Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

fry

Pilgerreise ist immer gut, schließlich war ja auch schon Hape seinerzeit dann mal weg, der Jakobsweg ist in aller Munde und die Muschel trifft man unverhofft an vielen Stellen … allenthalben derartig für Pilgerreisen sensibilisiert verknüpft man mit ihnen Erkenntnisgewinn und innere Reifung, Rückbesinnung vllt und Klärung von bislang Ungeklärten… finden wir etwas davon in Joyces Buch? Schaumermal….

Harold und Maureen sind seit fünfundvierzig Jahren verheiratet, die letzten -zig Jahre davon in gegenseitiger Sprachlosigkeit. Man hat sich einfach nichts mehr zu sagen, zu viel ist in der Ehe schief gelaufen, zu viele Enttäuschungen wurden angesammelt, die schließlich zu getrennten Schlafzimmern und einem getrennten Leben unter einem Dach führten. Der Sohn, David, schon lange nicht mehr im Haus, wenn überhaupt, dann stand/steht er der Mutter nahe, für den Vater hatte er wenig mehr als Verachtung übrig.

In diese Situation erhält der frisch pensionierte Harold einen Brief. Eine ehemalige Arbeitskollegin, die vor zwanzig Jahren aus seiner Firma entlassen worden war, verabschiedet sich von ihm. Unheilbar krank liegt sie im Hospiz und wartet auf ihren Tod. Harold ist erschüttert (mehr als man es ob der langen Zwischenzeit erwarten würde), will zurückschreiben, fängt auch an damit, hat aber nicht das Gefühl, die richtigen Worte gefunden zu haben. So läuft er am ersten Briefkasten vorbei, dann am zweiten, er passiert das Postamt und dann ist er mit der Idee, Queenie Hennessy den Brief selbst vorbei zu bringen am Beginn seiner Reise zu Fuß vom Süden Englands hoch in den Norden, nach Schottland.

Eine absolut verrückte, vordergründig sinnlose Idee, denn natürlich wäre er mit einem Auto zum Beispiel viel eher bei seiner sterbenden Bekannten, aber das junge Mädchen an der Tankstelle, wo er was zu essen kauft, erzählt ihm die Geschichte ihrer Tante, deren Krebserkrankung durch die Kraft des Glaubens geheilt worden sei. Und dies wird zur fixen Idee Harolds: er ruft im Hospiz an und bittet die Schwestern, Queenie auszurichten, er käme zu Fuß und sie müsse auf ihn warten…

Soweit die Grundkonstellation, die Geschichte, die uns Joyce erzählen will. Und das macht sie, in einfachen Worten, es ist nichts kompliziertes an dem Text, er erzählt einfach, mehr oder weniger flüssig. Es geschieht auch wenig Überraschendes, nichts, was man nicht erwarten würde auf so einer „Pilgerreise“, die auch eine Gehmeditation ist: der häuslichen Zwänge und Irritationen entledigt, wird der Geist von Harold wieder frei, er nimmt seine Umwelt wieder (oder zum ersten Mal?) wirklich wahr und auch die Erinnerungen kommen zurück an glückliche und unglückliche Tage, die er durchlebt hat. Es gibt euphorische Momente und Krisen, physische natürlich wie psychische, er überwindet beide, oft auch, weil er Hilfe findet. Selbstverständlich wird Harold auch vom „Teufel“ in Versuchung geführt („Soll ich Ihnen mein Auto leihen?“), Selbstzweifel inclusive. Er wird zu einer Art „Bettelmönch“, der nur noch von dem lebt, was man ihm gibt und er entgilt dies mit Zuhören, wird zu einer Art Beichtvater für die Menschen, die ihm begegnen…

Er maß die Entfernungen nicht mehr in Kilometern, sondern in Erinnerungen.

Naiv wie er ist, entsteht um ihn und sein Vorhaben herum ein riesiger Pressewirbel, bald zieht eine Pilgerkarawane gen Schottland… er selbst erreicht sein Ziel mit letzter Kraft..

Seine Frau Maureen wird durch sein Verschwinden unfreiwillig in eine ebenfalls ungewohnte Situation geworfen: in die Stille eines Hauses, in dem der zweite Mensch nicht mehr da ist und die Zukunft völlig unsicher geworden ist. Auch bei ihr Erinnerungen, Fragen, lang verdrängte Gefühle…. jetzt, wo die Ehepartner getrennt sind, nähern sie sich wieder an, im Geist und auch im Gefühl…

Es ist ein bischen eine rührselige, spannungsarme Geschichte, denn wie das Ende aussieht, steht eigentlich nie in Frage. Einzig, an welchen Klippen (und es sind viele) die Ehe gescheitert ist, birgt hin und wieder eine Wendung oder etwas nicht Erwartetes. Nicht erwartet hatte ich auch die Geständnisse zweier Gesprächspartner von Harold, die so garnicht in den Rahmen des Buches passen, wer das Buch liest, wird sofort wissen, welche Passagen ich meine, es waren die beiden Stellen, an denen ich dachte: muss ich mir das jetzt eigentlich antun…

So erzählt uns Joyce, wie es Harold mit allen Höhen und Tiefen auf seinem Fussmarsch ergangen ist, führt uns in permanenten Rückblenden (Erinnerungen) in das vergangene Leben von Harold und Maureen zurück und am Ende der Reise kennen wir dann auch folgerichtig die ganze Tragik deren Existenz. Das ist alles nett, kurzweilig, stellenweise sogar unterhaltsam, aber eben auch harmlos, ein Gutmensch nach dem anderen, dem Harold begegnet. Eine Etappe umfasst die Reise Harolds aber, wo das ganze Projekt zu kippen droht, hier hätte Joyce ihr Erzählmuster gefälligen Dahinfließens unterbrechen können für eine interessante, konflikt- und damit erkenntnisreichere Passage – allein, auch hier verflacht das Geschehen bald und versickert im Harmlosen…

Wer also eine einfach erzählte, durchaus unterhaltsame Geschichte sucht, in der ein Mann wieder zu sich selbst findet, weil er sich einer Aufgabe stellt und nicht aufgibt, ist bei dieser Pilgerreise von Harold Fry sicher richtig aufgehoben. Das Buch streichelt die Seele des Lesers, wer aber etwas mehr Substanz sucht, wird möglicherweise enttäuscht sein….

Rachel Joyce
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
Aus dem Englischen übersetzt von Maria Andreas-Hoole
diese Ausgabe: Fischer-Krüger, HC, 384 S., 2012

Bei dem Titelbild handelt es sich nicht um das Buchcover. Dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen unterlassen.

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18 Kommentare zu „Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

          1. Natürlich! Aber irgendetwas schreit in mir auf, dass wir doch etwas daran ändern müssten. Vielleicht wissen die meisten Menschen einfach nichts von den vielen tollen Literaturperlen, weil sie sie zwischen den ganzen Stapeln an Jussi Adler Olsen, 50 Shades of Grey und dem Hundertjährigen nicht entdecken können. :-(

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          2. liebe buzz, weißt du, erst einmal finde ich es wichtig, daß die leute überhaupt lesen und sich nicht einfach vor den rechner, das tv hocken. sollen sie doch shades lesen, wenn sie damit glücklich werden. immerhin trägt der verkauf dieser bücher ja auch zur existenz anderer bei, deren verluste aufgefangen werden. aber du hast recht, eine qualifizierte beratung könnte vllt den einen oder anderen an diesen stapeln vorbeiführen zu den perlen im hintergrund. und wir hier tragen ja auch ein klein wenig bei, obwohl unser publikum – sag ich mal eingebildeterweise – eh nicht in der hera-lind-kategorie angesiedelt ist… aber trotzdem. :-) btw: ich habe gestern wieder mein monatliches vorlesen in der grundschule gehabt, eine richtige geschichte, fast eine halbe stunde, von erich moser. wenn man früh anfängt, nicht nur zusammengestoppeltes, sondern schon „literatur“ (vor)zulesen, bezweckt man wahrscheinlich auch vieles. kommentar der erstklässler auf die frage, was ihnen besonders gefallen hat, war jedenfalls: die ganze geschichte war so schön! da freut sich der vorleser sehr drüber…:-))

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          3. völlig richtig. am anderen ende dieser nahrungskette gibts ja auch unterschiede und der eine fühlt sich im bahnhofsklo wohl, dem anderen graust es… :-) aber im ernst, erst einmal (ich habe es buzz schon geantwortet) ist es wichtig, daß die leute überhaupt mal lesen….

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  1. Das stimmt: lesen muss man es nicht unbedingt und im zweiten Teil sackt es tatsächlich merklich ab. Andererseits: bei vielen Bestsellern ist weitaus weniger Substanz und man fragt sich, warum jemand sie kauft und gar liest – so betrachtet ragt der Harold Fry schon heraus. Aber es schadet sicher auch nicht, ihn nicht zu lesen …

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    1. als alter naturwissenschaftlicher, lieber jarg, habe ich die bösartige vermutung, daß das produkt aus „bestsellertum“ und „substanz“ eine konstante ist…. ;-) es gibt natürlich ausnahmen, auch die differierenden persönlichen geschmäcker werden da auswirkungen haben, aber die wahren schätzchen findet man im bestsellerbereich nur selten…

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      1. Das denke ich auf jeden Fall: je mehr Bestseller, desto größer der Seichtigkeitsanteil – und umgekehrt!:Das gilt ganz sicher für die allermeisten Bücher …

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  2. In irgendeinem schwachen Moment habe ich mir das Buch letztes Jahr gekauft, weil es so angepriesen wurde. Bisher befindet es sich aber noch eingeschweißt im Bücherregal und deine Besprechung ermuntert mich nicht gerade dazu, etwas an diesem Zustand zu ändern. ;-)

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  3. Weil meine Frau mir das Buch ans Herz gelegt hat, habe ich es gelesen und wurde gestern Abend damit ‚fertig‘, das heisst: ich habe es ausgelesen und es wird mich wohl nicht mehr lange Zeit beschäftigen. Aus Neugierde schaute ich mir aber doch etliche Rezensionen im Netz an und wunderte mich über die Lobeshymnen, die allenthalben angestimmt wurden. Umso mehr freute ich mich über das nüchterne und wohl formulierte Urteil in diesem Blog: herzlichen Glückwunsch!

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