Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah

19. Dezember 2012

foer

Foer, von dem ich ja schon den Roman: „Alles ist erleuchtet“ hier im Blog vorgestellt habe, erzählt mit diesem Buch die Geschichte eines neun(?)jährigen Jungen [1], der am frühen Vormittag des 11. September 2001 seinen Vater verloren hat. In der Hinterlassenschaft seines Vaters findet Oskar, so heißt der Junge, eine blaue Vase, die ihm herunterfällt und zerbricht. Zum Vorschein kommt ein Umschlag, auf dem der Begriff „Black“ steht und ein Schlüssel. Da Oskar und sein Dad zum Teil sehr komplizierte „Schnitzeljagden“ gespielt hatten, vermutet der Junge, daß dieser Schlüssel eine Botschaft, eine letzte Aufgabe des Vaters für ihn ist. Von nun an ist er von der Idee besessen, das Schloss zu finden, in das der Schlüssel passt.

Oskar geht davon aus, daß der Begriff „Black“ ein Namen ist, und es ist einfach für ihn, herauszufinden, wieviele Blacks in New York wohnen, 472 nämlich. Und die will Oskar jetzt alle besuchen und befragen…. Mit diesem Szenario wäre jetzt die Möglichkeit geschaffen, ein Panoptikum schier nicht enden wollende Schicksale im Moloch New York zu schaffen.. Gott sei Dank macht Foer dies nicht, einige wenige Figuren führt er ein, gibt ihnen ein Schicksal, Charakteristika.. am eindrücklichsten ist mir die Frau in Erinnerung geblieben, die seit Jahren auf der Aussichtsplattform des Empire State Buildings lebt und diese seitdem nicht verlassen hat [4]…. Nein, das ist nur die Rahmenhandlung, auch wenn hie und da vllt ein wenig länger verweilt wird. Das wichtigere, grundlegendere des Romans spielt sich woanders ab.

Die Familie Schell besteht aus der Mutter, der kein Name gegeben wurde, sondern die immer nur „Mom“ genannt wird, dem Sohn Oskar und dem trotz oder gerade wegen seines Todes immer präsenten Vaters Thomas. Ferner wohnt im Haus gegenüber die Oma väterlicherseits, zu der Oskar ein gutes, sehr gutes Verhältnis hat. Mit in deren Wohnung wohnt ein geheimnisvoller, nie zu sehender Mieter. Ihr Mann, Oskars Opa, der wie der Sohn der Oma Thomas heißt, hat seine Frau vor 40 Jahren, als sie mit ihrem Sohn schwanger war, verlassen.

Die Familienverhältnisse der Familie Schell waren nicht symmetrisch, Oskar war ein Vaterkind. Sein weniger nahes Verhältnis zur Mutter wird schon auf den ersten Seiten deutlich, als er nämlich auf der Fahrt zur Beerdigung seines Vaters überlegt, daß, wenn seine Mutter die Wahl gehabt hätte, es jetzt zu seiner, Oskars Beerdigung ginge. Dieser Satz wiederholt sich noch einmal spiegelverkehrt im Buch, in einem sehr intensiven Streitgespräch zwischen Mutter und Sohn, in dem Oskar seiner Mutter an den Kopf wirft: „Wenn ich die Wahl gehabt hätte, wärst du es gewesen!“ Es ist kompliziert, und daß die Mom einen Freund hat, mit dem sie viel Zeit verbringt, vereinfacht es nicht, denn daß Ron „nur“ ein Freund ist, glaubt Oskar seiner Mutter nicht.

Oskar ist ein „extremes“ Kind, um einen seiner favorisierten Ausdrücke zu gebrauchen. Hochintelligent, belesen, fantasievoll ist er eine echte Nervensäge mit starken Defiziten im sozialen Bereich, nach dem Tod (?) seines Vaters mit partiell autoaggressivem Verhalten, dessen Selbstbewusstsein durch den Anblick afro-amerikanischer Scheiden gestärkt wird [8]. Zwar hat er Brieffreunde, aber das sind nicht John oder Jane Doe, sondern Leute wie Stephen Hawking oder Jane Goodall, denen er sich schon jetzt, im zarten Kindesalter als Assistent andient. Im Kreis der Mitschüler dagegen ist er Aussenseiter und beliebtes Mobbing-Subjekt.

Dieses komplizierte Familiengefüge ist nach dem Tod des Vaters völlig aus dem Gleichgewicht geraten, da durch das Nichtbegreifbare des Faktischen für jede der Personen auch die innere Balance verloren gegangen ist. Besonders gilt dies für Oskar, denn dieser hat noch nicht so viele Mechanismen, mit der Angst, dem Schmerz, dem Verlust in seiner Seele umzugehen. Erschwerend ist noch das mangelnde Vertrauen zwischen Mutter und Sohn, daß dazu führt, das sie sich gegenseitig Sachen verschweigen, die derart noch schwerer auf der Seele liegen. So zeigte Oskar seiner Mutter nie die letzten Nachrichten des Vaters, die dieser auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte, im Gegenteil versteckte der diesen und ersetzte ihn durch ein neugekauftes gleiches Modell. Noch im Tod des Vaters schließt er die Mutter aus ihrer gegenseitigen Beziehung aus…

Als Oskar einem Jahr nach den Attentaten dann durch Zufall diesen einen Schlüssel in den Sachen seines Vaters findet und er beschließt, unter den vielen -zig Millionen Schlössern, die es in NYC gibt, das eine zu suchen, in das dieser Schlüssel passt, ist dies ein kleiner Glücksfall für ihn, denn in diesen Monaten der Suche, in denen er bei so vielen Fremden „Black“s klingelt ist er allein durch das Suchen seinem Vater nahe. Entsprechend herrscht fast Enttäuschung bei ihm, als er dann eine (recht triviale) Lösung dieses Rätsels findet…. Aber der jetzt wieder auf sich selbst zurückgeworfenen Oskar ist durch das Ende der Suche auch wieder frei im Geiste und er erkennt im Moment seine neue Aufgabe: den leeren Sarg seines Vaters will er ausgraben. Und er weiß auch schon, wen er als Hilfe dafür gewinnen kann: den geheimnisvollen Mieter, der bei seiner Oma wohnt und den er mittlerweile kennen gelernt hat.

Der Roman führt weit in die jüngere Vergangenheit zurück. Ich erwähnte schon, daß Oskars Opa seine schwangere Frau vor Jahrzehnten verlassen hat (obwohl wir nie explizit erfahren, wie dieser mit seinen Beeinträchtigungen in diesem langen Zeitraum lebte). Schrieb ich oben: es war kompliziert, müsste man zur Ehe von Opa und Oma schreiben: Es war extrem kompliziert. Es war eine Ehe, die durch Regeln formatiert worden war, durch ein stetig wachsendes Regelwerk, das das Leben und seine Orte immer diffiziler in „Etwas“ und „Nichts“ einteilte… Sie hatten sich wiedergetroffen in den Staaten nachdem sie sich in Deutschland, als Jugendliche in Dresden kennen gelernt hatten. Dort hatte sich Thomas in Anna verliebt, die Schwester von Oma und es begab sich zu der Zeit, als er erfuhr, daß Anna ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, daß die Hölle nach Dresden kam und sich dort einnistete und in der Feuersbrunst dieser Bombennächte, in der die Menschen zu Flecken auf dem brennenden Asphalt schmolzen, starb auch seine Lebensliebe so wie der Rest der Familie – bis auf Annas Schwester.

Sie klammerten sich aneinander, obwohl er, Thomas, seine Sprache immer mehr verlor, in seine linke Hand ein „ja“ und in seine rechte ein „nein“ eintätowierte, in ein Buch Sätze schrieb, der er Menschen zeigte als Antwort auf Fragen… Er heiratete die junge Frau, weil sie die Schwester seiner Anna war und wenn er zu ihr kam, dann nur von hinten, denn so konnte er sich vorstellen, daß sie es sei, Anna, und als sie die Regel brach, kein Kind zu bekommen, verließ er sie…. nicht, daß er sie vergaß, nein, jahrzehnte lang schrieb er Briefe an seinen Sohn, in denen er sich erklärte – und die er nie abschickte….

Foer baut hier eine gewisse Analogie der Ereignisse auf, den Feuersturm in Dresden und die Zerstörung der Twin-Towers. Beide kosteten sinnlos Leben und töteten Menschen, zerrissen Familien, traumatisierten die Überlebenden und Angehörigen. Beide griffen/greifen tief in das Leben der Familie Schell, der Protagonisten des Romans ein, formen es und beeinflussen es auf unabsehbare Zeit…. Für die Betroffenen war/ist es die Katastrophe schlechthin, das schwärzeste Schwarz, das man sich vorstellen kann. Entsprechend aufgebracht reagiert Oskar auch auf die Frage seines Therapeuten, ob der Tod seines Vaters nicht auch irgendetwas „positives“ gehabt haben könnte… dieser Versuch, dem Ungeheuren ein „aber wenigstens…“, ein „aber dadurch ist…“ oder ein „immerhin“ abzuwringen, um derart ein – wenn auch noch so –  kleines Licht anzuzünden, an dem man sich festhalten kann…. für die private Tragödie der Schells findet Foer so ein Licht, es ist die Tatsache, daß der vor vier Jahrzehnten verschwundene Mann der Oma die Nachrichten sieht und in den Listen der Toten des Anschlags auch den Namen seines Sohnes [5]. Daraufhin beschließt er, zurück zu kehren. Vierzig: eine magische Zahl, die Zahl der Tage, die die Asketen in der Wüste verbringen, um sich zu reinigen, um die Auseinandersetzung mit der Versuchung des Teufels zu bestehen und um danach geläutert und gestärkt in die Welt zurück zu gehen. Ob Thomas Schell sr. aber auch derart von seinen Traumata befreit zurück zu seiner Familie kommt, das ist mehr wie fraglich, immer noch leidet er unter der Welt…. einen ersten Schritt erlaubt Foer seiner Figur, am Ende des Buches kann er zumindest all die nie abgeschickten Briefe an seinen Sohn begraben…

Es sind einsame Menschen, die uns Foer präsentiert. Oskar, vom Alter her noch ein Kind, spricht und agiert in weiten Teilen wie ein gereifter Erwachsener und ist in seiner Art ein Aussenseiter geworden. Großvater Thomas dagegen ist seit Jahrzehnten in seinem Unglück in Stummheit gefangen, die niedergeschriebene Antwort: „Es tut mir leid!“ ist so etwas wie sein Mantra geworden. Bezeichnenderweise tritt gerade Oskars Mutter, die Kontakt zu anderen Menschen sucht und damit auch Zukunftsfähigkeit, im Buch kaum ein Erscheinung, ihre Rolle, wiewohl wichtig, bleibt bis zum Ende im Hintergrund…

Soweit und im Überblick zum Romaninhalt. Zum Lesen möchte ich folgendes festhalten: bis zur Hälfte war ich etwas irritiert. Es gab einige Passagen, bei denen ich mich fragte, ob ich die lesen müsse, ob die wichtig seien, so zusammenhanglos standen sie dort… dies hat sich dann in der zweiten Buchhälfte geklärt, langsam sind die Abschnitte zu einem großen Ganzen zusammen gewachsen, zu einem Lebensbild der drei Personen, denen Foer hier seine Stimme gibt. Leichte Lektüre ist das Buch trotzdem nicht, oft springt Foer zwischen den Zeitebenen, auch ist nicht immer auf Anhieb klar, welcher Person die Text zugeordnet werden muss. Viele Abschnitte geben die Gedanken der Protagonisten wieder, zum Teil werden sie auch in Briefen, geschriebenen und ungeschriebenen, formuliert. Langsam entblättert sich so während des Lesens eine von globalen und lokalen Unglücken geprägte Familiengeschichte, die zutiefst verstörte Menschen zurückgelassen hat. Der Roman enthält auch unheimlich intensive Passagen, die Schilderung der Bombennächte in Dresden ist so eine, das Streitgespräch zwischen Oskar und seiner Mom.. auch die Fantasie Oskars, die Zeit rückwärts laufen zu lassen, so daß sein Vater noch oben aus dem Wolkenkratzer fällt, durch das zerborstene Fenster nach innen geschleudert wird .. und irgendwann aus der Tür des Hochhauses hinaus auf die Straße tritt…. im beigefügten Daumenkino funktioniert, was in der Welt unmöglich ist….

So ist „Extrem laut und unglaublich nah“ ein schöner Roman, vielleicht sogar ein großartiger, aber er erscheint mir persönlich etwas zu überambitioniert, als hätte der Autor alle Möglichkeiten, die ihm gegeben sind, auch unbedingt mit reinpacken wollen. Aber trotz dieser leisen Kritik meinerseits (und der Krümel, in denen ich unten gesucht habe… ) ist es in jedem Fall ein Gewinn, dieses Buch zu lesen.

Links und Anmerkungen:

[1] Neunjährig, so wird es im Klappentext und in sämtlichen Rezensionen verbreitet. Glaubt man jedoch Oskar selbst, so kann man daran zweifeln: „Ist dort jemand? Ich bin acht Jahre alt, und suche meine Oma….„. [S. 314 der von mir gelesenen Ausgabe, d.h. gegen Ende des Buches, das ja insgesamt einen Zeitraum von ca. 2 Jahren überstreicht….].
[2] ja, ja, ja… Oskar Matzerath, auch ein kleiner Junge, zog mit der Trommel durch die Lande, Oskar Schell mit dem Tamburin. Diese Analogien sind vom Autoren beabsichtigt….
[3] Gugolplex: ein häufig gebrauchter Ausdruck Oskars für besonders viel. In der Tat, das Gugolplex (meines Wissens ist die englische Bezeichnung Googol bzw. Googolplex auch im Deutschen gebräuchlicher) ist besonders viel: nämlich 10hoch(Googol), wobei ein Googol 10hoch100 ist. Das ist schon eine Nummer… Na ja, mehr kann man hier erfahren: http://de.wikipedia.org/wiki/Googol. Man sieht, Oskar wohnt ein leichter Hang zur Übertreibung inne…
[4].. wobei ich mich jetzt natürlich frage, woher die die Postadresse hat, mit der Oskar sie finden kann… *grübel*
[5] .. wobei ich mich jetzt natürlich auch hier frage, woher Thomas Schell sr. diesen kennt, denn dem Buch nach hat er ja nie mehr Kontakt gehabt und hat Amerika verlassen… übrigens: 59 Schells weist das NY Telefonbuch auf, darunter sogar einen Thomas…
[6] steht nach „wegen“ jetzt wirklich der Dativ [z.B. auf S. 371]? Immer wieder, auch in diesem Roman, bedaure ich, „wegen dem xy“ zu lesen und nicht den mir viel besser gefallenden Genitiv….
[7] … und was ich mich jetzt noch frage, ist folgendes: Wenn es in NY Samstagabend ist, ist es dann in Japan wirklich schon Montagmorgen? Und wo ist der Sonntag geblieben?? [S. 391]
[8] wie gesagt, als acht- oder auch neunjähriger…. wobei ich wirklich rätsele, woran erkenne ich, daß eine Scheide zu einer Afro-Amerikanerin gehört und nicht ewa zu einer Afro-Afrikanerin oder einer Afro-Lateinamerikanerin oder… [S. 123]

Jonathan Safran Foer
Extrem laut und unglaublich nah
ins Deutsche übersetzt von Henning Ahrens
Fischer TB, 480 S., 2007

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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9 Responses to “Jonathan Safran Foer: Extrem laut und unglaublich nah”

  1. pimisbuecher Says:

    Wow, tolle Buchbesprechung. Ich liebe dieses Buch und nicht zuletzt, weil ich Oskar so sehr, in mein Herz geschlossen habe.
    Und das Daumenkino, da hatte ich Tränen in den Augen.

    „Alles ist erleuchtet“ liegt schon ganz oben auf meinem SuB.

    Danke, für die Anmerkungen, sehr interessant und wenn man das Buch kennt eine echte Bereicherung.

    Liebe Grüße
    Miriam

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    • flattersatz Says:

      gerade mit oskar hatte ich meine probleme, weil seine art zu reden und zu agieren so überhaupt nicht zu seinem angenommen alter passt. aber vllt sind das allgemein die schwierigkeiten, die man hat, wenn man mit hochbegabten umgehen muss. hochbegabt .. und dann nicht wissen, wer winston churchill ist… ;-)
      deine anmerkung bzgl des daumenkinos weckt in mir die frage, ob ich mittlerweile zu abgebrüht/-stumpft bin… weil das bei mir überhaupt keine emotion geweckt hat. die emotionalste passage des buches war für mich in der mitte die schilderung der bombennächte in dresden…. die ging tief… und auch dieses streitgespräch zwischen oskar und mom, weil das einen einblick in den seelengrund der beiden ermöglichte.
      danke für deinen kommentar, liebe miriam!

      p.s.: „alles ist erleuchtet“ hat mir, glaube ich, tendenziell besser gefallen..

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  2. caterina Says:

    Auch ich fand Alles ist erleuchtet deutlich besser, und trotzdem fand ich Extrem laut… ebenfalls sehr gelungen, v.a. weil Foer hier – im Vergleich zu seinem Debüt – die typographischen und visuellen Spielereien auf die Spitze treibt, was ich unglaublich spannend finde. Auch dies ist ein Weg, eine Geschichte zu erzählen – jenseits der Worte. Was Foer sprachlich und erzähltechnisch macht, finde ich schlichtweg beeindruckend (dir war es zu viel des Guten, ich schätze ihn gerade dafür). Aber abgesehen davon hat mich der Roman auch inhaltlich sehr berührt – v.a. die Dresden-Ebene, da stimme ich dir zu. Ein großartiger Roman, auch wenn er gegenüber dem Erstling leicht abfällt (was kaum verwundert, da Alles ist erleuchtet meiner Meinung nach ein Meisterwerk ist, aber das sagte ich ja schön häufig genug ;) ).

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    • flattersatz Says:

      ja, liebe caterina, ich glaube, mich erinnern zu könnnen, daß du mal so eine andeutung hast fallen lassen über der foer´schen erstling… ;-)
      danke für deinen ausführlichen kommentar!
      die spielereien, die du erwähnst… da kann foer (bis auf das daumenkino, das ist eine „nette“ idee) an z.b. danielewski mit seinem „Das Haus“ meiner Meinung nach nicht heranreichen, bis eben auf besagtes daumenkino und auch den immer enger werdenden brief in der romanmitte. aber es sind nichtsdestotrotz schöne auflockerungen des textes…
      das buch hat für mich sehr gut angefangen mit der schilderung der fahrt zum begräbnis des leeren sarges vom vater (ein aspekt des romans, auf den ich kaum eingegangen bin: er ist nämlich auch eine geschichte darüber, wie wichtig es ist, um den tod eines menschen zu begreifen, diesen gestorbenen menschen im buchstäblichen sinn noch einmal zu „begreifen“, zu berühren, anzufassen, zumindest zu sehen…). den ersten dämpfer habe ich dann verspürt, als foer oskar durch den anblick des vulva-bildes beruhigt sah… das passt für mich einfach nicht, ok, mögen andere anders sehen… dann dieser ganz kurze hiroshima-einschub, den ich nirgends in besprechungen u.ä. gefunden habe: dachte ich so bei mir: hoppla, jonathan, verhebst du dich jetzt nicht? egal wie schlimm die WTC-sache auch war, A-bombe ist schlimmer.. dieser bezug zu hiroshima taucht ja auch nirgends mehr auf, ist für die geschichte absolut entbehrlich. fast scheint es mir so, foer hat nur vergessen, sie aus einem frühen entwurf wieder herauszustreichen. und dann natürlich: wie alt ist oskar denn nun wirklich? oder hat er, so wie matzerath nicht mehr wachsen wollte, beschlossen, nicht mehr älter zu werden? … und so kam dann, nachdem ich mich nun mal „geärgert“ hatte, ein punkt nach dem anderen, der das lesevergnügen etwas schmälerte….
      .. aber trotzdem, ein unbedingt lesenswerter, beeindruckender roman.

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      • caterina Says:

        Ach herrje, so genau kann ich mich schon gar nicht mehr erinnern, es ist sechs (?) Jahre her, dass ich den Roman gelesen habe. Dass Oskar kein authentischer 8- bzw. 9-Jähriger ist, stört mich nicht unbedingt, ich betrachte ihn als eine „magische“ Komponente des Romans – Foer ist für mich kein realistischer Erzähler, das war er ja schon im Erstling nicht. Daher finde ich den Vergleich mit Oskar Matzerath sogar sehr gut.
        Das Haus habe ich mir schon notiert, genau wegen dieser experimentellen Erzählhaltung, aber ich gebe zu, dass ich ein wenig Respekt habe vor diesem Buch und mich noch nicht so recht herangewagt habe. Ich ahne jetzt schon, dass es eine sehr herausfordernde Lektüre sein wird, und wenn es mir wiederum zu experimentell wird, dann breche ich auch schon mal ab (Stichwort: Ulysses). Foer hat dein ein schönes, erträgliches Mittelmaß. Aber trotzdem: Irgendwann schaue ich mir den Danielewski ganz bestimmt an. Danke noch mal für den Hinweis!

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  3. Schutzengel Says:

    als Ergänzung zu Ihrer wunderbaren Besprechung dieses Buches
    ein Song der Gruppe Bright Eyes aus ihrem Album
    Digital Ash In A Digital Urn , das zeitgleich zum Roman erschienen ist. Ulrich Sonnenschein hat in seiner Besprechung dieses Romanes in der Frankfurter Rundschau darauf hingewiesen.

    Die unterschiedliche Lesart hängt vielleicht auch mit dem Lesealter zusammen…ich mußte mich an die Sprunghaftigkeit auch erst gewöhnen…..und auch für mich war Oskar nicht 9 Jahre alt….da hat Foer etwas in einen Jungen hineininterpretiert, was es in Wirklichkeit auch bei einem Hochbegabten nicht gibt……
    MIr hat die typographische Gestaltung des Buches sehr gut gefallen und auch das Daumenkino zum Schluß berührt, es ist ein Traum, alles ungeschehen zu machen.

    Und nochmal ein Kompliment zu all Ihren letzten Buchvorstellungen, es ist ein Genuß, sie zu lesen.

    Liebe Grüße
    Karin

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    • flattersatz Says:

      lieben dank für ihr kompliment und den hinweis auf den artikel/die rezension des buches in der fr. die typografie: habe ich die denn in meiner besprechung garnicht erwähnt? natürlich ist das schon was vom feineren… (siehe oben bei caterina..). der traum, alles rückgängig zu machen, daß das leben rückwärts läuft, ich muss an benjamin buttondenken, ein film mit dem ich damals nicht so viel anfangen konnte, vllt wäre das heute anders…

      ihnen auch liebe grüße
      fs..

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  4. 54books Says:

    Ich habe zwar Alles ist erleuchtet noch nicht gelesen, hatte aber auch große Freude an Extrem laut und unglaublich nah. Gerade die Spielereien mit Bildern, Schrift etc. macht Spaß und ist eine schöne Abwechslung. Habe das Buch auch meiner Freundin auf englisch mit in die USA gegeben (auch wenn 9/11-Bücher in Fliegern nach Washington vielleicht dramaturgisch nicht das Beste sind), weil es mir so gut gefallen hat.
    Völlig enttäuscht war ich dagegen von der Verfilmung mit Tom Hanks: Hier fehlt einfach zu viel und vor allem die Geschichte der Großeltern, die für mich das Buch erst zu einem richtig guten machen, vermisse ich schmerzlich.
    Vielen Dank für die schöne Besprechung!

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    • flattersatz Says:

      hab dank für deinen besuch und den kommentar. wenn du spaß hast an typographischer vielfalt, dann empfehle ich dir die bücher von Danielewski, z.b. Das Haus, oder auch Revolutions (noch nicht im blog)… verfilmungen sind ja leider sehr oft eine enttäuschung. ich glaube, das liegt im wesentlichen daran, daß wir den film unwillkürlich mit dem roman vergleichen und da kann der film ja nur verlieren.. meine erfahrung ist, daß es besser ist, den film als eigenständiges werk zu nehmen, also nicht zu schauen: was fehlt, was haben sie zusätzlich gemacht, wie haben sie dies und das umgesetzt. für mich zumindest hat das einiges gebracht, weil ich die filme dann unbeschwerter geniessen konnte…

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