Téa Obreht: Die Tigerfrau

27. Dezember 2012

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„Die Tigerfrau“ – ein  Titel, der ein wenig in die Irre führen kann, wenn man das Buch in die Hand nimmt bzw. die Geschichte noch nicht kennt. Zum einen spielt die Handlung mitnichten in Südostasien, wohin man Tiger und auch die gelbe Coverfarbe assoziativ sofort verortet, sondern in Südosteuropa, auf dem Balkan, zum zweiten trifft die wörtliche Übersetzung des Originaltitels „The Tiger´s Wife“, nämlich „Des Tigers Frau“ die Geschichte viel besser… aber schauen wir uns das Ganze mal genauer an…

Obreht nimmt uns in der Geschichte mit in verschiedene Zeit- und Handlungsebenen. Das Buch beginnt in einer Art Vorspann mit einer der frühesten Erinnungen der jetzt jungen Frau, einer Ärztin, an ihren Opa, mit dem sie nämlich regelmäßig, in einer Art Ritual, in den Zoo geht und dem dortigen Tiger zuschaut – auch bei dem einen Zwischenfall, bei dem er einem Wärter den Arm zerfleischt. Dort erfährt sie von ihm die Geschichte von dem Mädchen, das er mal kannte, …und das die Tiger so sehr liebte, daß es beinahe selbst zu eine wurde.

Der Roman spielt vor dem Hintergrund des im Balkankriegs zerfallenen Jugoslawien. Die junge Ärztin Natalie Stefanovic fährt mit ihrer Freundin und Kollegin in eine Stadt, die jetzt auf der anderen Seite einer Grenze liegt, um dort in einem Waisenhaus Kinder ärztlich zu versorgen. Auf der Fahrt erfährt sie durch ein Telefongespräch mit ihrer Oma, daß ihr Opa, der im Grund eine Art Zieh-Vater für sie war, gestorben ist. Die Umstände sind einigermaßen unklar, der Großvater war weggefahren, angeblich zu ihr und dann kam die Nachricht, daß er an einem Ort, der ihnen nicht bekannt ist, gestorben ist.

Das Verheimlichen, das Geheimnis, die Schwindelei, ja, die Lüge gehört anscheinend zum konstituierenden Teil der Familiengeschichte der Stepanovicens, so war beispielsweise die diagnostizierte Krebserkrankung des Großvaters ein Geheimnis nur zwischen ihm und seiner Enkelin, niemand sonst wusste davon. Und getreu der Tradition verrät auch jetzt, nachdem sie die Nachricht vom Tod des geliebten Großvaters erhalten hat, Natalie ihrer Freundin nicht, daß dieser gestorben ist. Noch ist das Wissen um seinen Tod eine reine Information, die Fahrt, die Umstände lenken sie so sehr ab, daß der Verlust nicht bis in ihre Seele vordringen kann – vorerst.

Es sind im wesentlichen zwei Geschichten, die die Enkelin mit ihrem Opa verbindet, zwei Geschichten, so weit sie auch auseinander liegen, die ein verbindendes Element haben: ein altes, zerlesenes Exemplar von Kiplings „Dschungelbuch„. Die erste ist die titelgebende Episode aus der frühen Jugend des Großvaters, an diesem Übergang, an dem jede Kindheit zu Ende geht. Er ist zu dieser Zeit neun Jahre alt und lebt bei seiner Tante Vera, einer Hebamme, in einem kleinen Dorf in den Bergen. Da Obreht genaue Ortsangaben bzw. -namen vermeidet, kann man nur vermuten, daß es sich bei diesem Bergzug um das Dinarische Gebirge handeln muss. Es ist 1941, die Hauptstadt wird tagelang von den Deutschen bombardiert, auch der Zoobetrieb ist natürlich betroffen, viele Tiere entkommen ihren Gehegen. Unter anderem auch der Tiger… er streift erst durch die Straßen, durch die Ruinen, ernährt sich von den Leichen, die er findet.. nur langsam wachen seine Instinkte wieder auf… irgendwann gelangt er auf seiner Wanderung in die winterliche Bergwelt unweit des Dorfes, in dem der junge Großvater lebt. Er wird gesichtet, Angst und Schrecken erregt die unbekannte, furcheinflößende Gestalt, die Dörfler kennen keine Tiger. „Aber das ist doch Shir Khan!“ entfährt es dem Jungen, der vom Apotheker des Dorfes das Dschungelbuch kennt.. Natürlich, der Junge will Shir Khan sehen, diesen lebendig gewordenen Tiger aus seinem Buch… und so geschieht es schließlich, denn der Tiger seinerseits wird angelockt durch den Geruch, diesen betörenden, verlockenden Geruch, der der Räucherkammer des Metzgers entweicht.. und so kommt es zur Begegnung, die im Lauf der Zeit zu einer Menage á trois werden wird, zu einem Dreiecksverhältnis, denn in der Räucherkammer ist noch eine dritte Person, die taubstumme Frau des Metzgers Luka und zwischen ihr und dem Tiger scheint eine Art Freundschaft zu herrschen, ein gegenseitiges Verstehen und Vertrauen.

Es ist eine lange Geschichte, die Obreht hier erzählt, sie handelt vom hinterwäldlerischen Leben in einem solch abgeschiedenen Ort, vom Aberglauben der Menschen, von einem brutalen Vater, von unterdrückten Neigungen, von der Enttäuschung eines jungen Mannes, der seine Familie, sein Dorf verlassen hat, um mit seiner Musik in der Stadt zu leben, der glaubt, es auch geschafft zu haben, endlich, nach zehn Jahren, der aber dann erkennen muss, daß er immer noch an das Vaterhaus gefesselt ist, daß er betrogen und ausgenutzt wurde. Und so macht ihn die Enttäuschung zu dem, was sein eigener Vater ihm war: zu einem brutalen, prügelnden und gewalttätigen Menschen, der sich vor sich selbst ekelt.

Diese tragisch endende Begegnung mit der Taubstummen, die, mit dickem Bauch, von den abergläubischen Dörfler irgendwann zur Frau das Tigers erklärt wird, prägt den Großvater ein Leben lang, immer wieder geht er hin zu den Tigern im Zoo, ein verbindendes Ritual auch mit der Enkelin, bis diese sich dann durch die Pubertät davon abkoppelt.

Zeitlebens trug der Großvaters dieses Dschungelbuch mit sich herum, las der Enkelin daraus vor. Obwohl er es, streng genommen, verloren hat bei einer Wette, bei der er glaubte, es einsetzen zu können als Pfand, so sicher war er, zu gewinnen. Und wie könnte man es ihm verdenken, setzte er doch darauf, daß keine Mensch, auch dieser durchaus charmante, für sich einnehmende junge Mann, mit Steinen beschwert und im See versenkt, überleben könne… immer wieder begegnet der Großvater im Lauf seines Lebens diesem Mann, der von sich behauptet, Neffe des Todes zu sein, von seinem Onkel für eine Unbotmäßigkeit bestraft ist mit dem Unvermögen, selbst sterben zu können… den Tod der anderen, den kann er dagegen sehen und voraussagen. so ist es seine Aufgabe, Seelen zu sammeln… er hat viel zu tun, vor allem bei der letzten Begegnung der beiden, die in einem Hotel in der Geburtstadt der Großmutter stattfindet, in Sarobor (wahrscheinlich meint Obreht damit Mostar), das am nächsten Tag zerstört werden wird… schon hört man den Geschützlärm….

Überhaupt der Tod, er spielt eine große Rolle in diesem Roman. Angefangen von dem Traueritual, um das die Großmutter bangt, daß man nämlich für 40 Tage das Hab und Gut des Verstorbenen weder wäscht, reinigt noch gar wegräumt, um der wandernden Seele zu signalisieren, daß sie im Haus willkommen ist. Großvaters Sachen jedoch sind in der fremden Stadt seines Todes offensichtlich gestohlen worden…  dann die mystische Figur des (zur Strafe!) unsterblich gewordenen Gavran Gaile bis hin zu dem kranken Menschen, die im Weinberg des Ortes, in dem das Waisenhaus liegt, nach einer Leiche eines Verwandten suchen, die das Familienoberhaupt dort im Krieg vergraben hat. Wird diese Leiche gefunden und deren Herz begraben, dann wird auch die Krankheit von der Familie weichen, so die Weissagung der alten Frau…

Ein Krieg, in dem es um „Auflösung“ geht, endet nie. So stellt die Autorin an einer Stelle des Romans fest. Und es ging um die Auflösung Jugoslawiens, Grenzen wurden gezogen zwischen Regionen, die vormals zusammen gehörten, Grenzen quer durch Familien so wie bei Natalies Familie, bei der die Großmutter eine Muslima ist und der Großvater deswegen aus seiner Stelle ausscheiden musste. Der Krieg, dieser Menschenfresser, hinterläßt nur Opfern, Heimatlose, die herum streifen wie die Tiere des Zoos, Versehrte, die irgendwo in Veteranensiedlungen hausen, Waisen, die in Heimen ohne den Schutz der Familien groß werden müssen…. Krieg ist die Zeit, in der die Wölfe ihre eigenen Jungen fressen, die Eulen ihre halbbebrüteten Eier aufbrechen und verzehren, der Fuchs seine Gefährtin tötet und frisst und der Tiger seine eigenen Hinterläufe schält… ein apokalyptische Szenerie, die die Autorin da in den bombadierten Zoo verlegt, die aber als Bild, als Metapher für den Krieg und seine Grausamkeit genommen werden kann. Genauso dystopische das Bild der durch die Trümmer der zerstörten Stadt ziehenden Tiere…

Immer wieder springt die Autorin in ihrem Roman zwischen den verschiedenen Erzählebenen hin und her. Zum Teil liest sich dies, was das Leben während des Krieges in der „Hauptstadt“ angeht, fast autobiographisch, was aber nicht sein kann, da die Autorin ihre Heimat im Alter von 7 Jahren verlassen hat, das sollte man beim Lesen im Hinterkopf haben. Lange Zeit ist für die Hauptstädter der Krieg nur eine wohlfeile Ausrede für allerlei Nachlässigkeiten oder Versäumnisse, die ihnen unterlaufen, bis dann auch in ihrer Stadt die Bomben einschlagen. Es gibt es Einschränkungen im Leben, in der Schule, im Beruf, wenn man morgens in die Klasse kommt, kann man nicht sicher sein, daß noch alle Schüler des Vortages auch an diesem Tag wieder anwesend sind..

Obrehts Roman ist ein wirkmächtiger, ein wortmächtiger, der seine eigene, fesselnde Magie besitzt. Er dringt tief in die Welt dieser Region ein, die immer auch ein Zentrum der Kriege war, der beiden Weltkriege ebenso wie des unseligen Balkankrieges. Womit ich mich ein wenig schwer tue, ist es, den Zusammenhang zwischen den beiden Erzählsträngen zu finden. Natürlich hängen die beiden Geschichten von der Tigerfrau und von dem Mann, der nicht sterben kann, mit dem Großvater zusammen, nur: was sagen sie mir über ihn, was kann ich aus ihnen lernen? So „zerfällt“ dieser Roman für mich in diese zwei Teile: die Rahmenhandlung der Jetztzeit, sprich: die Fahrt der Enkelin in das Waisenhaus auf der anderen Seite der neuen Grenze (wo sie, soviel sei verraten, eine Spur von ihrem toten Großvater finden wird) und die unmittelbar davor liegende Zeit des Krieges und der Nachkriegszeit sowie die zum Teil märchenhaft anmutende Geschichte der Tigerfrau, die ja selbst noch viel mehr Schicksale als das der Taubstummen umfasst.

Bleibt noch, eine Bemerkung zu der Geschichte vom Mann, der nicht sterben konnte, zu machen. Er konfrontiert den Großvater (und damit natürlich auch den Leser), der ja selber rational denkender und analysierender Arzt war, mit dem Mystischen, Übernatürlichen, dem was es nicht gibt (und trotz möglicher Zweifel anerkennt er diesen Mann ja auch nicht, zahlt nie seine Wettschuld, bzw. vllt erst ganz am Schluss…) und er, der nicht altert und sich nicht ändert in der Zeit, lebt vor, was Unsterblichkeit bedeutet: Stillstand und Einsamkeit inmitten all der Sterblichen.

Als Kritik bleibt also, daß der innere Zusammenhang der einzelnen Geschichten nicht ohne weiteres ersichtlich ist, sie weitgehend nebeneinander stehen. Aber wenn man das einfach so nimmt wie es ist, hat man ein beeindruckendes, lohnendes Leseerlebnis vor sich…. teil realistisch, teils märchenhaft.. aber immer schön

Links und Anmerkungen:

Interview mit Téa Obreht: http://www.readings.com.au/news/q-a-with-t-a-obreht-author-of-the-tiger-s-wife
Autorenportraits bei amazon und bei Rowohlt

Téa Obreht
Die Tigerfrau
Übersetzt aus dem Englischen von Bettina Abarbanell

Rowohlt-Verlag, HC, 416 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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One Response to “Téa Obreht: Die Tigerfrau”

  1. caterina Says:

    Auch ich empfand diesen Roman als ein überaus lohnendes und schönes Leseerlebnis. Gerade die Tatsache, dass nicht alles hundertprozentig aufgeht und dass nicht alles klaren Strukturen und Denkkategorien folgt, gefällt mir so daran. Man kann die einzelnen Geschichten für sich nehmen und sich an ihrer Magie erfreuen, und so ist das Buch für mich auch in seiner Gesamtheit ein magisches Leseereignis.

    Gefällt mir


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