Klaus Modick: Sunset

11. März 2013

feucht titel

Ich habe mich bemüht, die Handlungen der Menschen nicht zu verlachen, nicht zu beklagen, nicht zu verabscheuen; ich habe versucht, sie zu begreifen.

odicks Roman ist ein schmales Büchlein (im Gegensatz zu den Werken seiner Hauptperson, Lion Feuchtwanger, dessen Romane gewaltige Wälzer sind) und es ist erstaunlich, was Modick in diesen nicht einmal zweihundert Seiten untergebracht hat. „Sunset“ ist ja nicht nur mit „Sonnenuntergang“ übersetzbar, sondern auch mit „Endphase“ und in die Endphase einer Epoche im Großen, aber auch einer Beziehung im Kleinen, Privaten, führt uns der Autor.

„Sunset“ ist ein literarisches Kammerspiel, das sich im Feuchtwangerschen Haus in Los Angeles abspielt. Es ist auf den Tag genau datierbar, nämlich den 17. August 1956, der Tag, an dem Lion Feuchtwanger vom DDR-Kulturminister Becher [14] das Telegramm aus Ost-Berlin erhält, dass sein Freund, sein vllt einziger Freund, Bertolt Brecht gestorben und dessen Beerdigung für den 18. August geplant ist. Zu knapp natürlich, um von Los Angeles nach Berlin zu kommen….

Die Handlung setzt am frühen Morgen ein und endet nach symbolischen 12 Kapiteln (grob der Tageslänge [4] entsprechend) am Abend. An diesem Tag bilanziert Feuchtwanger, aufgeschreckt und geschockt durch die Todesnachricht, sein Leben. Es ist, in diesen Zeiten (Feuchtwanger wurde 1884 geboren und war Jude [1]) nicht verwunderlich, das Leben eines zwangsweise Ruhelosen, der an vielen Orten wohnte, an wenigen, wenn überhaupt an einem, heimisch war.

So gibt uns Modick nicht nur biographische Angaben zu seinen beiden Protagonisten Feuchtwanger und Brecht, er skizziert auch die Exilantenszene der Intellektuellen, die vor der Hitlerschen Diktatur geflohen sind oder von ihr vertrieben wurden und die sich in großer Zahl im klimatisch an´s mediterrane erinnernden Kalifornien ansiedelten. Die Manns gehötren dazu, Thomas und Heinrich, Weigels, Werfels. Fritz Lang verkehrte im Haus, Chaplin ebenso wie Laughton, man begegnet Warner und anderen Hollywoodgrößen und eben auch Brecht. Jeder von diesen hat seine eigene Meinung, auch über Kollegen und der literarische Qualität, Animositäten sind auf der Tagesordnung…. Feuchtwanger gehört sicherlich neben Thomas Mann zu denen, die sich – zumindest nach aussen hin – am besten etabliert haben. Sein weltweiter literarischer Erfolg sichert ihm finanzielle Unabhängigkeit, das Anwesen, in dem er mit seiner Marta lebt, gibt einen Eindruck davon [5]. Aber er ist anderen, denen es nicht so gut geht, gegenüber großzügig, ohne davon viel Aufhebens zu machen…. Seine Bibliothek, die er hier zum dritten Mal aufgebaut hat (die erste in Berlin vandalisierten die Nazis, die zweite im französischen Exil musste er zum größten Teil zurücklassen), umfasste um die 30.000 Bände, zum Teil sehr kostbarer Einzelstücke [12].

Und doch… auch dies wird im Roman deutlich, über allem schwebte eine Unsicherheit, eine Angst erzeugende Unsicherheit, die schon fast inkorperiert war: die Eiterbeule moderner Inquisition á la USA dreute über allen Intellektuellen, waren sie nun Amerikaner oder auch (noch) nicht. McCarthys Jagd nach allem, was unamerikanisch war, was links war, gar kommunistisch angehaucht war barg immer die Gefahr der Repression, der Ausweisung, der Nichteinbürgerung… denn wie viele andere Intellektuelle auch hatte sich Feuchtwanger mit sozialistischen Ideen beschäftigt, mit ihnen geliebäugelt, hatte er Bekannte, die sich deutlich zu Sozialismus und/oder Kommunismus bekannten. Brecht war einer von diesen….

Er kannte, natürlich, viele Menschen, Schriftsteller, Künstler, aber sein Verhältnis mit Brecht ragte aus allem heraus. Brecht war das, was er nicht war: zügellos, zynisch, wild, egozentrisch und genial. War Brecht das Genie, war er der Arbeiter. Setzte Brecht sich über literarische Konventionen hinweg und schuf Neues, erfüllte Feuchtwanger sie mit Meisterschaft. Feuchtwanger erkannte das Genie des jungen Mannes, der eines Tages vor ihm in der Wohnung stand, sofort. Keinen Augenblick hat er gezögert, es zu fördern, anzuerkennen [9], ihm den Weg zu bereiten zum Erfolg. So entstand eine lange, fruchtbare Beziehung und Zusammenarbeit, nicht frei von Konflikten und Streit, aber – so läßt es sich herauslesen – gerade diese zum Teil lautstarken Auseinandersetzungen waren wesentlich am Gelingen ihrer Projekte beteiligt. Empfand Feuchtwanger, der ja zwei Kinder verloren hatte, sogar so etwas wie Vatergefühle für Brecht, trotz des relativ geringen Altersunterschiedes?

Der von der Todesnachricht Brechts, den er Jahre nicht mehr gesehen hat [11], geschockte Feuchtwanger, der zudem an diesem Tag alleine zu Hause ist, da Modick dessen Frau Marta aushäusig bei einem Rechtsanwalttermin untergebracht hat, durchstreift sinnierend die Zimmer der Villa. Gedanken an Vergangenes übermannen ihn, stürzen auf ihn ein… er erinnert sich seiner Kindheit im streng  jüdischen Elternhaus, dem Zerwürfnis mit dem Vater, das bis über dessen Tod hinaus reichte, da er sich dem weltlichen Leben und der Schriftstellerei verschrieb anstelle der Nachfolge in der väterlichen Magarinefabrik anzutreten. Wie lernte er Marta kennen, die er, als sie schwanger wurde, heiratete, auch dies gegen den Willen beider Eltern.. die Schwergeburt der ersten Tochter und ihr früher Tod, der in Träumen immer wieder hochkam und der immer wieder auch ein Motiv in seinen Romanen wurde… ein weiteres Kind, das nie geboren wurde… die Bekannt- nein Freundschaft mit Brecht, der kein einfacher Mensch war, viele Frauenbekanntschaften hatte, eine davon, Ruth Berlau, bezeichnet Modick gar als „…sehr anhängliche Mitarbeiterin und Nebenfrau„. Sie ist die Fotografin des bekannten Doppelportraits von Feuchtwanger und Brecht, dessen Entstehungsgeschichte uns Modick im letzten Kapitel schildert…

Während Brecht nach seiner Anhörung vor dem McCarthy-Tribunal das Ergebnis garnicht abwartete, sondern direkt nach Europa zurückflog, zogen sich die Anhörungen Feuchtwangers über Jahre hinweg hin. Sie sorgten für stetige unterschwellige Angst, jedes Klingeln konnte bedeuten, daß wieder jemand dieser sich äußerst freundlich gebenden Herren vor der Tür stand. Irgendwann grüßte man sich gegenseitig, die Herren in den Autos vor der Tür und der an ihnen vorbei flanierende Feuchtwanger. Nicht immer agierte und reagierte Feuchtwanger in diesen „Gesprächen“ vorteilhaft, ließ oft den Intellektuellen durchscheinen anstatt sich mit einem einfachen „Ja“ oder „Nein“ zu bescheiden… Da sein Antrag auf Einbürgerung nicht entschieden war, konnte er Amerika nicht mehr verlassen, alle Gedanken an eine Rückkehr nach Europa waren damit Hirngespinste geworden. Aber im Gegensatz zu Brecht war er erfolgreich in Amerika, hatte sich mit dem Land arrangiert, während die Brechtschen Ideen von Sozialismus und der Notwendigkeit gesellschaftlicher Änderungen einfach ins Leere liefen: niemand wollte etwas davon hören, weil das für niemanden ein Thema war. So blieb der erhoffte Erfolg für Brecht aus, auch aus Enttäuschung ging er zurück nach Deutschland, ob er dort, in der DDR seine Vorstellungen erfüllt sah: Modick läßt es Feuchtwanger bezweifeln…

Man schreibt, weil man geliebt werden will.

Aber es ist nicht nur der Literat und öffentliche Mensch Feuchtwanger, den Modick in seinem Roman beschreibt, er läßt auch den privaten Menschen lebendig werden. Feuchtwanger war offensichtlich nicht sonderlich praktisch begabt, für den Tag ihrer Abwesenheit hat Marta ihm genaue Handlungsanweisungen gemacht.. aber auch die schon zu kompliziert: das Essen im Wasserbad erwärmen? Warum nur sollte er sich in die Badewanne setzen? Beim Öffnen der Katzenfutterdose schneidet er sich…. Feuchtwanger merkt das Alter, die Luft wird knapp, wenn es bergauf geht und der Magen.. die Seite schmerzt. Er, der Auseinandersetzungen eher aus dem Weg geht („Es ist gut. Reden wir nicht mehr darüber.“ ist seine Reaktion, wenn er mal wieder gebeichtet bekommt, daß man ihn ausgenutzt oder verraten hat…), hasst und spürt die Belastung durch die Unsicherheit bezüglich seiner Einbürgerung in den Staaten, sie schlägt ihm auf den Magen und auf´s Gemüt…

Die Erinnerungen, die Rückschau zeigen einen milde gewordenen Mann, vllt könnte man es schon als Altersweisheit beschreiben, obwohl er erst 72 Jahre alt ist [13]. Mild, altersweise, mit Verständnis für seine Mitmenschen, unsicher in der eigenen Situation, getroffen vom Tod des Menschen, der für ihn bei allen Gegensätzen der einzige Freund war. Ein sympathischer Mann, den Modick, der seinerzeit mit einer Arbeit über den in Deutschland in leichte Vergessenheit geratenen Feuchtwanger promoviert hat [7], uns mit seinem Roman nahe bringt, einem Roman, der von Inhalt und Stil absolut lesenwert ist und vllt sogar wieder Neugier macht auf den in Deutschland etwas in Vergessenheit geratenen Schriftsteller Feuchtwanger, dessen Gesamtwerk im Aufbau-Verlag erschienen ist.

Links und Anmerkungen:

[1] Biographie von Lion Feuchtwanger, weitere biographische Details sind auch den anderen Quellen zu entnehmen
[2] Biographie Bertolt Brecht
[3] Der Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel: DIE ZEIT, 8.11.2012 Nr. 46
[4] Tageslänge LA Mitte August: 13:30
[5] die alte Villa dient heute als Künstlerresidenz, in der es sich sicherlich gut arbeiten läßt…
[6]  Nils Glück: Exilliteratur deutscher Autorinnen und Autoren (1933 bis 1945)2. August 2008,
[7] Modick, Klaus: Die späte Wiederkehr des Lion Feuchtwanger, DER SPIEGEL 17/1981
[8] Zur Zusammenarbeit von Brecht und Feuchtwanger
[9] Lion Feuchtwanger: Impressions of Bertolt Brecht, Bertolt Brecht’s 100th Birthday Anniversary Exhibit Feuchtwanger Memorial Library University of Southern California
[10] Feuchtwanger Memorial Library
[11] Deutsche Website zu Lion Feuchtwangers
[11] Brecht verließ Amerika 1947 einen Tag nach seiner Anhörung vor dem McCarthy-Ausschuss
[12] auf dieser Seite sind einige Bilder, den den Bibliophilen/-manen Feuchtwanger zeigen
[13] zwei Jahre nach diesen Ereignissen sollte Lion Feuchtwanger an Magenkrebs sterben
[14] hier eine alte Theaterkritik (aus der Zeit, in der „Sunset“ spielt ) aus dem Spiegel über ein Stück Bechers, die ein wenig auch den Zeitgeist auf beiden Seiten der Grenze wiederspiegelt: OSTBERLIN / Theater: Becher fiel durch, Spiegel 5/1955

Klaus Modick liest aus „Sunset“ –> youtube-Clip

Klaus Modick
Sunset
diese Ausgabe: Eichborn, HC, ca. 190 S., 2011

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11 Responses to “Klaus Modick: Sunset”


  1. Eine schöne und sehr detaillierte Besprechung, lieber Flatter Satz. Meine Lektüre dieses Romans liegt schon eine ganze Weile zurück und doch habe ich noch sehr gut in Erinnerung, wie sehr es mich damals begeistert hat. Leider habe ich es in der Zwischenzeit immer noch nicht geschafft, etwas von Feuchtwanger zu lesen, obwohl ich es seitdem fest vor habe. Aber mal schauen, vielleicht wird das ja noch etwas. :-)

    Liebe Grüße
    Mara

    P.S.: Im Cover gibt es beim Verlag einen kleinen Schreibfehler. :-)

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    • flattersatz Says:

      liebe mara, du bücherfresserin… ;-)

      ich hatte mir in der folge der lektüre mal einen feuchtwanger aus dem regal geholt, habe ihn aber wieder reingestellt. irgendwie bin ich nicht reingekommen. vllt sollte man sich mal den jefta holen, an dem er in modicks sunset schreibt. da steckt ja sehr viel autobiographisches drin und mit modick als führer wird das vllt eine gute lektüre….

      ach ja, der schreibfehlerteufel.. ich finde, es macht das ganze authentisch.. ne, im ernst, ich habe es auch gesehen, als alles fertig war. dann habe ich mich der faul- und bequemlichkeit hingegeben und es gelassen… schande über mein haupt…

      liebe grüße dir auch
      flattersatz

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  2. dasgrauesofa Says:

    Ich kannte das Buch nicht und habe auch von Modick noch nichts gelesen. Aber Deine tolle Besprechung hat mich wieder an meine umfangreiche Feuchtwanger-Lektüre erinnert und die vielen Bücher, die ich über das Leben der Exilanten in Califormien gelesen habe. Ich werde „Sunset“ auf meine Wunschleseliste setzen.
    Viele Grüße
    Claudia

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    • flattersatz Says:

      mir war modick auch völlig unbekannt bis dieses buch bei mir im lesekreis vorgeschlagen worden war. nun ja, jetzt kenn ich ihn und empfinde dies als bereicherung.

      „umfangreiche“ feuchtwanger-lektüre.. schön doppeldeutig, da ja die bücher des herrn selbst recht voluminös sind. ich habe vor jahrzehnten einige romane gelesen, aber die erinnerung daran liegt bei null… schade. damals gab es eben noch keinen blog… ;-)

      wenn du das buch gelesen hast, wäre ich auf deine meinung gespannt!

      liebe grüße
      flattersatz

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  3. […] wieder in Oldenburg, der Stadt, in der er auch geboren wurde. Zuletzt erschien von ihm der Roman “Sunset”: ein Roman über die beiden Schriftsteller Lion Feuchtwanger und Bertolt […]

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  4. atalante Says:

    Ein typisches Beispiel für ein vollständig gelesenes und leider ebenso komplett vergessenes Buch. VG+
    Während ich mich mit Deiner Rezension zu erinnern versuchte, fiel mir ein anderer angelesener Roman ein, der die Flucht aus Frankreich sehr anschaulich schildert: Michael Lentz, Pazifik Exil. Kennst Du ihn?

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  5. […] wieder in Oldenburg, der Stadt, in der er auch geboren wurde. Zuletzt erschien von ihm der Roman “Sunset”: ein Roman über die beiden Schriftsteller Lion Feuchtwanger und Bertolt […]

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