Javier Tomeo: Die Silikonliebhaber

29. September 2012

Und wenn die Freiheit eine Lüge ist?“ (Big John)
Libertas inaestimabilis res est.“ (Marilyn)

Die Geschichte ist reiner Blödsinn, egal, wo man anfängt.“ (Erzähler)

Zu diesem Facit kommt der Erzähler dieses kleinen, bösen Romans, der vom eigentlichen Verfasser der Geschichte der Silikonliebhaber sozusagen als Testleser eingesetzt wird. Er erhält von diesem, den seine Eltern weiland Ramón tauften, insgesamt 5 Lieferungen eines Manuskripts mit der Geschichte von Marilyn und Big John einerseits und der von Basilio und Lupercia andererseits. Wobei zum Dritten beider Paare Geschichte eng zusammenhängt und ursächlich miteinander verknüpft ist.

Widmen wir uns erst Marilyn und Big John. Beide bringen von zu Hause aus eine gewisse Bildung mit, Fragen nach Sein und Werden der Dinge sind ihnen nicht fremd, sie sind lernfähig und in den entscheidenden Momenten des Lebens sind sie in der Lage, diese durch Absingen von Arien zu untermalen. Insbesondere Marilyn reagiert derart auf Berührungen ihrer Brüste, während sich bei Big John, zieht man ihn am linken Hoden, der Härtegrad des Penis bis auf den der Gesundheit (damit ist nicht seine gemeint) maximal zuträglichen Wert einstellen läßt. Sie als Silikonpuppen zu bezeichnen (obgleich der ausgefeiltesten Baureihe) ist schon fast eine Untertreibung, eher hat man den Eindruck, es mit Androiden zu tun zu haben, vielleicht die verdorbenen, an die Erde gefesselten Kinder von HAL-9000.

Basilio und seine Frau Lupercia betreiben ein kleines Lingeriegeschäft und eine Ehe, die sich durch getrennte Schlafzimmer und Bäder charakterisieren läßt. Das Feuer der Jugend längst erloschen, der starke Haarwuchs Lupercias wird durch den gnädigen Privatspiegel gemildert, während Basilio nicht erlangter Größe nachtrauert. Da der Mensch aber bekanntlich nicht vom Verkauf duftiger Nichts leben kann, kommen beide auf die Idee, sich einen nahtlosen Partner zu kaufen, mit dem sie sich ihrer mehr intimen Notstände entledigen können.

Bald schon hebt ein Schnaufen und Stöhnen in der ehelichen Wohnung an, Marilyns Arien schallen in deutsch, französisch und spanisch. Am Tag danach begeht das Ehepaar sein traditionelles stummes Essen im Restaurant, das diesen Sonntag von einer Überraschung gekrönt wird: auf der heimischen Couch, bei ihrer Rückkehr, sehen sie Big Johns „raison d´etre“ im stakkato in Marilyns süßer Höhle tauchen…. es kommt, was kommen muss, sie werden auseinandergerissen, wutentbrannt in die jeweiligen Schlafzimmer gezerrt und es kommt zur Aussprache….

„Es handelt sich um eine simple Frage von Zentimetern, …. achtzehn gegen noch nicht einmal achteinhalb.“

Marilyns Wahrheit ist nicht sonderlich kompliziert, wie Basilio feststellen muss.. er greift zur Schrankhaft für die lästerliche Puppe, genauso wie zu seinen achteinhalb Zentimetern, die ihm – sozusagen – als Ventil dienen, um seinem Zorn freien Lauf zu lassen… Lupercia dagegen langt zum Messer und meuchelt nach erregtem Streit und da die des Lügens unfähige Puppe ihr die Wahrheit sagt, ihren Liebhaber, der seufzend, flatternd, piepend, pfeifend und gurgelnd im wahrsten Sinn sein Leben aushaucht, bis er einem platten Gummiboot gleicht, einzig die besagten achtzehn Zentimeter ragen noch standhaft über die Oberfläche des Styx hinaus, auf dem er jetzt segelt, während Marilyn in ihrer dunklen, mottenkugelgeruchgeschwängerten Zelle immer sehnsüchtiger um dem Geliebten bangt…

„Ich frage dich zum letzten Mal: Wer ist besser? Ich oder diese Puppe?“

Lassen wir die folgenden Geschehnisse weitgehend im Dunkel und für den zu entdecken, der sich diese bitterböse Satire selbst erschließen will. Nur soviel sei der Erweckung von Neugier halber noch verraten, daß Kurosawa, die saugende Japanerin, noch eine tragende Rolle spielen wird, daß sich eine orgiastische Ménage à quatre am Horizont abzeichnet, während andere ihre Freiheit im Freitod suchen….

Ins Groteske überspitzt zeichnet Tomeo ein Zerrbild heutiger Zivilisation, man muss vermuten, daß er sich vor allem (aber nicht nur…) an die spanische richtet. Es ist eine (nehmen wir Basilio und Lupercia als repräsentativ) vor den nachmittäglichen Porno-TV-Sendungen masturbierend hingestreckte Gesellschaft, die jeden zivilisatorischen Anspruch aufgegeben hat. Während im TV „ultrahocherhitzte Großväter über fünfundsiebzig“ ihre lüsternsten Erlebnisse preisgeben, auf „sexologische Ratesendungen, die als fester Bestandteil der kulturellen Wiederbelebung“ angesehen werden, „Tittenwettbewerbe“ folgen und die Regierung auf öffentlichen Plakatwänden ihren Beitrag zur sexuellen Bildung des Volkes leistet, scheinen einzig die programmierten Puppen noch Reste humanistischer Bildung zu archivieren und zu Gefühlen fähig, da doch die protoplasmagebundene Lebensform dieses Planeten sich immer weiter voneinander entfremdet, sie ihren Fokus einzig und allein auf die körperliche Befriedigung legt. So ist aus dem Thema No 1 das einzige Thema geworden. Dabei sind die Menschen vereinzelt, begnügen sich mit Selbstbefriedigung, um sich miteinander zu vergnügen (zumindest es wieder mal in den Sinn zu bekommen) braucht es schon Alkohol und selbst dessen Wirkung ist unsicher. So ist das Ende vom Lied, daß die Menschen in dumpfer, unbefriedigter Geilheit brüten, während die Puppen deren Nähe und Primitivität nicht mehr aushalten und ihr – in gegenseitiger Liebe verbunden – um jeden Preis entfliehen wollen…..

Konstruiert ist die Geschichte wie eine russische Puppe: Ramón, der Autor dieser sexuellen Gesellschaftskritik schickt sein Manuskript an seinen Freund, der es liest, der es kritisiert, der Fragen dazu stellt und es im Grunde für einen Blödsinn und schlechten Witz hält. Der aber auch den Autor immer wieder ermuntert, doch in dieser oder jener Hinsicht weiter zu schreiben….

Schön doppeldeutig auch der Titel diesen kleinen Büchleins, kann man ihn doch sowohl auf Marilyn und Big John als auch auf Basilio und Lupercia beziehen. Jedenfalls war für mich dieser kleine, subersive Roman nach all den „schwierigen“ Texten, an die ich mich die letzte Zeit gegeben hatte, eine unterhaltsame und auch intelligente Lektüre. Wer jedoch einen erotischen im Sinne von erotisierenden Roman sucht, der sollte zu anderen Büchern greifen….

Javier Tomeo
Die Silikonliebhaber
aus dem Spanischen übersetzt von Heinrich v. Berenberg
Verlag Klaus Wagenbach, HC, 144 S., 2010

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One Response to “Javier Tomeo: Die Silikonliebhaber”

  1. durchleser Says:

    Eine sehr treffende Rezension dieses äusserst originellen und verrückten Buchs! Mehr zu dieser „erotischen“ Satire findet man auch hier: http://durchleser.wordpress.com/2010/08/03/durchgelesen-die-silikonliebhaber-v-javier-tomeo/

    Gefällt mir


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