James McBride: Die Farbe von Wasser

14. Oktober 2012

James McBride ist als achtes Kind von insgesamt zwölfen der Ruth McBride geboren worden. Von seinem Vater Andrew Dennis McBride war er das letzte der Kinder, mit seinem Stiefvater Hunter Jordan, den seine Mutter nach dem Krebstod ihres ersten Mannes heiratete, wuchs die Familie noch um weitere vier Köpfe, bevor auch dieser Mann an den Folgen eines Schlaganfalls starb.

Die Mutter Ruth wurde als Ruchel Dwajra Zylska 1921 in Polen als Tochter einer jüdischen Familie geboren. Als sie zwei Jahre alt war, wanderte die Familie Zylska nach Amerika aus und amerikanisierte ihre Namen, so wurde aus dem kleinen Mädchen Rachel Deborah Shilsky.

Rachel Deborah Shilsky starb 1942, ihre Familie sprach das Kaddish und saß schiwe für sie. Sie lebte fortan ohne Familie als Ruth McBride an der Seite ihres schwarzen Mannes in New York. Dieses Sterben ist mehr als nur metaphorisch gemeint, die Trennung der jungen Frau von ihrer Familie ging auch auf ihrer Seite so tief, daß James McBride vierzehn Jahre lang intensiv über diese Zeit recherchieren musste, bis er schließlich auch seine Mutter bewegen konnte, aus ihrem früheren Leben zu erzählen, um letztlich dieses Buch schreiben zu können.

Der Autor, Musiker, Komponist, Schriftsteller und Journalist [1] baut seine „Erinnerungen“ genannte Biographie in zwei um Jahrzehnte zeitversetzte Ebenen auf. Das ist zum einen die Geschichte seiner Mutter, die so in den Endzwanziger, Dreißiger Jahren einsetzt, also der Zeit, in der die USA unter der Großen Depression [2]. Die Familie Shilsky war mittlerweile nach Suffolk, Virginia, gezogen. Der Vater arbeitete dort als Rabbi, auch betrieb die Familie einen Kramladen, in dem der Vater vor allem den Schwarzen Waren zu völlig überhöhten Preisen verkaufte. Der Vater, um es kurz zu sagen, taugte nichts. Er hasste die Schwarzen genauso wie er seine Frau nicht liebte, sie später betrog (mit einer Christin), wie er seine Kinder mit dem Gürtel prügelte und sie als billige Arbeitskräfte im Laden missbrauchte. McBride bemerkt an einer Stelle, daß man heute davon sprechen würde, daß er seine Frau (die infolge einer Kinderlähmung behindert war) misshandelte, damals sagte man: sie ist seine Frau… zu allem belästigte er auch seine Tochter Rachel sexuell. Was er liebte, war das Geld.

So wuchs Rachel fast isoliert auf: zwar ging sie zur Schule, aber als Jüdin war sie nicht sonderlich gelitten, zumal ihr Vater, in dieser Zeit, in der der Klan offen auftrat und die Flusskrebse sich des öfteren an dunkelhäutigem Menschenfleisch sättigen konnten, mit Schwarzen Geschäfte machte. Nach der Schule war sie den Rest des Tages mit Arbeiten im Laden beschäftigt, und der Vater sorgte dafür, daß sie für nichts anderes Zeit hatte. Eine einzige Freundin hatte Rachel in dieser Zeit, Frances, die der Autor Jahrzehnte später wieder ausfindig machen sollte.

So nimmt es nicht wunder, daß sich die junge Rachel langsam, aber sicher in den ersten jungen Mann, der sie umwarb, sich Mühe mit ihr machte, sie zum Lachen brachte, verliebte. Es war eine lebensgefährliche Liebe, denn wenn der Klan davon erfahren hätte, wären wahrscheinlich sie beide getötet worden…. ein Kind wuchs in ihr heran und die Mutter schickte das Mädchen zu Verwandten nach New York. Einer der Tanten dort vertraute sie sich in ihrer Not an und diese organisierte eine Abtreibung.

Der Bruch mit der Familie bahnt sich an, immer wieder unterbrochen, weil Ruth ihre Mutter nicht im Stich lassen will. Als sie aber sich aber dann in Dennis McBride verliebt und mit ihm zusammenzieht, verstößt die Familie sie. Seit dieser Zeit lebt Ruth unter Schwarzen und sie fühlt sich wohl dort, findet Wärme und Geborgenheit, obwohl das Erscheinen einer Weißen als Freundin eines Schwarzen auch bei diesen erst einmal Erstaunen hervorruft. Es ist auch nicht so, als ob sie von jedem gut gelitten wäre, aber die überwiegende Zahl der schwarzen Bekannten ihres Mannes akzeptieren sie ohne Wenn und Aber.

Die McBrides lebten nie wirklich im Überfluss, ein Kind kam nach dem anderen, alle Schattierungen der Hautfarben waren vertreten. Ruth, die bei ihrem Vater immer nur im Laden gearbeitet hatte, konnte nicht kochen, das Führen eines Haushalts hatte sie nie gelernt, aber sie liebte ihre Kinder, sie konnte ihnen das geben, was sie selbst zuhause so vermisst hatte. Sie brach auch mit der jüdischen Religion und trat zum Christentum über, sie gründete mit ihrem Mann sogar eine eigene Kirche in New York, deren Anfänge in ihrem Wohnzimmer waren.

1957 starb ihr Mann an Krebs. Bis zum Schluss hatte man ihr verschwiegen, an welcher Krankheit Dennis McBride litt. Der Tod ihres Mannes nahm Ruth sehr mit, es war der Mensch, mit dem sie seelisch verwachsen war, es war die Liebe ihres Lebens. Trotzdem heiratete sie relativ schnell danach wieder, auch Hunter Jordan ein Schwarzer, ein Mann der Praxis, ein Handwerker. Er zog erst garnicht in den Haushalt der McBrides bzw. Jordans ein – er hätte das Chaos nicht ertragen –  sondern blieb in seiner eigenen Wohnung und kam nur an den Wochenende mit seiner Familie zusammen. Aus dieser Ehe stammen weitere vier Kinder, bevor Hunter nach vierzehn Ehejahren an den Folgen eines Schlaganfalls starb.

Dieser Tod war die Familie fast völlig aus der Bahn. Die Mutter hatte in ihrer eigenen Trauer keine Kontrolle mehr über die noch im Haus befindlichen Kinder, James, der jetzt als Ältester ihre Stütze hätte sein müssen, war in der Pubertät und wurde durch die Ereignisse auch sehr mitgenommen. Er schmiss die Schule und war nahe dran, eine „Karriere“ als Kleinkrimineller zu machen. Letztlich fing sich die Familie aber wieder….

Das Buch schließt dann mit einem kleinen Rückblick über die Entstehungsgeschichte des Buches, die Recherchen des Autors, seine Reisen zurück in die Gegend, in der seine Mutter groß geworden war. Dort traf er noch Menschen, die Rachel kannten, die sich erinnerten, gut an sie erinnerten, sie grüßen ließen. Auch Frances, ihre Schulfreundin fand er, diese – so sagte sie – war immer überzeugt davon, eines Tages wieder mit Rachel zusammen zu treffen. Sie sollte Recht behalten.

Obwohl Ruth dem jüdischen Glauben abschwor, war sie doch sehr im jüdischen verhaftet. Was angesichts der Familienverhältnisse und der relativen Armut kaum glaubhaft erscheint, aber alle zwölf Kinder haben gute Berufe gelernt, haben teilweise studiert und stehen fest im Leben. Lernen und Bildung, das waren die Pfeiler der Erziehung, die Ruth ihren Kindern gab, und dafür war sie bereit, wie eine Löwin zu kämpfen. Sie selbst fing mit 65 Jahren noch ein Studium an und engagierte sich ehrenamtlich für obdachlose junge Mütter.

McBrides Erinnerungen sind sehr bemerkenswert, nicht nur wegen der individuellen Schicksale, die sie umfassen, sondern auch wegen der Schilderung der Lebensumstände in den USA in den 30er und in den 70ern. Die Große Depression, die Rassenunruhen im Süden der Staaten, aber auch die allgemeine Diskriminierung der Schwarzen. In den 60ern dann das Aufkommen der Black Power Bewegung und die Demonstrationen, die Unruhen unter den jungen Leuten, all das gehört zum geschilderten Lebensumfeld der McBrides der verschiedenen Generationen.

Dabei hält sich der Autor in seinen Schilderungen zurück. Er verklärt seine Mutter nicht zu einer Heiligen, sondern beschreibt sie, charakterisiert sie mit all ihren Stärken und Schwächen. Zwischen den Zeilen spürt man die Liebe des Sohnes zu ihr und den ungeheuren Respekt vor ihrer Lebensleistung und diesen Respekt hat sie sich weiß Gott verdient!

„Die Farbe von Wasser“ ist die Biographie eines herausragenden Lebens, eines Lebens, in dem Ruchel als kleines jüdisches, weißes Mädchen beginnt und als Ruth, Mutter von zwölf farbigen Kindern endet. Es ist ein Leben voller Entbehrungen, voller Not, aber auch voller Glück und Erfolge. In seiner zurückhaltenden, distanzierten Art der Beschreibung hat James McBride ihm ein würdiges und berührendes Denkmal gesetzt.

Links und Anmerkungen:

[1] Homepage des Autoren: http://www.jamesmcbride.com/
[2] Wiki-Artikel zur „Great Depression
[3] das Bild zeigt den Autor mit seiner Mutter, es ist dieser Quelle entnommen

James McBride
Die Farbe von Wasser
übersetzt aus dem Englischen von Monika Schmalz
diese Ausgabe: Berlin Verlag, HC, 320 S., 1999

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6 Responses to “James McBride: Die Farbe von Wasser”

  1. snoopylife Says:

    Interessant! Danke für die Rezension :-)

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  2. atalante Says:

    Die Schicksale sind individuell, die Erfahrungen, die durch Ausgrenzung und Diskriminierung gemacht werden, sind leider quer durch Kulturen und Gesellschaften vergleichbar. Danke für Deine Rezension, die Thematik erinnert mich auch an unsere Gordimerprojekt.

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    • flattersatz Says:

      vielleicht liegt das eigentliche „wunder“ darin, daß wir menschen in den letzten jahrhunderten (einem kurzen wimpernschlag in unserer geschichte) überhaupt fähig gewesen sind, ein moralisches und ethisches gewissen zu entwickeln, daß solche diskriminierungen und ausgrenzungen als solche erkennt, verurteilt und anzuschaffen versucht, egal, wie unzulänglich das auch in der praxis sein mag….

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  3. Diese wirklich überaus bemerkenswerte Biographie habe ich auch sehr gern gelesen, lieber Flattersatz. Schön, dass du sie rezensierst, das Buch ist ja schon ein bisschen älter, es wäre aber schade, wenn es in Vergessenheit geriete.

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    • flattersatz Says:

      das ist ja das schöne, bücher können zwar alt sein, aber deswegen sind sie noch lange nicht veraltet… du hast recht, man würde dem buch mehr leser wünschen. ich glaube, bei syn-ästhetisch findet sich auch noch eine besprechung….

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  4. Sylvia Bandelow Says:

    Ich habe das Buch in dem Nachlass meiner Mutter gefunden. Es ist ein Hörbuch. So nebenbei legte ich eine Cassette ein; und sofort war ich gefesselt von diesem fantastischen Buch. Noch bin ich nicht fertig mit dem Hörbuch, aber ich weiß schon jetzt, dass ich das Buch bestimmt noch einmal hören muss: Es ist total faszinierend….

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