Sophie Rosentreter: Komm her, wo soll ich hin?

Die Autorin Sophie Rosentreter ist Fernsehjournalistin und Redakteurin. Durch die Erkrankung ihrer Oma Ilse wurde sie persönlich mit dem Thema „Demenz“ konfrontiert, aus dieser Betroffenheit heraus beschäftigt sie sich seither intensiv mit diesem Thema. In ihrem Buch „Komm her, wo soll ich hin?“ fasst sie das Ergebnis ihrer Recherche über das „gesellschaftliche“ Phänomen „Demenz“ zusammen und kommt zu dem Schluss, daß wir alle Demenz als normalen Teil des Alters begreifen müssen, mit dem wir umzugehen haben und umzugehen lernen müssen.

Es sind in den letzten Jahren eine Reihe von Büchern erschienen, in denen biographische Schicksale von dementiell Erkrankten beschrieben wurden. Demenz ist heutzutage kein gesellschaftliches Stigma mehr, sie wird mehr und mehr öffentlich gemacht. Die Geschichte von Walter Jens, die von seinem Sohn Tilman beschrieben worden ist, ist dafür ein Beispiel, unvergessen auch die Art, wie sich Ronald Reagan 1994 in einem Schreiben an die Amerikaner in die Demenz verabschiedete. Charlton Heston, Inge Meysel, der Geiger Helmut Zacharias, Maggie Thatcher, Herbert Wehner – alles dementiell Erkrankte, denen Millionen nicht Prominenter gegenüberstehen, für die Arno Geigers ergreifendes Buch über das Altersschicksal seines Vaters ein Beispiel sein soll.

Im Gegensatz zu diesen Familien- und Personenschicksalen widmet sich Rosentreter ganz der Frage, welche Probleme und Herausforderung eine Demenzerkrankung für die Betroffenen und ihre Familien, aber auch für Pflegende oder Pflegeeinrichtung darstellt. Demenz ist (ähnlich wie Krebs) eine Krankheit des Alters, mag sie auch in jüngeren Jahren ihren (weitgehend symptomfreien) Anfang haben, sicht- und merkbar wird sie mit dem Altern:

Heute leiden in Deutschland rund 1,3 Millionen Menschen an Demenz. Jeder Zwanzigste in der Altergruppe der 65- bis 69jährigen ist betroffen, danach schnellt die Kurve steil nach oben: Im Alter zwischen 80 und 90 ist es jeder Dritte. Für das Jahr 2030 wird mit 2,5 Millionen Betroffenen gerechnet. [2]

Auch wenn im Alltag die Begriffe „Alzheimer“ und „Demenz“ weitgehend synonym verwendet werden und Demenzen vom Alzheimer-Typ in der Tat den überwiegenden Teil darstellen, gibt es auch andere Demenztypen, darunter sogar solche, die als Folgeerkrankungen anderer Leiden ggf. behandelt und zurückgedrängt werden können. Deswegen ist eine Untersuchung des Dementen, um was für einen Demenztyp es sich handelt, sinnvoll und notwendig, natürlich wäre hier eine Kalkulation der auf das Gesundheitssystem zukommenden Kosten, würde dies umgesetzt, interessant.

Rosentreter legt Wert darauf, Demenz bzw. Alzheimer nicht nur auf eine biochemische Fehlfunktion im Gehirn zu reduzieren (diese zu untersuchen ist Ziel der häufigsten Forschungsvorhaben mit einem entsprechenden finanziellen Rahmen), sondern sie auch als gesellschaftliches Phänomen zu betrachten. Auch wenn sie heute nicht unbedingt mehr stigmatisiert, so isoliert Demenz doch oft, löst den Menschen und seine Begleiter häufig aus dem vorhandenen Netz der Freunde und Bekannten heraus und vereinsamt sie. Diese Reizverarmung und mangelnde soziale Einbindung wiederum kann die Symptomatik der Erkrankung verstärken, aber auch den Degenerationsprozeß im Hirn.

Daß das Gesundheits- und Pflegesystem nicht jetzt schon an den Kosten der Betreuung dementiell Erkrankter kollabiert, liegt wohl auch daran, daß 70% aller Dementen zu Hause versorgt und gepflegt werden. So begrüßenswert es ist, daß der Familienverbund hier wirksam ist, die Pflege eines Dementen zu Hause ist nicht unproblematisch. Es handelt sich um eine Belastung, die jeden Tag die Woche 24 Stunden lang dauert, die 52 Wochen im Jahr andauert und das vielleicht viele Jahre lang, denn an Demenz stirbt man nicht. Meist sind es Frauen, die sich um die Kranken kümmern, Ehefrauen, Töchter, Schwiegertöchter. Sie sind in den allermeisten Fällen keine ausgebildeten Pflegekräfte, sie müssen für die Pflege oft beruflich zurückstecken mit all den Nachteilen, die dies z.B. für die spätere eigene Rente bringt. Das gesamte Familienleben wird stark beeinflusst, die psychische und physische Belastung ist hoch und führt nicht selten zu gesundheitlichen und familiären Problemen. Arno Geiger beschreibt in seinem Buch sehr deutlich, welche Entlastung es für die Familie war, als der Vater in ein Heim gekommen war, der Vater, der sein Haus schon lange nicht mehr als sein Zuhause erkannt hatte. Die Heimunterbringung muss unter Berücksichtigung aller Parameter nicht die schlechteste Lösung sein, nur müssen auch die Pflegenden bereit sein, ihre Grenzen anzuerkennen und kein schlechtes Gewissen zu entwickeln, wenn ein Familienmitglied ins Heim gebracht wird.

„Hilfe anzunehmen ist also überlebenswichtig. Aber es gibt noch immer viele, die glauben, es sei ein Zeichen von Schwäche oder persönlichem Versagen, wenn sie als Angehörige eines Menschen mit Demenz Hilfe und Unterstützung von anderen annehmen „müssen““

„Hilfe anzunehmen…“ genau hier liegt der große Wert von Rosentreters Buch. Aus ihrer eigenen familiären Betroffenheit heraus hat sie erfahren, wie wichtig es ist, zum einen überhaupt zu sehen im Sinne von wahrzunehmen, daß Oma, Opa oder ein Elternteil möglicherweise dement sind (auch hier ist ein Blick in Geigers Buch sehr aufschlussreich). Darüber muss gesprochen werden, das darf nicht zum Tabu werden. Und dann ist es, wenn „die Situation da ist“, wichtig, informiert zu sein, sich auszukennen, was es überhaupt an Hilfsmöglichkeiten gibt, an Betreuungsmodellen, an verschiedenen Konzepten für die Betreuung von Dementen in Heimen oder anderen Unterbringungsmöglichkeiten. Es gibt eine Vielzahl von Angeboten, auch für Pflegesituationen im häuslichen Bereich, aber sie sind oft unübersichtlich, verstreut und wenn man die richtigen Ansprechpartner nicht findet, für den Laien kaum zu entdecken. Hier bringt Rosentreters Buch eine Vielzahl von Informationen und von Adressen, sie stellt verschiedene Heim- und Betreuungsmodelle vor, schildert ihre Eindrücke von diversen Einrichtungen, die sie besucht hat und gibt so wertvolle Hilfestellungen. Die wichtigsten Punkte sind meist in separaten Infoblöcken zusammengefasst und ermöglichen einen schnellen Überblick.

Nach den einführenden allgemeinen Punkten zur Demenz befasst sich Rosentreter mit Fragen wie z.B. Angehörige mit der Pflege zurecht kommen, welche Betreuungsformen es für Demente gibt, sie durchleuchtet die Situation auch beruflicher Altenpfleger, deren gesellschaftlicher Status weit unter Wert gehandelt wird. An „Sach“fragen bei der Betreuung geht sie auf Fragen zum Essen und zur Ernährung ein, die mögliche oder unmögliche Medikation Erkrankter wird ausgeführt, sie diskutiert das schwierige Thema der „Fixierung“ unruhiger Patienten, auch der mögliche Umgang mit dem zum Teil unverblümt auftretende Wunsch nach Sexualität wird beschrieben sowie der Tod, der am Ende des Lebensweges steht…

Über allen Ausführungen Rosentreters steht die Erkenntnis, daß auch und gerade der Demente durchaus sein persönliches „Glück“ finden kann, wenn er eine entsprechende Betreuung hat. Niemand kann ihm seine Krankheit nehmen, aber akzeptieren wir als Gesunde sie, gehen wir auf sie ein, haben wir die nötigen Informationen und die notwendige Liebe, dann können wir zusammen mit den Erkranken eine Vielzahl von Glücksmomenten erleben. Niemand kann wirklich sagen, was ein Dementer fühlt oder empfindet, weil die Kommunikation mit ihm immer weniger möglich ist. Sein Befinden muss aus seinem Verhalten geschlossen werden, sein Befinden wird im Wesentlichen über Gefühle bestimmt, ihn über Kognition anzusprechen ist sinnlos und frustriert ihn zusätzlich, ev. mit der Folge aggressiven Verhaltens. Dies umzusetzen ist nicht immer einfach, auch weil wir als Verwandte ja immer auch Betroffene sind mit eigenen Gefühlen, seien es nun Traurigkeit, Angst, Frustration oder Verzweiflung. Gelingt es uns aber, den kranken Menschen in seiner jetzigen Welt zu akzeptieren, ihr dort wahrzunehmen und abzuholen, so bereichert diese Beziehung auch unsere Welt. Das soll nicht bedeuten, daß es keine Probleme gäbe und Schwierigkeiten, aber, daß wir mit den entsprechenden Hilfen, Informationen und Kenntnissen in die Lage versetzt werden, mit dieser Krankheit umzugehen und aus dem Kontakt mit dem Erkrankten für uns selber etwas Positives zu gewinnen.

Rosentreters Buch schließt mit einer Beschreibung verschiedener Modellvorhaben und Modelleinrichtungen zum Thema Demenz, ferner enthält es einen umfangreichen Teil mit Anmerkungen, Adressen und Ansprechpartnern.

So gibt „Komm her, wo soll ich hin?“ dem Leser, ev. auch dem betroffenen Leser, ein umfangreiches Kompendium an Informationen an die Hand, was heute schon in der Betreuung Dementer möglich ist und wohin die Entwicklung die nächsten Jahre möglicherweise gehen wird. Natürlich und leider sind dies im wesentlichen singuläre Projekte, die (noch) nicht flächendeckend angeboten werden. Es bleibt aber zu hoffen, daß sich von ihnen ausgehend – wie an Kristallisationskeimen – die Gesamtsituation stetig bessern wird, wenn nicht, wird unsere Gesellschaft das Phänomen „Demenz“ kaum in den Griff bekommen können.

Links und Anmerkungen:

[1] Facebook-Seite der Autorin: „Ilses weite Welt„, Homepage zu Ilses weiter Welt
[2] so erschreckend dieser Prozentsatz von einem Drittel bei den alten Menschen ist, er bedeutet andererseits aber auch, daß zwei Drittel aller „Alten“ ihren Lebensabend ohne Demenz verbringen.
[3] Biographische und fiktionale Bücher zum Thema „Demenz“ in meinem Blog:
– Gudrun Seidenauer: Aufgetrennte Tage
– Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater
– Martin Suter: Small World
– Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil

Sophie Rosentreter
Komm her, wo soll ich hin?
Warum alte und demenzkranke Menschen in die Mitte unserer Gesellschaft gehören
Westend, HC, 240 S., 2012

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2 Kommentare zu „Sophie Rosentreter: Komm her, wo soll ich hin?

  1. Lieber Flattersatz,

    dieses Buch werde ich auf jeden Fall weiterempfehlen mit dem Hinweis auf Ihre Besprechung, es scheint endlich ein , ich bitte den saloppen Ausdruck zu entschuldigen, alltagstaugliches zu sein und Lebenshilfe für alle Betroffenen, den Kranken und den sie Pflegenden zu geben.
    Es gibt mit und bei dieser Krankheit nie eine zufriedenstellende Lösung, aber wir können humaner mit ihr umgehen lernen…dazu gehört aber auch, daß wir die Möglichkeit haben, Abstand zu nehmen von einer Dauerpflege, das wir selber, als Nichtbetroffene, geachtet werden, wenn wir sagen, wir können nicht mehr und vor allem , daß diejenigen, die ausgebildete Pfleger sind, angemessen für ihre Arbeit bezahlt werden.
    Ich möchte noch auf eine andere Autorin hinweisen:
    Erika Veld , eine Niederländerin, hat 1998 den kleinen Roman
    Klein, still &weiß geschrieben, der auf Deutsch 2001 im Fischer Verlag heraus kam, auch das ist ein lesenswertes Buch zu diesem Thema.

    Immer so ernste Themen für so spätsommerlich-frühherbstliche Tage…….
    Sind wir nicht alle das?:

    Ich sah ein großes Herbstblatt,
    das der Wind
    Die Straße lang trieb, und ich
    dachte: Schwierig
    Den künftigen Weg des Blattes
    auszurechnen.

    Bertolt Brecht

    mit lieben Grüßen
    Karin

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    1. herzlichen dank für deinen kommentar, liebe karin! deinem buchtip bin auch schon gefolgt, ich bin sehr gespannt.

      rosentreters buch ist in der tat sehr praxisnahe, natürlich kann es nicht für jede/eine konkrete situation ratschläge geben, aber es zeigt, was möglich ist, welche handlungsalternativen bestehen, es erklärt und es öffnet wege, sich hilfe zu organisieren. und – ich denke, daß ist sehr wichtig – macht es deutich, daß es kein versagen ist, wenn man als angehöriger anerkennt, daß man mit der begleitung und pflege eines dementen überfordert ist.

      man darf ja auch nicht vergessen, daß die tatsache, daß 70% der pflege im häuslichen bereich erfolgt, noch lange nicht bedeutet, daß es sich um gute, angemessene, ausreichende etc pp pflege handelt…

      mit lieben grüßen zurück für ein herbstlich-schönes wochenende mit momenten, den treibenden blättern, hinterher zu sinnieren… ;-)

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