Erika Veld: Klein, still & weiß

17. Oktober 2012

Ich bin eine Tochter. Ich habe Eltern. Alte. Beide weit über achtzig. Und ich merke ihnen an, wie schwer es ist, Dinge aufzugeben. .. Weil man sich so, wie es ist, gut aufgehoben fühlt. Es muss abscheulich sein, wenn man merkt, wie man langsam abrutscht. Ins Kleine und Leere.“

Die Familie ist früh zerbrochen, am Vater, der wohl an keinem Rock vorbei gehen konnte. Er, ein erfolgreicher Geschäftsmann, lief den Frauen nach, obwohl er verheiratet war und Kinder hatte. Sandra, die Erzählerin, erinnert sich, wie sie als neunjährige mit ihrem Vater und seiner Gespielin in Südfrankreich war und deren Laute aus dem Nachbarzimmer sie nächtens vom Schlaf abhielten.

Jetzt ist sie zusammen mit ihrer Schwester Evelien in der Wohnung des Vaters und reinigt mit Spatel und Kratzer die Fenster.. Die Wohnung ist verwahrlost so wie der Bewohner auch. Diesen kümmert das alles nicht, die Unruhe stört ihn, er sorgt sich eher darum, daß beim Reinigen keine seiner geliebten Spinnen getötet werden, er sorgt sich um die Dutzenden von Tauben, die er täglich füttert, um die Enten aus dem nahen Kanal, die in Reih´ und Glied stehen, wenn er mit seinem alten Auto ankommt und den Eimer mit Futter vor ihnen ausleert. Zumindest sind die Ratten weg aus dem Haus, die er anfänglich auch versorgte, bis es selbst ihm zu viel wurde. Im Bett fand sich der Rattenkot, auch der von Mäusen….

Am Geld scheitert es nicht, auch seinen Töchtern gibt er davon, reichlich. „Hab´ ich dir schon Geld…“ – „Ja, Vater, du hast!“ Wenig später: „Hab´ ich dir schon…“ – „Ja, du hast!!“

Seit vierzig Jahren, seit der Scheidung, lebt die Mutter in ihrer eigenen Wohnung. Sicher, sie vergisst mittlerweile manches, manchmal fällt ihr auch ein Wort nicht ein oder daß sie dies und jenes schon einmal erzählt hat. Im Lauf der Zeit kommt anderes hinzu, sie sucht so vieles in ihrer Wohnung und findet so vieles, was sie nicht kennt. Der Schrank zum Beispiel neben der Tür, wem gehört er? Die vielen Leute, die immer in ihrer Wohnung sind, die aber nur sie sieht… und wo hängt die Hausordnung, es muss doch Regeln geben, das Personal ist ebenfalls nicht zu sehen, nur diese vielen Gesichter, die sie nicht kennt… Anrufe bei den Töchtern, mitten in der Nacht. Am Telefon dann plötzlich Stille.. ist was passiert? Was jetzt machen, was kann man unternehmen?

Ich weiß schon, daß diese Leute gar nicht da sind, aber ich sehe sie nun mal! Und sie sehen so echt aus, als ob da zwei Welten verschmelzen würden. Ich weiß bloß nicht, welche die richtige ist.

Der Hausarzt endlich, den man wegen der Halluzinationen holt, nimmt das Wort „Demenz“ in den Mund, an das die Töchter nicht dachten, das sie nicht wahrnehmen wollten. Die eigene Mutter dement… Wie so oft beschrieben, verdrängten auch hier die Nächsten diesen Gedanken, wollten ihn nicht denken. Aber jetzt, ausgesprochen, erklärt er so vieles, fügen sich so viele kleine Details in ein Bild: die Welten trennen sich, die Welt, in der die Mutter lebt, verschwindet in einem Nebel, sie wird still, klein und weiß… von außen kaum noch erfassbar..

Der Vater muss ins Krankenhaus, ist zusammengebrochen. Es setzt sich die Erkenntnis durch, daß er nicht mehr alleine seinen Alltag organisieren kann, die Hilfe durch soziale Dienste klappt mehr schlecht als recht, er will es nicht. Als er schließlich noch einmal ins Krankenhaus muss, besorgen ihm die Töchter von dort aus ein Zimmer in einem Heim. Er wehrt sich nicht mehr dagegen, denkt nicht mehr ans eine Tauben und Enten, wird apathisch..

Auch für die Mutter wird es immer problematischer. Ihr wird die Wohnung zum Feind, die fremden Gesichter, die sie sieht, wem gehören all die Sachen in den Räumen, der Flur, was erwartet sie am Ende des Flurs, da, es klingelt, ich muss die Tür öffnen aber wie, wie bekomm ich sie nur auf? Abgeschlossen ist sie, der Schlüssel – irgendwo… noch kann sie in der Not die Töchter anrufen, mitten in der Nacht, manchmal gelingt es, sie zu beruhigen, oft gelingt es nicht und man muss zu ihr fahren… letzlich, so schwer die Entscheidung auch fällt, kann die Mutter auch nicht mehr allein wohnen, auch für sie bleibt nur der Gang ist Heim.

Veld bezeichnet ihr Buch als „Roman“, beim Lesen drängt sich einem aber sehr der Eindruck auf, hier berichtet jemand aus eigener Erfahrung. Sie läßt die Geschichte im wesentlichen von Sandra, der jüngeren Tochter, erzählen, oft gibt sie sie in inneren Monologen wieder, mit denen Sandra sich mit der Situation auseinandersetzt. Sie führt fiktive Gespräche mit ihrer Mutter, sie erzählen sich von früher, die Nähe der Tochter zu ihrer Mutter ist spürbar, auch die Trauer über das, was jetzt unaufhaltsam verloren geht und das, was mit diesem Verlust für immer verschüttet wird, verloren bleibt: das Wissen um früher, wie es am Anfang zum Beispiel mit dem Vater war, das der Mutter entschwindet und das die Tochter so gerne erfahren würde….

Neben den Momenten der Trauer, der Verzweifelung und der Melancholie gibt es auch solche der Wut, des Zorns. Hätte, wäre, würde…. warum habt ihr euch verdammt noch mal nicht frühzeitig selbst um euer Alter gekümmert? …es nutzt nichts, es ist so, wie es ist… beim Ausräumen des väterlichen Hauses entdeckt Sandra Briefe, die sie einst dem Vater schrieb, Briefe mit Grüßen, mit Bitten, mit Fragen.. der Vater ist auf jedem Bild mit den Töchtern, es ist ein anderer Vater, ein freundlicher, fürsorglicher, dessen Existenz sie vergessen hatte vor der des griesgrämigen Greises, zu dem er geworden ist. Das Ausräumen des Hauses, das Abwickeln einer menschlichen Existenz, von -zig Jahren Leben, das Sortieren, das Verwerten, ja, auch das Wegwerfen von Sachen, die einmal wichtig waren… nicht nur ein Haus, ein Leben wird abgewickelt…

Ein Leiden der Eltern wirft die Kinder auf sich selbst zurück. Wie wird es sein, wenn ich einmal… wer wird sich um mich kümmern? Evelien hat Kinder, ich, Sandra, nicht… Oft ist der Vater wie ein Fremder, ein emotionaler Bezug fehlt. Manchmal spielen die Kinder kleine Gehässigkeiten aus, rauchen in seinem Zimmer: er hat schließlich seine Zigarren auch immer ohne jede Rücksicht auf andere geraucht. Nicht vom Fahren ist es Sandra im Auto als Kind immer schlecht geworden… sie machen sich lustig über das kreisrunde, zahnlose Loch in seinem Gesicht, hängen die Bilder der von ihm zu Tode gemästeten, aber so sehr beweinten Hunde in sein Zimmer… und doch: erst jetzt, in seiner Demenz, kann der Vater Evelien sagen, was er dem Kind, der jungen Frau nie sagen konnte: wenn du wieder weg bist, denk ich dran, daß du hier warst, dort gesessen hast, dort gestanden….

„Klein, weiß & still“ ist ein sehr ehrliches Buch, es schildert den langen Weg, den es braucht oder brauchen kann, bis man erkennt und akzeptiert, daß die Eltern an Demenz erkrankt sind. Als Kind wächst einem so, mag sein sogar von einem Tag auf den anderen, die Verantwortung zu für ein weiteres Leben, eine Verantwortung, für die man erst einmal gar nicht gerüstet ist, für die man vllt gar keine Ressourcen hat, keine Zeit und auch keine Lust. Aber man hat auch keine Wahl, auch wenn man immer öfter zum Fremden wird für die eigene Mutter. Es ist die Stelle, an der Sandra ihrer Mutter etwas zu Essen macht, sich selbst beim Pizzamann um die Ecke etwas holt und wieder in die Wohnung zurückkehrt, um dort mit ihrer Mutter zu essen. Diese ist verärgert und sauer, sie schimpft. Natürlich – so erkennt die Tochter später – wem würde es schon gefallen, wenn ein Fremder zu einem ins Haus käme, um sich zum Essen nieder zu setzen…..

Es gibt auch glückliche Momente, das sind die, in denen nicht das Kognitive angesprochen wird. In denen gespielt wird, in denen dumme Witze gemacht werden, in denen gelacht wird…

„Sie müssen auch bedenken, was Sie ihrer Mutter vorenthalten, wenn Sie sie nicht ins Heim geben.“

Es ist sicher mit einer der schwersten Entscheidungen, seine Eltern aus der Wohnung, dem Haus, in dem sie unter Umständen Jahrzehnte lebten, herauszuholen und in ein Heim (oder eine andere Einrichtung) zu geben. Aber spätestens, wenn die eigenen vier Wände anfangen bedrohlich zu werden, fremd zu werden, zum Feind zu werden, wenn die Gesichter der nächsten Menschen nicht mehr erkannt werden, stellt sich die Frage anders: schiebt man eine Unterbringung der Eltern vor sich her, weil diese oder weil man selbst noch nicht damit leben kann? In Velds Text wird sehr deutlich, wie problematisch (und nervlich aufreibend) es ist, Menschen mit fortgeschrittener Demenz allein in einer Wohnung leben zu lassen. Ein Heim bietet vieles, was die eigene Wohnung nicht bieten kann: Sicherheit, Routine, Kontrolle. Es entlastet den Dementen, der gefühlte Verantwortung abgeben kann, die Routine gibt ihm Sicherheit und die Gesellschaft anderer kann ihn möglicherweise aktivieren. Natürlich, nicht jede Einrichtung ist gleich qualifiziert, man muss sich (frühzeitig!) kümmern….

„Klein, still & weiß“ zu lesen ist ein sehr nachdenklich und auch betroffen machendes Ereignis, ein Gewinn ist es in jedem Fall. Wie schön, daß es zumindest antiquarisch noch erhältlich ist….

Links und Anmerkungen:

Weitere biographische und fiktionale Bücher zum Thema “Demenz” in meinem Blog:

– Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage
– Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater
– Martin Suter: Small World
– Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
– Sophie Rosentreter: Komm her, wo soll ich hin?

Erika Veld
Klein, still & weiß
übersetzt aus dem Niederländischen von Rosi Wiegmann
Deuticke, HC, 160 S., 1999

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3 Responses to “Erika Veld: Klein, still & weiß”

  1. snoopylife Says:

    Danke!!! ich klau das mal gleich für meine Buchliste :-)

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  2. Die Ehrlichkeit in diesem Buch habe ich auch bewundert, die Schriftstellerin erspart sich und uns nichts und doch ist es auch wieder versöhnlich und fordert dazu auf, das eigene Denken zu diesem Thema zu hinterfragen.
    „Als Kind wächst einem so, mag sein sogar von einem Tag auf den anderen, die Verantwortung zu für ein weiteres Leben, eine Verantwortung, für die man erst einmal gar nicht gerüstet ist, für die man vllt gar keine Ressourcen hat, keine Zeit und auch keine Lust.“ das ist genau der Punkt, um den es hier geht und über den Eltern und Kinder unbedingt früh genug sprechen sollten.

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