Bret Easton Ellis: Die Informanten

3. März 2013

Ellis

Den Autor Bret Easten Ellis kannte ich bis dato von nur von seinem „American Psycho“ her (und auch hier nur den Titel), ansonsten ist er mir fremd. Dieses Büchlein (aus der schönen Reihe „Metropolen“ der Süddeutschen Zeitung) habe ich im letzten Herbst durch Zufall erstanden und jetzt an einem der schneereichen Abende gelesen.

„Bring mir meine Träume in Ordung, Roger“, flüsterte ich,
„Bring mir meine Träume in Ordnung!


„Die Informanten“ ist eine Sammlung von dreizehn kürzeren Geschichten, denen gemein ist, daß sie bis auf zwei Ausnahmen in Los Angeles spielen und von Menschen handeln, die den Massstab verloren haben. (Insofern hat mich die Beschreibung der SZ zu „Metropolen“: „20 große Romane aus den Metropolen… anfänglich etwas irritiert….) Die Akteure der Geschichten sind jung, sie sind knackig, braun, makellose Zähne schmücken das Gesicht, die meist verquollenen Augen werden von Sonnenbrillen gegen die blendende Sonne geschützt. Man trägt Armani, fährt Porsche, Mercedes, Ferrari, Jaguar oder Rollies, lebt in Wohnungen oder Häusern, deren begehbare Kleiderschränke größer sind als manche Sozialwohnung.. man kokst, kifft, auch Alk wird genossen, trifft sich auf Parties, beim Shoppen, cruist mit den Cabrios die Freeways entlang und hängt an Stränden ab…. man hat Sex miteinander und wechselt die Partner nach Tagesform. Nichts kann diese nach außen hin erschüttern, zerlegt sich der Freund mit seinem BMW, zieht Dirk ihn erst einmal aus dem Wrack und durchsucht die Taschen nach einem Joint („Bruce ruft vom Mulholland Drive an„)…. nur sehr andeutungsweise zeigen sich Risse in dieser glatten Fassade…. früh lernen die Kids, Prioritäten zu setzen:

„So lief das eine Woche lang, sagt Bruce, bis Lauren anfing, mit einem dreiundzwanzigjährigen Immobilientycoon auszugehen, der etwa zwei Milliarden schwer ist. . . . dann kehrte Marshall nach SoHo ins Loft seines Exfreunds zurück, weil sein Exfreund, ein junger Kunsthändler, der etwa drei Millionen schwer ist, wollte, daß Marshall ihm drei funktionslose Träger in dem Loft in der Grand Street bemalt, in dem sie früher zusammen gewohnt hatten. Marshall ist etwa viertausend Dollar und ein paar Zerquetschte wert.“

Es ist Langeweile pur, Dekadenz in höchster Vollendung. Nichtssagende Gespräche, die an der Oberfläche von allem hängenbleiben. Gesucht ist der nächste, der größere Kick, der das ewige Gleichmaß des lethargischen Lebens zwischen Pool und Bar für ein paar Momente durchbrechen kann.

Mit dem Verdienen von Geld müssen sich die meisten nicht abgeben, sie haben stinkreiche Eltern, zumeist im Filmgeschäft unterwegs, auch für die jungen Leute ist dies das naturgegebene Ziel, dort wollen sie arbeiten. Wenn sie wollen… aber die Eltern leben es ihnen vor: zerrüttete Ehen, sprachlose Beziehungen, emotionale Kälte. Gevögelt wird der/die Geliebte, zur Not läßt man sich scheiden…

Los Angeles, bzw. diese gesellschaftliche Schicht, die sich Ellis hier vorgeknöpft hat, wirkt wie ein Virus, langsam aber man kann ihm nicht entrinnen. Anne z.B. („Briefe aus L.A.„) stammt aus einem kleinen Städtchen und ist nach L.A. gereist, um die Großeltern zu besuchen. In Briefen (die im übrigen nie beantwortet werden) an einen/ihren Studienfreund beschreibt sie ihre Eindrücke von der Stadt. Langsam merkt man, wie der „touristische“, neugierige, naive Blick der jungen Frau auf die aufregende Großstadt sich ändert, sie erzählt von neuen Bekannten, neuen Freunden, bei denen sie jetzt immer öfter übernachtet, sie probiert Drogen aus, will sie überhaupt noch zurück, es ist fraglich und dann begeht ihr Bekannter, bei dem sie wohnt, Selbstmord, aber sie kann das Auto haben, das ist schon ok….

Die Geschichten spielen Anfang der 80er Jahre, MTV ist das bevorzugte Fernsehprogramm und läuft Tag und Nacht. Die Clips können junge Männer wie Raketen in die Atmosphäre der Berühmtheit, der Popularität katapultieren, in der sie letztlich kollabieren und zusammenbrechen. Bryan („Japan entdecken„) ist einer von ihnen, Tag und Nacht so voll gedröhnt, daß er nie weiß woher das Blut in seinem Bett, in seinem Hotelzimmer kommt und wer die jungen Mädchen sind, die dort liegen, mit verkrustetem Blut am Körper. Es kostet ihn viel Geld, all das unter den Tisch zu kehren… Bring mir meine Träume in Ordnung!

Der letzte aller Kicks ist das Töten, Ellis schickt eine Gruppe menschlicher Vampire durch L.A., die sich ihre Opfer suchen, sie durchknallen bis das Blut fließt und sie dann aussaugen („Die Geheimnisse des Sommers„). Im günstigsten Fall, schlimmer geht immer…

Dieses Buch ist eine humorfreie Zone, auch wenn es manche Situation gibt, die bei allem Schrecken ob ihrer Absurdität ein ungläubiges Lächeln hervorrufen mag, vllt auch eher ein Kopfschütteln. Zynismus findet man zuhauf, Sarkasmus, aber die Wärme, die Humor von letzten unterscheidet, die fehlt durchgängig. So heiß die Sonne in L.A. auch vom Himmel scheint, so kalt sind die Protagonisten der Geschichten. Und Ellis beobachtet sie, mit Akribie und Genauigkeit, wir erfahren, was sie Essen, Trinken, wie sie sich kleiden, was gerade in ist und welche Musik auf MTV läuft. Es ist immer wieder das gleiche in all den Geschichten, nur leicht variiert Ellis sein Motiv – und trotzdem entwickelt dieses Buch einen gewissen Sog: zu fremd ist das alles, es ist ein wenig wie Menschen einer anderen Art, Aliens, zuzuschauen… Es liegt wahrscheinlich auch an der Sprache des Autoren, sie ist nicht kompliziert, alle Geschichten werden aus einer Ich-Perspektive erzählt (wobei sich meist erst im Lauf der Geschichte ergibt, wer diese/r Erzähler/in ist), das Gesagte ist klar und eindeutig. Der Sinn hinter den Worten muss nicht gesucht werden: ähnlich wie die Personen oberflächlich sind, beschreibt Ellis diese Oberfläche nur, er deutet sie nicht aus, er wertet noch nicht einmal.

„Die Informanten“ ist ein Blick in eine andere Gesellschaft, ich kann nicht beurteilen, ob und wenn, wo Ellis übertreibt oder zuspitzt. Hier jedenfalls stellt er seine Figuren aus und wir betrachten sie mit ihm, zu fremd sind sie uns, als daß wir mit ihnen mitfühlen oder uns mit ihnen identifizieren könnten. Bezeichnenderweise spielt die letzte der Geschichten im Zoo, Bruce und die Ich-Erzählerin starren dort auf die Tiere und der Erzählerin (23) wird klar, daß Bruce (25), der für „Miami Vice“ schreibt, nicht mit Grace geredet hat, sich nicht von ihr getrennt hat… und so wie die beiden auf die Tiere starren, starren wir Leser auf sie und die anderen, auf Dirk, auf Jamie, auf Bryan, Marshall, Roger und wie sie alle heißen mögen.

„Ich wette, die Tiere da sind nicht besonders glücklich“, sagte ich, als wir uns einen Eisbären ansehen, der sich mit vom Chlor blau geflecktem Fell auf einen Tümpel mit einem künstlichen Eisberg zuschleppt.
„Ach was“, widerspricht Bruce, „Klar sind die glücklich.“
„Davon sehe ich aber nichts“, sage ich.
„Was erwartest du denn von ihnen? Wunderkerzen? Stepptanz? Komplimente über deine schicke Bluse?“

Es fällt mir gerade ein, daß Bukowski ja auch in und über Los Angeles geschrieben hat: Zwei Pole eines weit gefächerten Spektrums sind mit ihm und diesem Ellis-Buch gegeben. Ob man „Die Informanten“ gelesen haben muss (ich höre ja immer wieder mal, bei mir würde die abschließende Empfehlung fehlen): ich weiß es nicht. Es ist sicherlich kein „Muss“, man fühlt sich bei anderen Autoren, in anderen Geschichten einfach wohler, besser aufgehoben. Aber es mag auch sein, daß man manchmal aus der Geborgenheit der geschätzten Literatur herausgehen sollte, um Neues, Unbekanntes zu lesen – und in diesem Sinn habe ich „Die Informanten“ jedenfalls nicht bereut.

Bret Easton Ellis
Die Informanten
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Clara Drechsler
diese Ausgabe: Süddeutsche Zeitung Bibliothek: Metropolen: Los Angeles (Bd. 13), HC, ca. 236 S., 2010
Originalausgabe: 1994

Bei dem Eingangsbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen.

Advertisements

7 Responses to “Bret Easton Ellis: Die Informanten”

  1. peterjkraus Says:

    Bret Easton Ellis segelt auf der unseligen, gutverkäuflichen Perversionswelle dahin, die vielen amerikanischen Autoren das tägliche Brot liefern. Ich persönlich finde ihn langweilig, überflüssig und nichtssagend, Wer Blut und Ficken braucht, ist anderswo unterhaltsamer bedient.

    Gefällt mir


    • Ich kann dir nicht ganz folgen und auch nicht so ganz zustimmen. Ich mag seine Bücher, mein persönliches Highlight ist sicherlich „Unter Null“, das ich in meinen Jugendjahren mehrmals gelesen habe. Enttäuscht hat mich jedoch „Lunar Park“ zurückgelassen. Dennoch habe ich in seinen Roman einiges finden können, dass mich begeistert und auch bewegt hat.

      Gefällt mir

      • flatter satz Says:

        danke für deinen kommentar, liebe buzz…. nein, begeisternd ist anders, eine gewissen faszination haben die geschichten für mich schon gehabt. aber mehr dann auch nicht… ;-)

        Gefällt mir


        • Ich kann dir nur „Unter Null“ ans Herz legen, das hat mich wirklich begeistern und faszinieren können. Gerade auch weil Ellis dort eine mir so fremde Welt und „Sorte“ Mensch beschreibt.
          Klarstellen wollte ich nur noch mal, dass sich meine Antwort auf den Kommentar von Peter Kraus bezieht, dem ich nicht ganz folgen konnte und nicht auf deine Besprechung, die ich gelungen fand. ;-)

          Gefällt mir

    • flatter satz Says:

      ahh… widerspruch ist eingetroffen, das ist ja interessant!

      wie oben geschrieben, ich kenne ellis nur vom namen und von diesem buch her. sicherlich hast du recht, p.j., er macht mit seinen blutgeschichten (american psycho beherrschte ja seinerzeit die föetongs (btw: eine nette seele hast du dir da ja ausgesucht.. sry, netto-seele.. :-) ) ja wohl gute geschäfte. nicht nur sex sellt, sondern perversion allgemein, that´s right.

      in den informanten (woher dieser dämliche deutsche titel kommt, ist mir völlig unklar…) ist das aber nur eine von den geschichten. die anderen entwickeln schon einen gewissen sog beim lesen, zu fremd, so exotisch ist diese species mensch, die ellis in nüchternen worten (aber ohne sonderlichen tiefgang) beschreibt. wie gesagt, ich fühlte mich teilweise wie im zoo mit fasziniertem blick auf die ausgestellen wesen aus einer anderen lebenswirklichkeit…. insofern bedauere ich die zeit, die ich zum lesen gebraucht habe, nicht, auch wenn dies mit einiger wahrscheinlichkeit das einzige buch von ellis für mich war…

      grüße
      fs

      Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: