Nadine Gordimer: Gutes Klima, nette Nachbarn

25. Oktober 2012

Dieses Bändchen aus dem Fischer-Verlag mit sieben Erzählungen Gordimers steht schon länger, nein, lange bei mir im Regal. Ich habe es jetzt wieder hervorgeholt, da die Südafrikanerin mit dem „gordimer lesen„-Projekt des Berlin-Verlages wieder in meinen Fokus geraten ist. Da die Erzählungen ausserdem noch aus der Zeit der Apartheid stammen, der aktuelle Roman dagegen eine Art Facit der nachrevolutionären Zeit darstellen soll, ist natürlich auch der Vergleich (soweit man diese kurzen Momentaufnahmen südafrikanischen Alltagslebens mit einem langen Roman vergleichen kann) von Interesse.

In „Sechs Fuß Erde“ leistet sich ein weißes Ehepaar eine kleine Freizeitfarm ausserhalb der Stadt. Die schwarzen [1] Arbeiter wohnen in Hütten auf dem Farmgelände, so, wie es üblich ist. Eines Abends kommt einer der Arbeiter zum Hausherrn, um ihn um Hilfe zu holen, es gibt einen Kranken in den Unterkünften. Es ist ein Illegaler, ein aus Rhodesien [2] über die Grenze auf der Suche nach Arbeit Gekommener, ein entfernter Verwandte eines der Arbeiter. Er stirbt und es gibt eine Untersuchung. Die Angehörigen wollen ihren Verwandten, der schon von Amts wegen bestattet wurde, nach ihren eigenen Riten beerdigen…

Die Frau des indischen Ehepaares macht Vervielfältigungen für die Aufständischen, zu Hause, in der Wohnung, in der sie mit ihrem Mann und den vielen Kindern lebt. Aber eines Nachts steht die Polizei vor der Tür.. („Ein Stück rubinrotes Glas“)

Der 11jährige Praise Besetse begleitet seine fast blinden Onkel beim Betteln auf der Straße. Dort trifft eine Miss Graham-Grigg auf die beiden, wird neugierig und hilft ihnen bei einigen Formalitäten. Besonders der Junge erweckt ihr Interesse, da er offensichtlich lesen kann, gelernt von den Werbeplakaten an den Straßenecken, an denen sie zum Betteln standen. Sie bringt ihn auf eine Schule. Paise erweist sich als sehr begabt und intelligent, im Gegensatz zur herrschenden Meinung, das Denken Schwarzer sei etwas Mechanistisches, eine Reihe bedingter Reflexe, zeigt er wirklichen Verstand. So wird er immer weiter gefördert und es gibt Hoffnungen, daß er der erster schwarze Rhodes-Stipendiat werden könnte… („Nicht zur Veröffentlichung“)

In der Titelgeschichte erzählt eine Frau in mittleren Jahren die Geschichte ihrer Bekanntschaft mit einem geheimnisvollen Fremden, der eines Tages an der Tankstelle, bei der sie im Büro arbeitet, vorbei kommt. Langsam aber anscheinend unabänderbar dringt er in ihr Leben ein, er verabredet sich mit ihr, zieht schließlich zu ihr in die Wohnung, bleibt aber geheimnisvoll wie anfänglich. Immer stärker steigt Angst in ihr auf, ohne daß sie gegen diesen Mann ankommt. Seltsamerweise ist der einzige der ihre Situation anscheinend durchschaut Jake, einer der Schwarzen, die vorne an den Tanksäulen arbeiten. Und seltsamerweise erzählt sie auch ihm, dem Schwarzen, von ihren Ängsten…

In zwei Beziehungsgeschichten („Liebende in Stadt und Land I und II“) widmet sich Gordimer den Auswirkungen des „Immorality Act“ [2]. Der für eine große Firma arbeitende österreichische Geologe lernt eine hellhäutige (so hell, daß sie sogar lange im normalen Fahrstuhl „Nur für Weiße“ fahren kann)  junge Frau kennen, die (es ist seit neuestem erlaubt) im Supermarkt an der Kasse sitzt. Die beiden unterschiedlichen Menschen kommen sich näher, dann eines Abends, pocht die Polizei an die Tür. Die Frau kann sich nur notdürftig verstecken, die Polizei durchwühlt Betten und Wäsche nach Spermaspuren, beide werden mit auf die Wache genommen und eingesperrt…

Der Farmersohn wächst inmitten der Kinder der Arbeiter auf, bis er sie dann aus den Augen verliert, als er zur Schule geschickt wird. Bei seinen Besuchen zu Hause trifft er aber wieder auf  Thebedi und es tut ihm gut, sie zu sehen. Sie machen viel zusammen, heimlich. Dann wird Thebedi von ihrem Vater verheiratet, nur wenige Wochen nach der Hochzeit bringt sie ein sehr helles Kind zur Welt…

Die Eingeborenendörfer leiden unter zwei Bedrohungen. Regelmäßig werden sie von weißen Soldaten und Polizisten kontrolliert und durchsucht, und genauso regelmäßig tauchen Fremde auf, Männer, die von der anderen Seite der Grenze kommen und die Bewohner bedrohen, wenn diese ihnen nicht helfen. Der Häuptling will seine Leute schützen vor den Fremden und geht zur Polizei.. („Mündliche Nachrichten“)

Gordimer erzählt diese Geschichten bei aller menschlichen Dramatik, die sie enthalten, sehr unaufgeregt, lakonisch. Mir sind die Erzählungen von Ford und auch Carver in den Sinn gekommen, denen sie im Stil ähneln. Es sind Momentaufnahmen, Skizzen eines Systems, in dem Menschen als minderwertig definiert werden, in dem Menschen grundlegender Rechte beraubt worden sind. Hausdurchsuchungen, bei denen es vorwiegend auf verschmutzte Unterhosen ankommt, Fahrstühle, die nach Hautfarbe differenziert sind, eine Schulbildung, die das Wort nicht wert ist, Menschen, aufgerieben zwischen Ordnungsmacht und Aufständischen.

Gordimer bricht in ihren Erzählungen das politische System Apartheid auf konkrete Situationen im zwischenmenschlichen Alltag herunter. Es macht die Absurdität des Systems auf besonders drastische Weise deutlich, wenn z.B. die farbige Frau aus dem Bett des weißen Mannes in den Schrank springen muss, wenn es an der Tür pocht und die Polizei Minuten später die Bettwäsche durchschnüffelt…. Oft stehen Frauen im Mittelpunkt ihrer Geschichten, als klandestine Kämpferinnen an der Vervielfältigungsmaschine ebenso wie als heimliche Geliebte eines Weißen. Bis auf die letzte Episode enthalten die Texte kaum ein kämpferisches, protestlerisches Element, es ist so, wie es ist, man muss sich arrangieren bzw. die Konsequenzen tragen…. aber letztlich ist es doch der Kampf der Aufständischen, der das System zermürben und zu Fall bringen wird…

Links und Anmerkungen:

[1] Schwarz und Weiß: natürlich sind diese Begriffe politisch nicht korrekt. Aber welche soll man nehmen? Wenn etwas oder jemand als minderwertig klassifiziert wird, wird jeder Begriff, der ihn kennzeichnet, diese negative Konnotation übernehmen. Ich verwende die Kategorien Schwarz/Weiß, weil letztlich Gordimer es auch macht und weil es in Südafrika genau das Kriterium war, aufgrund dessen….
[2] Wiki-Artikel zum Immorality Act
[3] Wiki-Artikel zu Nadine Gordimer

Nadine Gordimer
Gutes Klima, nette Nachbarn
diese Ausgabe: o.J. (vor 1991), S. Fischer Verlag (Fischer Bibliothek), HC, 144 S.,

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10 Responses to “Nadine Gordimer: Gutes Klima, nette Nachbarn”


  1. Mein Vater hatte in den 1960er- und 70er-Jahren geschäftlich mit Südafrika zu tun. Der südlichste Zipfel Afrikas hat mich schon als Kind fasziniert und magisch angezogen. Aber schon als Jugendliche und junge Erwachsene war mir die Apartheid immer zu tiefst verhasst und zuwider. Damals habe ich mir geschworen, dieses Land nie zu bereisen, so lange es die Rassentrennung gibt. Daran habe ich mich gehalten. Ich bin froh, dass man davon nur noch in Büchern nachlesen kann, auch wenn heute sicher noch nicht alles zum Besten ist.

    Deine Rezension ist grossartig und ich danke dir für die Vorstellung dieses Erzählbandes.

    LG buechermaniac

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    • flattersatz Says:

      ich danke dir herzlich für deinen kommentar. dann hast du ja einen ganz persönlichen bezug zu diesem land, auch wenn er nur indirekt und nicht sehr aktuell ist. für mich es dieses land mehr oder weniger „nur“ weit entfernter flecken erde mit einer schwierigen politischen vergangenheit – und einer wahrscheinlich ebenso schwierigen, wenn auch anders, zukunft…

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  2. atalante Says:

    Deine Rezension erlaubt mir einen sozusagen kollateralen und klandestinen Einblick in ein Frühwerk Gordimers. Danke!
    Homosexuelle Liebe wird in den Geschichten wohl nicht thematisiert. Wie wirkt der Sprachstil der Autorin in diesem Erzählungen auf Dich?

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    • flattersatz Says:

      Nein, delphine und andere wale spielen keine rolle in diesen geschichten. obwohl ihre art, sexualität durch andeutungen zu beschreiben, schon erwähnenswert ist. diese geschichten vom geologen und der kassiererin zum beispiel ist natürlich eine beziehungsgeschichte, aber der übergang zur einer intimeren geschichte findet in einem satz statt, mit dem übergangslos ein absatz beginnt, so ungefähr, daß sie ihn nach dienstschluss besucht hat, einige sachen aus dem geschäft mitgebracht hat, er ihr dies und das zeigtel und dann.. „… am morgen steht sie auf und zieht sich an.“ dieses übergangslose findet sich ja auch im aktuellen roman.

      wie der sprachstil auf mich wirkt? wie gesagt, unaufgeregt, etwas lakonisch, nicht kämpferisch, mehr beschreibend, dokumentierend, dabei aber hat er mich aber zu jeder zeit mitgenommen in die geschichte, es schafft trotz der nüchternheit atmosphäre: mit anderen worten, gut, sehr gut erzählte kleine episoden aus dem südafrikanischen alltag dieser zeit. ein in diesem stil geschriebenen roman würde ich jederzeit und ohne bedenken empfehlen…

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  3. […] Nadine Gordimer: Gutes Klima, nette Nachbarn. […]

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  4. Danke für diese großartige Besprechung, lieber Flatter Satz. Ich finde es toll, dass du parallel zu unserer gemeinsamen Lektüre, auch noch andere Texte von Gordimer entdeckst. Auch wenn mir „Keine Zeit wie diese“ nicht wirklich gefällt, möchte ich gerne noch weiteres von Gordimer lesen – ich befürchte, dass das Buch vielleicht auch ein Stück weit ihrem hohen Alter geschuldet ist und der Tatsache, dass sie es niemanden anderen hat vorher lesen lassen. ;)

    Viele Grüße
    Mara

    P.S.: Danke für deinen herrlichen Kommentar, atalante, ich musste schmunzeln! :)

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    • flattersatz Says:

      du spielst, liebe mara, auf die altersweisheit an, die sich in diesem, ihrem neuesten werk, möglicherweise breit gemacht hat? mag sein, mag sein, du bist ja nicht die erste, die einen solchen gedanken hegt…

      ich habe neulich mal einen aufsatz darüber gelesen, daß die meisten nobelpreisträger (es ging darin zwar wohl meiner erinnerung nach eher um wissenschaftler, aber wahrscheinlich läßt sich das übertragen) nach erhalt des preises kaum noch preiswürdiges gefunden, geschaffen haben…. warum sollte gordimer da eine ausnahme sein? andererseits verleiht der titel nobelpreisträger bestimmt auch eine gewisse freiheit und natürlich auch attraktivität, im fall der literatur auf verlage.. ein qualitätssiegel ist die auszeichnung dagegen nicht, bzw. nur für das Gewesene, schon Geschaffene….

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  5. Und dann trifft man sich wieder hier ;) Ich lese parallel zu Gordimer auch ein anderes Buch. Aber nichts von Gordimer, daher bewundere ich deinen Mut. Ich hätte mich einfach nicht überwinden können. Der Titel passt eigentlich auch ganz gut zu Abschnitten ihres aktuellen Buches.

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    • flattersatz Says:

      ach ne, mut .. so weit würde ich nicht gehen… ;-) ich war einfach neugierig, ob sie immer schon so „mühsam“ zu lesen war… ich würde auch jederzeit wieder ein buch aus dieser ihrer schaffensperiode lesen….

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  6. Verehrter Herr flattersatz,

    nun ist hier schon viel gesagt worden – viel Schönes und einiges zum Schmunzeln – aber ich wollte trotzdem nicht wortlos von dannen ziehen, ohne mich für deine fantastische Rezension zu bedanken!

    Tief verneigend mit Möwengeschrei von der See über dem Kopfe,

    Klappentexterin

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