Richard K. Breuer: Madeleine

23. Dezember 2012

madeleine

„Madeleine“ ist Teil 3 dieses historischen Romans aus dem vorrevolutionärem Frankreich des Jahres 1789 [1], mit dem Breuer ein Stimmungsbild dieser Zeit zeichnen will, die wenige Monate später in einem Umsturz münden wird, der ein Gesellschaftssystem, nämlich das von der Aristokratie beherrschte, wegfegt, buchstäblich enthauptet. Der vorliegende Roman, der eigenständig zu lesen ist, da sich die größeren Zusammenhänge im Text ergeben (obschon es durchaus hilfreich für das Verständnis ist, wenn man die Vorgänger [1] kennt), scheint mir eine Art Überführungssroman zum letzten, finalen, den Breuer ankündigt, zu sein: er handelt im wesentlichen davon, daß die Hauptpersonen auf der Reise sind zu der Hochzeit einer der Ihren und eine andere Gruppe von Menschen es unbedingt verhindern will, daß zum einen diese Gruppe ihr Ziel erreicht, ferner soll auch der zukünftige Bräutigam mit seiner avisierten Braut erst (aber dafür in Bälde) in himmlischen Gefilden zusammen treffen.

In der Kutsche, die sich also im Vorfrühling des Jahres 1789 von Olmütz (im heutigen Tschechien) auf ihren Weg nach Frankreich macht, sitzen die Schwestern Ludomila und Madeleine Opalinski in Begleitung des Arztes Steinitz und des amerikanischen Majors Haddengast, der als ihr Beschützer fungieren soll. Am Ziel ihrer Reise, in Penly, hofft Ludomila, den Vater des in ihr wachsenden Lebens endlich ehelichen zu können, während Madeleine ihrerseits die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, eben jenen polnischen Gelehrten Mickiewicz noch für sich zu gewinnen, denn jene Nacht, in der dieser bei Ludomila lag, war eine ihr von der Schwester gestohlene Nacht. Derart kann man das Verhältnis der ungleichen Schwestern auch nur als gespannt bezeichnen, was die Atmosphäre unter den Reisenden nicht gerade heiter stimmt.

Da die Existenz jenes Mickiewicz, im „Tiret“ wird dies ausführlich dargelegt, dem polnischen Hochadel ein arger Dorn im Auge ist, heuert dieser dunkle Gesellen an, die das Problem lösen sollen, auf ihre Art, endgültig und blutig. Außer dieser finstren Brut, die mehr durch Schlagkraft denn durch Intelligenz in Erscheinung tritt läßt der Autor noch ein Meuchelmörderpärchen auf die Zielpersonen los, das deutlich diskreter und klandestiner vorgeht. Voilá, die Figuren stehen somit auf dem Brett, bereit zum großen Spiel….

Breuer schickt uns zusammen mit seinen Personen auf die Reise, wir lernen die einfachen Leute kennen, die rauen Sitten unter ihnen, die Handgreiflichkeiten, den Dreck, den Schmutz, dies alles im Gegensatz zu der manierierten, von den realen Verhältnissen abgehobenen Lebensweise der oberen Stände. Es sind in „Madeleine“ weniger die Dialoge, mit denen der Autor wie in den Vorläufern versucht, die politische Situation darzustellen und zu durchleuchten, das Gären unter den Menschen deutlich zu machen, hier arbeitet er eher mit szenischen Mitteln, in dem er Umstände schildert, Gegensätze herausarbeitet und die Realität des alltäglichen Lebens benennt.

Es fließt Blut in diesem Buch, oh ja. Die Waffen jener Zeit sind weniger präzis als daß sie klaffende Wunden schlagen. Man ist nicht zimperlich in diesen Tagen, da wird man schon man aufgeknüpft, weil man zur falschen Zeit am falschen Ort ist, es wird geschossen und mit Säbeln um sich gehauen, es fliegen Wurfmesser und da das Gift schon ein wenig alt ist, wirkt es nicht ganz so schnell wie gewohnt. Weiblich sein heißt, einer besonderen Risikogruppe anzugehören, leicht geht der brutalen Schar auch in dieser Hinsicht der Gaul durch, vor allem, wenn das baldige Ableben des Opfers eh in Aussicht steht, ist man doch genau behufs dessen vor Ort…

Um sich nicht ganz in diese Räuberpistole zu verrennen, schiebt Breuer einen politischen Absatz ein, in dem er – wie auch schon in früheren Bänden – einen Auswärtigen, einen Amerikaner zu Wort kommen läßt über dessen Meinung zu den Verhältnissen in Frankreich. Damit wird der Leser dann wieder an das große Ganze erinnert.

Der vierte Band der Reihe ist angekündigt, es ist von vornherein zu erwarten (und ich verrate daher keine Überraschung), daß die Verluste unter unseren Helden und Heldinnen zumindest nicht total sein werden oder anderer Art, als daß sie ihr Leben ließen… eine Überführungsetappe dieser speziellen Tour de France im Märzen des Revolutionsjahres 1789…

Das Büchlein selbst in der von Breuer mittlerweile gewohnt (und erwartet…) liebevollen Art gestaltet: ein sehr schönes, stimmungsvolles Einbandbild, eine gelungene Typografie verbunden mit der entsprechenden Bemühung, die Schrift auch unter die Leute zu bringen. Leider war sein Versuch, im Vorfeld 99 Förderer für das Projekt zu gewinnen [2], nicht erfolgreich, nach Förderer Nr. 57 beendete er diesen Versuch. In Stil und Sprache entspricht „Madeleine“ den ersten Bänden, ob und daß der Autor damit den authentischen Ton der damaligen Zeit getroffen hat, muss man ihm glauben, nachprüfen kann man es kaum. Der Roman liest durch die vielen aktionsreichen (und blutigen) Szenen sich flott und schnell („Sex and Crime“), ob man jetzt aber tatsächlich Parallelen zu Tarantino und de Sade ziehen mag, ist eine andere Sache… so ist „Madeleine“ jedenfalls kurzweilige Unterhaltung im Rahmen eines größeren historischen Romanprojekts. Warum und Wieszo Breuer aber dasz einfache polnische Volk anstatt mit „s“ mit „sz“ reden lässt, dasz iszt mir bisz zum Schluss nicht klar geworden…..

Links und Anmerkungen:

[1] Band 1: Die Liebesnacht des Dichters Tiret
Band 2: Brouillé
[2] Liste der „Club“mitglieder, sprich: Förderer. Unter dem Aspekt der „Self-Publishing“ ist auch der Beitrag Breuers bei Gesine von Prittwitz aufschlussreich: Richard K. Breuer: Die Gesellschaft bekommt jene Bücher, die sie verdient

Richard K. Breuer
Madeleine
Anatomie einer Tragödie am Vorabend der Französischen Revolution
Band III – Morris – 1789
Paperback, 312 S., 2012

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One Response to “Richard K. Breuer: Madeleine”


  1. […] Tragödie aufmerksam machen. Da hätten wir einmal die aktuellste Rezension beinahe druckfrisch von flattersatz. Zwillingsleiden, die sich bereits im Vorjahr die E-Book-Version zu Gemüte führte, hat ihre […]

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