Ayad Akhtar: Himmelssucher

11. Januar 2013

a12

Der Autor, Ayad Akhtar, ist in Amerika geboren, aber als Sohn pakistanischer Eltern. Dies in insofern wichtig, als daß das Buch im Grunde und in wesentlichen Teilen eine Auseinandersetzung mit dem Islam darstellt, man also davon ausgehen kann, daß der Autor, der in diesem Glauben lebt, weiß, wovon er spricht. In den Mittelpunkt seiner Geschichte stellt Akhtar den knapp 10jährigen Hayat Shah und sein Verhältnis zu der Jugendfreundin seiner Mutter Muneer, Mina. Eingebettet ist dies in eine sehr kurze Rahmenhandlung, in der nämlich der mittlerweile studierende Hayat, der sich zu einem Mädchen namens Rahel hingezogen fühlt, ihr diese Geschichte von ihm und Mina erzählt.

Der Roman beginnt schon mit einem Paukenschlag. Hayat besucht mit Collegefreunden ein Basketballspiel. Die drei wollen etwas essen und Hayat bestellt beim Verkäufer, der durch die Reihen geht, eine Wiener Wurst und zwei Bratwürste. Als er seine beiden Kumpel fragt, wer denn die Wiener bekommen hat, da er selbst eine Bratwurst in Händen hält, verneinen beide… Die Situation ist da. Hayat, der Muslim, bricht das stärkste (so schreibt er weiter hinten im Buch) Tabu seines Glaubens, er beisst in diese Wurst, nimmt den würzigen Geschmack wahr und isst sie, aufgeregt aber voller Genuss…. und er merkt, daß weder das Hallendach einstürzt noch die Welt aufgehört hat, sich zu drehen… er fühlt sich einfach nur von einer Last befreit.

Rückblick…. Die Ehe der Shahs ist nicht gut. Der Vater, ein bekannter Arzt, betrügt seine Frau, die, um seinerzeit mit ihm in die USA zu gehen, ihr Studium der Psychologie nicht beendet hat, mit „weißen“ Frauen, auch ist er dem Alkohol nicht abgeneigt. Naturgemäß ist Muneer darüber mehr als wütend, als muslimische Frau hat sie aber wenig Möglichkeiten. Es kommt öfter vor, daß sie sich bei ihrem (noch jungen) Sohn ausweint oder austobt, die Stimmung im Haus ist jedenfalls schlecht. Oft erzählt Muneer von ihrer Jugendfreundin Mina, einer hochintelligenten jungen Frau, der von den Eltern der Bildungshunger mit Schlägen ausgetrieben wurde, schließlich ist sie nur eine Frau, die Kinder zu gebären hat. Eins bekommt sie in der Tat, den Sohn Imran, in der von den Eltern arrangierten Ehe. Und gleichzeitig mit dem Sohn von ihrem Mann die Scheidungsurkunde: Ich verstoße dich, ich verstoße dich, ich verstoße dich. Und wenn Imran sieben Jahre ist, hole ich ihn zu mir.

Es trifft sich gut, daß vor dem Haus der Shahs von einer der Freundinnen des Vaters das Familienauto abgefackelt wird, so kann Muneer durchsetzen, daß Mina und ihr inzwischen vierjähriger Sohn in die Staaten fliehen und bei ihnen wohnen können. So lernt Hayat die wunderschöne, intelligente Mina kennen.

Mina verzaubert den Jungen (den Leser übrigens auch…), nimmt ihn völlig für sich ein. Hayat findet bei der jungen Frau die Ruhe, die Gelassenheit und auch das Wissen, die/das er bei seinen Eltern vergeblich sucht. Mina erzählt ihm Geschichten, liest ihm vor, beantwortet Fragen und nimmt ihn ernst. Sie wird seine religiöse Lehrerin, eine weise Lehrerin, eher eine Führerin, denn es liegt ihr nicht, dem Jungen etwas aufzudrängen, was er nicht selber erspürt. So führt sie ihn langsam in die Lehre des Islam ein, auch in den Koran. Aber es ist ihr nicht das Wort wichtig, sondern die Bedeutung, sie will, daß Hayat die Bedeutung dessen erfasst, was die Geschichten sagen, was im Koran steht. Gnade, Barmherzigkeit: das sind die Begriffe, die Mina den Jungen lehren will. Das Wort ist nichts, die Bedeutung alles. Mina besteht für sich auf dem Recht der eigenen Auslegung des Korans, etwas, was im offiziellen Islam seit dem 10. Jhdt verboten ist, da der Koran als das offenbarte Wort Gottes gilt, an dem der Mensch nichts zu ändern hat.

Mit dem Erscheinen von Nathan Wolfsohn, einem Kollegen von Hayats Vater, ändert sich alles. Er, der Jude und Mina, die Muslima verlieben sich ineinander, so sehr, daß Nathan zum Islam übertreten will, um dann Mina heiraten zu können. Das ist der Moment, in dem Hayat den Verlust von Mina fürchtet, auch spürt er die Eifersucht auf den Juden und die Hasspredigt des Imam, die er kurz zuvor hörte, tut ein übriges… ein unbedachter Moment, das Nachgeben einer dunklen Emotion, die durch Hayat flutet, ein Telegram, verändert alles, macht praktisch alle Menschen in seinem Umkreis unglücklich…

Kann man Hayat, der seine Tat praktisch sofort bereut, als er eine Ahnung davon bekommt, was er angerichtet hat, dies zum Vorwurf machen? Eine schwierige Frage… ein zehnjähriger, dessen Eltern sich nicht mehr verstehen, der als Mann-Ersatz (für die täglichen Gespräche) für die Mutter dient, der von seiner „Tante“, die er auf kindliche Art und Weise (die sich ansatzweise ankündigenden ersten pubertären Wallungen bringen eine zusätzliche Färbung mit ein) liebt und verehrt, zwar in eine sehr weise Art in den Koran und den Glauben eingeführt wird, der aber wohl noch zu jung ist, diese persönliche Auslegung der Schrift auch zu verstehen und infolge dessen für die wörtliche Auslegung anfällig ist… noch dazu hat er sich das Ziel gesetzt, seinen sündigen Vater zu erlösen, in dem er „Hafiz“ wird, ein Schriftgelehrter, der den Koran auswendig gelernt hat…. und das gegen den ausdrücklichen Willen des Vaters. Hätte Mina das sehen müssen, daß sie Hayat überfordert mit ihrer Aufforderung, die Bedeutung der Worte zu sehen, nicht die Worte selbst…. Zu spät… der Junge will Mina für sich behalten und den Konkurrenten um ihre Gefühle vertreiben. Es gelingt ihm, es gelingt nur allzu gut…

Den Rest der Geschichte will ich nur kurz andeuten. Nathan also geht, verläßt Mina, aber auch Hayats Vater, der so seinen einzigen Freund verliert und sich noch mehr gehen läßt. Minas Eltern arrangieren eine weitere Ehe, die für sie die Hölle auf Erden wird, Muneer, Hayats Mutter, verzweifelt an der Situation und zerstreitet sich mit ihrer besten Freundin Mina.. und Mina selbst folgt ihrem Ehemann in die Ferne und in ihr Unglück…

Erst Jahre später sollen sie sich wiedersehen, Mina, Muneer und Hayat und es scheint, als habe sich für Mina ihr persönliches Schicksal erfüllt. Deshalb halte ich den Originaltitel „AMERICAN DERVISH“ auch dem Buch angemessener, da er die schicksalsergebene,  sich am Mystizimus der Sufis orientierende Lebenseinstellung der Hauptperson (die bei diesem Titel auch einen andere ist) viel besser wiedergibt als das eher optimistisch klingende „Himmelssucher“:

Als Chishti [i.e. ein Sufi-Derwisch] im Sterben lag, .. war sein ganzer Körper ein einziger Schmerz. Seine Anhänger verstanden nicht, wie jemanden, den Allah so sehr liebt, solche Schmerzen aufgebürdet wurden…. Weißt du, was er ihnen sagte, als sie in fragten, warum Allah ihn so leiden ließ?“ – „Was?“ – „So gefällt es dem Göttlichen, sich durch mich auszudrücken. .. Was ich damit meine: Alles, alles, ist Ausdruck von Allahs Willen. Alles ist zu seiner Ehre. Auch das Leid…“ Sie hielt inne. „Das ist die eigentliche Wahrheit des Lebens.“

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Die ersten -zig Seiten des Buchs dachte ich: ok, das ist wieder einer dieser gut geschriebenen, leicht lesbaren amerikanischen Unterhaltungsromane, die aber keine größeren Spuren hinterlassen. Dann fing die Geschichte aber an, mich zu packen, wobei ich bemerken will, daß ein gewisses Grundinteresse für Religion hilfreich ist, das geschilderte Geschehen spannend zu finden. Die Charaktere des Buches sind, so schreibt der Autor in seiner Danksagung, fiktional, doch denke ich schon wegen der Ähnlichkeit der biographischen Daten Hayats mit denen von Ayad, daß zumindest viele persönliche Erfahrungen mit in den Text eingeflossen sind.

Es ist eine Auseinandersetzung mit dem Islam, dieser in früheren Jahrhunderten so starken und – vergleichen wir es mit dem christlich-europäischen Mittelalter – auch so fortschrittlichen und toleranten Religion, die dann offensichtlich aber in ihrer weiteren Entwicklung ins Stocken geraten ist. Mina, die weibliche Hauptperson des Buches, verkörpert in gewisser Hinsicht einen Islam, der um die vorletzte Jahrtausendwende verschwunden ist: sie interpretiert ihren Glauben für sich. Sehr schön wird dies an einer Stelle deutlich. Hayat, der sich bemüht, den Koran auswendig zu lernen, wird für seine Mühe bewundert und gebeten, eine Sure zu rezitieren. Er macht dies – auf Englisch. Ein Sakrileg, mit dem er sich lächerlich macht und sich als outet als jemand, der über den Islam nichts weiß. Als er sich bei Mina beschwert, daß sie ihm das nicht gesagt habe, daß der Koran nur in arabisch, in der Sprache, in der Allah in geoffenbart hat, zu lesen ist, antwortet sie ihm:  „Das musst du doch nicht. .. Die innere Einstellung, darauf kommt es Allah an, nicht auf die Sprache, die du sprichst.

Die andere Position, die wortgetreue Auslegung des Korans, wird im Buch u.a. am Beispiel des Imams skizziert. Dieser sucht sich in seiner Predigt aus den Suren Aussagen über die Juden zusammen, die in dieser Zusammenstellung eine aufstachelnde, hasserfüllte Rede ergeben. Akhtar schildert noch mehr Personen, die so denken, sie sind Argumenten nicht mehr zugängig, verallgemeinern, wo man nicht verallgemeinern kann, packen vieles unter einen Hut – sie definieren Sachverhalte so, wie sie sie brauchen, wie sie in ihren engen religiösen Kontext passen.

Sehr schön auch folgender Gegensatz, den Akhtar herausarbeitet und an dem er die Scheinheiligkeit aufzeigt: Hayat, der die Sure in Englisch rezitiert, glaubt tatsächlich an das, was er sagt, bemüht sich täglich, ein guter Muslim zu sein. Der zweite Hafiz auf der Hochzeit, ein etwas älterer Junge, der die Sure in Arabisch rezitieren kann, spottet dageben über Hayat: „Was ein Idiot! Der glaubt wirklich an den Mist!„, er ist im viel mehr an den biologischen Details von Männlein und Weiblein interessiert, in der er Hayat, der nicht versteht, worum es geht, einweiht…

Geradezu brutal führt Akhtar dem Leser die Stellung der Frau im Islam vor Augen. Maßgeblich ist die Sure, die Hayat auf der Hochzeit von Mina in Englisch vorgetragen hat, in der steht, daß die Männer das Sagen haben über die Frauen, weil sie mit größeren Gaben gesegnet sind, sie sind zu schlagen, wenn sie Widerworte geben und im Bett zu meiden. Nur wenn sie gehorsam sind, soll ihnen kein Schaden zugefügt werden. .. und: ja, es wird geschlagen und es wird akzeptiert, selbst von vielen Geschlagenen…

Das zweite Feld, auf dem Akhtar die Radikalität des Islam aufzeigt, ist sein Verhältnis zum Judentum. Verbindungen wie beispielsweise zwischem der Muslima Mina und dem Juden Nathan gehen gar nicht, der Jude an sich wird aus dem Koran als Hassobjekt gesehen, auf den sich der Zorn Allahs bündelt und entsprechend der seiner Gläubigen. Aussagen des Korans, die Juden (und Christen) in milden Licht scheinen lassen, werden dabei ignoriert bzw. haarspalterisch wegdiskutiert.

Menschen, wie Hayats Vater, verzweifeln an dieser Einstellung, sie verachten sie, sie verabscheuen sie: „Sie begreifen nicht, warum sie hergekommen sind. Sie wissen nicht, wer sie sind oder was das Leben ist. Sie sind solche Narren. .. Hör nicht auf sie. Auf ihre Geistlosigkeit, ihre Dummheit. … Diese Leute sind wie Schafe, immer laufen sie den anderen hinterher, immer warten sie auf jemanden, der ihnen sagt, wo es langgeht. Alle. Sie sind alle gleich.

Selbstverständlich greift Akhtar hier auch auf Stereotypen zurück, so daß man das Gefühl hat, ihm zustimmen zu können, da die eigenen (Vor)Urteile bestätigt werden. Andererseits gibt es nun tatsächlich (und leider) genügend reale Beispiele gerade für die fundamentale, wortgetreue (wobei man, auch das wird wohl so sein, für jede Meinung, die man vertritt, eine Koranstelle finden wird…) Auslegung der Schrift… aber Akhtar zeigt zumindest, daß es auch unter den Muslimen andere Lebensentwürfe gibt.. der junge Hayat jedenfalls löst sich durch das Erlebte vom Fanatischen, wenn man in all dem Unglück, das er hervorgerufen hat, etwas positives finden will, könnte es dies sein….

So ist der Roman „Himmelstürmer“ in der Zusammenfassung meiner Eindrücke ein lohnenswertes, ja, sogar spannendes Buch mit tragischen Schicksalen und der Schilderung dessen, was eine Religion vllt nicht sein sollte, denn man muss sich darüber im Klaren sein, daß Fundamentalismus, egal, aus welcher Richtung er kommt, immer zu Unterdrückung und Gewalt führt…..

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autors: Ayad Akhtar
[2] englischsprachige Wiki-Seite des Autoren
Ayad Akhtar
Himmelssucher
Deutsch von Carl-Heinz Ebnet
carl’s books, brosch., 384 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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