Zeruya Shalev: Mann und Frau

23. Februar 2013

shalev Kopie

Ich weiß nicht, wie der hebräische Originaltitel zu übersetzen ist, aber der deutsche Titel ist von fundamentaler Wucht. Es verspricht nicht, nur einen Mann und eine Frau zu meinen oder Männer bzw Frauen mit bestimmen Eigenschaften, nein, hier wird um unbedingt elementares über die Geschlechter prononciert. Seien wir gespannt, wer von Shalev das „Liebesleben“ kennt, traut ihr zu, das Titelversprechen einzulösen….

Der Handlungsrahmen ist schnell erzählt. Na´ama und Udi sind seit mehreren Jahren verheiratet, ihre Tochter Noga ist neun. Seit ihrer frühen Jugend belagert Udi Na´ama mit seiner Zuneigung, seiner Liebe, zum Schluss hat sie sich so um die junge Frau gelegt, daß sie zu ihr gehört wir ihr Körper. Aber es gibt eine Situation, in der dieses Geflecht auszubrechen droht, es ist der Moment, in dem sie eine neue Liebe kennenlernt, Liebe neu kennenlernt, nicht als schales, abgestandenes Gefühl, sondern als Lebensinhalt und Verlangen. Ein unglücklicher Zufall will es, daß sie, bereit, den letzten Schritt zu gehen, glaubt, ihr am Haus des Geliebten vorbei eilender Mann hätte sie im Fenster gesehen, unbekleidet mit dem Fremden.. sie eilt nach Hause, beichtet, bittet um Verzeihung, ist bereit, jeden Preis zu zahlen … kurze Zeit später fällt Noga aus Udis Händen vom Balkon hinab, nur durch einen glücklichen Zufall überlebt sie. Ab diesem Moment wird die Ehe der beiden eine mit gegenseitigen Vorwürfen und Schuldzuweisungen gepflasterte Hölle.

Udi gibt sein Studium auf und wird Fremdenführer. Er ist oft unterwegs und wenn er zu Hause ist, erscheint er wie ein Fremder. Seine Tochter Noga, der er früher viel Liebe schenken konnte, beachtet er kaum noch. Na´ama arbeitet in einem Heim für Mädchen bzw. junge Frauen, die ein Kind erwarten, das sie ggf. zur Adoption freigeben wollen bzw. müssen… auch sie hat ihr Studium abgebrochen.

Das Paar lebt immer isolierter und selbstbezüglicher, auch Noga, früher ein lebenslustiges Mädchen mit Freundinnen, isoliert sich in der Schule, kämpft (vergeblich) um die Liebe des Vaters. Die eigentliche Handlung des Romans setzt in dieser Situation damit ein, daß die psychischen Probleme Udis sich in seinem Körper manifestieren: erst kann er die Extremitäten für einige Tage nicht mehr bewegen, dann verliert er vorübergehend sein Augenlicht… apathisch verbringt er seine Tage auf dem Bett liegend, er vernachlässigt sich, ist kaum ansprechbar. Da erfährt Na´ama von einer Heilerin, die in der Nähe wohnt und bittet diese um Hilfe.

Sohara, so ihr Name, ist eine auf den ersten Blick kleine, schwache Frau mit einem Baby, wie sollte diese ihnen helfen? Mit ihren Fragen, dem Abtasten, dem Fühlen des Pulses, dem Lauschen des fließenden Blutes in den Adern etwa? Es stimmt. Sohara verteilt keine Pülverchen, Tinkturen oder Salben, sie versteht es, die Lebenssituationen zu analysieren und die Reaktionen des Körpers darauf. Sie, mit tibetanischen Weisheiten ausgestattet, bringt etwas in Bewegung in den beiden in sich verbissenen Menschen: einfache Wahrheiten wie die, daß man sein Glück nicht von den äußeren Umständen abhängig machen darf, weil man sich ihnen damit ausliefert oder die, daß man lernen muss, loszulassen öffnen Ausblicke, säen Zweifel am bisherigen Weltbild.

Nach einer kurzen Periode trügerischen Friedens in der Familie verkündet Udi seiner Frau, daß er sie verlassen wird. Für Na´ama, die sich nur über ihr Verhältnis zu Udi definiert, ist dies der absolute Zusammenbruch, ebenso wie für die Tochter Noga. Zudem lassen uns die Schilderungen vermuten, daß Udi mitnichten in den Süden des Landes gefahren ist wie er behauptet, sondern nur ein paar Häuser weiter zu Sohara mit ihrem Kind…. in diesem Verlassenwerden wird die Kindheitssituation Na´amas wieder lebendig: seinerzeit ist die Mutter aus dem Haus gegangen und hat den Vater mit den Kindern zurückgelassen, um die eigenen Lebensträume zu verwirklichen. Diese Trennung hat Na´ama wohl nie verwunden, vllt wurzelt hier dieses bedingungslose Klammern an eine schon längst zerbrochene Beziehung…

Mutter und Tochter erleben nach dem Weggang des Mannes/Vaters eine Art Schiwa, werden von Na´amas Mutter versorgt. Nach dieser Woche ist Na´ama in der Lage, in ihrer Situation auch eine Chance zu sehen, ihr eigenes Leben zu verändern. Wie, das weiß sie nicht, aber als sie Micha trifft, weiß sie, was sie, was ihr Körper will. Auch dies eine komplizierte Beziehung, die Na´ama aber beendet, bevor sie zerstörerisch werden kann….

Der zehnte Geburtstag von Noga steht vor der Tür, eine Party mit den Schulkameraden wird geplant, aber keiner kommt. Als es dann doch  läutet, steht Udi in der Tür… ob dies eine zweite Chance für die Familie ist, bleibt völlig offen…

*****

Dieses komplizierte Beziehungsverhältnis wird ausschließlich aus der Sicht der Frau, aus Na´amas Sicht, geschildert. Sowohl Udi als auch Noga kommen nur insoweit vor, als sie durch Na´ama wahrgenommen werden. Einzelne Dialoge, die es gibt, ändern daran nichts. So erfahren wir nicht allzuviel von Udi, während uns die Familiengeschichte der Frau ausführlicher dargestellt wird.

Die Beziehung selbst ist fast schon pathologisch. Sie ist eine nach innen kollabierte Liebes(?)beziehung (eher eigentlich ein Abhängigkeitsverhältnis) zweier Menschen, die – wie ineinander verbissen – in einem Kokon von der Aussenwelt abgeschottet sind. Die – um im Bild zu bleiben – Atmosphäre im Kokon ist nicht sonnig-heiter, sie ist aufgeladen, mit Gewittern, Sturm und Blitzeinschlägen. Schuldzuweisungen gehen hin und her, fast könnte man meinen, die beiden seien durch ihre gegenseitige Schuld unlösbar miteiander verbunden. Ähnlich wie schon in „Liebesleben“ beschreibt Shalev mit Na´ama eine Frau, die bereit ist, sich zu erniedrigen, zu unterwerfen, alles auf sich zu nehmen, um die bestehende Beziehung zu retten, egal wie schmerzhaft sie ist. Erst die absolute Katastrophe, die für sie das Verlassenwerden darstellt in Verbindung mit den Weisheiten Soharas öffnet in ihr die Bereitschaft, zum einen zu akzeptieren und zum anderen, die Möglichkeiten zu sehen, das Alleinsein auch als Freiheit zu erkennen.

Shalev ist sicher keine Autorin, die es ihren Lesern mit ihren Texten einfach macht. Lange, elend lange Bandwurmsätze, teilweise sich über Seiten hin ergießend verlangen Aufmerksamkeit und Konzentration. Und so liest man und liest und auf einmal merkt man, daß der Text einen so gefangen gehalten hat, daß man gar nicht merkt, wie Seite um Seite vergangen sind. Es gab eine Szene im Buch, Na´ama bei ihrem Maler, bei der ich nicht mehr das Gefühl hatte, zu lesen, sondern ich habe einem Film zugeschaut, der vor meine Auge lief….

„Mann und Frau“ ist ein trauriges, auch deprimierendes Buch, weil es von der Unmöglichkeit der Geschlechter handelt, in Freiheit miteinander zu leben und sich zu lieben. Denn auch der kurz angesprochene Gegenentwurf zu Udi und Na´ama, die Ehe von Micha, ist keine wirkliche Alternative, weil er nicht auf einem Miteinander, sondern auf einem Nebeneinander beruht. Die einzigen Lichtblicke, die der Roman bietet, sind selbst nur flüchtige Hoffnungen und ob das Erscheinen von Udi und die damit angedeutete Möglichkeit seiner Rückkehr überhaupt wünschenswert ist (meiner Meinung nach nicht….) oder zu einem erneuten Desaster führen könnte, ist nicht ausgemacht.

„Mann und Frau“ ist ein düsteres Werk, das nicht viel Optimistisches enthält. Ähnlich wie schon bei „Liebesleben“  sind die beiden Frauenfiguren, dort Ja´ara, hier Na´ama (wie sich die Namen ähneln…) bereit, sich selbst zu aufzuopfern, um eine Beziehung „am Leben“ zu halten. Während in „Liebesleben“ aber der Mann dominant war ist er hier in gleicher Hilfslosigkeit dargestellt: die Beziehungsfessel bindet sowohl Udi als auch Na´ama, wem letztlich die größere Schuld am Scheitern der Ehe zuzuordnen ist, bleibt unklar – soweit das Operieren mit diesem Term überhaupt sinnvoll ist, ist doch zumindest bei der Frau das Verhalten auf ein kindliches Traumata zurückzuführen (vom Mann können wir darüber nichts sagen) und damit unverschuldet.

So führt uns Shalev in den Keller eines Hauses namens „Gemeinsames Leben“ und im Keller werden die dunklen, unangenehmen Dinge untergebracht. Und es wird seziert, es wird die Pathologie einer Beziehung untersucht, auseinandergenommen, ans Licht gebracht. Dies alles in einer starken Sprache mit ungeheurer Sogwirkung, mit enormer Intensität: ein großartiger, wenngleich schwieriger Roman….

Aber: das Buch macht es dem Leser nicht leicht, man muss sich auf das Experiment des Lesens einlassen und offen sein für das Geschilderte. Ist man es nicht, könnte einem als Leser das widerfahren, was Na´ama und Udi widerfährt: man wird zermürbt und zerrieben von diesem quälenden Entwöhnungsprozess zweier ineinander verstrickter Menschen.

Hinweis: zur Kurzrezension von „Liebesleben“ hier im Blog

Zeruya Shalev
Mann und Frau
Übersetzt aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler
diese Ausgabe: bloomsbury taschenbuch, 2012
Originalausgabe: Jerusalem, 2000

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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3 Responses to “Zeruya Shalev: Mann und Frau”

  1. flattersatz Says:

    ein zitat von shalev, gerade gefunden: „Die meisten meiner Figuren müssen irgendwelche Krisen bestehen, weil ich glaube, dass wir nur, wenn wir tief unten sind, zu einem echten Dialog mit uns selbst fähig sind. Krisen und Erschütterungen halten uns einen wahren Spiegel vor, während es uns der Alltag ermöglicht, abzuleugnen und zu verdrängen. Deshalb führe ich meine Figuren in seelische Erschütterungen und Konflikte, in der Hoffnung, dass diese Erfahrung es Ihnen ermöglicht, sich selbst besser kennenzulernen und sogar zu wachsen, stärker zu werden. Ich glaube, dass die Literatur erschüttern soll, nicht streicheln, auch wenn das für die Figuren zuweilen schwer ist, und natürlich auch für den Leser.“
    bei: http://valeat.wordpress.com/2012/11/10/zeruya-shalev-literatur-soll-erschuttern/

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  2. caterina Says:

    Das Zitat, das du zum Schluss noch beigefügt hast, ist sehr erhellend – ein interessanter literarischer Ansatz, der mich als Leserin das Erzählte noch besser verstehen lässt.
    Nach der aufwühlenden Lektüre von Liebesleben bin ich jedenfalls schon sehr gespannt auf den Nachfolger Mann und Frau, der – das entnehme ich deiner Rezension – es dem Leser nicht leicht macht, ihn fordert, ihn auffordert, sich nicht nur mit den Figuren, sondern auch mit sich selbst, seinem Innersten auseinanderzusetzen. Das ist Literatur, wie ich sie mag.

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    • flattersatz Says:

      ja, da hast du völlig recht, liebe caterina, so wie aus fehlern mehr lernt als aus dem, was richtig läuft, ist auch die auseinandersetzung mit schwierigen schicksalen fruchtbarer, wenngleich natürlich anstrengender. aber in vielen szenen, verhaltensweisen erkennt man eigenes wieder, auch wenn shalev hier vieles auf die spitze getrieben hat. ich werde jetzt eine kleine pause machen und dann den dritten teil des zyklus lesen… (die beiden bände verdanke ich frau gordimer :-) )

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