Ilija Trojanow: Der Weltensammler

7. Februar 2013

Googelt man nach Richard Burton bekommt man (wie man natürlich sofort merkt) erst einmal Treffer angezeigt, die sich auf den Schauspieler beziehen. Erst eine Einschränkung auf .. Francis.. und/oder das Geburtsdatum führt zum eigentlich Gesuchten: Richard Francis Burton (1821 – 1890) [1], Soldat, Forschungsreisender, Abenteuer: mithin eine schillernde Figur das vorletzten Jahrhunderts. So abwegig der Gedanke auf den ersten Blick auch scheinen mag, vllt wäre sogar ein Vergleich der beiden Burtons interessant, denn gewisse Gemeinsamkeiten sind ihnen eigen: das markante Gesicht [siehe Portraits in 1], der Hang zum Exzessiven, die Gabe in Rollen zu schlüpfen und diese auszufüllen, der eine als großer Mime, der andere in realiter.

Diesem letzteren, der mich (das jetzt die letzte Assoziation meinerseits…) sofort auch an Mungo Park[3], den Abenteurer auf dem Weg, die Nigerquellen zu entdecken, erinnerte, ist Trojanows farbenprächtiger, hochgelobter Roman „Der Weltensammler“ gewidmet. Wobei Trojanow schon in seiner Biographie andeutet, daß auch ihm das Reisen im Blut liegt, wenngleich hier noch viel erzwungenes enthalten ist. Daß der Autor aber auch aus eigenem Antrieb das Zeug zum Abenteurer besitzt, zeigt er durch seine Recherchen für den vorliegenden Roman äußerst eindrucksvoll [2].

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Britisch-Indien

Das Buch beginnt mit einer sehr farbigen, bunten, wirkmächtigen Beschreibung der Ankunft des jungen Leutnants Burton in Indien, das damals noch das Indien der Britische Ostindien-Kompanie [4] war, ferner war der indische Subkontinent seinerzeit noch nicht in die zwei Staaten, das muslimische Pakistan und das hinduistische Indien geteilt. Wer je in Indien war, ich meine nicht in den klimatisierten Hotels westlichen Standards, sondern auf den Straßen, in den Bussen, den Zügen, den Basaren, den Häfen wird es wieder erkennen, dem werden die Gerüche des Lebens, des vergehenden, faulenden, vergärenden, sich wieder in den ewigen Kreislauf einordnenden Lebens wieder gegenwärtig werden, er wird das Schwären der Abfallhaufen riechen, er wird den Unrat in den Straßen vom Wind getrieben verstreut finden, er wird das Aroma der Gewürze, die in der Imbissstube des naheliegenden Basars verkauft und gebraucht werden, wieder in der Nase spüren. Das Drängeln, Hupen, Schreien, Rempeln, das Ausweichen, wenn eine der heiligen Kühe im Weg steht… ach, das Leben dort, so arm, so prall, so direkt….

Jedenfalls passt Lt Burton nicht in die üblichen Schemata des britischen Offiziers, wie er sich seinerzeit mühte, möglichst wenig vom Land zu sehen und die Dienstzeit mit entsprechen gekühlten Getränken von servilen Einheimischen hofiert schadlos zu überstehen. Nein, Burton suchte das Land, er nahm sich einen Diener, Naukaram, der seinerseits erkannte, daß er den Haushalt des Engländer nicht führen kann, wenn er nicht weitere, mindestens zwölf Diener unter sich hätte… Das Kastensystem, man versteht, nicht jeder darf alles machen….

Die Kameraden öden ihn an, Burton zieht sich zurück, er versucht die Sprache des Landes zu lernen, sucht sich einen Lehrer und findet ihn im gelehrten Upanitsche [5], der ihm mehr lehrt als nur die Sprachen. Aber immer noch, trotzdem er ihre Sprache spricht, weichen die Menschen auf der Straße vor dem britischen Offizier zurück, der da auf dem Pferd sitzt und sie anspricht…. weniger Abstand, mehr Nähe.. und so fängt er an, sich zu kleiden wie die Einheimischen, in letzter Konsequenz, bis er so riecht wie sie, so aussieht wie sie und (fast) so ist wie sie….

Naukaram sieht, was seinem Herrn fehlt: eine Frau und so macht er sich auf, eine zu finden. Er findet eine Frau, eine, die so schön ist, daß mein meinen könnte, der Himmel wäre auf die Erde hinab gestiegen, Kundalini [6]. Es kommt wie es kommen muss, Burton verliebt sich in diese Frau, die so viel mehr weiß, von der Liebe weiß, wie er, die ihn lehrt und ihm Geschichten erzählt, wie einst Scheherzade, auch sie, um den Tod, zumindest den kleinen des Mannes, zumindest hinauszuzögern…. Eine Devadasi ist sie, eine Dienerin Gottes, die aus dem Tempel geflohen ist… sie verweigert sich ihm, gibt ihm ihr Geheimnis nicht preis und dann, eines Tages, versagt er ihr die Bitte, die so äußert. Als sie stirbt, ist Burton masslos in seiner Trauer, er frönt den Exzessen solange, bis er in den Sindh geschickt wird…

Welch ein Unterschied zu Indien, dem tropischen, von Leben berstenden Indien ist dieses staubige, sandige Stück Wüstenerde, bevölkert von Beschnittenen, denen die indischen Götter seit langem abhanden gekommen sind und die ihrem einen dienen und seinem Propheten. Burton scheint Indien zu vergessen, so intensiv befasst er sich mit diesem neuen Land, so verbissen lernt er die Sprache, kümmert er sich um die Religion. Kann es da wundern, daß er dem oberstern Befehlshaber auffällt? Nicht viele gibt es, die die Sprache des Landes beherrschen, die sich unerkannt unter die Menschen mischen können.. sogar, dem Diener Naukaram graust es, beschneiden läßt Burton sich, so daß er in Gesellschaft von Verschwörern aufgegriffen, ins Gefängnis geworfen, den Engländern als Einheimischer durchgeht.

Burton sieht die Grenze nicht mehr zwischen den Ländern, den Völkern. Er meint, er könne sie überwinden, zwei Herren gleichzeitig dienen, loyal sein. Es geht nicht, natürlich nicht. Er wird entlassen, einer (vorgetäuschten) Krankheit wegen, zurück nach England geschickt, ein England, das dem Diener ob seines Wassers, seines Grases als Paradies vorkommt, in dem dieser aber kein Fuss fasst, denn im Gegensatz zu Burton in Indien ist er nicht bereit, sich auf das fremde Land einzulassen. Im Streit geht Naukaram zurück, ausgestattet mit Geld für ein halbwegs akzeptables Leben in seiner Heimat.

Er hat kein Empfehlungsschreiben seines alten Herrn bekommen, deswegen geht Naukaram in seiner Heimatstadt Baroda, die auch einmal die Stadt war, in der Burton lebte, zurück und sucht einen Lahiya auf, einen öffentlichen Schreiber, auf daß dieser ihm ein Schreiben verfasse und hervorhebe seine Verdienste, sein Können, seine Treue und seine Vertrauenswürdigkeit. Uns so läßt Trojanow Naukaram dem Schreiber die eine Seite der Geschichte, seine Sicht und seinen Teil erzählen, unterbrochen von den Fragen des Lahiya, der immer mehr in Bann gezogen wird von diesem Leben Burtons, der immer neugieriger wird und seinen Kunden immer drängender um mehr angeht…. Die andere Sicht der Dinge erfahren wir von Burton selbst, das was ihn antreibt oder auch zurückhält, was ihm das alles an Erfüllung, an Befriedigung bringt, seine Gefühle, seine Beweggründe…..

Trojanow wechselt in kurzen Erzählabschnitten zwischen diesen beiden Handlungssträngen, die uns die zwei Seiten eines Lebens schildern. Dadurch gewinnt die Handlung viel Tempo und Spannung, zumal der Autor mit Naukaram und seinen Schreiber ein weiteres Paar schafft, das sich gegenseitig herausfordert.

Diese Art der Darstellung, eine Art Wechselgespräch, ein Duett, wählt Trojanow auch für seine beiden, der Indien-Episode folgenden Teile des Romans.

Arabien

Als einer der ersten Europäer reist Burton 1853 nach Mekka. Vorangegangen war ein längerer Aufenthalt in Ägypten, in Kairo, wo er seine Kenntnisse des Arabischen vertiefte. Er glich sich letztendlich den Einheimischen so sehr an, daß er nicht mehr von ihnen zu unterscheiden war. Er reiste als persischer Arzt aus dem Grenzgebiet, um damit eventuelle Einfärbungen der Sprache erklären zu können, ferner gab er sich als Derwisch aus, die für ihr manchmal unkonventionelles Verhalten bekannt waren. Als Arzt war er durchaus erfolgreich. Da er ebenso großzügig wie einfühlsam war, genoß er bald hohes Ansehen, das er aber verspielte, als er der Einladung eines flüchtigen Bekannten, eines Albaners, aus seiner Herberge folgte und sich mit ihm betrank.

Die Pilgerreise an die heiligen Stätten Medina und Mekka unternahm er in Begleitung einer Gruppe von Männer. An diese Männer knüpft Trojanow seinen zweiten Erzählstrang. Die Behörden nämlich (seinerzeit stand diese Erdregion noch unter der Herrschaft der Hohen Pforte, des Sultans in Stambul) waren nach Erscheinen der Reiseberichte Burtons auf diese Hadsch eines Engländers aufmerksam geworden, und nicht nur das, sie waren (nachvollziehbar) sehr misstrauisch, was die Motive dieses Mannes angingen. Um es kurz zu sagen: sie vermuteten Spionage. So verhörten sie die im Reisebericht von Burton erwähnten Männer, mit denen er reiste, ihre Aussagen bilden zusammen mit den Besprechungen der Beamten den Gegenpart zu Burtons eigenen Beschreibungen.

Die Pilgerreise an die heiligen Stätten des Islam stellte sich bald als ein Extremunternehmen heraus, als ein logistischer Horror. Hunderttausende, Millionen von Pilgern müssen versorgt werden, brauchen Unterkunft, leiden zum Teil unter Attacken feindlich gesinnter Beduinen… die hygienischen Verhältnisse sind grausam, immer wieder gibt es Ausbrüche von Krankheiten, in den Menschenmengen tritt Panik auf, auch berserkerartige Zustände spirituellen Wahns, etwas bei der rituellen Steinigung des Teufels, bei der die Pilgermassen alles niedertrampeln, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen kann….

Burton erlebt aber auch Momente höchsten Glücks. Das Umrunden der Kaaba beispielsweise, die er für einen Meteoriten hält, erfüllt ihn mit großem inneren Frieden. Hier spürt er trotz der Pilgermenge das Numinose, das jeder dem Göttlichen geweihten Stelle innewohnt…. der Rest erscheint weitestgehend als Chaos.

Seine Begleiter übrigens bestehen bei den Verhören darauf, in „Sheik Abdullah“ einen äußerst ehrenwerten Muslim kennengelernt zu haben, der weiter und tiefer in die Lehre des Korans eingedrungen ist, als die meisten. Sie waren stolz, mit ihm gereist zu sein.

Afrika: die Quellen des Nils

Die Frage, wo der Menschheitsfluß Nil, dieser gewaltige Strom, der die letzten Tausende Kilometer seines Laufes durch die Wüste fließt, wo ihm kein Nebenfluss mehr Wasser zuträgt, entspringt, ist eine Frage, die seit dem Altertum offen ist [7]. Zwar ist man schon früh den Flusslauf zur Quelle hin gefolgt, doch sobald man die Region der Trockenheit verläßt, wird es unwegsam. Sümpfe sind zu überwinden, hohe Wasserfälle stellen sich in den Weg, Tiere bedrohen den Suchenden und Krankheiten raffen ihn nieder. Die Entdeckung dieses „Weißen Fleckes“ auf der Weltkarte verspricht Ruhm und Ehre, diese für sich zu sichern, organisiert Burton 1857 eine Expedion im Auftrag der Royal Geographic Society. Er zieht nicht allein, die Karawane, die er auf den Weg bringt, zählt über 100 Männer, ist vollgeladen mit Tauschwaren und Geschenken für die Stämme und Dörfer, die man passieren muss. Ein zweiter „Weißer“ reist noch der britische Afrikaforscher John Hanning Speke mit, ein völlig anderer Charakter als Burton. Dieser ist an der Landschaft interessiert, die sie passieren, an den Menschen, an den Pflanzen, an den Tieren, er lernt – natürlich möchte man bei Burton sagen – die Umgangssprache Kisuaheli. Speke dagegen ist – zumindest in der Schilderung Trojanows – nur am Jagen interessiert, nein, nicht eigentlich am Jagen, am Töten der Tiere, am massenhaften Töten der Tiere, die er dann achtlos liegen läßt.

Es muss eine höllische Reise gewesen sein mit Strapazen, die man sich nicht vorstellen kann. Durst, Krankheiten, Ungeziefer quälen die Menschen. Die Lasttiere verrecken bald, alles muss von den Trägern geschleppt werden. Malaria streckt Burton und Speke nieder, die sich beide immer weniger verstehen. Schließlich kommen sie an einen großen See, den Tanganjikasee, hören aber, daß es einen weiteren großen See geben soll, groß wie ein Meer…. Burton muss zurückbleiben, Speke sucht diesen See alleine, als er ihn findet, ist er sicher, daß aus diesem Wassermeer der Nil entspringt und er tauft ihn „Viktoriasee“ [8], so wie er nicht müde wird, alle nur halbwegs hervorstechenden Geländemarken zu taufen….. [9]. Burton glaubt nicht, daß Speke recht hat, die beiden zerstreiten sich endgültig…

Wie schon in den beiden ersten Teilen des Romans übernimmt auch hier eine zweite Person den Gegenpart bzw. die Ergänzung zu Burton, in dem sie die Ereignisse aus einem anderen Blickwinkel berichtet. Es ist einer der einheimischen Führer, ein Ex-Sklave, der lange in Indien lebte und der ein geborener Geschichtenerzähler ist. Und genau dies macht er, er sammelt Abend für Abend seine Freunde um sich und erzählt ihnen von diesen Expeditionen, die die Weißen ins Landesinnere unternommen haben, aus Zwecken, die den Einheimischen immer unverständlich geblieben sind.

Diese letzte Afrika-Episode läßt mich etwas ratlos zurück. Burton und seine Karawane starten von Sansibar aus, sie sehen dort die Flagge des deutschen Kaiserreichs. Dann durchqueren sie unter großen Qualen Wälder, Steppen, Flüsse und Berge, kommen in ein kleines Städtchen und dort liegen schon ein paar Briefe für Burton?? Ähh… ?? Wie kommen die denn dahin? Offensichtlich muss es da doch eine Möglichkeit gegeben haben, etwas „bequemer“ hinzugelangen…. dieses Faktum hat mich schon etwas irritiert. Überhaupt hat sich der letzte Teil dieses doch über 500 S. starken Romans etwas gezogen, aber da mag auch daran liegen, daß ich persönlich zu Afrika keinen Bezug habe, zu Indien schon eher…

Dieser Roman, der sich an der Biographie des englischen Offiziers Richard F. Burton orientiert, beschreibt einen äußerst interessanten Mann, der aus der sowieso an bemerkenswerten Reihe von Entdeckern und Forschern der letzten Jahrhunderte noch herausragt. Er ist niemand, der in fremde Länder gegangen ist, um denen die europäische Zivilisation überzustülpen oder sie aus dieser Warte zu beurteilen, im Gegenteil hat er versucht, sich bis zur Ununterscheidbarkeit in die vorgefundene Gesellschaft einzufügen. Das hat ihm natürlich in der „Heimat“ nicht allzu viele Freunde geschaffen, die letzten Jahre verbrachte Burton daher auch auf einem unwichtigen diplomatischen Aussenposten.

Die Entscheidung Trojanows, Burtons eigener Sicht jeweils den Blickwinken eines anderen, Einheimischen gegenüber zu stellen, ist geschickt. Zum einen verkürzt dies die Länge des Romans deutlich, es ist, als folge man einem anregenden Dialog anstelle eines Monologes. Zum anderen schafft dieses Zusammenspiel von Aussen- und Innensicht eine vollständigere Beschreibung und Darstellung der Ereignisse und es macht den allwissenden Erzähler im „Off“ unnötig, der erläuternde Hintergrundinfos zur Geschichte gibt.

So ist „Der Weltensammler“ ein sehr kurzweiliger, sehr bunter, sehr unterhaltsamer und auch intelligenter Roman über die Entdeckung der Welt, zumindest einiger Teile davon… auch die Recherchearbeit Trojanows, im übrigen auch er eine Art Weltensammler, schaut man sich seine Biographie an, ist zu bewundern, daher ist es empfehlenswert, auch dessen Bericht darüber zu lesen [2]…

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zu Richard Francis Burton
[2] Ilija Trojanow: Nomade auf vier Kontinenten. Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton, Rezension in der ZEIT und hier im Blog
[3] T.C. Boyle: Wassermusik, Besprechung hier im Blog
[4] Wiki-Artikel zur Britischen Ostindien-Kompanie
[5] die Wahl des Namens durch Trojanow sicher kein Zufall, sind doch die Upanischaden eine der wichtigen Sammlungen philosophischer Schriften in Indien (zum Wiki-Artikel)
[6] Auch dieser Name natürlich kein Zufall. Kundalini, die durch eine Schlange symbolisierte, in jedem wohnende, wenngleich schlafende kosmische Energie, die im unteren Rückgrat lokalisiert wird. Sie kann geweckt werden, dann steigt sie entlang der Wirbelsäule hinauf und aktiviert die einzelnen Chakras bis sie sich, wenn der Aufstieg vollendet ist, mit der kosmischen Energie des Alls vereint. Kundalini, die Devadasi Kundalini des Romans stirbt, sie vollendet den Aufstieg nicht, auch symbolisch also beendet deren Tod die Entwicklung Burtons…
[7] Übersicht über die Entdeckungsgeschichte der Nilquellen
[8] Satellitenbild „Viktoriasee“  und Umgebung
[9] durch Zufall las ich nur wenige Tage vor diesem Buch Ransmayr Roman über die Entdeckung des Franz-Joseph-Lands in der Arktis. So unterschiedlich die Szenerie natürlich ist, auch dort beschreibt der Autor ein paar Phänomene, die offensichtlich dem „Entdecken“ an sich innewohnen: die Arroganz des „Entdeckers“, der dadurch Entdecker erst wird, daß er als (i) zivilisierter Mensch und (ii) als Kommandant/Expeditionsleiter dieses „unbekannte“ Stückchen Erde als erster sieht. Daß Einheimische diesen schon kennen, ist uninteressant, daß das „Entdecken“ ohne all die Träger und Untergebenen nicht stattfände, wird ignoriert. Und Duftmarken werden gesetzt: wie die Rüden ihr Revier markieren, markieren die „Entdecker“ im Sinne ihrer Auftrag- und Geldgeber, indem sie alles benamen, was ihnen unter die Augen kommt. Daß die Dinge schon einen Namen haben, die Seen, die Felsen, die Buchten, die Berge – es kümmert sie nicht. Payer in der Arktis und Speke in Afrika fegen alles hinweg und setzen sich an die Stelle. Burton ist in dieser Hinsicht anders, er akzeptiert, daß die Dinge, die Orte schon einen Namen haben… so wie es Weyprecht auch nicht dazu drängt, zu taufen…

Ilija Trojanow
Der Weltensammler
diese Ausgabe: dtv, 528 S. 2007

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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5 Responses to “Ilija Trojanow: Der Weltensammler”

  1. Karin Says:

    Lieber Flattersatz,

    wie stets…eine wundervolle Rezension auch dieses Buches….ich finde auch den Titel so treffend…..
    und wer Trojanow auf einer Lesung erlebt, wird süchtig nach seinen weiteren Büchern, er war seinerzeit (2007)Gast beim Literarischen Frühschoppen im Weingut Balthasar Ress….und für ihn als Reisendem ist eine Grundvoraussetzung, wenn er sich in ein fremdes Land begibt, daß er sich vorher einen kleinen Wortschatz der Landessprache aneignet….er sagt, das gebiete schon der Respekt und die Höflichkeit….
    mit dieser Haltung ist er aber nicht allein: Chatwin, Nooteboom, Schrott, Ransmayr….sie alle halten es so…..
    Sie haben auf das andere Buch „Nomade auf vier Kontinenten“, das ich unbedingt als Ergänzungslektüre dazu empfehlen würde, hingewiesen….es ist das Sachbuch zum Weltensammler, liest sich aber genau so spannend und unterhaltsam.
    mit leider nur armchairtravellenden Grüßen
    Karin

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  2. caterina Says:

    Ein Buch, das schon lange in meinem Regal steht und auf dessen Entdeckung ich mich schon sehr freue. Obwohl es mich thematisch – d.h. in diesem Fall von der zeitlichen Einordnung her – eher weniger interessiert (alles, was vor dem 20. Jahrhundert spielt, hat es schon mal schwer bei mir), reizt mich dieses Buch auf eine unerklärliche Weise. Ich wusste (bis jetzt) nicht wirklich, worum es geht, es habe damals nur die euphorischen Stimmen zu Autor und Roman mitbekommen, ohne mich eingehender damit zu befassen, und dann noch der großartige Titel – schon war Der Weltensammler gekauft. Seither empfinde ich eine unbestimmte Lust, dieses Buch zu lesen, die bisher jedoch nie konkret genug war, um es wirklich in die Hand zu nehmen. Das sollte ich schleunigst ändern, zumal ich EisTau vor einigen Jahren sehr gerne gelesen habe (meine bisher einzige Begegnung mit Trojanow). Eine Frage hätte ich aber noch: Wie hast du den Weltensammler sprachlich empfunden?

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    • flattersatz Says:

      liebe caterina, du fragst, wie ich den „Weltensammler“ sprachlich empfunden habe… es ist das, was man früher mal „Schmöker“ nannte, ein buch, daß die mit einer sehr bunten, farbenprächtigen, ausdrucksstarken sprache tatsächlich mit auf diese reise nimmt. allein schon das eingangskapitel, die ankunft in indien, diesem geruchsstarken kontinent… es treten eine vielzahl unterschiedlichster charaktere auf, die allesamt prägnant beschrieben und gezeichnet sind, genauso wie landschaften und situationen… ja. so isses. ;-)

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      • caterina Says:

        Besten Dank, lieber flattersatz, für diese zusätzlichen Eindrücke. „Schmöker“ ist zwar keine Kategorie, die ich in Hinblick auf Literatur sonderlich schätze, doch wie du deine Einordnung begründest, macht eindeutig Lust auf die Lektüre! Merci.

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