Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende

Der Ich-Erzähler hat eine gescheiterte Ehe hinter sich mit Anna, der Jugendliebe, der immer noch großen Liebe seines Lebens. Schüler noch waren sie gewesen als ein Kind kam, damals schon mit Augen, so schien es ihm, die die Weisheit der Welt in sich bargen. Sie waren zu jung, er konnte ihr die Sicherheit, die sie brauchte, nicht bieten, wirtschaftliche und häusliche Probleme taten ein übriges so wie die notgedrungene Trennung der beiden die Woche über… Für Fabius, den geliebten Sohn, wurde er über viele Jahre hinweg der Besuchsvater. Doch jetzt war Fabius im schwierigen Alter der Selbstfindung, ein junger Mann, mit dem Anna ihre Probleme hatte und der Erzähler bot ihr an, Fabius zu sich zu nehmen in sein Haus.

So kam Fabius aus der westlichsten österreichischen Provinz in die große Stadt, doch wider Erwarten lebte er sich schnell ein, fand sofort Freunde, denn im Gegensatz zu allen anderen in der Schule hatte er mit seinem schmuddeligem Äußeren ein Charisma, das den anderen fehlte und welches sie sofort für ihn einnahm. Und auch eine Liebe entstand und der Vater konnte seinem Sohn dabei helfen, das zarte Pflänzlein nicht zu zertreten, sondern es zu pflegen und wachsen zu lassen…

Der Erzähler, dessen Name nicht genannt wird, ist glücklich. Endlich kann er Vater sein für seinen Sohn, in die Rolle schlüpfen, in der er damals versagt hat. Und, so klingt es zwischen den Zeilen durch, so macht er sein eigenes Lebensglück in dieser Zeit vom Glück abhängig, mit Fabius zusammen zu sein, mit ihm zu reden, zu diskutieren, in einer Bar zu sitzen und etwas zu trinken, durch den Wald zu spazieren…

Blass ist Fabius, er ist wohl auch mal umgefallen, weil ihm schwarz vor Augen wurde, jetzt hat er Fieber, eine Erkältung wohl. Am Abend noch versorgt ihn der Vater, am Morgen jedoch ist eine Stille in Fabius´ Zimmer, die nur der Tod erzeugen kann….

Der Vater kann dies nicht fassen, die Trauer, die ihn jetzt packt, ist übermächtig. Seinerzeit hat er seinen Sohn verloren, weil er noch nicht stark genug war, jetzt hat er ihn wieder verloren, diesmal endgültig. Es zerreißt ihn, von einer Minute auf die andere verliert die Welt ihre Farbe, wabert die Zeit zeitlos durch den Raum, ergreift eine allgegenwärtige Angst von ihm Besitz und schnürt ihm buchstäblich das Herz zu…. Aller Lebensmut, alle Lebensfreude ist aus ihm gewichen, er fällt ohne Ende in ein endloses, schwarzes Loch hinein…

Die Trauer schlägt sich körperlich nieder, er wird schwer krank, so schwer, daß er nahe an die Schwelle kommt, die ihn von Fabius trennt. Anna, seine ehemalige Frau kommt, steht ihm bei, ebenso Julia, die Freundin seines Sohnes, die wiederum die Nähe zu Fabius sucht im Haus seines Vaters. Hermann schildert, wie sein Protagonist praktisch lebensunfähig wird, schon das Verlassen des Hauses schreckt ihn, im Wald spazieren zu gehen auf Wegen, die er seit Jahre kennt, ist eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Langsam nur kann er mit Hilfe Annas die Zeiträume steigern, in denen er das Haus verläßt… seine Gedanken sind rückwärts gerichtet, in die Vergangenheit, sein Leben mit Fabius, die Urlaubsfahrten in die Berge, die Wanderungen dort, die Gespräche, um sie dreht sich jetzt alles… Erst viele Monate später reißt der graue Vorhang, den der Verlust von Fabius vor die Welt gespannt hat, ein einigen, sehr kleinen Stellen auf und der Vater ahnt, daß es auch Freudiges gibt in der Welt, den Gesang einer Amsel zum Beispiel….

Hermann hat in diesem Buch auch sein eigenes Schicksal geschildert und aufgearbeitet, vor 13 Jahren verlor er seinen Sohn auf diese Weise. Ein Abschied ohne Ende, dreizehn Jahre hat er Autor gebraucht, bis er in Worte, in angemessene Worte fassen konnte, was ihn damals in den Grundfesten erschütterte, in Worte, die nicht nur graues Erleben waren, sondern die auch Lichtblicke enthielten auf eine neues Leben mit der Erinnerung zwar an den Verlust, aber auch mit dem Ausblick auf ein weiteres Leben, in das das Wissen um diesen nie endenden Abschied eingebunden ist, ohne es zu fesseln. Anna, seine ehemalige Frau, ist so ein Lichtblick, sie ist in ihrer eigenen Trauer (die im Buch nicht dargestellt wird) eine Stütze für den Erzähler, ebenso Julia. Von Anna läßt Hermann seinen Erzähler sagen, sie schöpfe aus der verhaltenen Kraft ihrer Trauer und wolle mit großer Beharrlichkeit dieses Leben trotz allem leben, sie die Mutter, die sechzehn Jahre lang mit ihrem Sohn zusammen lebte, also mit ganz anderer Trauer als der Vater. Mit diesen beiden Frauen kehrt das Leben als „füchtiger, feiner Strom, als Hauch und Raum„, zurück in das Haus.

Immer wieder läßt Hermann seinen Erzähler schildern, wie wehr- und schutzlos er sich dem Leben ausgeliefert fühlt, als ob die Haut vom Leibe geschält worden sei.. Müdigkeit, Erschöpfung herrschen in ihm, denn „..die Seele ist langsam, und wenn sie gebrochen ist, kann sie kein Ochse vom Fleck bewegen.“ Und doch… der verdorrte Zitronenbaum im Garten, den zu giessen er des sommers vergessen hatte, treibt noch einmal und wieder aus, als er jetzt, ausser lauter Trotz ihn wieder mit Wasser versorgt, ein schönes, abschließendes Bild für die wieder erwachende Lebenskraft im Erzähler.

Hermanns Geschichte ist ein sehr sensibel geschilderter Leidensweg einer übergroßen Verlusterfahrung. Es ist nicht nur der (an sich schon völlig niederschmetternde) Verlust des Sohnes, es ist auch der in der Erinnerung noch einmal durchlebte Verlust seiner Lebensliebe Anna, den er in sein Leben integrieren muss, woran er auch fasst scheitert. Dafür findet er sehr feinfühlige Bilder aus seiner sich im freien Fall befindlichen Welt, die ihn, so seine Umschreibung, in einen Schacht geworfen hat, auf dessen Grund er sich befindet.

Es bleiben Fragen…. wie passen die Erinnerungen des Erzählers mit denen von Anna zusammen? Jene, so sagt sie selbst, habe einfach nur Angst gehabt vor der Nähe, die er ihr gab, Angst vor der Enttäuschung, wenn er sie verraten würde, denn es könne nicht sein, so geliebt zu werden. Also sei sie zu einem gegangen, der sie schlecht behandelt habe, das hätte sie gekannt (als Schülerin?).. er jedoch sieht die Schuld bei sich, zu sehr sei er auf sein Studium fixiert gewesen, zu wenig hätte getan, das Vertrauen der geliebten Frau zu rechtfertigen…

Die übergroße Trauer, die ihn „auf die Handfläche Gottes“ setzt.. mündete sie nicht zum Schluss in eine richtige Depression? Das Haus, das er nicht mehr verlassen wollte, ja, konnte: auch ein Bild seiner selbst: er konnte nicht mehr mit der Aussenwelt… hätte man diese Erkrankung der Seele nicht auch behandeln müssen wie die des Herzens?

Wenn Kinder vor den Eltern gehen, ist dies gegen die Ordnung der Natur. Es ist für die Eltern der persönliche Katastrophenfall schlechthin. Sie, die sie in ihren Kindern in gewisser weiterleben, sind dieses Weiterlebens beraubt, körperlich, aber auch, weil dieses Kind nicht mehr die Erinnerung bewahren und weitergeben kann. Es fehlt ein Glied in der Kette der Generationen…. und Hermanns Büchlein schildert sehr eindringlich, wie katastrophal und ohne Halt das nunmehr freie Ende dieser Kette im Nichts schlingert….

Links und Anmerkungen:

Wenn Kinder vor den Eltern gehen… ein paar Anmerkungen
Leseprobe und Autoreninterview

Wolfgang Hermann
Abschied ohne Ende
LangenMüller, HC, 128 S., 2012

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Ein Kommentar zu „Wolfgang Hermann: Abschied ohne Ende

  1. Lieber Flattersatz,
    aufgrund Ihrer Rezension wurde ich aufmerksam auf dieses schmale und doch so inhaltsreiche Büchlein. Es hat mich tief berührt in seiner Eindringlichkeit der Sprache, wie Menschen mit Verlusten umgehen.
    Es ist nicht nur der Verlust des geliebten Sohnes, es ist auch das Bewußtwerden jeglicher Verluste in einem Leben, die plötzlich erkannt werden.
    Im Moment erscheinen wunderbare leise, stille Bücher, die sich dieses Themas annehmen.Ich erinnere an Joan Didion.
    Wir leben alle im Prozeß des Abschieds ohne Ende (ein wunderbarer Titel)….diese Einsicht und das noch Lebendürfen anzunehmen, das Leben trotz allem zu bejahen…..das ist die behutsame Botschaft dieses Textes.
    Möge uns das gelingen…..

    mit einem lieben Gruß in den Morgen

    Karin

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