser Jugendlichen nicht vorkommen, überdauert diese Solidarität nur selten ein paar Tage.

Das ganze Elend dieses Lebens läßt sich nur mit Drogen ertragen, Kif und Wein sind in der Lage, für kurze Zeit den Hunger zu übertönen, die Jungen in eine erträumte Welt zu entführen. So wird das meiste des wenigen Geldes, daß sich organisieren läßt durch Betteln, kleinere Diebstähle, auch dadurch, einem Freier den Mund zu füllen, für Essen ausgegeben – und für die eine oder andere Nacht bei den Frauen im Bordell. Hier wartet Wärme, Befriedigung, hier wird getrunken und Mohamed kann seinen Träumen nachhängen, in andere Welten entweichen…

Wohl wechseln die Orte, in den Choukri lebt, die Menschen, mit denen er zusammen ist, aber nicht das Leben. Es ist ein Kosmos, der sich in der Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse erschöpft, mehr hat es dem Jungen, dem jungen Mann nicht zu bieten. Nie ist ihm etwas beigebracht worden, nie ging er zur Schule, schreiben und lesen sind ihm fremd geblieben. Erst als 22jähriger, der bei einer Razzia betrunken und in der Gesellschaft von Prostituierten von der Polizei aufgegriffen wird und ins Gefängnis kommt, erlebt er wohl die Sternstunde seines Lebens:

Ida ´sch-scha´b jauman arada ´l-haja
Fa la budda an jastadschiba ´l-quadar
Wa la budda lilaili an jandschalija
Wa la budda liquide an jankasir

schreibt ein Zellengenosse in diesem nach Scheisse und Pisse stinkenen Loch, in dem das pure Atmen Übelkeit erregt, an die Wand [2] und Choukri ist „...begeistert: „Wundervoll!“ – „Verstehst du, was er [i.e. der Dichter] sagt?“ – Aber nein! Doch es ist wundervoll, Ich spüre, daß es wundervoll ist.“ Ich fügte hinzu: „Was ist die Bedeutung von dem, was er sagt?“ – „Der Wille zum Leben ist die Bedeutung.“ „. Der Wille zum Leben, nicht nur das Volk, auch Choukri hat ihn, der Wille zum Leben, der mehr ist als der Wille zum Überleben: Mohamed Choukri lernt Lesen, er lernt Schreiben. Mit dem Besuch des Grabes seines Bruders, den sein Vater vor vielen Jahren umbrachte, schließt sich dieser erste Lebenskreis des Mannes, hier verabschiedet er sich symbolisch in seine Zukunft.

„Das nackte Brot“ ist ungeheuer kraftvolle Literatur, nicht fein ziseliert oder voll tiefgründiger Gedanken. Es ist eine ungeschminkte Erinnerung an ein Leben ohne Zukunft, eine nackte, ungeschönte Beschreibung, die aber immer wieder die Sehnsucht durchschimmern läßt nach einem Leben, das diesen Namen wert ist, nach Zärtlichkeit, nach Wärme, nach Geborgenheit. Die Schrift ist es, das gedichtete Wort, welche/s den jungen Mann rettet, sie wird zum Anker für ihn, von und mit ihr wird leben – lebte er bis zu seinem Tod 2003 [1].

Die deutsche Erstausgabe des Buches in der „Andere Bibliothek“ wurde 1986 bei Greno in Nördlingen verlegt, ich freue mich, daß ich sie in meiner kleinen Büchersammlung mein eigen nennen kann. Die Ausgabe enthält ausser dieser Biographie noch weitere, zum Teil sehr kurze Erzählungen Choukris, auch sie des Lesens allemal wert. Ich werde mit dieses Buch mit seinen Texten auf jeden Fall auch für meine eigene Vorleseveranstaltung vormerken, es ist es wert, daß mehr Menschen davon hören!

Links und Anmerkungen

[1] Biographie des Mohamed Choukri auf der Seite von Paul Bowles, der seine Werke als erster aus dem Arabischen ins Englische übertrug. Im Übrigen schien das Verhältnis Choukri/Bowles nicht das beste gewesen zu sein: Spiegel 45/1995
[2] Übertragung des Textes ins Deutsche:

Will das Volk eines Tages das Leben
Dann muss auch das Schicksal es hören
Die Nacht muss sich erhellen
Und die Ketten müssen zerspringen.

Abdulkasim El Schabi, tunesischer Dichter. Die letzten Jahre dieser Lebensgeschichte spielen in der Zeit vor der Unabhängigkeit Marokkos, die von Aufständen, Unruhen, Polizeiwillkür und vielen Toten geprägt war
[3] Wiki-Seit zu Marokko

Mohamed Choukri
Das nackte Brot
Übersetzt aus dem Arabischen von Georg Brunold und Viktor Kocher.
diese Ausgabe: Deutsche Erstausgabe. „Die Andere Bibliothek“, Hans Magnus Enzensberger (Hrsg). Greno Verlagsgesellschaft, Nördlingen 1986; HC, 355 S.,

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2 Responses to “Mohamed Choukri: Das nackte Brot”

  1. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,

    was für eine gute, dem Dichter und dem Buch so gerecht werdende Rezension , ein Buch, das einen mit einer Wucht an Elend überfällt, man muß sich wappnen und es bedarf großer Kraft, aus dem Geschehen wieder aufzutauchen.
    Ich hatte nach dem Anlesen beschlossen, es nur Stückchen für Stückchen zu lesen…da ich jetzt das Ende aufgrund Ihrer Schilderung schon kenne, werde ich mir auch wieder mehr Text zumuten.
    Vielleicht erzählen Sie uns mal, wie Ihr Vorlesekreis dieses „Leben“ aufgenommen hat, es gehört Mut dazu, solche Texte anzubieten.

    mit einem netten abendlichen Gruß
    Karin

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    • flattersatz Says:

      liebe karin,

      herzlichen dank – wieder mal… – für ihren besuch und den lieben kommentar. „Das nackte Brot“ ist in der Tat ein in gewisser Weise brutales Buch, da dieser ungeschönte Blick auf das nackte Leben, das sich einzig durch den Drang, zu überleben kennzeichnet, uns erschreckt. Es ist die perspektivlosigkeit dieser menschen in dieser gesellschaftsschicht, die mich als leser erschüttert hat, es ist eine in sich geschlossene welt, folgerichtig kommt es ja auch kaum zu begegnungen mit anderen gesellschaftlichen gruppen. ich habe, nachdem ich „Das nackte Brot“ beendet hatte, sofort ein ganz ähnliches Buch gelesen, auch ein marokkanischer Autor, fast gleich alt, fast gleiche herkunft, der sein leben schildert bis etwa in das alter, in dem choukri seine erzählung enden läßt… mehr verrate ich aber noch nicht.. ;-)

      mit morgendlichem gruß
      fs

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