Jürg Amann: Der Kommandant

11. Oktober 2012

Jeder, der einen Text, wie ich es zum Beispiel in schöner Regelmäßigkeit alle vier Tage halte, zusammenfasst, den Inhalt wiedergibt, Zitate aufführt und ggf. sogar ein solches als Motto seinem Text voranstellt, macht zweierlei: zum einen stellt er das Werk vor und versucht, seinen Inhalt, seine Stimmung, seinen Charakter wieder zu geben, zum anderen bringt er durch seine individuelle Art seine eigene Sicht mit ins Spiel. Ganz offensichtlich wird dies, wenn man zum Beispiel drei Blogeinträge zu einem Buch gegeneinander hält: sie werden so unterschiedlich sein wie die Verfasser/innen.

Jürg Amann hat in seinem Buch („Monolog“): „Der Kommandant“ die Aufzeichnungen des ehemaligen Lagerkommandaten von Auschwitz, die dieser in Haft anfertigte [1], zusammengefasst und auf ihre „Essenz hin zugespitzt„. In der Banalität, in der große Teile der Texte erscheinen, liegt eine schier unfassbare Ungeheuerlichkeit, das Töten, das Morden wird in geradezu obszöner Art und Weise zu einer Handlung des täglichen Lebens trivialisiert. In dieser von Amann präsentierten Dichte ist die Entartung des/r Menschen zur nichts in Frage stellenden Tötungsmaschine kaum auszuhalten.

Das Dritte Reich hat (wenn auch in besonderer Art und Weise, aber leider ist dies trotzdem kein Alleinstellungsmerkmal) wie andere Terrorregime auch mit Erfolg an die immanente Bestialität vieler Williger appelliert und ihnen ein Betätigungsfeld gegeben. Wie es Lem seinen Aspernicus [1] formulieren läßt, ging es nicht um den Nutzen, sondern um die Befriedung der Ausführung. Und unter all diesen Bestien gab es noch eine Klasse von Menschen, die darüber hinaus ragten, die sich vllt nicht persönlich an Folterungen etc beteiligten, die sich vllt sogar damit brüsteten, ihren Juden, die Juden, die bei ihnen im Haus arbeiteten (Sklavenarbeiten..), sei von ihnen nie ein Leid zugefügt worden (was nicht verhinderte, daß sie trotzdem selektiert und ermordet wurden). Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz gehört zweifelsohne zu dieser Klasse von Mördern.

Ich möchte noch einmal auf Lem/Aspernicus zurückkommen. Höß schreibt, daß die Grundlage von allem der „Befehl“ sei, ein Befehl des Führers oder ein Befehl im Namen des Führers war „heilig“, damit billigt Höß seinem Führer quasi Gottstatus zu und seinen Lakaien „..die Clique der “Lumpenproletarier”, der “ungebildeten Flegel” und “Unteroffizierssöhne”, der “Bäckergehilfen” und “drittklassigen Schreiberlinge” …“ [1] macht er zum Herren über Leben und Tod. Es ist genau das, was Lem/Aspernicus schreibt, der unbedingte und nicht anzweifelbare Glauben an die Richtigkeit der Gottheit, die Pervertierung des Religiösen: „Was der Füher befahl, … war immer richtig.

Rudolf Höß wurde 1900 geboren, er schildert sich als tierliebend, ist aber nicht in der Lage, Liebe zu seinen Eltern oder Geschwistern zu empfinden. Sein bester Freund ist sein Pferd, auch in späteren Jahren wird er in Phasen inner Aufgewühltheit zum Reiten zurückgreifen, das ihn beruhigt und besänftigt. Als Schüler ist er normal, die Eltern wollen, daß er Priester wird. 1914, beim Ausbruch des 1. Weltkrieges empfindet er schaurige Neugier auf den Krieg, als Rotkreuzhelfer lernt er ihn kennen. Er meldet sich freiwillig, wird in Kämpfe verwickelt, tötet und erstaunt seine Vorgesetzten durch seine Abgebrühtheit. Mit wird ihm, mittlerweile jüngster Unteroffizier der Armee, das EK1 verliehen. Nach dem Krieg und dem Tod der Eltern zerstreitet er sich mit dem Vormund, der den Willen des Vaters durchsetzen möchte und er geht in die Freikorps der Kämpfe im Baltikum. Die sich dort entwickelnde Selbstjustiz der Kämpfer (Femegerichte) bringt ihn für Jahre ins Gefängnis. Nach der Entlassung schließt er sich einer Bewegung an, die das naturverbundene Leben pflegt, dort lernt er auch seine Frau kennen, aber der Soldatenberuf lockt ihn schließlich dort weg, er tritt in die SS als Lagerwache ein.

Es ist sein Wille, dazu zu gehören, hart zu sein, keine Miene zu verziehen, wenn er brutalen Prügelstrafen, Erschießungen, Arbeitsunfällen, Suiziden oder das „In-den-Draht-gehen“ beiwohnt, sie befehligt oder sie erlebt. Und dies sieht er als seine Schuld an: nicht bekannt zu haben, daß er zu weich sei für diesen Dienst, daß er die nach aussen gezeigte Härte nur spielte. Wohl, so führt er aus, gewöhnt er „…sich an all das Unabänderliche im Konzentrationslager, doch nie stumpfte ich ab gegenüber menschlicher Not. Gesehen und empfunden habe ich sie immer. Doch musste ich darüber hinweggehen, weil ich nicht weich sein durfte. Ich wollte als hart verschrien sein, um nicht als weich zu gelten.“

Ja, dieser verhinderte Humanist erinnert sich an „….viele erschütternde Einzelszenen, die allen Anwesenden nahegingen. Im Frühjahr 1942 gingen Hunderte von blühenden Menschen unter den blühenden Obstbäumen des Bauerngehöfts, meist nichtsahnend, in die Gaskammern, in den Tod. Dies Bild vom Werden und Vergehen steht mir auch jetzt naoch genau vor Augen.

Nach Ausbruch des Krieges wurde die Handhabung des Lagers durch die SS noch schärfer und gnadenloser, Erschießungen noch häufiger und konsequenter. Höß befehligt die Erschießungskommandos, er aber gibt den Exekutierten – so wie es die Jägersprache vorgibt – den Fangschuss, macht sich im Tode noch verächtlich über sie. Wie beruhigend war es für ihn, als für die befohlene (Erinnerung: ein heiliges Wort des Führers!) Eliminierung der Juden mit Zyklon B ein brauchbares Gas zur Verfügung stand. Ihm und Eichmann hatte es viel Kopfzerbrechen gemacht, wie man so viele Menschen denn nun am effektivsten ermorden könne.

Ist es vielleicht so, daß man, hat man zum ersten Mal eine Grenze überschritten, ein Tabu gebrochen, sich daran gewöhnt, daß sich die persönliche Werteskala so verschiebt, daß man nur noch auf der anderen Seite dieser Grenze lebt? Wie sonst könnte man sich wundern, daß beim Zusammensitzen nach einer Exekution keine rechte Fröhlichkeit aufkommt: „Alle die Führer, die bei der Exekution zugegen waren, saßen anschließend noch eine Weile im Kasino. Eigenartigerweise kam aber keine rechte Unterhaltung zustande.“

Genug. Höß, der zum Lagerkommandanaten von Auschwitz ernannt worden war, hatte die Aufgabe, das vorhandene Lager „Birkenau“ auszubauen. Er beschreibt, wie das Lager funktionierte, wie in verschiedenen Schüben Gefangene aus diversen Ländern eintreffen, in welchem körperlichen Zustand sie sind. Viele von ihnen werden getötet, viele werden von Krankheiten hingerafft. Der Befehl, daß Gefangene zur Arbeit zu verwenden waren, bringt ihm neues Ungemach: es fehlen Unterkünfte, vor allem für die Frauen, die ja bis dahin sofort ermordet wurden…. Verwunderung äußert er über die Fügsamkeit der Juden und darüber, daß sie sich nicht gegenseitig vor dem Kommenden warnten…

Früh hat die NS-Führung dafür gesorgt, daß Spuren verwischt wurden. Himmler erteilte den Befehl, die Asche der Verbrannten derart zu entsorgen, daß niemand von der Menge auf die Zahl der Ermordeten zurückschließen könne…

Die Aufzeichnungen von Höß, der mit sich im Reinen scheint, sind ein beklemmendes Täterzeugnis Verbrechens, von dem man zwar weiß, aber das man trotzdem nicht fassen kann. Unreflektiert, in gewisser Weise naiv, wird einzig das Führerwort als Rechtfertigung und Begründung für das Geschehen angeführt. Höß betont, daß er persönlich keinen Hass gegen Juden empfände, sie zu töten sein einzig Pflicht, um das deutsche Volk für ihnen zu schützen. Die Bestrebungen im Dritten Reich seien insofern falsch gewesen, da das Judentum daraus gestärkt hervorgegangen sei….

Das Erschreckende an den Aufzeichnungen Höß´ ist, daß er sich darin nicht als Bestie zeigt, sondern als normaler Mensch, tierlieb, der Familie verbunden. Es wäre soviel einfacher zu verstehen (oder zu kategorisieren), wäre er blutrünstig, sadistisch oder stünde durch andere Eigenschaften außerhalb des normalen Spektrums unserer akzeptierten Verhaltensweisen. Aber das tut er nicht. Er ist einfach ein gehorsamer, überzeugter Diener seines Herrn, der – wie viele andere auch – seinem neuen „Gott“, genannt Führer, blind glaubt und folgt. Mag sein, daß die Botschaft, die ihm eingeflüstert worden ist, auf eine besondere Empfängnisbereitschaft gestoßen ist, aber auch dadurch entfernt er sich nicht aus der Mitte der Gesellschaft, vielen ist dies so gegangen, das Potential an Herrenmenschen war groß und es würde jederzeit wieder groß sein, gäbe es einen neuen Einflüsterer. Man nehme nur die Gewalt mancher der neuerdings „shitstorm“ genannten Kampagnen wahr, mit denen Massen von Willigen gegen irgendwas oder irgendwen aufgewiegelt werden (oder von sich aus bereit sind, sich auf ein vermeintliches Opfer zu stürzen).

Das Besondere an Höß (und anderen dieser Kategorie) scheint mir nicht die Fähigkeit zu sein, derart bedingungs- und kritiklos einem Führer zu folgen, sondern die Konsequenz, mit der er in seiner eigenen Seele den Abstand geschaffen hat zu dem, was er tat: die Ermordung Hunderttausender zu organisieren und dabei im Anblick blühender Obstbäume und in die Gaskammern stolpernder Opfer über Werden und Vergehen philosophieren zu können…..

Martin Broszat, der Herausgeber der autobiographischen Aufzeichnungen Höß´ [4] hat das Wesen dieses Menschen wie folgt zusammengefasst:

„Wie die zwischen den Verhören in Krakau verfaßten Einzelaufzeichnungen entstammt auch Höß´ Autobiographie seinem Drang, sich den Vernehmenden zu erklären. Der perfekt funktionierende Lagerkommandant von Auschwitz erweist sich als ein ebenso musterhafter Untersuchungsgefangener, …. [der] ausführlich Rechenschaft ablegt. In diesem Sachverhalt deuten sich bereits jene befremdlichen, aber für Höß charakteristischen Züge an, die in seinem Lebensbericht noch augenscheinlicher hervortreten: eilfertig-eifrige Gewissenhaftigkeit eines Mannes, der immer nur im Dienst irgendwelcher Autoritäten steht, der stets seine Pflicht tut als Henker wie als geständiger Delinquent, der fortgesetzt nur aus zweiter Hand lebt, immer auf sein eigenes Selbst verzichtet hat und deshalb auch sein eigenes Ich, ein erschreckend leeres Ich, dem Gericht in der Form einer Autobiographie übergibt, um der Sache zu dienen.“

Wer sich diese ausführlichen Aufzeichnungen des Rudolf Höß nicht antun will, der findet in dem Extrakt von Amann in der Tat die Quintessenz eines Menschen, der immer nur wie eine Gehorsamsmaschine funktionieren wollte, ohne sich selbst auch nur andeutungsweise in Frage zu stellen.

Links und Anmerkungen:

[1] hier also irrt Aspernicus es gibt zumindest dieses eine Zeugnis!
[2] Fotos aus Auschwitz, z. Teil mit Höß: http://www.welt.de/kultur/history/article13686378/Der-Kommandant-von-Auschwitz-erklaert-den-Voelkermord.html
[3] Wiki-Artikel zu Rudolf Höß
[4] Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen. Herausgegeben von Martin Broszat, erschienen bei dtv als Taschenbuch, verschiedene Ausgaben. Diese Autobiographie diente Amann als Grundlage für die Ausarbeitung seines „Monolog“s

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2 Responses to “Jürg Amann: Der Kommandant”


  1. Lieber Flattersatz,
    einige Gedanken zu diesem Buch habe ich dir schon andernorts hinterlassen. Deine Besprechung habe ich gerne gelesen. Ich fand die Lektüre von „Der Kommandant“ beklemmend, man befindet sich beim Lesen im Kopf dieses ‚Monsters‘ und dessen Gedanken sind stellenweise hart zu ertragen.
    Meine Zwiespältigkeit ist vor allem – wie bereits angedeutet – auf die editorische Notiz zurückzuführen und Amanns Anmerkung über die Wirklichkeit, gleichzeitig verbunden mit der Kritik an einem Schriftsteller wie Jonathan Littell. Dazu hat sich auf meinem Blog auch eine ganz interessante Diskussion ergeben.

    Ich bin auf dem Sprung zur Arbeit und habe deswegen leider nicht mehr Zeit, um darauf noch genauer einzugehen und verbleibe stattdessen mit lieben Grüßen.
    Mara.

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  2. Ich hatte das Buch schon in Händen, habe hineingelesen und legte es wieder zurück. Für mich war es nicht zu ertragen.

    Trotzdem, vielen Dank für deine Besprechung.

    LG buechermaniac

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