Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder

18. September 2012

„… aber innerlich bebe ich. Seelisch bin ich bis heute nicht
aus dem Gefängnis herausgekommen.
Kann das Glück in einem einzigen Augenblick komplett verloren gehen?“

Liao Yiwu (siehe auch hier) ist chinesischer Dichter, Poet, er wird von einigen als Hippie-Poet bezeichnet, obwohl ich nicht weiß, was damit gemeint sein soll, vllt soll es ausdrücken, daß er im Grunde nicht wirklich ein politischer Aktivist ist, ein Umstürzler, ein Konterrevolutionär, wie man ihn später nennen wird. Er fängt sein autobiographisches Buch, das die Zeit von 1989 bis 1995 umfasst, mit seiner Trauer um den Tod seiner von ihm verehrten älteren Schwester Feifei an. Er vermisst seine Schwester sehr, erinnert sich an sie und diese Trauer trägt dazu bei, ihn in einen Zustand fast des Wahns, des Rausches zu bringen. Er fühlt sich verloren, verlassen, entwurzelt, die Ehe mit seiner Frau bedeutet ihm nicht viel, auch das Kind, welches sie erwarten, bindet ihn nicht. Das ganze Land ist in Unruhe, es brodelt, Hoffnungen auf Veränderungen erwachen, Parolen, Demonstrationen, Beschwichtigungen, es formiert sich eine „Demokratiebewegung gewaltigen Ausmasses“, vor allem Studenten gehen auf die Straße mit der Forderung, die allumassende Korruption zu bekämpfen, die Verhältnisse zu verbessern, mehr Demokratie zu wagen. Wie in einem Dampfdruckkessel steigt der Druck täglich, die zu erwartende Explosion liegt in der Luft, ist schon zu spüren.

Yiwu schildert sich als immer rastloser, er hat sich entschlossen, seine Frau zu verlassen, die aufgeheizte Atmosphäre im Land tut ihr übriges. Politisch liegt eine Entscheidung in der Luft, eine der Fraktionen im Pekinger Politbüro hat sich durchgesetzt und in dieser explosiven Atmosphäre bricht es aus Yiwu heraus, ein Gedicht, eine einzige Anklage, ein Aufschrei, in der sich all seine Unruhe, seine Seelennot manifestiert: „Massaker“ entsteht und verbreitet sich als Tonbandaufnahme im ganzen Land.

Stunden später realisiert sich das Massaker: Am 4. Juni 1989 wird der Volksaufstand, werden die Demonstrationen am Tienanmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, blutig und brutal aufgelöst, die Verfolgung der politische Aktivisten und Anführer beginnt.

Die Toten sind umsonst gestorben. Die Überlebenden leben umsonst.

Yiwu wird nicht sofort verhaftet. Noch hat er ein wenig Zeit vor sich, er fühlt sich zwar verfolgt und beobachtet, kann aber mit Freunden und Gleichgesinnten noch einen Film vorbereiten, den er „Requiem“ nennt und in dem die Ereignisse um die Niederschlagung der Demokratiebewegung thematisiert werden. Im Februar 1990 schließlich werden er, seine schwangere Frau und seine Freunde wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Es ist eine regelrechte Säuberung, die in dieser Zeit in China durchgeführt wird, viele Dichtergruppen, so berichtet Yiwu, werden aufgelöst  und eliminiert.

Der größte Teil des Buches umfasst die Zeit Yiwus im Gefängnis, wobei dies eigentlich das falsche Wort ist, denn trotz aller Mängeln, die auch deutschen/europäischen Gefängissen anhaften, sind diese kaum vergleichbar mit dem, was Yiwu über die chinesischen Anstalten berichtet. Jene gleichen eher real gewordenen Vorstellungen der chinesischen Hölle Diyu, in der in einem vielstufigen Purgatorium der Mensch auf seine Reinkarnation vorbereitet wird und diese „Vorbereitung“ heißt Folter und Qual, dieses Bild mag eine Vorstellung davon geben…

So wird jeder Neuankömmlung einer ersten entwürdigenden Eingangskontrolle unterworfen, bevor er in eine völlig überbelegte Zelle kommt. Hier zeigt sich dann das Prinzip chinesischer Haft: die Gefangenen organisieren sich selbst und es ist leicht nachvollziehbar, daß sich unter diesen Bedingungen ein stark hierarchisches System ausbildet mit wenigen Oberen und vielen unten. Die Grenzen, die durch die staatliche Verwaltung vorgegeben werden, sind weitherzig, offensichtlich ist alles, was unterhalb von Toten bleibt, erlaubt, geduldet, vllt sogar erwünscht. Einzig bei Todesfällen (die nach Yiwu aber häufig vorkommen, seien es „Unfälle“ oder Suizide) bekommen auch die Chefs in den Zellen Probleme. Es ist müßig, die Foltermethoden, die als Strafe für das Verletzen der Regeln, der Gefängnisordnung angewendet werden, hier im einzelnen zu beschreiben, in einer „Speisekarte“ genannten Auflistung zählt Yiwu einige davon auf, sie reichen von brutalen bis raffinierten Schlägen bis hin zum Eintauchen in den Latrineneimer, viele der „Speisen“ sprich Folterungen zielen auf sexuelle Entwürdigung ab. Oft werden Fesseln angelegt, für Tage, der so Bestrafte muss für alle Verrichtungen des täglichen Seins um Hilfe bitten, zwei Gefangene werden über Kreuz zusammen gefesselt, über Tage hinweg….. Essen gibt es wenig und schlecht, das führt notgedrungen zu Problemen im Magen-Darmtrakt, entwürdigende Szenen auf dem Latrineneimer sind die Folge…

„Das Problem ist, das in einem Land, dem jedweder Sinn für Religion fehlt, diejenigen, die Gewalt ausüben, niemals darüber nachdenken, ob diese „Gewalt“ einen Sinn hat, sie wollen aus der Gewalt lediglich ihr tierisches Vergnügen ziehen. Und die Opfer, wenn die einmal von der Richtung abweichen und nicht die gewünschte Reaktion zeigen, verlieren nicht nur das Gesicht, dann geht es ihnen ans Leben. „

Das ganze System ist auf Erniedrigung und Entmenschung ausgerichtet, einziges Ziel im Gefängnis ist für die Eingesperrten das Überleben, es reduziert sich alles auf dieses Eine. Schon die verwendete Sprache zeigt dies: das Eintreffen neuer Gefangener wird als „Wareneingang“ bezeichnet, zum Tode Verurteilte  werden in der Zelle schon so genannt: der Tote Kleine… Das Aggressionspotential ist hoch, Streit und Schlägereien liegen immer in der Luft, auch wenn die Betroffenen wissen, daß das für sie nachher schlimme Konsequenzen haben kann (Speisekarte). In 20 m²-Zellen vegetieren 30 Gefangene, wobei den Oberen die Hälfte der Zelle zusteht… Unter diesen Bedingungen („lupus est homo homini“) existieren kaum positive Gefühle, Angst, Zorn, Wut, Depression, suizidale Gedanken, blanker Hass beherrschen das Spektrum, nur in kurzen, ganz kurzen Momenten kann mal eine Emotion wie Anerkennung aufblitzen. Für die politischen Gefangenen hat dies auch zur Konsequenz, daß schon vor den Umerziehungslagern eine sehr radikale Umerziehung stattfindet: wer nur auf´s Überleben achten muss, hat für politische Theorien keinen Platz mehr. An einer Stelle be“neidet“ Yiwu sogar die politischen Insassen des sowjetischen Gulag-Systems, die sich wenigsten in der Gesellschaft Gleichgesinnter an ihren gemeinsamen Vorstellungen „wärmen“ konnten.

„Wichtig ist weder irgendein Sinn noch irgendeine Theorie. Wichtig ist das Überleben.“

Yiwu durchleidet dieses Martyrium viele Jahre, er wird verurteilt, lernt verschiedene Gefängnisse und Umerziehungslager kennen. In den Lagern herrscht Ausbeutung durch Arbeit, aber immerhin haben die Insassen ein Bett und nicht nur einen dreißig Zentimeter breiten Streifen am Latrineneimer zum Schlafen. Hier kommen auch Gespräche zustande und ein Gedankenaustausch zwischen Gefangenen ist möglich. Nichtsdestotrotz sind auch diese Lager unmenschlich…:

„… Der Kerl war fünf Jahre und sieben Monate in diesem Loch [i.e.: unterirdische Gruben, zwei Meter lang, einen Meter hoch], er war ein lebendiges Gespenst und auf beiden Augen blind. … Aus humanitären Gründen habe ich ihm dann erlaubt, von den Toten aufzuerstehen und in das Licht der Sonne zurückzukehren.“

brüstet sich der Lagerleiter in einer Ansprache an die Gefangenen..

Ist es ein Wunder, daß ein jahrelanger Aufenthalt in so einem System nicht beendet ist, nur weil man entlassen wurde? Die Seele ist weiterhin im Gefängnis. In den eingestreuten Reflexionen Yiwus über seien Situation kommt dies deutlich zum Ausdruck, die stete Verfolgung und Überwachung durch die Behörden tun ihr Übriges… Dazu dann noch die Erkenntnis, daß das neue, moderne China sich hat korrumpieren lassen durch das Geld und die wirtschaftlichen Möglichkeiten, der demokratische Impetus ist versandet, hat sich verlaufen im falschen Glanz des Talmi.

Es ist ein ausführlicher Bericht über seine Gefängniszeit, aus dem Gedächtnis geschrieben und rekonstruiert, denn schriftliche Aufzeichnungen hat Yiwu nicht, auch seine Manuskripte werden ihm später bei Hausdurchsuchungen immer wieder weggenommen. Für den Leser wiederholt sich viel in diesem Bericht, aber mit welchem Recht könnte man sagen, es reicht, wir haben genug gelesen… es ist allemal viel weniger als Yiwu erleiden musste… Es ist ein Bericht von teilweise großer Kraft, mit vielen Bilder und Metaphern, eine seltsame, beeindruckende grautraurige Poesie, die der Autor in seine Zeilen legt… und es ist ein Blick unter die Oberfläche eines der mittlerweile wichtigsten Wirtschaftspartners Deutschlands, der nur allzu oft, wie Herta Müller in ihrem Nachwort ausführt, vermieden wird.

Links und Anmerkungen:

Klappentexterin hat den Autoren auf einer Lesung in Berlin erlebt und gibt hier ihre Eindrücke wieder: Bulgakow, China, Tibet – Ein Abend auf dem 12. ilb.

Liao Yiwu
Für ein Lied und hundert Lieder
Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen
aus dem Chinesischen übersetzt von Hans Peter Hoffmann
diese Ausgabe: Fischer TB, 592 S., 2011

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3 Responses to “Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder”

  1. peterjkraus Says:

    Man bedenke, dass wir nicht nur China als bewährten Freund und Partner betrachten, sondern auch als allmächtigen Gläubiger. Kaum je ein Wort von Menschenrechten, wenn Präsident oder Außenministerin hinreisen, selten Schelte (es sei denn, wir stehen im Wahlkampf: dann weiß die Chinesische Führung, dass jeder Tadel nicht sehr ernst daherkommt).
    Wir alle sollten uns schämen. Sitzen fett und einigermaßen glücklich herum, während die chinesische Terrorregierung ihr Volk malträtiert.
    Man kann da nur auf Karma hoffen.

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  2. Verehrter flattersatz,

    mit deiner ausführlichen und wie immer fabelhaften Rezension schließt sich für mich der Kreis. Dafür danke ich dir herzlichst!

    Ich kannte das Buch bislang nur oberflächlich, doch nun bin ich tiefer eingetaucht und damit noch betroffener über das was in China mit den Menschen passiert, die kritisch ihre Stimme erheben. Vor allem das Was und Wie ist das Furchtbarste. Liao Yiwu lässt uns mit seinem Werk noch direkter daran teilhaben und darüber hinaus begeistert er durch seine Art des Erzählens. Ich beziehe mich hier auf die große Kraft, die du gespürt hast sowie die vielen Bilder/Metaphern und die Poesie, die seltsame und grautraurige, wie du sie beschreibst. Ich weiß, dass dieses Buch eine bestimmte Kraft und Zeit erfordert, aber ich möchte es lesen, wenn ich weiß, dass beides vorhanden ist.

    Liebe Grüße und eine Verneigung,

    Klappentexterin

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