Anthony McCarten: Ganz normale Helden

6. November 2012

Anthony McCartens neuer Roman „Ganz normale Helden“ führt die Geschichte der Familie Delpe aus London fort, deren vierzehnjähriger Sohn Donald in seinem Erstling „Superhero“ an Leukämie starb. Das vorliegende Buch ist daher ein Geschichte, die von der Trauer, den unterschiedlichen Arten der Menschen zu Trauern, erzählt, sie erzählt von der Liebe, die sich in solchen Extremsituationen zwischen zwei Menschen bewährt oder bei der sich zeigt, daß man sie vor langer Zeit, zu einem unbekannten Zeitpunkt, sukzessive gegen Routine ausgetauscht hat, ohne es merken zu wollen. Wir verfolgen mit McCarten das Leben dieser Familie Delpe, deren Lebensinhalt mit dem Tod des Zweitgeborenen implodiert zu sein scheint und dessen Trümmer jetzt unkontrollierbar davon stieben.

Die Delpes sind zu dritt, oder genauer, sie wohnen zu dritt unter einem Dach. Jim, der Vater, ist Anwalt, korrekt, intelligent, reserviert, beruflich erfolgreich. Er hofft, die schwierige familiäre Situation dadurch in den Griff zu bekommen, daß die Familie in ein kleines Häuschen auf dem Land umzieht, wo sie fernab des Lärms der Großstadt die heilenden Kräfte der Natur auf sich wirken lassen können [2]. Die Mutter Renata verzehrt sich dagegen in Sorgen um ihren Ältesten Jeff, der zwar noch zu Hause wohnt, sich dort aber nur noch selten sehen läßt. Den Tod ihres Donny kann sie nicht verwinden, Trost findet sie nur bei Gott, mit dem sie in einen online-Portal über ihre Sorgen chattet [1], zwischen ihr und ihrem Mann dagegen herrscht eine aggressive Sprach- und Verständnislosigkeit. Sie schlafen in getrennten Zimmern und treibt es ihren Mann alle Monate doch einmal in ihr Reich, erduldet sie es, bis er sich wieder zurückzieht. Auch dann haben sie sich nichts mehr zu sagen. Jeff, der achtzehnjährige, findet das alles nur noch zum Kotzen. Er sieht, wie die Ehe seiner Eltern langsam aber sicher in die Brüche geht und zieht sich selbst immer mehr in sein eigenes Reich zurück, der virtuellen Welt eines hochentwickelten Computerspiels, Live of Lore. Für seine Eltern ist er praktisch nicht mehr ansprechbar und eines Tages ist er einfach ausgezogen, ohne  eine Nachricht zu hinterlassen.

Mit diesem Verlust auch des zweiten Sohnes bricht die Welt der Rest-Delpes dann endgültig auseinander. Die Mutter versucht mit allen Mitteln, den verlorenen Sohn wiederzufinden, verteilt Flugzettel, läuft mit Plakaten behangen durch die Straßen und setzt irrwitzig hohe Belohnungen aus. Der Vater dagegen spürt, daß er seinen Sohn dort suchen muss, wo dieser sich zu Hause fühlt: in der künstlichen Welt des Live of Lore. Und er hat eine Spur, durch ein Telefonat Jeffs, das er mithörte, weiß er den Namen seines Avatars…  Ein Mitarbeiter seiner Kanzlei kann ihm die Grundlagen solcher Computerspiele erklären und als AGI betritt Jim nun diese virtuelle Welt auf der Suche nach dem Merchanat of Menace.

Doch zuerst trifft er auf Luther, einen Pseudoweisen der virtuellen Welt, der sich ihm als Mentor anbietet, damit AGI die ersten Schritte auf diesem ungewohnten Terrain überleben kann. Und was Jim nie gedacht hätte, geschieht: er erliegt der Faszination der künstlichen Welt, er lernt Kämpfen, Aufgaben lösen, Entscheidungen zu treffen und er steigt schnell in höhere Level des Spiels auf und kommt damit seinem Sohn immer näher, bis er ihn dann endlich trifft.

Es ist ernüchternd für ihn, was der Merchant of Menace seinem Ava über seine Eltern erzählt, seinen Vater bezeichnet er als „Wichser“ und „Feigling“, mit der Mutter geht er etwas milder um, mit mehr Mitleid. .. dann endlich hat AGI den Level erreicht, mit dem er Zugang hat zu Bereichen, in denen er seinem Sohn bisher nicht folgen konnte. Jetzt kann er es und er sieht den Merchant of Menace mit Halsband und angekettet an der schummrigen Bar stehen und sich unterhalten, Luther, seinen Mentor, in der Nähe…. Zuletzt ist die Neugier, die AGI an den Tag legt, aber zu auffällig, Luther und der Merchant schöpfen Verdacht, daß AGI ein Cyberstalker ist. Durch eine Falle, die Jeff  AGI stellt, kann er schließlich verifizieren, daß AGI sein Vater Jim ist.

McCarten packt eine ganze Menge hinein in seinen Roman, so ist  es nicht verwunderlich,  wenn er nicht alles in eigentlich gebotener Tiefe ausführen kann. Wie lerne ich weiter leben, wenn die Trauer mich verzehren will,  es geht um Vater-Sohn-Konflikte, um Eheprobleme und wie man Beziehungen retten kann oder auch nicht, um Ersatzbeziehungen anstelle der zerbrochenen, um die Faszination von Computerspielen, um die Macht, die diese Welten auf die Menschen in der ganz realen Welt ausüben können, so daß sie fast wie eine Wahrheitsdroge heimliche Bedürfnisse und Fähigkeiten ans Licht bringen, die Frage, wie ein junger Mann seine sexuelle Orientierung herausfindet,  sogar eine Abtreibung wird von McCarten noch ins Spiel gebracht und ganz zum Schluß wohnen wir noch einer kleinen fiesen Erpressung bei… Für Jeff, der beim Tod seines Bruders nicht anwesend war, hält der Autor am Ende ein Szenario bereit, in welchem dieser in einer Art Purgatorium und seelischer Reinigung und Läuterung das Sterben Donnies projizieren kann. In der kalten Umgebung dieser Szene spendet wärmt ausgerechnet der dem Tod geweihte Körper den frierenden Menschen. Metaphorisch gesehen ist auch die mühsame Renovierung des kleinen, aber teuren Landhauses, in die sich Jim verbeisst, ein Bild für seinen Versuch, seine eigene Welt wieder ins Reine zu bringen. Er will dort mit seiner Familie wohnen, aber Jeff ist eh schon  geflohen und Renata muss fast gezwungen werden, mit ihm zu gehen…

So unterschiedlich die einzelnen Schicksale letztendlich sind, vieles läuft vergleichbar. Renata findet ihren Trost im Internet über den Chat mit Gott, Jim dagegen reüssiert als Kämpfer im Live of Lore. Elsie, die alkoholgefährdete Schwester Jims, läßt sich in einem ONS von Lance, dem Bauunternehmer von Jims Haus, besteigen, Jim selbst schläft im Live of Lore mit der überaus attraktiven Kayla, der er bei dieser Aktion eine virtuelle Schwangerschaft anhängt. Und während Kayla ihr Kind zur Welt bringt, bricht Renata das in ihr keimende Leben ab…

Jims Ausflüge in das Live of Lore bleiben nicht ohne Folgen in der realen Welt: er macht als Anwalt kostenträchtige Fehler, so daß ihm seine Partner anbieten, aus der Kanzlei auszuscheiden. Und Kayla, die er eigentlich vergessen will, schickt ihm ganz konkrete Nachrichten auf sein ganz reales Handy, lädt ihn ein (sehr eindringlich), bei der Geburt seines Sohnes, die an seinem eigenen Geburtstag sein soll, dabei zu sein…. so wird der Roman zum Ende hin sogar noch zu einer spannenden Erpressungsgeschichte mit einem richtigen Showdown und einem Ende, das die Delpes wieder unter einem Dach vereint. Ob damit dann auch die Sprachlosigkeit unter den dreien überwunden ist, können wir als Leser nur vermuten.

„Ganz normale Helden“ [3] ist ein Roman, der im Lauf der Handlung seinen Charakter ändert. Beginnt er eher wie eine Familiengeschichte, so wandelt er sich gegen Ende des Buches immer mehr zu einer Art Erpressungsstory. Folgerichtig wächst der Spannungsbogen im Verlauf des Romans, bis er sich auf den letzten Seiten dann auflöst. Daß auch Anfang und Mittelteil des Buches spannend zu lesen sind, liegt am Kunstgriff McCartens, uns mit AGI zusammen ins Live of Lore (LoL) zu versetzen, wo wir ihn kämpfen und siegen sehen können. Und selbst mit diesen dürren Zeilen (dürr im Verhältnis zu einer computergenerierten Welt) schafft es McCarten die Faszination der/einer Spielwelt zu vermitteln….

Für meinen Teil packt McCarten aber ein wenig zu viel an Problemen in den Roman hinein. Überspitzt gesagt, ist bis auf Pädophilie (da kann man sich aber gar nicht mal so sicher sein) und Mädchen-/Organhandel ist eigentlich alles drin im Buch, was einem so einfallen könnte… ein wenig weniger an Problemen hätte mehr Substanz bei dem erlaubt, was übrig geblieben wäre, auch wenn dadurch das Tempo der Handlung vllt etwas hätte reduziert werden müssen. In ein paar Szenen versucht der Autor, solche eher existentiellen Fragen anzugehen, insbesondere konzentriert er sich dabei auf Renata, die ihre auf äußerste verletzte Seele vor Gott ausschüttet, auf Erden findet sie niemanden der sich darauf einlassen will…

So ist das Buch ein Roman, der eigentlich jedem Stoff zum Nachdenken bietet und dieses Spektrum in eine sehr unterhaltsame, spannende und auch temporeiche Handlung einbettet. Man muss sich aber im Klaren sein, daß er mehr Fragen stellt als er beantwortet und ob das finale Unglück der Delpes, das im Roman im letzten Moment abgewendet wird, im richtigen Leben auch hätte abgewendet werden können, ist eine dieser Fragen….

Anmerkungen:

[1] einfach mal nach „Beichte online“ o.ä. Suchbegriffen googeln….
[2] wie er von dort jeden Tag in seine Kanzlei kommen will, ist eine andere Frage, die nicht erörtert wird….
[3] ein etwas seltsamer Titel für eine Geschichte, in der eigentlich nur gebrochene Menschen bzw. solche mit Problemen auftauchen und die einzigen Helden die unwirklichen einer virtuellen Welt sind. Im englischen Original lautet der Titel daher auch folgerichtig: „In the Absence of Heroes“.

Anthony McCarten
Ganz normale Helden
Aus dem Englischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Diogenes, HC, 453 S., 2012

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3 Responses to “Anthony McCarten: Ganz normale Helden”

  1. majaschwarz Says:

    Vielleicht ist dieses „Viele“ im Roman ja gerade ein Abbild – so viel Schreckliches ist auch im realen Leben schwer auszuhalten, und das Buch so ein Spiegelbild des Erdrückenden?

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    • flattersatz Says:

      Er-drückend oder Erd-rückend: das ist hier die frage… ;-)

      liebe maja, so philosophisch habe ich das jetzt garnicht gesehen. natürlich kann man annehmen, daß nach so einem schicksalsschlag wie dem krebstod des jüngsten für jedes der familienmitglieder das leben irgendwie zusammenbricht und dann kommt halt alles auf einen schlag hienieden… hier ging es mir allerdings so, daß ich das gefühl hatte, viele fäden wurden angesponnen, aber dann nicht weiterverarbeitet.. das ende aller fragen bleibt offen für band 3… :-)

      danke für deinen besuch und deinen kommentar !

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  2. Mich hat in „Ganz normale Helden“ einzig gestört, dass dem Game „Live of Lore“ zu viel Platz im Roman eingeräumt wurde, aber man kommt nicht drum herum, diese Passagen alle zu lesen, sonst verliert man den Faden komplett. Nachdem ich nun „Superhero“ als Film gesehen habe, verstehe ich gewisse Punkte in „Ganz normale Helden“ doch etwas besser. Sicher ist auch empfehlenswert, das erste Buch „Superhero“ zu lesen. Eigentlich wollte Anthony McCarten gar keine Fortsetzung schreiben. Es ging ihm in erster Linie um einen Vater, der seinen Sohn übers Internet sucht, wie er in einem Gespräch erzählte (http://lesewelle.wordpress.com/2012/10/27/zurich-liest-2012-teil-i/).

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