David Rieff: Tod einer Untröstlichen

Die große amerikanische Schriftstellerin und Intellektuelle Susan Sontag [1] ist Ende 2004 an Leukämie gestorben [3]. Es war ihre dritte Krebserkrankung nach dem Brustkrebs von 1975 und einem Gebärmuttersarkom von 1998, die sie beide mit allen dem jeweiligen Stand der Krebstherapie entsprechend zur Verfügung stehenden Mitteln überwand. Die zum Tod führende Leukämie war eine Spätfolge der Chemotherapie gegen den Krebs von 1998.

David Rieff [2] ist der Sohn aus der frühen Ehe der 17jährigen Susan mit dem Soziologen Philip Rieff, die nach wenigen Jahren wieder gelöst wurde. Das Verhältnis Mutter/Sohn war nicht ohne Spannungen. Auf seinem Rückflug von einer Reportage im Nahen Osten im frühen Frühjahr 2004 erfuhr Rieff in einem Telefonat mit seiner Mutter, daß es ein Blutuntersuchungsergebnis gäbe, was „nicht so gut“ sei. Die beiden trösteten sich damit, daß es schon hin und wieder solche Momente gegeben habe, die sich letztlich als harmlos herausstellten, sicher würde es auch jetzt wieder so sein.

Mit diesem Telefonat, mit dieser Ankündigung beginnt der verzweifelte Kampf von Susan Sontag gegen diese dritte Krebsattacke, der sie ausgesetzt ist und es beginnt die Zeit, in der ihr Sohn David sie sehr intensiv begleitet. Es war, das sei vorweg gesagt, eine sehr unglückliche Begleitung, wobei sich nach dem Lesen des Buches die Frage stellt, ob ein Mensch wie Sontag auf seinem letzten Weg überhaupt begleitbar ist.

Sterben und Tod war im Leben Susan Sontags nicht vorgesehen, es gab keinen Platz dafür. Nach der Schilderung von David Rieff war Sontag ein Mensch der Zukunft, eine Mensch der Planung, der Vorhaben, der Ideen, des noch zu Leistenden, sie definiert sich in weiten Teilen über ihr „Werk“, dies der Terminus, den ihr Sohn verwendet. Notizen, Listen, Aufstellungen, Kalender: ihre Zukunft war verplant und ausgebucht. Insofern bezweifel ich auch Rieffs Einschätzung, wenn er sagt, seine Mutter sei ein Mensch gewesen, der „..es genoss, zu sein.“ „Zu sein“ bedeutet einerseits in der Gegenwart zu sein, Sontag dagegen plante, sie lebte in der Zukunft [5], ferner war Sontag auch nicht der Mensch, der einfach nur „ist“, sie war ein Mensch, der „machte“, der „leistete“, der sich durch Aktivität definierte. Das einfache „Sein“, das Wahrnehmen eines Zustandes, das Wahrnehmen des eigenen Ichs, der/das einfach nur „ist“, das schien Sontags Sache nicht zu sein. Für einen solchen Menschen ist es natürlich keine Alternative, die eigene Endlichkeit – und zwar die aktuelle, nicht mehr abweisbare, nicht die, die irgendwann in ferner Zukunft notgedrungen auf jeden Menschen zukommt – zu akzeptieren: noch so viel ist geplant und muss erledigt werden.

Sontag sah sich als jemand Besonderen an, als Herausgehobene und die Tatsache, daß sie zweimal den Krebs besiegt hatte (gegen alle Wahrscheinlichkeiten und die Einschätzung der Ärzte) bestärkte sie in dieser Meinung. Natürlich würde sie es auch ein drittes Mal schaffen, sie müsse nur hart genug kämpfen, dazu war sie bereit. Wenn die Wahrscheinlichkeit zu sterben statistisch bei 99% lag, lag es in ihrer Hand, durch die Bereitschaft, alles auf sich zu nehmen, zu dem einem Prozent zu gehören, das nicht starb. Dies war ihre Überzeugung, die sie auch kundtat. Bekannte, die bei derselben Krankheit, an der sie jetzt litt, entsprechende Behandlungen wie Knochenmarktransplantationen, ablehnten und starben, hatten nicht hart genug gekämpft und waren selber schuld.

Überhaupt zieht sich dieser Begriff von „Schuld“ durch das gesamte Büchlein, er ist quasi ein Leitmotiv. Man müßte im Grunde vorher Sontags bekannten Essay „Der Krebs als Metapher“ lesen (habe ich leider noch nicht, kommt aber sicher). Immer wieder taucht auch der Name Wilhelm Reichs auf, nach dessen Verständnis „..der Krebs …. durch die Lebens- und Lustfeindlichkeit unserer Umgebung [verursacht wird], er … also im Kern ein soziales Problem [ist]“ [4], womit für den Erkrankten die Frage nach seiner eigenen Schuld im Raum steht bzw. auch der Krebs als Strafe für Lebens- und Lustfeindlichkeit definiert wird.

In Mascha Kalékos bekannten Gedicht „Memento“ heißt es „..doch mit dem Tod der anderen muss man leben.„. Dies fällt Rieff offensichtlich sehr schwer, den sowohl das Sterben als auch der Tod seiner Mutter rufen starke Schuldgefühle in ihm hervor. Wenn Sterben und Tod keinen Platz haben wie bei Sontag, sind sie auch kein Thema, redet man auch nicht darüber. Nie, so die Beschreibungen Rieffs, wurde mit der Mutter die Möglichkeit angesprochen, daß aller Kampf vergeblich sein könnte.. natürlich wussten beide (und auch die anderen vielen begleitenden Freunde) um die Wahrscheinlichkeiten, aber es wurde nie darüber geredet, was es bedeutete, wenn das Wahrscheinliche auch eintreten würde… Den Sohn bringt diese Situation in einen großen Zwiespalt, er weiß nicht, ob er richtig handelt, wenn er den Optimismus seiner Mutter bedingungslos unterstützt, gegen besseres Wissen lügt, wenn er minimale Hoffnungen zu gesicherten Wahrheiten aufbauscht… das Leben der letzten Monate wird zu einer einzigen, zerreissenden Lebenslüge.

Er weiß mit dieser Situation nicht umzugehen, bräuchte selber Hilfe, die er nicht bekommt. Hilflosigkeit, Zorn und Wut sind zu spüren. Auf den Arzt, den er nur noch Dr. A nennen will, der nach der besagten Blutuntersuchung nüchtern und klar die Diagnose sagt und deren Hoffnungslosigkeit nicht verschweigt. Nein, Susan Sontag gehört nicht zu der kleinen Gruppe von Menschen, bei denen einzig eine Knochenmarktransplantation Heilung bringen kann. Zu deutlich, zu hoffnungslos teilt er den baldigen Tod mit. Denselben Ärger verspüren Rieff und seine Mutter später andererseits auch bei der Lektüre einer Krebsbroschüre, in der „.. die schlechteste Nachricht in der Sprache des günstigsten Falles mitgeteilt wird“ , also gerade anders als bei Dr. A. An einer Stelle redet Rieff davon, daß es früher einfacher war, als der Arzt den Patienten die Diagnose „Krebs“ noch verschwieg, hilflos, wie er sich fühlt, würde er gerne an der Hand genommen werden und keine Entscheidungen mehr treffen müssen. Infantilisierung, ich glaube, den Begriff wählt er an einer Stelle…

Um mit diesem starken inneren Konflikt überhaupt weitermachen zu können, definiert er sich um. Er schlüpft in die Rolle eines Schauspielers, der den Optimisten gibt bzw nimmt diese Rolle an, denn er hatte „.. nie den geringsten Zweifel, daß dies die Rolle war, die ich nach dem Willen meiner Mutter in ihrer Krankheit spielen sollte.“ So begleitet Rieff seine Mutter wie eine Marionette, immer darauf bedacht, zu reden, was diese (seiner Meinung nach) hören will um den Preis des Gefühls der Schuld, des Wissens, im Grunde gelogen zu haben. Natürlich kann man eine solche Extremsituation von aussen nicht beurteilen, aber wenn eine Sterbebegleitung zu solch großen Schuldgefühlen beim Begleiter führt (und der Hinweis auf diese Schuld, die er auf sich lasten fühlt, zieht sich durch das ganze Büchlein), ist sie sehr, sehr schlecht gelaufen, denn auch der Begleiter muss mit seiner Begleitung, seinem Handeln, weiter leben können weil er nämlich damit leben muss, ganz wie Kaléko es sagt. Rieff versucht, sich ein wenig von der Last von den Schultern zu nehmen, indem er sie verallgemeinert zu einer Behauptung, deren Unsinnigkeit ihm sein Intellekt eigentlich erkennen lassen müsste, der Aussage nämlich, jeder Hinterbliebene würde unter dem Gefühl von Schuld leiden… geteiltes Leid ist halbes Leid, und so schart sich Rieff eine imaginäre Gesellschaft von Schuldgefühlen geplagter Hinterbliebener um sich, die es aber so nicht gibt…. ich will damit nicht ausdrücken, daß man immer gnadenlos die schiere Wahrheit sagen muss, aber man muss selbst mit der Beschönigung, vllt sogar der Unwahrheit, die man dem Sterbenden sagt, leben können….

An einer weiteren Stelle versucht Rieff ebenfalls, den Leser für sich zu vereinnahmen, indem er nämlich eine ebenso imaginäre Menge aller schafft („wir“), die aus Angst vor dem Tod gelähmt sind: „.. der Tod, den wir alle, die wir wie meine Mutter (und wie ich selbst) vor der Angst vor dem Verlöschen wie gelähmt sind, ….„. Eine Auseinandersetzung mit dem Lebensende, dem Sterben, dem Tod, dem eigenen gar, scheint für Rieff ausserhalb der Möglichkeiten zu liegen und die Vorgänge um das Sterben von Sontag zeigen dies deutlich. Sehr klar geht aus vielen Passagen des Textes auch hervor, wie sehr der Sohn fürchtet, zu versagen. Natürlich hat man das Bedürfnis, einem so Schwerkranken Menschen zu helfen, ihm irgendetwas Gutes zu tun, aber im eigenen Leid ist der Kopf leer, man weiß nicht, was zu sagen ist, was helfen könnte. Hilflose Sätze wie „Das wird schon wieder werden!“ kommen dann zustande und schaden mehr als daß sie nutzen. Daß das einfache „Dasein“ schon Hilfe sein kann, fühlt er nicht.

Nie herrscht Ehrlichkeit zwischen Mutter und Sohn, wie vieles blieb da ungesagt und kann jetzt nie wieder gesagt werden. Es wird aus den Aufzeichnungen nicht klar, inwieweit sich Sontag selbst über ihren Zustand im Klaren war, einige Tagebucheinträge, die der Sohn Monate nach dem Tod liest, deuten daraufhin, daß die Mutter durchaus wusste, daß ihr Tod für sie die realistischere Alternative darstellte. Nach außen verdrängte sie diesen Gedanken, sollte sie ihn gehabt haben, völlig. Nur in der Wut, wenn mal wieder eine Karte von Freunden mit einem aufmunternd gemeintem Spruch kam und Sontag sie in die Ecke schleuderte und für Stundenn weinend im Zimmer saß, brach diese Erkenntnis wohl durch.

Die Behandlung Sontags scheint mir wie der Versuch Münchhausens, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Die Ärzte des Vertrauen, die anders als besagter Dr. A Zugang zu Sontag haben, behandeln sie, sie unterzieht sich einer Knochenmarkstransplantation in Seattle. Wenn der Patient eine bestimmte Behandlung wünscht und diese medizinisch gesehen eine Chance (egal welche?) bietet, wird sie durchgeführt, so wird die Einstellung des behandelnden Arztes wiedergegeben. Aber, so deuten dies wiederum die Patientin und ihr Sohn, würde der Arzt eine solche Behandlung durchführen, wenn nicht Hoffnung bestünde? Hoffnung… unter diesem Leitstern sieht Rieff das Leben, bzw. Leiden seiner Mutter stehen. Hoffnung auf ein wenig Aufschub, ein wenig mehr Leben, vllt solange, bis eine neue Therapie Heilung verspricht… Mukherjee nannte dies „heilungsbesessen“ [6]. Der unendlich leidvolle Therapieversuch schlägt fehl, Sontag wird immer schwächer, ihr Tod ist nicht leicht, aber schließlich setzt ihr Atem endgültig aus und sie schläft einfach ein… Und dann der letzte Gedanke des Sohnes, daß er nichts tun konnte, ihr zu helfen. Auch er, wie die Mutter, definiert sich über das „Machen“, nicht über das „Sein“, denn wie immer es auch gelaufen ist, er war „da“, er hat seine Mutter begleitet. Und das ist nicht wenig, oft mehr, als ein Mensch leisten kann.

Wenn ich meine Notizen schaue, ließe sich noch einiges mehr zum Büchlein sagen, aber ich denke, die Hauptgedanken, die ich beim Lesen hatte, habe ich formuliert. Büchlein – die knapp 160 Seiten kann man gut an einem Tag lesen, die gedankliche, gefühlsmäßige Auseinandersetzung mit dieser sehr ernsthaften, tiefgründigen, traurigen Geschichte nimmt mehr Zeit in Anspruch. Es wäre gut, wenn viele dieses Buch lesen würden und auch darüber reden, denn die Begleitung eines Sterbenden, eines nahen Verwandten allemal, ist schwierig für beide Seiten und die Schilderung dieses Sterbens bzw. dieser Begleitung zeigt so vieles…. So kurz vor den Tod, dem endgültigen Ergeignis im Leben eines jeden von uns, ist keine Zeit mehr zu verschenken, diese sehr intensive Zeit des Miteinanders kann für beide sehr gewinnbringende Momente haben, gegenseitige Ehrlichkeit, die zwischen Sontag und ihrem Sohn nicht war, ist eine der Voraussetzungen dafür. Allein die Würde des Sterbenden verlangt danach, ihm die Chance geben, sich auf seinen Tod vorzubereiten, um dann in Frieden sterben zu können.

Vielleicht war Susan Sontag aber tatsächlich nicht der Mensch dafür. Ihre ganze Hoffnung war auf Zeitgewinn fixiert, um diese Hoffnung aufrecht zu halten, hat sie ihre Umwelt eingespannt, instrumentalisiert. Es war nur erlaubt, was diese Hoffnung nährt, notgedrungen fälschlicherweise. Tod und Sterben waren aus ihrem Leben ausgeklammert. Obwohl bzw. gerade weil sie zweimal eine tödliche Erkrankung überwunden hat, hat sie gerade im Ignorieren des Todes ihre Chance gesehen, darauf ihre Hoffnung gesetzt. Diesmal half es ihr nicht. Im letzten Satz, den Susan Sontag sprach, bevor sie in einen Dämmerzustand hinüberglitt, verlangte sie nach ihrem Sohn David. Dies mag ihm, den eine vermeintliche Schuld so sehr belastet, Trost sein, daß er seiner Mutter in ihren letzten Monaten wichtig war und eine Hilfe.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Beitrag mit biographischen Daten zu Susan Sontag
[2] kurzer Wiki-Beitrag zu David Rieff
[3] Nachruf in der NYT: http://www.nytimes.com/2004/12/28/books/28cnd-sont.html?_r=1
[4] zitiert aus der WebSite des „Arbeitskreis Wilhelm Reich“ (Hochschulgruppe an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz)
[5] wir alle machen das. wenn wir überlegen, was wir noch machen wollen/müssen/sollten etc, uns auf etwas freuen, etwas vorbereiten: es ist leben in der Zukunft. Genauso, wie wir über unsere Erinnerung in der Vergangenheit leben. Und jeder mag es für sich austesten, wie schwer es ist, auch nur wenige Minuten einfach nur (in der Gegenwart) zu sein, ohne daß der Kopf plant oder sich erinnert….
[6] Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten, besprochen bei aus.gelesen. Rieff selbst gibt folgende Aussage eines befreundeten Arztes wieder: „Da lag sie [i.e. die Frau des Arztes], praktisch ein Skelett, und unterhielt sich mit mir noch darüber, dass sie besser in Form kommen müsse, um stark genug für die nächste experimentelle Behandlung zu sein.

David Rieff
Tod einer Untröstlichen
Die letzten Tage von Susan Sontag
aus dem … übersetzt von Reinhard Kaiser
diese Ausgabe: Fischer TB, 160 S., 2011

Advertisements

16 Kommentare zu „David Rieff: Tod einer Untröstlichen

  1. „Allein die Würde des Sterbenden verlangt danach, ihm die Chance geben, sich auf seinen Tod vorzubereiten, um dann in Frieden sterben zu können.“

    warum ist das, lieber Flattersatz, scheinbar so schwer zwischen uns Menschen……warum verdrängen wir mit Macht unsere Sterblichkeit…..
    Kennen Sie das Gedicht von Marion Bickel?

    Keiner wird gefragt
    wann es ihm recht ist
    Abschied zu nehmen
    von Menschen
    Gewohnheiten
    sich selbst

    irgendwann
    plötzlich
    heißt es
    damit umgehen
    ihn aushalten
    annehmen
    diesen Abschied
    diesen Schmerz des Sterbens

    dieses Zusammenbrechen
    um neu
    aufzubrechen

    liebe immer noch lebensbejahende Grüße
    von der Karin

    PS: Todesängste…ich kann nicht mitreden…einThema, das mich weder gestreift noch berührt hat, trotz meiner 71 Jahre….

    PSPS: Ihre Besprechung ist wie immer wunderbar…..trotzdem…..-.))))

    Gefällt mir

    1. „ihn aushalten
      annehmen
      diesen Abschied
      diesen Schmerz des Sterbens“

      nicht jeder mensch hat angst vor dem tod, viele, die ihren frieden gemacht haben mit sich und den ihren, gehen friedlich. es ist eine ungeheure aufgabe, im wahrsten des wortes: wir geben im tod alles auf, was wir haben, sogar uns selber und das leben und niemand weiß, was uns erwartet… natürlich ist das ein guter grund, angst zu haben und am leben festzuhalten. es gibt kein patentrezept, aber die frühzeitige beschäftigung mit der eigenen endlichkeit kann sehr helfen, sich vorzubereiten, den abschied, den eigenen von allem, anzunehmen. übrigens, mit dem eigenen tod umzugehen ist sehr lebensbejahend, da man erst dadurch den wert des lebens ermessen kann. es heißt nicht umsonst, man solle jeden tag so leben, als ob man morgen sterben würde: bewusst, mit achtsamkeit. man würde das leben nicht mehr verschleudern. der untergang der fernsehindustrie… :-))

      Gefällt mir

  2. Im Jahr 2009 erschien eine Fotodokumentation von Annie Leibovitz, der Lebensgefährtin von Susan Sontag, unter dem Titel „A Photographer’s Life: 1990-2005“. Darin befinden sich auch Bilder aus der Phase des Abschieds. Ihr Sohn war ganz und gar nicht mit der Veröffentlichung dieser Fotografien einverstanden.

    Gefällt mir

    1. ja, das ist richtig, annie leibovitz war ja langjährige lebensgefährtin von susan sontag und hat diese photos aus der letzten lebensphase gemacht. rieff erwähnt dies in seinem buch entsprechend negativ, wie du schon sagtest. zum teil lassen die bilder sich ergoogeln, es ist in der tat die frage, ob man solche fotos, zumal eines menschen, mit dem man liiert ist, veröffentlichen muss. in der nyt gibt es zu diesen teil des werkes von leibovitz einen bericht. aber auch rieffs buch selbst wurde zum teil kritisch gesehen, weil er genauso – aber eben in geschriebener form und da sagt ein bild mehr als tausend worte – intimes und privates seiner mutter in die öffentlichkeit getragen hat. es ist eine frage, über die man immer streiten kann.. aber sontag ist eben auch ein öffentlicher mensch gewesen … vor wenigen jahren war ja bei dem bericht von tilman jens über seinen vater eine ähnliche diskussion, zum teil sehr scharf, in deutschland zustande gekommen, als dürfe man nicht öffentlich sagen, daß und wie eine geistesgröße wie walter jens krank werden kann….

      Gefällt mir

  3. Warum sollen Bilder von Todkranken, Sterbenden abschreckend sein, es zeigt doch nur wieder, daß wir diesen Teil des Lebens zu gern ausblenden wollen. Allerdings sollte man diese Bilder immer, wenn es geht, mit dem Einverständnis der Betroffenen machen .Medienmäßig so etwas auszuschlachten, da gibt es Grenzen. Deswegen hat mir ja auch das Schlingesiefbuch so gut gefallen „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein“..er schildert sein unbarmherziges Schicksal mit Wut, Größe, Menschlichkeit und sogar Humor. Und zum Glück: keiner wird gefragt…..vom Tod freikaufen kann sich niemand….eine sinnvolle Gerechtigkeit…….was das Lindern von Krankheiten anbelangt, da herrscht die übliche Ungerechtigkeit auf der Welt…
    wahrlich ein Thema zum endlos diskutieren……

    Gefällt mir

    1. liebe sternschnuppe, ich kenne jetzt auch nur eins dieser bilder, die die diskussion angefacht haben. es sind offensichtlich nicht einfach nur bilder eines kranken, sterbenden menschen, es sind bilder, die – in die öffentlichkeit gebracht – nachträglich dessen intimsphäre verletzen. ich denke auch, es geht die welt nichts an, wie sontags körper nach ihrer radikalen mastektomie aussah – es sei denn, es wäre ihr eigener wille gewesen, daß…

      schlingensief.. vllt sollte ich das buch doch einmal lesen, aber ich habe mich mit dem (öffentlichen) menschen nie anfreunden können….

      Gefällt mir

  4. Lieber Flattersatz,

    ich kenne das Bild nicht und Frau Leibovitz erklärt es zur „Kunst“ und gegen so etwas würde ich mich strikt verwahren, obwohl wenn ich an Matthias Grünewald denke und seine Darstellung vom Sterben des geschundenen Christus, der zeigt, ähnlich wie der Film „Die Passion Christi“, was dieses Sterben bedeutet, dann darf „Kunst“ auch das.
    Es lohnt sich auf jeden Fall dieses Buch vom Schlingensief zu lesen, es zeigt den Menschen…nicht unbedingt den Künstler.

    einen lieben Gruß in Ihre Klause

    Karin

    Gefällt mir

  5. Hallo flattersatz,

    schön, bei Dir noch mal einen sehr ausführlichen und kritischen Bericht über das Buch zu lesen. Es hat mich auch sehr lange beschäftigt, da es Fragen aufwirft, denen wir uns alle irgendwann stellen müssen.

    Die Meinungen in den Feuilletons gingen teilweise schon sehr weit auseinander, Du schließt Dich den kritischen Stimmen an. Mangelndes Mitgefühl und Selbstmitleid des Autors wurden unter anderem angeführt. Ich habe das Buch damals anders empfunden, als sensibel und reflektiert. Das zeigt in meinen Augen schon, wie schwierig das Thema ist, über das „man“ – ich schreibe jetzt bewusst nicht „wir“ – sich ungern unterhält (Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel). Aber manchmal gibt es einen Zeitpunkt, an dem gute Gespräche entstehen.

    Zu einigen Deiner Kritikpunkte will ich noch meine Sicht äußern, sofern sie nicht schon zu verblasst ist. Was Dr. A angeht, ließ der wohl eher das Fingerspitzengefühl vermissen, dass sich der Sohn gewünscht hätte. Das Fachchinesisch war dabei nicht unbedingt förderlich. In dieser Kritik wird aber schon eines deutlich, was sich in Form der Unsicherheit des Sohnes durch das gesamte Buch zieht, nämlich die Frage nach *dem* Weg. Und da kam für mich die Erkenntnis, dass es *den* Weg nicht gibt. Jeder Mensch ist anders gestrickt und aus diesem Grund war ich sehr vorsichtig, die Aussagen des Sohnes und seine Handlungen zu beurteilen. Seine Selbstzweifel, die tatsächlich sehr häufig zum Ausdruck gebracht werden, zeigen die Schwierigkeit überhaupt eine Entscheidung zu treffen.

    Rückblickend, als Außenstehender, scheint es leichter zu beurteilen, was richtig gewesen wäre. Aber das kann niemand beurteilen und auf diese Frage wird niemand eine Antwort bekommen.

    „Allein die Würde des Sterbenden verlangt danach, ihm die Chance geben, sich auf seinen Tod vorzubereiten, um dann in Frieden sterben zu können.“ Mit absoluten Aussagen bei diesem Thema wäre ich sehr vorsichtig. Auch was die Ehrlichkeit anbelangt, für Dich die Grundlage eines würdevollen Sterbens. Vielleicht war das Unausgesprochene für beide trotzdem sehr deutlich, so dass beide das Theater mitspielten? (Sie hatte die Diagnose „besonders tödliche Form von Blutkrebs“. Auch wenn das Gegenteil geschrieben steht, wird der ein oder andere Gedanke an den Tod durch den Kopf gegangen sein). Womöglich hat sie sich innerlich darauf vorbereitet und hatte die Rolle, die ihr Sohn spielte, diesem zugedacht? Alles Fragen, die höchst spekulativ sind und auf die es keine Antworten gibt.

    Der einleitende Satz im letzten Abschnitt relativiert das Absolute der vorherigen Aussage wieder etwas. „Vielleicht war Susan Sontag aber tatsächlich nicht der Mensch dafür.“ Mir fiel und fällt es schwer, das Sterben bzw. den Kampf zu beurteilen, als „verschenkte Zeit“ zu beschreiben. Dafür bin ich trotz des Buches einfach zu weit weg. Beide sind den letzten Weg gemeinsam gegangen und das finde ich ebenso wie Du sehr tröstlich.

    Viele Grüße

    Gefällt mir

    1. erst einmal und zuvörderst herzlichen dank für deinen ausführlichen und nachdenklichen kommentar!

      ich möchte zu deinen bemerkungen gerne noch etwas erwidern. einen menschen im sterben zu begleiten, dürfte zum schwierigsten gehören, was man auf sich nehmen kann, zumal, wenn mit der mutter (oder einem anderen sehr engen verwandten) ja auch ein teil des eigenen ichs im sterben liegt. was ist da das kriterium für „richtiges“ oder „falsches“ verhalten? für den sterbenden ist das wohl das richtige, das ihm das sterben erleichtert, für den begleiter das, was ihn während der begleitung und nach dem tod des begleiteten in frieden leben läßt und was ihm auch das gefühl bietet, gut begleitet zu haben. richtig ist, was nähe schafft, vertrauen und sicherheit, umgekehrt dürfte nicht richtig sein, was schuldgefühle hervorruft, ängste oder auch zorn und wut (die rieff z.b. auf dr. a oder auch die krebsbroschüre projeziert)

      aber die situation, die rieff hier in der nachschau beschreibt, stellt sich eben ganz anders dar: er hat schuldgefühle, weil er sich von seiner mutter in die rolle (diesen ausdruck gebraucht er selbst) des optimisten hat drängen lassen und er jetzt nicht sicher ist, ob dies richtig war. dieses schuldgefühl ist auch deswegen so fatal, weil es nie wieder wirklich „entschuldigt“ werden kann, der einzige mensch, mit dem er dies bereinigen könnte, ist tot….. es wird sich ändern, anders anfühlen, aber bleiben. hinterbleibt ein solches schuldgefühl, ist die begleitung nicht gut gelaufen, ich denke, diese aussage kann man machen. und welchen sinn sollte dann das „theater“ machen, in dem beide (wie du schreibst) mitgespielt haben?

      jeder, der begleitet, kämpft mit der unsicherheit, was sag ich, darf ich das wort „sterben“ sagen, das wort „tod“? töte ich damit am ende die hoffnung beim sterbenden? oder – weil man ja eigentlich nie lügt, um den gegenüber zu schonen, sondern nur, um sich selbst zu schonen – ist es für mich einfacher, wenn ich das thema vermeide, darum herumrede? (letzteres vermeine ich bei rieff stark zu spüren). aber: wenn eins dieser Worte ausgesprochen wurde herrscht aller erfahrung nach meist erleichterung, das gefühl, daß endlich etwas, was zwischen beiden stand, beseitigt worden ist. so seltsam es klingt, jetzt kann viel freier geredet werden – oder auch geschwiegen werden, es ist ein ganz anderes schweigen, eine ganz andere stille, die dann herrscht, eine friedliche, nachdenkliche stille… jeder hat jetzt die gelegenheit, sich selbst und sich mit dem anderen vorzubereiten, auf das, was unvermeidbar kommt. deswegen bin ich für ehrlichkeit, die herrschen sollte.

      natürlich gibt es auch menschen, die den gedanken an den eigenen tod nicht ertragen. sontag gehörte offensichtlich dazu, zumindest nach aussen hin. man wird nie wissen, ob sie innerlich den gedanken an die eigene sterblichkeit letztlich akzeptiert hat. aber für wen hätte sie dann nach außen hin ihren optimismus gezeigt? für ihren sohn? der seinerseits wieder….

      auch was dr. a angeht.. ich denke eher, das sich rieff hier „abreagiert“, seinen zorn auf ihn richtet, denn dessen unverblümte ehrlichkeit kritisiert er ja ebenso wie die verbrämenden aussagen der broschüre. natürlich ist situatives fingerspitzengefühl notwendig, aber auch hier tendiere ich zu klaren aussagen.

      ich kritisiere rieff nicht, falls dieser eindruck entstanden ist, ist er falsch, nichts stünde mir weniger zu. ich habe es vor ein paar tagen bei servan-schreiber schon geschrieben, wenn jemand so über seine gefühle und erfahrungen schreibt und reflektiert, ist das nicht kritisierbar in welcher hinsicht auch immer, das ist zu akzeptieren. aber da ich selbst sterbende begleite, versuche ich zu lernen aus den erfahrungen anderer und ich denke, aus dieser begleitung kann man viel lernen….

      liebe grüße
      fs

      Gefällt mir

      1. Ich denke auch, dass es zum Schwierigsten gehört, was man auf sich nehmen kann. Zuerst ist da die Frage, ob oder wann man einen Sterbenden vor sich hat. Ich weiß nicht, wann man diese Frage beantworten kann.

        Bei dieser schweren Frage und unter Kenntnis der vorherigen Krebserkrankung, bei der die Überlebenschancen schon einmal als äußerst niedrig eingestuft wurden, wüsste ich auch nicht, welchen Weg ich hätte einschlagen sollen. Das Verhältnis von Sohn zu Mutter und deren Charakter, kann ich ebenso wenig einschätzen. So spielen natürlich eigene Erfahrungen mit hinein, aber das dürfte immer bis zu einem gewissen Grad der Fall sein.

        Von den Schuldgefühlen weiß ich nicht mehr, ob sie aus dem Gefühl, etwas Wichtiges verpasst zu haben, entstanden. Ich habe es jedenfalls nicht in Erinnerung. Ob also etwas vorlag, was es zu entschuldigen gab, weiß ich ebenfalls nicht mehr. Ich hatte die Entstehung der Schuldgefühle eher der Schwierigkeit der Entscheidung zugeschrieben und der Zerrissenheit zwischen der Wahrheit (so es sie denn gab) und der Rolle, in die er sich gedrängt sah.

        Es ist jetzt über ein Jahr her, dass ich das Buch gelesen habe und der grobe Inhalt ist dafür noch sehr präsent, dennoch kann ich mir nicht mehr jeden Beweggrund genau vor Augen führen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass Du Rieff kritisierst, sondern, dass Du allgemein den gewählten Weg nicht unbedingt als falsch (denn Du weist ja auf die Schwierigkeit der Kriterien „richtig“ und „falsch“ in diesem Zusammenhang hin), aber als „sehr, sehr schlecht“ gelaufen bezeichnest. Da kann ich mich nicht festlegen, denn ich stelle mir vor, dass es andersherum genauso zu Schuldgefühlen führen hätte können, wenn man vielleicht das Gefühl hat, zu früh aufgesteckt zu haben.

        Was Dr. A. angeht, kann das schon sein, dass er da Frust abgeladen hat oder dass ihm seine Art nicht gepasst hat. Auch wenn ich das in meiner Besprechung noch mal herausgehoben habe, würde ich das nicht zu hoch hängen. Die Diagnose war deutlich, aber vielleicht nimmt man sie anders wahr, wenn man dem Tod schon einmal von der Schippe gesprungen ist. Ich kann da und bei vielen anderen Dingen nur spekulieren. Weil das Buch nicht vorgibt, Antworten zu haben, die nur jeder für sich selbst finden muss, finde ich es so gelungen. Es regt sehr zum Nachdenken an.

        Ich halte das, was Du über Ehrlichkeit geschrieben hast, für richtig und „schön“, aber nicht für ein Patentrezept. Dafür sind die Menschen zu verschieden, können Situationen entstehen, in der man andere Wege wählt. Großen Respekt vor Deiner Aufgabe, Menschen in den Tod zu begleiten. Da heraus hast Du sicherlich einen ganz anderen Zugang zu diesem Thema.

        Viele Grüße

        Gefällt mir

        1. sterbebegleitung ist ein thema, über das man viel diskutieren kann und muss. nicht im sinne, daß man seinen gesprächspartner von seiner meinung überzeugen will, sondern in dem sinne, daß man durch das reden und das zuhören seine eigene meinung reflektiert und andere ansichten, gefühle kennenlernt, die man unter umständen noch nicht so kannte/bewertete/berücksichtigte. auch aus diesem grund vielen dank für deine kommentare.

          ein buch über so ein schwieriges thema ist doppelt problematisch: es ist keine diskussion mit dem autor möglich, in der dieser erklären, deuten oder interpretieren: also unter umständen falsch verstandenes korrigieren kann. bei rieffs buch kommt zusätzlich noch dazu, daß es eine übersetzung ist, der leser also noch nicht einmal die aussagen von rieff kennt, sondern nur deren übertragung ins deutsche…..

          aber die situation, in die der rieff als sohn durch diese krebsdiagnose/-erkrankung der mutter gekommen war, war schon sehr problematisch. das allgemeine verhältnis zur mutter nicht ohne spannungen, das thema sterben/tod anscheinend unreflektiert weil ausgeblendet, dazu ist offensichtlich kein versuch gemacht worden, sich externe hilfe zu holen. die mutter sehr stark, dominierend und auch in ihrem sinne manipulierend. als ehrenamtlicher sterbebegleiter habe ich immer die möglichkeit zu sagen: es tut mir leid, wir passen nicht zusammen. ich tue ihnen nicht gut, sie tun mir nicht gut…. als sohn hatte rieff diese möglichkeit nicht wirklich, er hätte nur versuchen können, andere menschen zu finden, die ihm hätten helfen können… sehr schwierig…

          es ist richtig, „ehrlichkeit“ (um jeden preis) ist kein patentrezept. aber, und das habe ich ja auch geschrieben, ich denke, beschönigungen oder gar schwindeleien werden spätestens dann problematisch, wenn ich nicht dahinter stehen kann und mich – wie rieff beschreibt – voller zweifel schuldig fühle, falsch gehandelt zu haben. ich kenne solche situationen, in denen man spürt, daß der gegenüber gerne hören würde, „ja, ich bin sicher, sie erleben ihre goldene hochzeit noch…“, aber wenn die noch einige jahre auf sich warten läßt, kann ich das nicht sagen… allein die tatsache, daß ich explizit als sterbebegleiter am bett sitze, würde diese behauptung ad absurdum führen und mich unglaubwürdig machen, und damit würde ich mein ganzes „kapital“ verspielen: das vertrauen, das mir entgegengebracht wird…

          noch so früh am morgen und schon so ein problematisches thema…. ;-)

          liebe grüße und habe einen guten tag!
          fs

          Gefällt mir

  6. Ich Antworte mal nicht direkt unter Deinem Beitrag, in der Hoffnung, dass es dann lesbarer bleibt.

    „ein buch über so ein schwieriges thema ist doppelt problematisch: es ist keine diskussion mit dem autor möglich, in der dieser erklären, deuten oder interpretieren: also unter umständen falsch verstandenes korrigieren kann.“

    Genau das ist der Grund, warum ich mich mit einer Bewertung/Einordnung z.B. der Schuldgefühle etwas zurückhielt. Vielleicht hast Du aber auch genau den Kern getroffen? Die Frage könnte uns, wie Du bemerkst, nur der Autor beantworten. Ich stimme Dir auch mit der Einleitung zu, ich will zwar meine Sicht erläutern, aber niemanden von etwas überzeugen. Bei dieser spekulativen Art auch schwer möglich. Wie schon geschrieben, spielen eigene Erfahrungen eine nicht unerhebliche Rolle und da kann ich nicht aus der Praxis sprechen, sondern nur meine Gedanken zu formulieren versuchen, wie sie jetzt in diesem Augenblick entstehen. Vielleicht denke ich irgendwann ganz anders darüber.

    Den für mich entscheidenden Unterschied zwischen der Sterbebegleitung, die Du leistest und die im Buch beschrieben wird (wobei ich nicht mehr weiß, ob das Wort Sterbebegleitung überhaupt gefallen ist und ob es in diesem Fall angebracht ist), hast Du schon ausgeführt. Du kannst Dich entscheiden, ob ihr zusammenpasst. So nahe man sich gegebenenfalls auch kommt, stelle ich mir vor, dass es trotzdem ein ganz anderes Verhältnis ist, als bei dem nächsten Verwandten, einem Elternteil. Ich kann mir denken, dass der Prozess sehr belastend ist, aber nur schwer, dass daraus große Schuldgefühle erwachsen können. Ich kenne mich mit dem Prozess der Sterbebegleitung nicht aus, weiß nicht, wer diese in Anspruch nimmt. Würde jemand, der sich nicht damit abfinden kann/will, dass er bald sterben muss, diese Hilfe in Anspruch nehmen?
    Jemanden, den ich gerade erst kennen gelernt habe, in dieser Frage zu belügen, erscheint auch mir in Deinem Fall nicht als Option (da kommt auch wieder die Frage im vorherigen Satz ins Spiel). Wenn ich das richtig einschätze, dann haben die zu Begleitenden nur noch sehr wenig Zeit.

    Wenn jemand bis zum letzten Atemzug kämpfen möchte, dann ist das für mich auch eine Art zu sterben. Vielleicht vergrößert man dabei sein eigenes Leid und das der Angehörigen, verursacht Kosten usw. All die Fragen wurden schon im Buch aufgeworfen. Aber könnte ich einem Elternteil sagen: „Lass es, es hat keinen Sinn!“? Das Alter spielt neben unzähligen anderen, individuellen Faktoren bestimmt auch eine Rolle.
    Bemerkt der Patient irgendwann selbst, dass es dem Ende entgegen geht? War es hier, als der Sohn noch einmal gerufen wurde?

    Ich denke, dass Du hier ganz andere Erfahrungen gemacht hast, als ich. Daher bin ich sehr vorsichtig, denn es ist alles für mich eher ein Stochern im Nebel und es bleiben bestimmt immer mehr Fragen als Antworten. Es gibt in meinen Augen keine definitiven Antworten. Da zeigt sich auch die Schwierigkeit, je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Fragen entstehen.

    Liebe Grüße zurück und eine schöne Woche!

    Gefällt mir

    1. liebe wortlandschaft, noch ein wort zum thema „schuld“: vllt ist es wirklich auch ein übertragungsproblem des textes ins deutsche, denn in dem text aus dem guardian spricht rieff ja eher von zweifeln: „And that’s the question: did I do the right thing? My doubts will never leave me,…„, vllt ist meine starke wichtung dieses aspektes auch von anderen, persönlichen erfahrungen, von denen ich selbst betroffen bin, beeinflusst….

      sterbebegleitung: nein, das wort fällt im buch natürlich nicht, aber es ist eine sterbende und der sohn begleitet sie auf diesem letzten lebensabschnitt, wie sollte dies sonst nennen? es ist aber ja nur ein aspekt, ein wort für etwas, was selbstverständlich sein sollte zwischen eltern und kindern… und die schuldgefühle (bleiben wir bei dem begriff, er wird schließlich im buch so verwendet, resultieren ja nicht aus der begleitung, sondern aus dem zweifel, „bequemer“weise (?) die ihm von der mutter zugedachte rolle angenommen zu haben. aber wie gesagt, es ist meine interpretation des textes, sie muss nicht stimmen…

      ob ein um sein leben kämpfender eine explizite sterbebegleitung akzeptieren würde, ist schwierig zu sagen, aber du hast recht, wohl eher nicht. wenn der gedanke an den möglichen tod verdrängt wird, wird wohl auch alles, was damit zusammenhängt, verdrängt und abgewehrt.

      im übrigen kann eine begleitung sich über wochen und monate erstrecken, auch wieder aufhören, wenn sich wider erwarten der gesundheitliche zustand bessert und stabilisiert. das entwickelt sich im lauf der zeit, es werden ja auch, was man nicht vergessen darf, die angehörigen begleitet, die diese begleitung, die gespräche, die entlastung oft noch mehr brauchen als die patienten selbst…

      Wenn jemand bis zum letzten Atemzug kämpfen möchte, dann ist das für mich auch eine Art zu sterben.“ ja, das stimmt und ist zu akzeptieren. genauso wie das gegenteil, daß man nach einer diagnose jede behandlung ablehnt und die verbleibende Zeit nicht als Patient, sondern als „normaler Mensch“ selbstbestimmt verlebt (vgl Noll). Es bedeutet aber nicht, daß man selber auf jeden wunsch des patienten eingehen muss. müller-busch (palliativmediziner) schreibt in seinem buch „Abschied braucht Zeit“: „.. Transparentes Handeln [des Arztes] sollte dazu beitragen, daß alle Maßnahmen für andere nachvollziehbar werden. Das kann weder bedeuten, alles zu tun, was möglich ist, noch alles zu tun, was gewünscht wird. Medizinische Indikation bestätigt sich im Dialog und verwirklicht sich in der Palliativversorgung in der Begleitung des sterbenden Menschen. ..“ [st 4368, S.40]. sontag hat dieses prinzip ja auch schon erfahren gehabt, bei ihrer brustkrebserkrankung war sie ja auch in einem krankenhaus, das die (objektiv recht sinnlose, vgl Mukerjhee) radikale mastektiomie ablehnte, so daß sie sich andere ärzte suchen musste, die ihren behandlungswunsch erfüllten, ein handlungsmuster, das sich 2004 wiederholt hat. frag mich jetzt aber bitte nicht, was passiert, wenn diese beiden aufeinanderprallen: der unbedingte behandlungswunsch und das ablehnen durch den arzt, die ärzte… es gibt auch schlimme situationen, in denen man an grenzen stößt… dann herrscht auf beiden seiten des krankenbettes verzweifelung.

      Aber könnte ich einem Elternteil sagen: „Lass es, es hat keinen Sinn!“?“ Jein… mit wem, wenn nicht mit den nahestehendsten menschen, die man hat, sollte man über das thema „sterben“ reden können? (obwohl es oft auch leichter fällt, mit fremden zu reden, mit denen das verhältnis unbelastet ist.) der eine stirbt, der andere muss damit leben (masha kaleko in ihrem gedicht „memento“: …den eignen Tod, den stirbt man nur, doch mit dem Tod der andern muß man leben…), wie wichtig ist da ein gespräch darüber. es muss ja nicht lang sein… vieles kann man auch im schweigen sagen. aber: natürlich nicht mit dieser frage.. da gibt es andere wege, mit denen man dieses thema berühren kann…

      dem, was du im letzten absatz schreibst, kann ich nur zustimmen, es gibt keine definitiven antworten, und was heute eine antwort ist, muss schon morgen nicht mehr unbedingt eine sein. und hin und wieder, vllt sogar öfter, muss man den mut haben, eine frage auch einfach im raum stehen zu lassen: „ich weiß es nicht….“. jede situation ist anders, deswegen ist ehrlichkeit so wichtig, weil ich mich dann immer wieder neu einstellen kann, ohne mich verbiegen zu müssen. ehrlichkeit bedeutet für mich nicht unbedingt wahrheit um jeden preis, ich habe z.B. überhaupt kein problem, zu schwindeln und zu phantasieren, wenn ich damit einem sterbenden die angst nehmen kann, der zurückbleibende partner würde mit dem leben, dem haushalt, dem… was weiß ich, nicht klarkommen… aber ehrlichkeit, was die hoffnungen und aussichten des patienten angeht, die denke ich, ist notwendig, um auch vertrauen zu schaffen und um den (lebenslangen) zweifeln zu entgehen, von denen rieff spricht..

      ich danke dir sehr für diesen gedankenaustausch!

      Gefällt mir

  7. Noch ein kleiner Nachtrag:

    Ich habe im Guardian noch einen Artikel von David Rieff zu seinem Buch gefunden, in dem das Ambivalente zum Ausdruck kommt, aber einige Fragen klar beantwortet werden, die ich nicht mehr im Gedächtnis hatte (ich gehe mal davon aus, dass sie auch so im Buch zu finden sind, vielleicht kannst Du Dich da noch besser erinnern.) So zum Beispiel das Bedauern, sich von seiner Mutter nicht richtig verabschieden zu können, ihr nicht aus tiefstem Herzen sagen zu können, dass er sie liebte.
    http://www.guardian.co.uk/books/2008/may/18/society

    Gefällt mir

  8. Ich denke er verwendet beides, Schuld und Zweifel. Aber ich denke auch, dass mich das Wort Schuld eher aufhorchen ließ, als es das Wort Zweifel tat, und dass ich finde, dass Rieff doch recht hart mit sich ins Gericht geht. Nach Deinen Beiträgen und dem Artikel aus dem Guardian glaube ich, dass Du mit dem was Du schreibst wahrscheinlich nahe bei dem liegst, was Rieff auch darüber denkt. Auf so eine Situation kann man sich nicht einstellen (an anderer Stelle: „One of the great difficulties of this situation is that in some way we all have to live through it, both as helpers and then ourselves as we die, but there’s no class for learning it, and there can’t be.“) und er schreibt ja auch, dass er nicht nachdachte, was ihn überhaupt erst dazu befähigte, seine Rolle, in die er sich gedrängt sah, auszufüllen.
    „But, for me at least, not thinking about what I knew meant, to some extent, not thinking at all, because if I were really thinking all the time and allowing myself to be fully alert, I just never could have pulled it off.”

    Vielen Dank auch für die Ausführungen zur Sterbehilfe. Wie auch die nahestehendsten Personen darüber denken wird sich wohl nur in einem Gespräch herausfinden lassen. Das Gedicht von Masha Kaleko passt da sehr gut, wie ich finde.

    Ich danke Dir auch sehr für den anregenden Austausch.

    Gefällt mir

... und deine Meinung?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s