Wibke Bruhns: Meines Vaters Land

7. März 2013

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Wie so häufig hat auch bei diesem Buch der Zufall kräftig mitgemischt, gekauft hätte ich es mir wohl kaum. So ist es aus einem Nachlass in mein Regal gerutscht und aus irgendeinem Grund habe ich herausgenommen – und das war gut so!

Schon der „Aufhänger“ des Buches ist bemerkenswert. Wibke Bruhns, die älteren unter uns werden sie noch kennen, aus lang vergangenen „heute“-Zeiten, arbeitet als Journalistin für verschiedene Medien. Sie kam, so erzählt sie, von einem Aufenthalt in Jerusalem zurück, schaltete zu Hause den Fernseher und sieht – in einer Dokumentation ihren Vater, vis-a-vis von Herrn Freisler. Um 1980 muss das gewesen sein, 35 Jahre nach dem „Ereignis“.

Zu der Zeit, in der diese Aufnahmen gemacht wurden, war Wibke gerade sechs Jahre alt. Sie hat keine Erinnerungen mehr an ihren Vater, der – lassen wir das dünne Feigenblatt eines vermeintlich juristisch legitimierten Prozesses vor dem Volksgerichtshof mal beiseite – von den Nationalsozialisten im August 1944 in Plötzensee [1] ermordet wurde, wegen seiner Nähe, der Mitwisserschaft, zu den Attentätern des 20. Juli 1944.

Als die Autorin so völlig unvorbereitet diese Aufnahmen im Fernsehen sieht, ist sie schockiert. Wie gesagt, sie kannte ihren Vater kaum, die letzten Jahre, in denen sie als Kind eventuell Erinnerungen hätte bewahren können, ist HG, so nennt sie mit viel Abstand ihren Vater Hans Georg Klamroth, als Offizier der Abwehr im Feld bzw. zum Schluss in Berlin. Wir erfahren dies am Ende des Buches, denn dies ist auch das Ende des Lebens ihres Vaters.

Die Klamroths in Halberstadt, dem „Tor zum Harz“ sind nicht irgendwer. Fünf Generationen fähiger Kaufleute haben ein florierendes und im Lauf der Jahrzehnte immer weiter expandierendes  Handelsunternehmen im Bereich Landwirtschaft aufgebaut, mit internationalen Beziehungen und Fabrikationsstätten. Sie haben Geld, sind angesehene Bürger, die sich für das Allgemeinwohl einsetzen, in dem sie in den verschiedensten Gremien Verantwortung übernehmen, sie sind das, was man als Idealbild des Familienunternehmers bezeichnet: sie kümmern sich um ihre Arbeiter und Angestellten, nicht auf der Grundlage einer Sozialgesetzgebung, sondern eher im Sinne einer patriarchalischen Fürsorge.

Die Geschichte der Familie wiederzugeben würde zuviel Raum einnehmen. Nur von HG will ich kurz wichtige Lebensstationen berichten: geboren 1898 erlebt er als 16jähriger den Beginn des ersten Weltkrieges, in den sein Vater „mit drei Hurras auf Kaiser und Vaterland“ zieht. Die Stimmung ist patriotisch, die Bevölkerung begeistert, die Soldaten werden gefeiert und alle sind vom gerechten Sieg, den der Kaiser erringen wird, überzeugt. Aber – der Krieg hat sich verändert, er ist nicht mehr die in Art eines Zweikampfes zweier Heere an einem Tag ausgefochtene Entscheidung wie bis dato: der Krieg ist schmutzig geworden, ein zermürbender Stellungskrieg mit Dum-Dum-Geschossen, mit Gas, die ersten Panzer mähen alles nieder… die Erde wird mit unendlichen Mengen an Blut getränkt. Aber der junge, patriotisch-begeisterte HG wird endlich, endlich kriegstauglich geschrieben, er kauft sich in eine Regiment ein (das ist eine Sache des Prestiges), wird ausgebildet und zieht in den Krieg. Hurra, Hurra, Hurra!

Er tötet einen Kameraden, der sich der Festnahme durch ihn widersetzt, eine Belastung, die er im Grunde sein Leben lang nicht mehr los wird. Am Ende dieses unsinnigen Krieges wird er in die Ukraine verlegt, dort soll der Bündnispartner unterstützt werden. Nach Ende des Krieges jedoch ist der Rückzug der deutschen Soldaten eher eine Flucht vor den ehemaligen Bündnisgenossen, nur mit knapper Not kommen sie, kommt HG wieder zurück nach Halberstadt.

Zivilleben.. der ehemalige Leutnant, der soeben noch 2000 Leute in die Heimat führte, muss als Stift eine Kaufmanssausbildung absolvieren, ein schwieriges Geschäft, das nur mit großer Mühe durchgehalten werden kann, und mit der großzügigen Unterstützung des Vaters. HG sucht seinen Platz im Leben, sucht sich auch gegenüber dem Vater zu emanzipieren. Seine Zeit in Hamburg ist mit Eskapaden gepflastert…

Hochzeit… er lernt Else kennen, aus ebenfalls begütertem Haus mit dänischen Wurzeln. Begeistert sind die Eltern nicht, aber die beiden heiraten, eine Liebesheirat. Else kommt nach Halberstadt.

In Deutschland geht es drunter und drüber. Unruhen, Revolutionen, Aufstände.. der Versailler Vertrag legt Deutschland enorme, realistischerweise nicht zu leistende Reparationszahlungen auf mit drastischen Sanktionen wie Gebietsbesetzungen durch die Siegermächte für den Fall, daß nicht…. So wird das Ruhrgebiet durch die Franzosen besetzt, es kommt zu einem Generalstreik etc pp… In diesem Umfeld wächst die zunächst belächelte und nicht ernst genommene Bewegung um Hitler heran. Sie erleidet Rückschläge, geht aber letztlich gestärkt aus ihnen hervor. Effektive Parteiorganisation, Skrupellosigkeit, zündende Propaganda und die Zersplitterung und Zerschlagung (was durchaus auch wörtlich zu nehmen ist) des politischen Gegners führen zu einem immer weiter anwachsendem Erfolg. Der Weg zur Macht, so Goebbels, wird legal beschritten, also durch Wahlen. Aber nirgends sei festgeschrieben, daß auch die Machtausübung legalen Zielen folgen muss.

Die Ehe zwischen Else und HG wird nach dem anfänglichen Hoch schwierig. Zwar bekommen sie Kinder, aber leider ist HG ein Frauenheld, der offensichtlich an keinem Rock vorbei kommt. Else erträgt dies, zwischenzeitlich kommt es wohl auch wieder zu Versöhnung, da weiterer Nachwuchs auf die Welt kommt, unter anderem die Autorin. Ein letzter Liebesbrief, den Else findet, führt dann zur wohl endgültigen Zerrüttung der Ehe – tragischerweise kurz vor der Ermordung HGs.

Dieser war nach Kriegsausbruch als Offizier der Abwehr zum Militär gegangen, die Beweggründe, warum er seine Firma, die ihn dringend brauchte, quasi allein ließ, kann die Autorin wohl nicht geben. Als Abwehroffizier ist er lange in Dänemark stationiert. Wie wird er dies empfunden haben, es ist das Land seiner Frau…. Danach kommt er an die Ostfront, hier muss er die Gräuel, die im Rücken der Front durch SS und SD und wie sie all hießen, verübt wurden, bemerkt haben…. Danach kam die Versetzung nach Berlin und er war als Major verantwortlich für die technischen Waffenprojekte wie V2 oder das Uranprojekt. Er muss ein sehr fähiger Mann gewesen sein, wenn er in seinem (relativ niedrigen) Offiziersrang solche Verantwortung übertragen bekam.

Die Liste der Verschwörer zum 20. Juli 44 liest sich, so die Autorin an einer Stelle, wie das Adressbuch ihres Vaters, den sie als Netzwerker bezeichnet, der zeitlebens seine Verbindungen und Bekanntschaften gut pflegte. So war es nicht verwunderlich, daß auch er recht schnell inhaftiert und ihm der „Prozess“ gemacht wurde. Um die „Verhandlung“ vor dem Volksgerichtshof durchführen zu können, wurden sämtliche Offiziere aus der Wehrmacht entlassen. Prozessführung und das Urteil waren von höchster Stelle vorgegeben, die gefällten Todesurteile konnten nicht überraschen. Am 26. August 1944 wurde Hans Georg Klamroth in Plötzensee am Galgen hingerichtet. Wobei man nicht davon ausgehen sollte, daß es das Ziel des Henkers war, die Delinquenten durch Genickbruch schnell zum Tod zu bringen: sie wurden bewusst erdrosselt, hingen nackt am Balken im Hinrichtungsraum.

****************

Auch wenn es wahrscheinlich viel Arbeit und Mühe war, konnte die Autorin mit einer hervorragenden Quellenlage arbeiten. Kurt, ihren Großvater, bezeichnet sie als Archivaren, es werden Kindertagebücher geführt so wie Familientagebücher. Die Speisefolge von Festen ist ebenso bekannt wie es Lieder sind, die zu allen möglichen Anlässen gesungen werden. Wer bekommt was geschenkt und was hat es gekostet… alles vorhanden in unzähligen Listen…. Leider (aber bei einem Abwehroffizier nicht verwunderlich) ist über die Tätigkeit von HG im 2. WK praktisch nichts bekannt. Zudem hat er seine Frau noch angewiesen, bestimmte Briefe und Unterlagen zu vernichten, eine Vorsichtsmaßnahme? Es kann nur spekuliert werden. Auch Else hat eigeninitiativ viele ihrer Briefe an HG vernichtet, Seiten mit Eintragungen in den Tagebüchern herausgeschnitten…. wohl eine Folge ihres ehelichen Unglücks.

Was das Buch so überaus lesenswert, ja passagenweise sogar spannend macht, ist die Einbettung des Familienschicksals der Klamroths in die politische Großwetterlage. Diese Sicht erfolgt nicht mit der Neutralität eines Wissenschaftlers, der das große Ganze im Auge behalten muss, sondern hier wird von Bruhns ganz subjektiv und persönlich geschrieben. Man hat sie manchmal vor Augen, wie sie am Schreibtisch gesessen haben muss und sich die Hand vor die Stirn geschlagen hat ob des nicht Erklärbaren, was sie gerade liest oder schreiben muss. HG trägt zeitweise einen Hitler-Oberlippenbart: „Zum Kotzen“, der Kommentar der Tochter.. ein „Wie Bitte?!“ ist noch einer der harmloseren Empörungsrufe… Aber Bruhns muss sich – und sie macht dies – immer wieder ins Gedächtnis rufen, daß sie heute von einer Warte aus urteilt, die es damals nicht gab. Mit dem Wissen, was danach geschehen ist, läßt sich von heute aus viel verurteilen… immer steht – auch beim Lesen – die Frage im Raum: was hättest du selbst damals gemacht?

Anpassung, Gedankenlosigkeit, auch die Genugtuung daran, daß es mit Deutschland wieder aufwärts ging… daß das gleiche Regime skrupellos Menschen tötete, die nicht in sein Weltbild passten, wurde nicht zu Kenntnis genommen. Die Judenfrage – schon lange bevor die Nürnberger Gesetze in die Welt gesetzt wurden, nahmen die Klamroths ohne Not und völlig unverständlich in die Satzung ihres Familienverbands (ja, das gab es, vereinsmäßig…) einen entsprechenden Arierparagraphen auf… einerseits. Andererseits pflegte HG noch mit Juden Geschäftsbeziehungen, als dies schon lange verboten war. Bei der Übernahme eines jüdischen Geschäfts stritt er sich lange mit den Behörden, weil er mehr zahlen wollte (und letztendlich auch durfte…), als das Gesetz es vorsah…

Besonders interessant sind die Schilderungen Bruhnss, die sich auf die Zeit um den ersten Weltkrieg herum beziehen. Weiß man doch mittlerweile zumindest in groben Zügen  über die Zeit nach `33 oder zumindest nach `39 Bescheid, so sind die Kenntnisse über die politische und die allgemeine Lage zur Zeit des ersten Weltkriegs deutlich geringer – zumindest bei mir. Da jedoch Kurt, HGs Vater, so ein „manischer“ Archivar war, hatte die Autorin hier viel Material, mit dem sie das Atmosphärische der Zeit einfangen konnte… der für heutige Begriffe schier unglaubliche Patriotismus („Dulce et decorum est pro patria mori“ ), die fast schon naturgesetzlich genommene Feindschaft zum Nachbarstaat, ja, der beinahe Festcharakter eines Krieges, der mit Fahnen, Aufmärschen etc pp gefeiert wurde, eine Manifestation realer oder auch nur vermeintlicher Stärke, die später das Dritte Reich in Vollendung beherrschte. Es war, so Ernst Jünger, nicht so sehr wichtig, wofür man kämpfte, sondern wie.

„Meines Vaters Land“ ist eine besondere Biographie geworden. Persönliches hat Bruhns nicht ausgespart, die Eheprobleme zwischen Else und HG habe ich angedeutet, daß die amourösen Eskapaden des Vaters ihre Billigung nicht finden, dürfte verständlich sein. Neben diesem im Zentrum stehenden Paar vernachlässigt Bruhns aber auch andere Familienmitglieder nicht, so z.B. Bernard (den Cousin 2. Grades von HG und gleichzeitig Schwiegersohn von Else und HG, er war bei der Beschaffung des Sprengstoffes für das Attentat beteiligt) mit seiner „Kükenbraut“ oder zeitlich früher Gertrud und Kurt….

Daß die Ermordung HGs für die Familie eine Katastrophe war, muss man nicht erwähnen. Auch die Firma überlebte den 2. Weltkrieg nicht. Schicksale, die zu Hunderttausenden in Deutschland zu finden waren. Der „… große Vollstrecker des Bösen...“ hat gründliche Arbeit geleistet….

Hat die Autorin ihr Ziel erreicht, ihrem unbekannten Vater näher zu kommen? Ich denke, wie so vieles im Leben, muss man auch diese Frage mit „sowohl als auch“ beantworten. Sicherlich weiß sie jetzt sehr viel mehr von ihrem Vater, ihrer Mutter, ihrer Familie, für manches vorher unverständliche wird sie jetzt Verständnis gewonnen haben, es im Geist oder auch Gefühl nachvollziehen können. Gefühlsmäßig kann ich mir nicht vorstellen, daß sie Nähe zum Vater gewonnen hat. Gefühle (einer Tochter zu ihrem Papa) lassen sich nicht hervorrufen, indem man viele Daten sammelt, sympathisch mag er ihr geworden sein, geringer der Abstand, aber ich könnte mir vorstellen, daß er ihr doch fremd geblieben ist als Mensch. Persönlich kennt sie  ihn praktisch nur als Besucher in einer Zeit, in der das elterliche Haus voll war von Einquartierungen Fremder und sie noch ein kleines Kind war…. aber selbstverständlich sind das jetzt Spekulationen meinerseits, die Antwort selbst könnte nur Bruhns geben.

So will ich abschließend festhalten, daß Wibke Bruhns mit ihrem Versuch, die Familienbiographie aufzuarbeiten und ihrem Vater näher zu kommen, ein absolut lesenswertes und spannendes Buch über diese Aera geschrieben hat. Und daß sie, die Journalisten und Reporterin, schreiben kann, das brauche ich nicht extra betonen…

Links und Anmerkungen

[1] Hinrichtungen in Plötzensee 1933 – 1945, Teil der Webseite der Gedenkstätte Plötzensee
[2] Wiki-Artikel über alle Attentate/-versuche auf Hitler
[3] Wiki-Artikel zum 20. Juli 1944

Wibke Bruhns
Meines Vaters Land
Geschichte einer deutschen Familie
diese Ausgabe: Econ-Verlag, HC, ca. 390 S., 2004

Bei dem Eingangsbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen. Das Bild zeigt einen Ausschnitt in den Hinrichtungsraum Strafgefängnis Berlin-Plötzensee (Quelle: Wiki)

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3 Responses to “Wibke Bruhns: Meines Vaters Land”

  1. Claudia Says:

    Ich habe gerade Deine ausführliche Besprechung gefunden, die mir meine eigenen Leseeindrücke aus den hinteren Gehrinschubladen meiner Lektüreablage wieder hervorgezaubert hat. Ich bin auch sehr beeindruckt gewesen von Bruhns Familienbuch – und ich habe es an vielen Stellen, gerade mit Blick auf die Familiengeschicht über die vielen Generationen, auch als sachliches Pendant zu den romanhaften Buddenbrooks gelesen: die wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens, die Bedeutung der Häuser, der soziale Umgang mit den Mitarbeitern, die Feiern und das Essen, die problematischen Ehen. Und dann geht Bruhns Geschichte ja noch viele Jahre weiter und macht eben auch die Rolle und die Verstrickungen der „großen“ Familien im Driten Reich deutlich und begründet dies aus dem historischen Zusammenhang. Ein tolles Buch, an das Du mich da wieder erinnert hast!

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    • flattersatz Says:

      liebe claudia, herzlichen dank für deinen besuch und den ausführlichen kommentar! ja, du hast es sehr gut zusammengefasst, das buch geht weit über den rahmen einer familiengeschichte hinaus, man merkt eben die journalistin in der autorin.. insbesondere die zeit um den 1. weltkrieg, als ihr opa noch für diese fast lückenlose archivierung des familiengedächtnisses sorge trug, ist mir wertvoll gewesen, da diese zeit doch nicht mehr so präsent ist heutzutage…. auf jeden fall kann man das buch jedem interessierten nur empfehlen!
      p.s.: viel erfolg mit deinem blog!

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  2. susa Says:

    auch ich bin noch jahre nach der lektüre von diesem buch beeindruckt. warum, das hast du sehr ausführlich, auch in meinem sinne, geschildert.
    lg,
    susa

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