John Lanchester: Das Kapital

4. Januar 2013

kapital

Schaut man sich Pressestimmen an, in denen Vergleiche zu Balzac gezogen werden, von Brillianz die Rede ist oder von einem breit angelegten Gesellschaftspanorama, so wird man schon neugierig auf diesen immerhin fast 700 Seiten starken Roman aus dem London der (beinahe) Jetzt-Zeit der Jahre 2007/8. [1]

Dreh- und Angelpunkt des Romans ist die Pepys Road [2] in London und hier sind es die Bewohner einzelner, ausgewählter Immobilien. Zuvörderst sind zwei zu nennen, die da wären die schon ältere Petunia Howe, die als einzige Bewohnerin der Straße auch ihr gesamtes Leben dort, in der Hausnummer 42 [3] verbracht hat und deren Haushalt wohl schon in den 60er Jahren museumsreif gewesen ist. Ferner wären die Younts zu erwähnen, er, Roger, im Finanzsektor als Investmentbanker tätig, während sie, Arabella, eher damit befasst ist, den Schein zu polieren. Zu „Sein“, nämlich zum Beispiel Vollzeitmutter ihrer beiden Söhne, ist dagegen nicht so ihr Ding.

Wir Freddy Kamo kennen, einen 17 jährigen Afro-Afrikaner [4], der als fußballerisches Jahrhunderttalent von einem Club der Premier League unter Vertrag genommen wird und der mit zusammen mit seinem Vater in einem Haus auf der Pepys Road einquartiert ist. Smitty, der bekannt/unbekannte [5] Künstler spielt eine Rolle, Quentina, ebenfalls afro-afrikanischer Herkunft, die illegal arbeitet und als  Politesse den ruhenden Verkehr überwacht. Ihr Asylverfahren läuft noch. Weiter kommen zu Auftritten Matya, das ungarische Kindermädchen der Younts, Zbigniew, der polnische Arbeiter, der für kleinere oder auch größere Renovierungsarbeiten engagiert wird, Mark, der Stellvertreter Rogers in der Bank, spielt seine unrühmliche Rolle genauso wie der Assistent von Smitty. Ebenfalls wichtig, sicher sogar noch zu der erste Reihe der Handelnden zu zählen ist die Familie Kamal, pakistanischer Herkunft, die sozusagen als Familienbetrieb einen Kiosk am Ende der Straße betreiben.

Liest man das Buch, kommen einem all diese Menschen wie gute, alte Bekannte vor, und das kommt nicht von ungefähr, sind sie doch alle eine Bestätigung der Vorurteile, die man sowieso schon hat und entsprechen damit landläufigen Stereotypen. Der Banker bankt, kalkuliert, ob sein Bonus 1 Mio GBP betragen wird (die Mindestsumme, mit der man – wenn man sich etwas einschränkt – gerade soeben den Lebensstandard halten kann), oder vllt doch anderthalb… Arabella-Mäuschen, seine Frau, schwimmt an der Oberfläche und fühlt sich ausschließlich dem Konsum verpflichtet, Matya, das Kindermädchen, ist die feurig-bodenständige Verführung aus Ungarn schlechthin. Die englischen Handwerker sind eine Zumutung, die Versicherungen in Sammelbecken von schlupflöchersuchenden Winkeladvokaten, der englische Fussball ist hart, aber unfair und das öffentliche Gesundheitswesen – reden wir nicht drüber. Außerdem gehören nicht alle Pakistaner Al-Quaida an, bei der Polizei gibt´s so´ne und so´ne Menschen und moderne Kunst ist auch.. ähh.. also ehrlich.. .. einzig der Pole fällt etwas aus dem Rahmen, weil er nämlich keine Autos klaut, sondern zuverlässig, fähig und kompetent ist. Mit dem Romantischen hat er es zwar nicht so, aber er ist lernfähig und gibt sich Mühe…

Der Roman weist keine durchgehende Handlung auf. Eher sind es Momentaufnahmen aus dem Leben der einzelnen Protagonisten, die dem Leser geboten werden. Dieser Eindruck wird auch dadurch unterstützt, daß die einzelnen der immerhin 104 Kapitel jeweils nur wenige Seiten lang sind und in der Regel mit jedem Kapitel wieder zu einem anderen Thema gewechselt wird. So kann man den einzelnen Handelnden jeweils ihre eigenen Probleme zuordnen. Es kam mir – weil ich das Buch auch zu dieser Zeit las – ein wenig wie ein Adventskalender vor: man öffnet mit jedem Kapitel in Fenster nach dem anderen…

Im Bankensektor wirft auch bei Younts die Finanzkrise ihre Schatten voraus, verunsichert die Branche und hat natürlich auch Auswirkungen auf die private Lebensführung. Selbst hier treten Geldsorgen auf, wenngleich erst einmal auf recht hohem Niveau und sogar bei Arabella klopft irgendwann das richtige Leben an die Tür… Petunia Howe, immerhin schon jenseits der achtzig, fühlt sich noch ganz munter, nur manchmal schwindelt es ihr ein wenig und vor dem Auge tauchen so Schatten auf… so gerät sie langsam aber sicher in die Fänge des Gesundheitssystems. Bei den Kamals sieht die Sache anders aus. Shahid, der zwar hochintelligente, aber sein Leben etwas verschludernde Bruder des Hausherrn trifft einen alten Bekannten aus Tschetschenien-Zeiten wieder und eines Nachts steht überfallartig die Polizei im Zimmer… Quentina, die Politesse, gerät durch einen dummen Zufall auf den Bildschirm der Polizei.. sie (und das ist das verbindende Element aller Protagonisten, weil es sich auf den gesamten Ort der Handlung bezieht) gerät in den prinzipiellen Verdacht, etwas mit der mysteriösen Aktion: „Wir wollen, was ihr habt!“ zu tun haben zu können…. und Freddy, schließen wir mit ihm diese Aufzählung, Freddy ist ein begnadeter Ballkünstler, aber so wie das fragilste und subtilste Kunstwerk von einem Banausen in Sekunden zerstört werden kann, so geht es auch ihm in seinem ersten Spiel….

Selbstverständlich enthält der Roman noch eine ganze Menge mehr an Episoden und Geschichten rund um seine Personen (und die anderen, die ich erst gar nicht erwähnt habe). Ein buntes Kaleidoskop von Schicksalen und Ereignissen, eingebettet in eine (potentiell) wohlhabende Mittelschicht aus einer dem Götzen Geld verfallenen Stadt. Diesem ist alles untergeordnet, Geld verdienen und Geld ausgeben ist das Ziel der Einwohner und auch das Ziel vieler, die nach London kommen, um als einfache Arbeiter viel Geld zu machen, mit dem sie dann zuhause leben können. Es ist ein rückkoppelndes System, das damit aufgebaut wird, denn das viele Geld macht auch das normale Leben teuer, die Immobilienpreise zum Beispiel erreichen wahnwitzige Höhen, so daß jeder, der in London leben will, auch gezwungen ist, viel Geld zu verdienen…

Doch, der Roman hat auch seine nachdenklichen Seiten, die über das Klischee hinausgehen. Das Schicksal von Petunia zum Beispiel rührt an, die Probleme, die die Tochter hat, damit umzugehen, die Zeit der Trauer, der Antriebslosigkeit, der Leere… auch die Passagen um Shahid, dem Kamal-Bruder, der mit der Polizei Probleme bekommt und einige Zeit im Gefängnis sitzt, sind tiefgründiger und aus der Schilderung der Behandlung von Asylsuchenden in England läßt sich durchaus eine leise Kritik am System entnehmen….

Wie oft bei Büchern drängt sich der Eindruck auf, das Ende, das Beenden eines Romans sei das eigentliche Problem. So hatte ich auch hier den Eindruck, der Schal ist fertig gestrickt und jetzt müssen noch die (Handlungs-)Fäden vernäht werden. So werden in den letzten Abschnitten alle Einzelschicksale noch zu einem (überwiegend positiven) Abschluss gebracht, das wirkt etwas gekünstelt, da diese Schicksale ja kaum was miteinander zu tun haben. Wenn das eine oder andere zu diesem definierten Zeitpunkt noch offen gewesen wäre, wäre es gewesen wie im richtigen Leben….

So kann man zusammenfassend sagen, daß Lanchesters Gesellschaftspanorama aus dem London der Finanzkrise ein wohlportioniert gestückeltes, unterhaltsames Buch ist, das gleichwohl in den meisten Momenten an der Oberfläche des Geschehens bleibt und leider nur in den guten Momenten, die auch vorhanden sind, tiefer und grundsätzlicher wird. Dies schmälert zwar nicht das sich reichlich einstellende Lesevergnügen am Werk, leider jedoch dessen Nachhaltigkeit, die Wirkung des Gelesenen.

Links und Anmerkungen:

[1] so jedenfalls die Übersicht über Pressestimmen, die ein großer online-Buchhändler auf seiner Produktseite wiedergibt…
[2] Die Pepys Road gibt es wirklich, auch wenn die Grundstückspreise in ihr keineswegs denen entsprechen, die Lanchester im Buch nennt…. wen´s interessiert: hier ist ein Überblick..
Im übrigen setzt Lanchester mit der Wahl des Namens „Pepys“ die Messlatte für seinen Roman hoch, schließlich ist dieser Mann aus dem 17. Jhdt einer der führenden Chronisten dieser Zeit, sein Tagebuch, das er viele Jahre führte, eine reiche und wertvolle Quelle über die Zustände der damaligen Zeit, vgl: Goetz, Rainald: Morgens lange im Bett, Spiegel 7/2011
[3] ob diese „42“ auch eine Anspielung ist, darüber bin ich mir nicht so ganz im Klaren. Zwar ist sie hier nicht die Antwort auf alle Fragen, aber eine tragende Rolle spielt das Haus und seine Bewohner allemal…
[4] der Versuch, politisch korrekt zu sein, kann manchmal etwas gequält wirken… [5] .. ein Schelm, wer an ihn hier denkt…

John Lanchester
Das Kapital
Aus dem Englischen übersetzt von Dorothee Merkel
Klett-Cotta, HC, 682 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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10 Responses to “John Lanchester: Das Kapital”

  1. il_libraio Says:

    So weit auseinander liegen wir mit unseren Meinungen aber doch nicht, oder?

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    • flattersatz Says:

      na ja, ich bin beim lesen deiner besprechung über das „…erstklassiges, tiefschichtiges Porträt unserer Gesellschaft..“ gestolpert, weil ich eben eher den eindruck habe, daß hier im wesentlichen bestimmte schemata noch einmal literarisch umgesetzt worden sind. der rest, ja klar, da müssen wir uns nicht drüber streiten…

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  2. banban Says:

    sicherlich bedient Lanchester mit seinen Hauptfiguren gewisse stereotyische Klischees, aber das macht er doch sehr gut, oder?!

    Ich hatte etwas vollkommen anderes erwartet, wurde aber trotzdem nicht enttäuscht. Zwar ist der Roman keine radikale Kritik der kapitalistischen Mentalität, wie beispielsweise der Film Wallstreet, dafür aber etwas anderes: Gut erzählte Unterhaltung auf höchstem Niveau!

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    • flattersatz Says:

      ja, ich habe ja geschrieben, daß das buch gute und kurzweilige unterhaltung ist, ohne zweifel. aber mir hat eben dieses „gewisse extra“ gefehlt, das mir im gedächtnis hängen bleiben würde… aber es ist gut, daß das jeder anders sieht und ich freue mich für dich, daß dir der wälzer besser, nein, sogar gut gefallen hat!
      danke auch für deinen besuch und den kommentar!

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  3. Carmen Says:

    Danke für deine kritische Besprechung, dann werde ich das Buch doch nicht lesen. Ein Roman mit 700 Seiten muss schon sehr gut sein, denn wie sagte Hans Magnus Enzensberger kürzlich: Es ist unhöflich, dem Leser mit einem langen Roman Lebenszeit zu stehlen, wenn es ein kurzer Roman auch getan hätte.

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    • flattersatz Says:

      liebe carmen, welch ein verantwortung lastet da jetzt auf meinen schultern… ;-)
      nein, der roman ist gute unterhaltung, ganz prima geschrieben, aber sicher ist er kein muss…. du wirst andere bücher finden, die dich eher reizen…

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  4. dasgrauesofa Says:

    Endlich habe ich es geschafft, auch Deine Buchbeprechung zu lesen. An manchen Stellen musste ich ganz schön schmunzeln, weil uns doch sehr ähnlich Episoden oder auch Figuren gleichermaßen so gut gefallen haben, dass wir sie beide bei unseren Besprechungen erwähnt haben. Das scheinen dann ja tatsächlich die schimmernden Perlen zwischen dem übrigen Modeschmuck zu sein :-).

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