Sibylle Knauss: Eden

17. August 2012

Knausss Roman ist vieles.. er kann als (prä)historischer ebenso wie als biographischer Roman gelesen werden, es ist genauso gut eine Familiengeschichte wie die Geschichte einer faszinierenden Forschung bzw faszinierender Forscherpersönlichkeiten. „Eden“: der Titel deutet es an, es geht um unsere Herkunft als biologische Wesen, auch wenn bezweifelt werden darf, daß die Zustände wirklich paradiesisch waren, wie die Bezeichnung „Eden“ es suggeriert, damals, als der Roman mit seiner Handlung einsetzt.

Ein Paar ist auf der Flucht, mit einem Kind. Es ist auf der Flucht, so wie alle Lebewesen auf der Flucht sind, denn es geschieht etwas, dem man nicht entgegentreten kann: ein Vulkan bricht aus, hüllt die Landschaft mit feiner Asche in, die in den Lungen brennt, die Lungenbläschen zerstört, alles austrocknet und die unaufhörlich immer weiter alles bedeckt. Doch plötzlich fällt Wasser vom Himmel, dicke Tropfen regnen auf die Erde, auf die von Asche bedeckt Erde nieder… [5]

Dreieinhalb Millionen Jahre später entdeckt Mary Leakey die Fußspuren dieses Paares auf der Flucht im Tuff dieses prähistorischen Vulkanausbruchs verewigt. Es ist die entscheidende Entdeckung von Mary Leakey, die schon soviel gefunden hat, allein und mit ihrem schon vor Jahren verstorbenen Mann Louis.

Louis Leakey wurde 1903 in Kenia als Sohn eines Missionars geboren. Er wuchs unter den Kindern des benachbarten Stammes auf, wurde auch in diesen aufgenommen. Schon früh interessierte er sich für archäologische Fragen. Er studierte Anthropologie und Archäologie in Cambridge, heiratete und lernte 1933 die 20jährige Mary Nichols, Tochter eines Künstlerehepaares kennen. Es ist ein kleiner gesellschaftlicher Skandal, daß Mary sofort zu Louis zieht, dieser läßt sich scheiden und heiratet Mary 1936. Im folgenden Jahr gehen die beiden nach Kenia zurück zu Grabungen. Den allergrößten Teil ihres noch folgenden Lebens sollte Mary in Afrika bleiben und graben, Louis war derjenige, der die Öffentlichkeit suchte, der Vorträge hielt, reiste und bei Sponsoren das nötige Geld für die Ausgrabungen eintrieb. Auf solch einer Vortragsreise starb Louis 1972 an einem Herzinfarkt.

Den Leakeys [4] gelang eine Reihe Aufsehen erregender Funde von hominiden Fossilien, Knauss erwähnt für 1972 die Zahl von 37127 Fundstücken (darunter natürlich auch andere als Knochen, z.B. Faustkeile etc pp), die Mary registriert hat. Sie ist äußerst vorsichtig in der Interpretation der Funde, wo Louis offensiv deutet und mutmasst, hält sie zurück. Die Einstufung als „von Hominiden bearbeitet“ ist für sie die letzte aller Möglichkeiten, wenn alle anderen Deutungen sicher ausgeschlossen werden können. Für Louis ist dies Erbsenzählerei, aber es ist ihr Erbe, das, was ihnen -zigtausende von Genertionen mitgegeben haben: die Frau als geduldige, gewissenhafte Sammlerin und Louis als Mann der forsche Jäger, immer auf dem Sprung nach Neuem – und nach Anerkennung.

Die Ehe der beiden ist nicht frei von Spannungen. Louis betrügt seine Frau, hat Verhältnisse. Zeit seines Lebens wird er gerade von jungen Frauen angehimmelt, er muss eine starke Ausstrahlung gehabt haben, denn körperliche Attraktivität kann er zumindest im Alter und der Knaussschen Beschreibung nach nicht mehr geboten haben. Die ganzen berühmten „Affenforscherinnen“, die die Studien an Gorillas (Jane Goodall), Schimpansen (Dian Fossey) und Orang-Utans (Biruté Galdikas) durchgeführt haben, sind von ihm in diese Forschung gebracht und betreut worden. Einmal stand die Ehe der Leakeys kurz vor dem Scheitern, diese Frau war wirkliche Konkurrenz für Mary. Nur das energische Eingreifen eines der Söhne, der sich – dramatisch in der Schilderung der Autorin – mit seinem unfalbedingten Schädelbruch zu den streitenden Eltern ins Wohnzimmer quält und die Trennung „verbietet“, hat das verhindert.

Als Paar sind Mary und Louis sprachlos. So sehr Mary ihren Mann vermisst, so sehr sie ihn liebt, wenn er abwesend ist – kehrt er zurück, geht (von laufen nicht zu sprechen) sie ihm nicht entgegen, kann ihm nichts zum Willkommen sagen. Es soll zu ihr kommen, aber ihn verunsichert dieses abweisend wirkende Verhalten, auch er zieht sich zurück. Eine Aussprache gibt es nicht. In Mary sitzt ausserdem der Zweifel, was hat er gemacht, wo war er wirklich, als er nicht hier war? Diese Unsicherheit wird sich erst nach dem Tod von Louis geben…. Doch Louis ist ein begnadeter Lügner und die entscheidende Frage: War diese oder jene Frau bei dir? stellt sie nie…

Mary, die die Forschungsarbeit noch viele Jahre nach dem Tod von Louis fortsetzt, stirbt 1996 in einem Krankenhaus in Nairobi. Etwas melodramatisch versetzt Knauss sie in ihren letzten Lebensminuten in ihrer Vorstellung wieder nach Laetoli zu ihren Spuren, denen sie folgt, auch in der Zeit zurück und sie begegnet all den Wesen, die sie ausgegraben hat, ja, wird selber eins von ihnen….

Nie wird man genau wissen, wie es geschah, wann und wo, es gibt keine überlieferten oder überkommenen Artefakte, kann es nicht geben, allenfalls Indizien. Wie ist die Sprache entstanden, wie die Vorstellung von dem, was nicht ist, aber was, wenn ich das und jenes mache, sein wird. Wie und warum haben die Hominiden ihr Fell verloren, wann und warum sind sie auf die Missionarsstellung gekommen, wo im Tierreich a tergo herrscht… wer hat den ersten Faustkeil gefertigt, wer als erster eine steinerne Speerspitze hergestellt? Sicher ist nur, es muss passiert sein, vllt -zig mal, vielleicht viel öfter, bis es verankert war in den Genen oder tradiert war in den Fähigkeiten und Kenntnissen. Wie hat sich das Sozialleben entwickelt, die Paarbindung.. wann ist der erste Mann dazu übergegangen, sich nur mit einer Frau zu paaren, wann hat die erste Frau sich nur auf einen Mann konzentriert? Gab es verschiedene Hominidengattungen zur gleichen Zeit [6], wenn ja, sind sie sich begegnet und gab es einen „kulturellen“ Austausch? Wann gab es den ersten Gedanken, daß jemand wütend und zornig ist, so zornig, daß er Blitze vom Himmel schickt und den Donner, dem niemand entgehen kann? So viele Fragen….

Es sind Fragen dieser Art, für die Knauss fiktionale Szenen entwirft. Es klingt plausibel, was sie schreibt, so könnte es gewesen sein, wenn man eine Entwicklung, die über Generationen verlaufen ist, auf einen Moment zusammenfasst. Die Frau, die erkennt, daß das Gesicht, das sie aus dem Wasser anschaut, ihr eigenes Gesicht ist und die in der Kühnheit dieser Erkenntnis dem Manne hinter ihr nicht ihren Hintern bietet, sondern die sich umdreht und ihm von Angesicht zu Angesicht willig ist… und da es ihm gefällt, was er sieht und wie er es macht (er verläßt sie nicht sofort „danach“, sondern bleibt auf ihr liegen und ruht), setzt er diese Art der Paarung auch mit den anderen Frauen durch. Überhaupt sieht Knauss in ihren Dioramen oft sexuelle Antriebe als Motor von Entwicklungen. Den zunehmenden Verlust des Felles z.B. deutet sie mit der Lust der Männer, das, was unter dem weiblichen Pelz liegt, zu sehen, so daß diese die „nackten“ Frauen bevorzugen und daher die Behaarung im Lauf der Generationen zurückgedrängt wird. Da ist die Gazellenfrau, eine Ausgestoßene, die ihrem Fellumhang öffnet und den sie anstarrenden Männern sagt, das könnt ihr haben, wenn ihr mir zu essen bringt und mir eine Hütte baut….

Wer nicht mit uns ist, ist Niemand.

Überhaupt die Gruppe, sie ist das Beherrschende. Ohne Gruppe ist man Niemand, Anders, Ausgestoßen und spätestens in der Nacht verloren, wenn die hungrigen Jäger kommen, die Katzen, die Schakale, die Hyänen, und  der Suche nach Beute sind. Die Gruppe bietet relativen Schutz, alles was ausserhalb der Gruppe ist, ist fremd und feindlich, selbst wenn jemand zurückgeblieben ist auf der Wanderung und trotzdem außerhalb der Gruppe die Nacht überlebt hat und wiederkommen will: er ist ein Geist, den niemand mehr will. In der Gruppe selbst gibt es außer zwischen Müttern und Kindern keine Zuordnung , die Kinder haben alle Männer zu Vätern.. wann ändert sich das? Wann tritt ein Gefühl auf wie Zuneigung und Liebe, das stark genug ist, sich als Paar abzusondern innerhalb der Gruppe…..?

Hunderttausend Generationen trennen uns.. es kommt auf ein paar tausend nicht drauf an. Nein, sie trennen uns nicht, sie verbinden uns. Selbst mit dem Schimpansen, von dem sich unser Stammbaum vor ca. 6 Mio Jahren abspaltete, verbinden uns 99% aller Gene [2]. Finden wir Spinnen eklig, sind unsere Vorfahren es, die es in unseren Genen fixiert haben, ebenso die Angst vor Schlangen, das gute Gefühl, zu einer Gruppe  gehören, das Erschrecken im Wald, wenn ein Ast kracht oder bricht: es könnte sich jemand im Unterholz stecken und sich anschleichen. Das Gefühl im Traum, zu fallen.. obwohl wir nicht mehr in Bäumen schlafen, es ist noch da, kann noch auftauchen. Unsere Hände sind kaum anders als ihre…. wir sind ihre Zukunft, sie unsere Vergangenheit…

Knauss verwebt diese beiden Stränge, den biographischen und den fiktionalen, ihres Buches, indem sie für Fundstücke solche Episoden erfindet. Es ist (für uns) weitgehend unerheblich, wie wahrscheinlich es ist, daß das, was sie uns erzählt, tatsächlich so stattgefunden haben mag, sie macht plausibel, erfindet mögliche Szenarien, verdichtet Entwicklungen auf eine Momentaufnahme: eine bessere Wahrheit wird kaum jemand ableiten können aus den Beobachtungen unserer nächsten biologischen Verwandten.  Irgendwann in den letzten 3 Mio Jahren müssen die entscheidenden Mutationen eingetreten und weitergegeben worden sein, die uns, den Homo sapiens gemacht haben, die einzige Art der Gattung Homo, die überlebt hat [1]. Die Leakeys [6] haben entscheidenden Anteil daran, dies erforscht zu haben, auch wenn die modernen Methoden der Paläoanthropologie [3] immer wichtiger werden.

Der Roman selbst ist spannend geschrieben, speziell die Abschnitte, mit denen Knauss uns als Leser in die Vergangenheit führt. Durch ihren Schreibstil vermittelt sie die Atmosphäre des „ständig auf der Hut sein müssens“, des „immer Aufpassen müssens“. Es sind kurze Sätze, abgehackte Sätze, noch fehlen viele Worte, Knurrlaute, Schnalzen, Klicken u.a.m. ersetzen vieles, sind für lange einziges Kommunikationsmittel. Vieles muss wiederholt werden, einmal, zweimal, damit es verstanden wird, vieles kann noch garnicht verständlich gemacht werden ohne richtige Sprache…  Nahrung, Wasser, Schlafbäume, Schutz, das war wichtig, muss gesucht werden, muss erkämpft werden, muss verteidigt werden. Kopulieren, Kinder gebären, damit die Gruppe weiterexistiert.. es ist kein Text, der einen als Leser trägt, sanft durch eine Geschichte leitet, es ist ein gehetzter Text, so, als hätte auch Knauss keine Musse gehabt, immer wieder nach rechts und links sichern müssen….

So schafft dieser Wissenschaftsroman zweierlei: er schildert die komplizierte, aber (wissenschaftlich) fruchtbare Ehe eines aussergewöhnlichen Forscher- und Entdeckerpaares [6] und er gibt eine sehr anschauliche, spannend geschriebene (mögliche) Antwort auf die Frage, wie wir Menschen auf dem Weg gekommen sind zu dem, was wir heute darstellen.

Links und Anmerkungen:

[1] Wiki-Artikel zum Stammesgeschichte des Menschen
[2] vgl. hier im Spiegel
[3] Wiki-Artikel zur Paläoanthropologie
[4] Wiki-Artikel zu Louis Leakey  (auch Bildquelle)
– Wiki-Artikel zu Mary Leakey (auch Bildquelle)
– Wiki-Artikel zum Sohn Richard Leakey
[5] Die Fußspuren von Laetoli in: evolution-mensch.de (auch Bildquelle)
[6] .. es soll auch hier nicht unterschlagen werden, daß auch die Nachfolgegeneration noch ihre großen Verdienste um die Paläontolgie hat: „Am Anfang war dreimal der Mensch“, DIE ZEIT, 09.08.2012

Sibylle Knauss
Eden
ZEIT-Edition »Wissenschafts-Romane«, HC, 320 S., 2011
Erstveröffentlichung: Hoffmann und Campe, 2009

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