Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese

15. Dezember 2012

gord

Nadine Gordimer ist die Grand Old Lady der südafrikanischen Literatur, ausgezeichnet mit diversen Preisen, allen voran dem Literturnobelpreis des Jahres 1991. Ihr Thema ist ihre Heimat, Südafrika, das jahrzehntelang gespalten war, nicht geographisch, sondern politisch, kulturell und gesellschaftlich: die Rassentrennung, Apartheid, erklärte bis 1994 alle Menschen anderer Hautfarbe als weiß zu Bürgern niederer Ordnung mit stark eingeschränkten Rechten, oftmals der Willkür der Behörden ausgeliefert. Selbstverständlich waren auch Beziehungen zwischen den Rassen unerwünscht oder sogar wie Mischehen verboten..

Dieser Roman, darf man ihn als Vermächtnis, als Abrechnung bezeichnen? Er ist nicht wie andere Alterswerke geprägt durch Altersweisheit, durch ein Über-den-Dingen-Stehen, im Gegenteil, Zorn ist spürbar, Resignation vielleicht, in jedem Fall aber die Desillusionierung einer Frau, die ein Leben lang für ihre Überzeugung eingestanden ist und die jetzt, knapp 20 Jahre später, resümieren muss, daß die Realität anders ist…

Sie ist schwarz.
Er ist weiß.

Gordimers Roman setzt, obwohl er sich weitgehend konkreter Zeit- und Datumsangaben entsagt, wohl kurz vor Ende der Apartheidregimes ein. Im Mittelpunkt steht ein gemischtfarbiges Ehepaar, Steve und Jabulile Reed. Die beiden wohnen illegal in einer kleinen Wohnung, kennen- und liebengelernt hatten sie sich im Untergrund, in Swasiland. Jabu wurde unter Bruch sämtlicher Traditionen von ihrem Vater, einem Methodisten und Gemeindeältestem dorthin zur Ausbildung geschickt, es läßt sich vermuten, daß „Baba“ den Hintergedanken hatte, daß sich seine Tochter den Aufständischen – in welcher Weise auch immer – dort anschließen würde. Steve entstammt einer weißen Familie, ist Jude, auch wenn das Jüdischsein für ihn keine Rolle spielt. Als Chemiker war er im Untergrund für die Herstellung von Sprengstoff etc. zuständig.

Sie leben in einer Wohnung zusammen, ein Vermieter hat sich gefunden, der sich an der illegalen Ehe nicht stört. Sicher, nicht nur die Menschenfreude hat ihn zur Aufnahme bewogen, sondern auch der finanzielle Aspekt, aber immerhin….

Zwischen 1990 und 1994, der ersten freien Wahl, auf der Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt worden war, wurde die Apartheidspolitik in Südafrika sukzessive aufgegeben. Um diese Zeit spielt die Handlung, für die farbige Bevölkerung gelten jetzt die gleichen Gesetze wie für die weiße. Damit entwickelt sich auch Normalität, die vorher nicht vorhanden war, der klandestine Untergrund dagegen löst sich auf: Namensschilder an Türen, normales Freizeitverhalten, Krankenhäuser nehmen auch farbige Frauen auf. Der Wunsch nach einem Heim für die Familie wird wach, die verbindende Klammer des Untergrundkampfes zwischen den Genossen dagegen wird brüchig. Die Angst vor dem, was kommt, wird spürbar, in Juba steigt am Tag des Umzugs Panik auf: Ich will nicht.

Die Normalität, in die das junge Paar privat hineinwächst, ist noch dünn, trägt noch nicht wirklich. Die beiden stellen ihre Partner den jeweiligen Eltern vor, dies geht ohne Probleme, doch vermeidet man strikt, über politisches zu reden. Einzig mit Alan, einem seiner zwei Brüder, kann auch politisches diskutiert werden. Alan hat seinen eigenen Kampf gegen die ganz persönliche Diskriminierung, die er als Homosexuelle zu erdulden hatte, ausgefochten. Die gemeinsame Tochter Sindiswa ist für die Familie ein Abkömmling des neuen Zeitalters.

Ansonsten läuft die Entwicklung für die Protagonisten auf einen bürgerlichen Mittelstand weitab von der Klandestinität früherer Zeiten hinaus, bis hin zur Schutzstreife, die in der Siedlung eingerichtet wird, bis hin zum Kauf eines Hauses für die wachsende Familie, denn mit Sindi und Gary wächst die Familie Reed auf vier Köpfe an….

Steve Reed findet eine Stellung als Assistenzprofessor an der Uni, während Jabu als Juristin langsam, aber sicher Karriere macht. Auch das Privatleben der beiden entwickelt sich gut, sie haben einen Freundeskreis, auch ehemalige Genossen wohnen in der Nachbarschaft, einer Siedlung, in der vormals weißer Mittelstand lebte. In gewisser Hinsicht ist damit die Entwicklung der Familie Reed zu einer gutsituierten  Mittelschichtfamilie abgeschlossen. Wenn da nicht die düstere, desillusionierte Realität des südafrikanischen Alltags wäre.. die Steve veranlasst, sich mit dem Gedanken der Emigration nach Australien zu befassen….

Denn die Verhältnisse in Südafrika entwickelten sich in den letzten Jahren nicht so, wie erhofft. Zwar war Mandela die große Lichtgestalt des Landes, aber schon sein Nachfolger Mbeki verlor den Kontakt zum Volk und machte sich durch seine extravaganten Ansichten über die in Südafrika grassierende AIDS-Erkrankung lächerlich. Durch einen großen Teil des Romans hindurch aber konzentiert sich Gordimer auf den Politiker Zuma und dessen Erscheinung. Er steht wegen Vergewaltigung vor Gericht, ob er sich wegen der vielen Korruptionsvorwürfe jemals verantworten muss, bleibt unklar, die Justiz eilt nicht gerade bei der Aufklärung dieser Vorwürfe. Bei der Wahl 2009 wird Zuma zum Präsidenten gewählt, eine Wahl, zu der der desillusionierte Steve erst gar nicht gegangen ist, während seine Frau eine andere Partei gewählt hat.

La luta continua

In der ersten Hälfte des Buches beleuchtet Gordimer in einzelnen Szenen Aspekte der südafrikanischen Gesellschaft nach dem Ende der Apartheid. So ist es ihr z.B. wohl wichtig, das Ende auch einer anderen Diskriminierung zu zeigen: Homosexuelle unterliegen keiner staatlichen Verfolgung mehr, wohl aber einer realen in einer immer brutaler werdenden Gesellschaft.

Ferner zeigt sich (als zweites Beispiel), daß die Bildungsunterschiede zwischen Weiß und Schwarz eklatant sind und nur durch konzentrierte Aktionen überwunden werden könnten. Dafür wird aber kein Geld ausgegeben, mit Pseudoreformen wird versucht, den Anschein von gutem Willen zu erwecken.

Viele dieser Szenen (auch die Dienstreise Steves nach England) stehen allein im Raum, zeigen kaum Zusammenhang mit dem großen Ganzen.

In der zweiten Buchhälfte strafft sich die Handlung und Gordimer verfolgt im wesentlichen drei Aspekte:

(i) die Pläne von Reeds, nach Australien auszuwandern
(ii) die Person Zumas, die zunehmend auch die Einheit der Genossen spaltet
(iii) die Zustände in Südafrika, vor allem dem Bildungssektor und als Zielland für Flüchtlinge anderer afrikanischer Staaten

Das muss jetzt hier nicht im einzelnen wiedergegeben werden, die große Richtung ist klar: die Reeds freunden sich mit dem Gedanken an, im Interesse der Kinder nach Australien auszuwandern, sie informieren sich entsprechend und bereiten die Emigration vor, bis hin zum versuchten Hausverkauf… der Alltag für die einfachen Menschen, vor allem wohl die schwarzen, in Südafrika wird immer chaotischer, die Regierung ist nicht in der Lage, die Grundversorgung, sprich: Müllabfuhr, Wasser, Kanal etc pp bereit zu stellen und aufrecht zu halten. Streiks, Unruhen sind die Folge. Verschärft wird die Situation durch die vielen Flüchtlinge aus den Nachbarstaaten wie Simbabwe, aber auch aus Ländern wie Somalia, die mit den Einheimischen um die knappen Resourcen streiten: sozialer Zündstoff zuhauf.

Dies alles fällt auf die herrschende Politikerkaste zurück, allen voran Zuma, den Gordimer heftig angreift. Eine zögerliche Justiz verschont ihn weitgehend vor Gerichtsverfahren wegen Korruption, von einer früheren Anklage wegen einer Vergewaltigung wurde er unter obskuren Umständen freigesprochen… aber er ist ein Mann, der die Menschen auf der Straße mitreißt, im Gegensatz zu seinen Konkurrenten, die versuchen, sich mit eigenen (Splitter)gruppierungen vom ANC abzusetzen.

Mag dies zum Inhalt genügen, es ist ausführlich genug und vermittelt wohl eher den falschen Eindruck, mit „Keine Zeit wie diese“ wäre Gordimer ein großer Wurf gelungen. Mitnichten. Der Roman ist eine Ansammlung verquerer Sätze („„In der Partnerschaft der Ideale Liebe, sexuelle Erfüllung und Zukunftspfand Kinder, die das Mysterium namens Ehe ist, ist die Bildung Steves Abteilung. Felsen ist unter ihren Füßen, unter der unterschiedlichen Arbeit, die jeder tut; ihre gemeinsamen Überzeugungen.”“), holpriger Gedankengänge, abrupter Übergänge und eine an manchen Stellen nur schwer fassbaren Logik. Zwar steht mit der Familie Reed jemand als verbindendes Glied im Zentrum des Romans, aber Gordimer hat es fertig gebracht, deren Darstellung so gestalten, daß die Personen bis zum Schluss keine Nähe zum Leser gewinnen. Allenfalls Jabu ist mir als Bild in der Fantasie erstanden, den bunten Bändern in den Haaren und der Vorstellung ihrer afrikanischen Kleidung geschuldet. Vieles läßt Gordimer ihre Personen doppelt und dreifach erzählen, das sind die Abschnitte, an denen man dann etwas schneller lesen kann, die Gefahr, wesentliches zu versäumen, ist  gering…. vllt wäre ein Verlag gut beraten, auch Gordimers Texte vor der Publikation zu lektorieren, etwas, was die Autorin (wenn ich ein spezielles Interview mit ihr richtig im Gedächtnis habe), prinzipiell ablehnt…. was als „nervendes“ Element (zumindest in den ersten Abschnitten des Romans) noch, aber auch nur erwähnt werden sollte, ist die Fokussierung, die Gordimer auf den Bereich „Homosexualität“ lenkt. Zwar ist auch das Ende der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Liebe mit dem Fall der Apartheid ein erwähnenswerter Aspekt, aber die Art und Weise wie Gordimer den Punkt zu Tode reitet, läßt einen beim Lesen zum Teil Kopfschütteln. Zumal sie gegen Ende des Romans noch einen der Delphine als „geheilt“ in eine Heteroehe entläßt….

Ignoriert man all dies und versucht, die Erkenntnis Gordimers zu fassen, kommt man zu dem nicht überraschenden Ergebnis, daß eine Revolution, ein Umsturz allenfalls ein Anfang ist, der vom bitteren Erwachen gefolgt wird. Die Genossenromantik, die Gordimer ihren Steve nachhängen läßt, hilft in der Realität nicht mehr weiter, Macht korrumpiert und die Fähigkeiten, die im Untergrund gefragt sind, sind im Hier und Jetzt der Notwendigkeit, Zukunft zu gestalten, meist nutzlos. Eigeninteressen, Partikularinteressen, die mangelhafte Bildung vieler Menschen, die sie beeinflussbar macht, Korruption, Druck von aussen: dies alles läßt den sozialen Druck anwachsen, bis er sich entlädt: in Streiks, Unruhen, Demonstrationen, Gewalt und Brutalität. Für die Autorin hat all dies einen Namen: Jacob Zuma, Südafrikas Staatspräsident, dessen Verfehlungen und Vergehen anzuprangern sie nicht müde wird.

Ich gehe nicht.

Und die Botschaft, die Gordimers Buch enthält? Vielleicht ist es dieser Satz, mit dem sie ihren Roman beschließt: „Ich gehe nicht.“ Vielleicht ist es als Appell an alle Südafrikaner zu verstehen, vor allem die gut ausgebildeten Fachleute  wie Steve oder auch Jabu, die im Ausland leicht eine Stellung bekommen können, trotz aller Probleme im Land zu bleiben, die Zukunft nicht noch weiter zu verdüstern, indem sie ihrem Land den Rücken kehren. „A luta continua„: der Kampf geht weiter, auf andere Art und Weise, auf einer anderen Ebene aber er geht weiter…..Ein für eine Daheimgebliebene durchaus verständlicher Appell….

Dies alles festzuhalten, zu beschreiben, zu vermitteln ist wichtig und verdienstvoll, das Problem mit Gordimers Buch ist, daß es andere Schriftsteller gibt, die dies wohl eindrücklicher, lesbarer und nachdenklicher zustande gebracht haben. Gordimers Roman zu lesen, mag Erkenntniszuwachs bringen, Lesefreude jedenfalls verursacht er nicht.

*****

Die letzten Wochen wurde dieses Buch in einer an sich sehr interessanten Aktion vom Berlin Verlag begleitet: „Gordimer lesen„. Acht Blogger und ein Blog, die das Buch abschnittsweise lasen – und ansatzweise diskutierten. Ansatzweise, weil der Rahmen dieses Blogs für eine Diskussion ungünstig war, zu unübersichtlich, zu starr als Plattform für eine lebendige Auseinandersetzung. Entsprechend gering war leider auch die Besucherzahl, zumindest, wenn man die Klicks als Massstab nimmt. Daß das Buch als  solches ebenfalls keine Begeisterung hervorrief, tat ein übriges dazu….

So bleibt mir jetzt noch zu sagen: Keine Zeit wie diese – aber alles hat ein Ende. Auch dieses Buch.

Nadine Gordimer
Keine Zeit wie diese
Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Schaden
Berlin-Verlag, HC, 498 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

Advertisements

3 Responses to “Nadine Gordimer: Keine Zeit wie diese”

  1. atalantes Says:

    Trotz aller Eigenheiten die dieser Roman offenbarte, seien es die Delphine oder die Medea-Medusa, hat er mich doch verstärkt auf die politischen Zustände Süd-Afrikas aufmerksam gemacht. Wenn zur Zeit wieder über den Wahlkampf Jacob Zumas berichtet wird, höre ich sehr interessiert zu.

    Gefällt mir


... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: