Bessa Myftiu: An verschwundenen Orten

11. Dezember 2012

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Über die Autorin Bessa Myftiu ist im Internet wenig mehr zu erfahren als die relativ dünne Beschreibung auf der dtv Autorenseite [1]: geboren in Tirana (wann?), dort auch Studium der Literatur, 1992 Übersiedlung nach Genf, verschiedene Veröffentlichungen (auf Französisch). Das ist schade, ein wenig mehr wüßte man schon gern von der Autorin dieses (davon darf man wohl ausgehen: stark biographisch angehauchten) Romans aus dem ehemals exotischstem Land Europas: Albanien.

Eine Kindheit in Albanien.. eine Geschichte, die sich um ein Haus rankt, das stellvertretend steht für das Schicksal, für einzelne Stationen eines Lebens, das schützt und behütet, das ummantelt und berührt. Und genau dieses Haus, das Haus ihrer Kindheit, hat sich zum Selbstmord entschlossen… mit dieser dramatischen Mitteilung eröffnet Myftiu ihren Roman und läßt den Leser stutzen und sich fragen, wie die Autorin dies weiterführt, ohne in Kitsch abzugleiten. Es gelingt ihr nur zu gut. Man kann es nachfühlen, was sollte einem Haus anderes übrig bleiben, welche Wahl hätte es noch, so misshandelt, vergewaltigt, verstümmelt, in seiner Wesenheit beschnitten wie dieses nach, ja nach dem Fall des kommunistischen Regimes worden ist. In Königszeiten war es blühend, zäh im Krieg und zuversichtlich unter den Kommunisten: jetzt ist es seit einem Jahrzehnt der Schwermut anheim gefallen. Der Garten wurde ihm genommen für eine Werkstatt, erst der Feigenbaum gefällt dann die anderen Bäume, der rankende Weinstock verdorrte, die neuen Hochhäuser der Nachbarschaft nahmen ihm Licht und Sicht… ein Schicksal, das dieses Haus mit anderen Schönheiten der Stadt teilte: „Kein einziger Garten hat der Demokratie widerstanden.“ stellt Myftiu an anderer Stelle fest.

So vieles hat das Haus im Lauf seines Lebens gesehen, so viel erlebt.. Myftiu beginnt ihre Geschichte mit ihrn Großeltern väterlicherseits, die in einer in der Tat bemerkenswerten Konstellation im Haus lebten: durch die Verkettung verschiedener Umstände lebte der Großvater mit drei Frauen zusammen, von denen die eine ihm vier Söhne, die andere 4 Töchter schenkte. Die dritte Frau, Sadia, „.. gab … jedem Ding einen Hauch von Überirdischem. Zu Sadia gingen die Kleinen, um sich auszuweinen, … denn keine der zwei Frauen [i.e. die beiden Mütter], nahm sich das Recht heraus, ein Kind zu trösten, das die andere soeben gescholten hatte.„. Und dann (ohne ihn gäbe es diese Geschichte nicht) kam noch ein Knabe auf die Welt, gezeugt vom Großvater, der mittlerweile einem religiösen Wahn verfallen war, ein Sohn, den er Mohamed taufte, der mit acht Jahren Atheist wurde und im Alter von zwölf Jahren im Gefängnis landete und gefoltert wurde, er arbeitete als Kurier bei den Partisanen. Ganz Tirana bewunderte den Knaben, denn entgegen aller Erwartung redete er nicht, verriet er nichts, er überlebte das Gefängnis und irgendwie auch das Lager, in das man ihn deportierte…

Mit Myftiu schauen wir und jetzt um, blicken wir aus dem Fenster dieses Hauses ihrer Kindheit hinaus. Wir schauen nach links in die Gasse und lauschen den Erinnerungen an die erste Verliebtheit des kleinen Mädchens, an die (Doktor)Spiele der Kinder und wir erfahren, wie wertvoll die Lüge ist, die im Gegensatz zur Wahrheit das Leben bunt macht, während die Wirklichkeit so trist ist… wir gehen die Straße weiter nach links, an deren Ende ein Haus steht, in der das kleine Mädchen eine schöne Frau trifft, Aisha, eine Frau, die Geld dafür nimmt, daß Männer ihre Schönheit geniessen dürfen… überhaupt die Schönheit. Offensichtlich ist es in Albanien ein Wert an sich, schön zu sein, Myftiu beschreibt einen regelrechten Zwang zum Schönsein, der für beide Geschlechter gilt. Verfolgt man die Straße vom Haus aus nach rechts begegnet man dem Haus, in dem Anita, die Freundin mit ihrer komplizierten Familiengeschichte wohnt….

Wichtig ist das Zimmer der Eltern, denn dort entdeckt das junge Mädchen ihre eigene Geschichte. Ihr Vater, ein Moralist, der sich der Wahrheit verpflichtet fühlt, verwahrt in einem großen Koffer seine Manuskripte auf, Manuskripte von Büchern, die im Albanien dieser Aera nicht gedruckt werden, die verboten sind so wie man ihn (und damit hat er noch Glück) dafür als geisteskrank einstufte und in einen kleinen abseitig gelegenen Zigarettenkiosk „verbannte“. Nicht jeder, erst recht nicht Envar Hoxha, war empfänglich für Wahrheiten… hier entdeckt das Mädchen die Lebensgeschichte ihres Vater und ihrer Mutter, die zu ihrer eigenen wird..

.. und noch ein Zimmer in diesem Haus der Kindheit ist so wichtig für das Mädchen, es ist die Seele des Hauses, ihr Königreich. Sobald sich die Tür des kleinen Zimmers, in dem früher ihr Großvater lebte, schloß, „blieb der Tumult der Welt draußen. Man stand sich selbst gegenüber.„. Dieses Zimmer lehrte das Mädchen das Träumen und das Realwerden von Träumen: das Schreiben und das Lesen… in ihrem Elend, so schreibt Myftiu, hatten sie das Glück, zu träumen…

So reiht die Autorin eine Lebensepisode an die andere, sie ist Schülerin, muss militärische Übungen absolvieren, will später Schauspielerin werden, vergrätzt mit ihrer Direktheit aber ihren Lehrer und fällt durch. Dafür kann sie aber einen Studienplatz für Literatur ergattern, mit der Hilfe ihres Vaters, mit einer Hilfe, mit der andere ihr schlechtes Gewissen besänftigen wollen. Schließlich schafft sie es sogar, als Redakteurin einer Theaterzeitschrift unterzukommen.

Myftiu stellt uns viele Menschen vor. Natürlich hat sie auch eine großmütterliche Linie, die im Norden des Landes angesiedelt ist. Großmutter Marietta, die aus Griechenland stammt, ihrem Mann bei der Hochzeit schon sagte, daß sie den schweinische Sachen nicht machen wolle, die aber trotzdem acht Kinder bekam (jedes Mal, wenn ihr Mann trotz ihres Gezeters zu ihr ins Bett kam, wurde anschließend ihr Bauch dick) und die die Gabe des Hellsehens hatte…. um noch eine zu nennen: die Tante Vera, die unter ihrer Körpergröße litt und keinen Verehrer fand (albanische Männer mögen es nicht, wenn die Frau sie überragt), Tante Vera, die normalerweise nur ihren Hunden und Katzen vorsang, von einem ehemaligen Klassenkameraden, der jetzt ein bekannter Sänger war, aber zu einem gemeinsamen Auftritt überredet worden war und zu dem Ding, das ihr auf der Bühne gereicht wurde, fragend sagte, was das denn sei, es sähe ja aus wie ein Pimmel und die daraufhin merkte, was das war und die die Woche drauf das Dorf verlassen musste wegen der Wut der Bewohner auf sie, weil sie ja die Lehrerin war… Tante Vera, deren Schicksal so traurig wurde, daß sich ihre Seele in ein anderes Universum flüchtete…

Der Strand, das große Sehnsuchtsziel der Tiraner, das zu Erreichen sie alle Unannehmlichkeiten in Kauf nahmen. Unendlichkeit und fast zum Greifen nah an der anderen Küste Italien. Man konnte Ausländer sehen, die am gesperrten Strand des Touristenhotels im Sand lagen, es lag eine Ahnung von Freiheit über dem Strand… und später dann liefen die Schiffe aus nach Italien, voller noch als die Züge, die an den Strand führten. An Land flossen Tränen und auf den Schiffen fuhren mit den Menschen die Hoffnungen, die Erwartungen und die Freude auf ein neues Leben.

„An verschwundenen Orten“ ist kein Roman, der sich darin erschöpft, anzuprangern. Die Deprimation der Verhältnisse liegt unter der Oberfläche, nur manchmal lüftet Myfiu den Schleier und läßt das Grau der Realität durchscheinen. Fast ist man beim Lesen versucht zu denken, was für eine idyllische Kindheit es gewesen sei, aber diese Idylle ist der Tatsache geschuldet, daß die Menschen, Vater, Mutter, die Geschwister „gute“ Menschen waren. Oft beschreibt die Autorin, daß es in anderen Familien anders war, wo Erziehung hieß: Schlagen, wie betrunkene Männer ihre Frauen misshandeln, Frauen, die sich nicht wehren können und dürfen. Die Einstellung zur Sexualität, das Stellung der Frau allgemein, all das beherrscht das Buch nicht, aber es taucht immer wieder in Randbemerkungen auf, oft eine bedrückende Trinität von zusammengehörigen Begriffen: „Frau – Heirat – Selbstmord“.

Politische Unterdrückung: die Familie erfuhr sie am eigenen Leib, am Schicksal des Vaters, das ihnen ironischerweise auch eine Art von Freiheit gab: sie waren unten, sie konnten nicht mehr weiter fallen. Obwohl.. als der Vater den Entschluss gefasst hatte, Envar Hoxha einen siebzehnseitigen Brief zu senden, herrschte das schiere Entsetzen bei den übrigen Familienmitgliedern, schließlich kannte man seine Wahrheitsliebe…

Überhaupt der Vater, fast ein Gott für das Kind. Was er sagte, zählte, an ihm maß sich das kleine Mädchen, das früh ihre Fantasie entdeckte und die Fähigkeit, sie in Worte zu fassen und niederzuschreiben. So schuf sie sich ihre eigenen Welten, in die sie und auch ihre Freundinnen sich zurückziehen konnten. Die Mutter dagegen, die schon ihre Geschwister aufziehen musste, da Marietta zwar weissagen, aber nicht putzen und erziehen konnte, war eher an den Realitäten orientiert, insbesondere Essen und Trinken, die Versorgung der Familie war ihr Metier…

Und so atmet das ganze Buch Liebe aus zu den Menschen, die zum Leben der Protagonisten gehörten, deren Wahlspruch es geworden war, das Böse zu ignorieren, damit es aufhörte, zu existieren. Liebe und auch wenig, nein schon mehr als wenig, Wehmut den Orten gegenüber, die aufgehört haben zu existieren, das eigene Haus der Kindheit so wie das Haus der anderen Großeltern in der Stadt im Norden. Das Buch ist eine Liebeserklärung an diese Menschen, an diese Orte, es ist ein Dankeschön, daß es sie gab und es ist der Versuch, sie vor dem Vergessen zu retten, ihnen einen eigenen Ort zu geben.

Dieses Buch ist schön. Und das ist eine wichtige Eigenschaft für Albaner, so hat es uns Myftiu in diesem Roman gelehrt…

Links und Anmerkungen:

[1] Autorenseite bei dtv
[2] facebook-Seite der Autorin
[x] Weitere Bücher albanischer Autoren/-innen bei aus.gelesen:

– Ornela Vorpsi: Das ewige Leben der Albaner
– Anilda Ibrahimi: Rot wie eine Braut

Bessa Myftiu
An verschwundenen Orten
Aus dem Französischen übersetzt von Katja Meintel
Original erschienen auf Französisch
diese Ausgabe: dtv, 256 S., 2012

Bei dem Titelbild des Beitrags handelt es sich nicht um das Originalcover des Buches. Auf dessen Wiedergabe wurde aus Urheberrechtsgründen verzichtet.

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