Ilija Trojanow: Nomade auf vier Kontinenten

21. Oktober 2012

Vor einigen Monaten kam ich durch einen Nachlass in den Besitz einiger Bücher, Romane zumeist. Es hätten sehr viel mehr sein können (heute ärgere ich mich darüber), aber aus Platz- und anderen Gründen habe ich mich eben auf diese Romane, vllt zwei Umzugskartons voll, beschränkt. Unter diesen Büchern war auch als TB „Der Weltensammler“ von Trojanow [4], der seitdem in der engeren Wahl für zu Lesendes stand, an den ich jedoch nicht so recht ran wollte, ein einmaliges Anlesen hatte mir nichts gebracht.

Dann hatte ihn mir jemand empfohlen und ich habe mich doch ein wenig weiter in den Text hinein begeben und – siehe da: er packte mich: farbig, bunt, mitreissend geschrieben blätterte sich ein Schicksal, ein Leben vor mir auf, das seinesgleichen zu suchen schien.

Zum Glück ist der Roman nach Lebensstationen gegliedert, so daß ich, da andere Arbeiten anstanden, nach dem in Indien spielenden Teil des Buches dieses erst einmal beiseite legen konnte. Gott sei dank, weil ich dann einen weiteren Tipp bekam, und zwar vorher mich über die Entstehungsgeschichte des Buches, die wiederum ein eigenes Buch Wert ist, zu informieren. Schließlich hat die siebenjährige Recherche, die Trojanow für seinen „Weltensammler“ brauchte, den Autoren fast so abenteuerlich wie sein Subjekt durch die Welt geführt, ihn zum Wanderer, zum Nomaden werden lassen…

Wer würde nicht bei diesem Begriff „Nomade“ im Titel sofort an Bruce Chatwin, den rastlosen die Welt bereisenden Schriftsteller und Fotografen denken? Dieser vertrat ja die Ansicht, das Wandern, das Herumziehen, Nomadisieren wäre die wahre Natur des Menschen, erst mit dem sesshaft werden wäre die Aggressivität beim Menschen aufgekommen. Sein Buch „Traumpfade“ ist ganz dieser These am Beispiel der Aborigines in Australien gewidmet. Ähnlich wie Chatwin war auch Burton ein Rastloser, ein Wanderer, in einem anderen, übertragenen Sinn sogar noch mehr als Chatwin: Burton [2] wanderte nicht nur geographisch gesehen, er überschritt auch die interkulturelle Grenze, wurde zum Wanderer zwischen den Kulturen, indem er versuchte, sich den Menschen anzugleichen, vllt sogar einer von ihnen zu werden (eine Unternehmung, die prinzipiell zum Scheitern verurteilt ist/war, denn egal, wie sehr er sich in eine andere Kultur hineinbegibt: die Rückkehr in seine angestammte ist ihm – im Unterschied zu den anderen – als allerletzte Möglichkeit nicht zu nehmen). Und auch Trojanow zeigt diesen Zug, diesen Drang, zu wandern… als Wohnorte werden Städte in mehreren Kontinenten angegeben und den Spuren Burtons möglichst an den Originalschauplätzen nachzugehen, ist sicherlich die intensivste Form der Recherche, aber sie setzt diese unbedingte Lust am Reisen, am Ortswechsel voraus.


Das Buch ist schon in seinem Äußeren ein Schmuckstück. Auf 90 gr Papier gedruckt liegt es satt in der Hand, mit einem schönen Schutzumschlag, der ein fast samtiges Gefühl vermittelt, wenn man mit der Hand darüberstreicht. Aufgeschlagen präsentiert es sich im Zweifarbendruck, Zitate Burtons sind in grün gehalten, die Texte Trojanows [3] in schwarz. Sie wechseln sich ab, gehen in einander über, ergänzen sich. Geschickt baut Trojanow seine Berichte um die Burtons herum, vergleicht Erfahrungen, Teile des Textes sind wie im Duett der beiden Schriftsteller komponiert, abwechseln berichten Burton und Trojanow vom gleichen Ereignis, das beide erlebten. An einer Stelle transformiert Trojanow einen Burton´schen Text in die Gegenwart, in dem die alten, damals gültigen Begriffe durch die modernen der Jetzt-Zeit ersetzt werden… Dies alles aufgelockert durch Abbildungen und Skizzen, im „arabischen“ Teil des Berichts zieht sich in einem grünen Band quer über alle Seiten die erstmalige Übersetzung eines Gedichtes von Burton („The Kasidah“).

Der Indus, dieser Gigant unter den Flüssen, an dessen Ufer eine der ältesten Zivilisationen der Menschheit heimisch war, trennt den Sind vom Hind, das westlich von ihm gelegene Land vom östlichen. Die beiden Regionen, grob und mit der heutigen politischen Namensgebung Pakistan und (Nord)Indien, unterscheiden sich auch klimatisch und daher in Fauna und Flora wesentlich: Der Sindh ist eine karge, arme, sandige Wüstenlandschaft, während Indiens Vegetation in überwältigender Pracht wuchert. In Indien läßt Troganow seine Recherche beginnen. Wir begleiten ihn zu einem Archivar in Shimla, einer Stadt in den kühlen Regionen des Vor-Himalaja, ein beliebtes Refugium einstiger Kolonialherren und auch Jetziger, die es sich leisten können. Dort findet unser Autor eine Erstausgabe der von Burton erstmals ins Englische übertragenen Geschichten aus 1001 Nacht – für 10.000 US$ und der Archivar ist nicht auf Handeln aus, die Bücher sind ein Erbstück, das schon lange im Lager steht. Von seinem Bruder besorgt sich Trojanow die geforderte Summe [5] und vom Archivar erhält er eine Kontaktadresse in Goa, der alten portugiesischen Enklave an der Westküste Indiens, in neuerer Zeit ein Fluchtpunkt westlicher Aussteiger und Sinnsucher. Dort soll ihm Carlo de Cunha, alteingesessen, mehr über Burton erzählen können, vor allem aber über seine verschwundenen Notizbücher.

Ich muss jetzt der Versuchung widerstehen, ähnlich wie Trojanow Burtons Weg nachreist, wiederum dem Buch nachzureisen, allzu viel und vor allem allzu ausführlich zu erzählen. In den Finger juckt es ja schon… Jedenfalls geht es von Goa aus zu einer neuen Adresse, einer neuen, diesmal südindischen Sommerresidenz, wo der Autor beim erzwungenen Golfen auch nicht sehr viel Genaueres erfährt und schließlich nach Bombay, vielmehr Mumbai, wo er (auch) wohnt, zurückkehrt. Dort wird er von einem Sexualtherapeuten über das indische Verhältnis zur Erotik  (so frei es früher war, so prüde ist es heute) aufgeklärt, in Baroda, wo Burton seinerzeit als Lt. stationiert war, trifft er einen Maharadscha, mit der er parliert und so weiter und so weiter….

Es sind immer Momentaufnahmen, die dort auf den Leser warten, Gespräche, die sich der politischen, gesellschaftlichen Entwicklung widmen, zu denen als Vergleich Texte von Burton herangezogen werden, Beschreibungen von Landschaften und Städten… Aha-Momente beim Lesen, vieles ist neu, noch nie gehört oder gelesen, sehr interessant und kurzweilig… nach Pakisten (von hier, dem fernen Deutschland ausgesehen) grob dem Sindh entsprechend, in das Burton von Baroda aus ging, kam Trojanow nie: aktuelle politische Entwicklungen machten jeden der drei Anläufe, dorthin zu fahren, zunichte…

Um so interessanter der Abschnitt über Arabien. Trojanow beschreibt eine Hadsch, die er von Bombay aus mit Bekannten unternimmt. Eine Hadsch, die moslemische Pilgerreise nach Mekka, (mit Einschränkungen) eine Pflicht für jeden Muslim, stellt sich als wahres Extremunternehmen heraus, angesichts der Millionen Pilger eigentlich kein Wunder. Immer wieder liest man ja über Tote, die es bei Massenpaniken gibt und wenn man die Darstellungen von Trojanow und Burton, die im Grunde trotz der dazwischen liegenden Zeiten austauschbar sind, betrachtet, verwundert das nicht…. ein desorganisiertes, chaotisches Unterfangen in einem infrastrukturellen und hygienischen Nirwana…

Die nächste Station der Nachreise ist Ostafrika, sie startet in Sansibar, der Insel vor der Küste Tansanias. In dieser Region der Welt (Insel und Festland) haben sowohl Briten als auch Deutsche ihre Spuren hinterlassen, Bauwerke, eine Eisenbahn mit überdimensionierte Bahnhöfen, vieles erinnert an diese Zeit und vor allem an die dazwischen liegenden Zeiträume: der Verfall der Gebäude ist atemberaubend und mit stoischem Gleichmut hingenommen. Verflossene Pracht…. Trojanows begibt sich auf die Spur seines Helden, der sich 1856 auf eine Expedition zur Entdeckung der Quellen des Nils begab und dann anderthalb Jahre später den Tanganjika-See erreichte [1], nicht jedoch die gesuchten Quellen. Die Nachreise war kürzer, 2 Monate war der Autor unterwegs, niemals wirklich in Gefahr, niemals auch nur annähernd so krank wie Burton und sein Begleiter… eine ungeahnte Strapaze trotzdem der Marsch durch Wüstenlandschaften und Dschungel, durch Täler, über Bergketten hinweg und in schmalen Booten auf Flüssen…

Auch hier Begegnungen, Reiseeindrücke, Vergleiche mit Burtons Texten.. vllt war Trojanow Burton nie so nahe wie auf diesem Marsch, vllt sind beide an denselben Baobabs vorbei gekommen…. es sind zum Teil uralte Wege, Pfade, die gegangen werden müssen.. eine Reise auch in die Innerlichkeit, weg vom Lärm der Siedlungen. Es ist nicht so, daß Burton ein Mann ohne Fehler gewesen sei, seine Ansichten über die eingeborene Bevölkerung sind wenig schmeichelhaft.. viele gewachsene Strukturen wurden von der Kolonisation zerstört, Grenzen willkürlich gezogen, bewährte Lebensweisen ausser Kraft gesetzt… es wirkt nach, bis in heutige Zeiten…

Die letzte Station, nein, die vorletzte, liegt in den USA, am Großen Salzsee. Burton hat seinerzeit einen relativ neutralen Bericht über die Mormonen verfasst, er ihn heute noch in deren Augen ehrt. Aber für Trojanow hört die Reise in Salt Lake City auf, er spürt, daß er ein Ende erreicht hat. Die letzte Station für Burton dagegen war Triest, dort war er die letzten zwanzig Jahre seines Lebens offziell auf diplomatischer Mission, in Wahrheit wurde er abgeschoben, da er den Offiziellen in seiner Art unbequem geworden war. In Triest starb er 1890 auch und viele seiner Schriften gingen in einem Autodafé verloren, einer Verbrennung, veranlasst von seiner Frau….

„Nomade auf vier Kontinenten“ ist ein wunderbares Buch. Reisen bildet – auch den Leser des Reiseberichts. Vieles wird angesprochen in diesem Text, Hintergründe, Zusammenfassungen, Überblicke, Reminiszenzen, Alltägliches und Skurriles wird erzählt. Ich bewundere und bendeide diese Reisenden mit ihrer Fähigkeit, immer wieder auf interessante Menschen zu treffen, die ihren Horizont weiten und erweitern… und diese Nachreise auf den Spuren eines so bemerkenswerten Mannes wie Burton ist doppelt interessant – und Recht hat sie, die mir den Ratschlag gab, dieses Buch zu lesen bevor ich mich an den „Weltensammler“ gebe…..

Anmerkungen:

[1] Hier irrt die wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Tanganjikasee. Burton hält den See nicht für den Quellfluss des weißen Nils, ganz im Gegenteil zerstreitet er sich mit seinem Reisegefährten, der diesen Ruhm der Entdeckung trotz äußerst mangelhafter Faktenlage für sich beansprucht
[2] Wiki-Artikel zu Richard Francis Burton
[3] Ilija Troganow: (i) die Homepage und der Wiki-Artikel
[4] Buchvorstellung von Ilija Troganow: Der Weltensammler auf aus.gelesen
[5] wie ich aus einer persönlichen Mitteilung einer Hörerin/Leserin weiß, hat Trojanow diese Anektdote auf einer Lesung ausdrücklich als wahr bestätigt

Ilija Trojanow
Nomade auf vier Kontinenten
Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton
diese Ausgabe: Eichborn, Die Andere Bibliothek Bd 296, 440 S., 2007

 

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2 Responses to “Ilija Trojanow: Nomade auf vier Kontinenten”


  1. Diesem Neid kann ich mich anschließen, nur als Armchairtraveller mitreisen zu können, aber wahrscheinlich würde mir auch der Mut zu solchen abenteuerlichen Reisen fehlen …
    ich bin schon auf Ihre Besprechung des Weltensammlers gespannt, in dem er seine Reise romanhaft umsetzt und wie er das tut, auch da muß man als Leser bereit sein, sich dem zu öffnen, dann läßt einen das Buch aber wirklich nicht mehr los…
    beide Bücher waren für mich ein großer Gewinn, eigentlich bisher alle Bücher, die ich von ihm gelesen habe und ihm auf Lesungen zuhören zu dürfen, wer dazu die Gelegenheit hat, sollte es nicht versäumen.
    Was die wunderbare Ausstattung des Buches anbelangt….das könnte nie ein Kindle ersetzen und den Besuch seiner.Homepage kann ich auch nur empfehlen.
    Herr Trojanow hätte bestimmt seine Freude an Ihrer Besprechung, lieber Flattersatz.

    mit sonnigen Grüßen in den Sonntag

    Karin

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    • flattersatz Says:

      liebe karin, ganz herzlichen dank für das lob – und, sie sind ja nicht ganz unschuldig daran, daß ich mich an die lektüre „trojanow“ heranbegeben habe… der weltensammler wird leider noch etwas dauern, aber er kommt ganz gewiss!

      ja, solche bücher sind ein argument gegen die elektronisch zu lesenden, aber leider wird dieses argument immer mehr eins nur für eine minderheit werden. ob es uns gefällt oder nicht, die zukunft gehört in der einen oder anderen weise den e-books….

      … und ob herr trojanow tatsächlich freude an dieser besprechung hat, werde ich vllt erfahren, das allumfassende internet bietet ja die möglichkeit, ihn auf deren existenz hinzuweisen – ganz still und verschämt… ;-)

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